Medienanthropologie und politische Öffentlichkeit in der Vormoderne (1250-1750)

Ort
Greifswald
Veranstalter
Christian Kuhn, Neuere Geschichte, Universität Bamberg
Datum
23.04.2010 - 24.04.2010
Von
Martin Neutmann, Institut für Geschichte der Medizin, Universität Greifwald

Die Rolle von Medien in der Öffentlichkeitsforschung und die Frage nach einer Öffentlichkeit in der Vormoderne waren die Leitthemen des Fachkolloquiums im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald. Organisiert und geleitet wurde das Kolloquium durch Christian Kuhn (Greifswald/Bamberg).

Medienanthropologie und politische Öffentlichkeit rücken aus mehreren Gründen vermehrt ins Blickfeld der historischen Forschung. Zum einen besitzt „Öffentlichkeit“ als Leitkategorie eine noch junge Vergangenheit, die bis ins 19. Jahrhundert reicht, und zum anderen stellt sie einen immer noch umstrittenen Wert dar. Die auf Jürgen Habermas und methodisch im Kern auf Max Weber zurückgehenden Untersuchungen von „Öffentlichkeit“ und einer „idealen Öffentlichkeit“ verpflichten sich einer sozialwissenschaftlichen Tradition. Deren Ergebnisse, Öffentlichkeit qualitativ zu verstehen und als soziale Norm aufzufassen, hat die Geschichtswissenschaft aufgegriffen, verarbeitet und weiterentwickelt.

Die anzuzeigende Tagung „Medienanthropologie und politische Öffentlichkeit in der Vormoderne (1250-1750)“ stellte sich dem auf diesem Gebiet der historischen Forschung bis jetzt unzureichend erarbeiteten Zeitraum des Mittelalters bis zur frühen Neuzeit und zeichnete den medialen Weg hin zu einer „Öffentlichkeit“ nach. Begleitet wurde die Tagung von den Fragestellungen, welche Qualität „Öffentlichkeit“ besitzt, wie „Öffentlichkeit“ entsteht und welche Funktionen ihr zukommen. Darüberhinaus stellten sich alle Beiträge der Frage, welche spezifischen Funktionen Medien für die Etablierung einer politischen Öffentlichkeit besitzen.

In der inhaltlichen Einführung fragte der Tagungsleiter CHRISTIAN KUHN (Greifswald/Bamberg) nach dem „Anders-Sein“ von Öffentlichkeit, nach deren Sinn und stellte zwei Erklärungsansätze vor. Zum einen verwies Christian Kuhn auf den Begriff der Öffentlichkeit als „Hilfskonstrukt“, der von Eva-Maria Schurr diskutiert wurde und sich als nützliche Funktion und Leitkategorie einer modernen Gesellschaft versteht, die epochenspezifisch operationalisiert werden muss. Der zweite Ansatz erfasst Öffentlichkeit als „Fiktion“ und orientiert sich am normativen sozialen Ordnungsprinzip des frühen Liberalismus. Öffentlichkeit wurde an dieser Stelle als Anbahnung und Vorgeschichte in relevanten Kommunikationszusammenhängen verstanden. Christian Kuhn wies auf vor allem einen wertungsfreien Umgang mit der Vorgeschichte von Öffentlichkeit hin und schlug mit Referenz auf die Arbeiten von Volker Depkat eine pragmatische Erneuerung der Quellenkunde sowie eine Abschätzung der Anschlusskommunikation vor.

SUSANNE LACHENICHT (Bayreuth) stellte in ihrem Vortrag die Politisierung und Dynamisierung von Medien anhand von Zeitungen vor und wies nach, wie Teilöffentlichkeiten entstanden. Sie zeigte, wie Zeitungskopien den medialen Markt dynamisierten und die Synthese aus Zeitungen und politischen Aktivisten unterstützten. Obgleich dem Medium Zeitung das Potential innewohnt, eine spezielle öffentliche Meinung zu evozieren und zu agitieren, wies Susanne Lachenicht darauf hin, dass dennoch die Information im Mittelpunkt stand und von Teilöffentlichkeiten gefordert wurde. Sie zeigte, dass auf empirischen Daten beruhende Studien „unterschiedliche Öffentlichkeiten“ hervorbringen, führte vor dem Hintergrund einer aktiven Pamphletpresse aber auch an, wie Agitation in Abhängigkeit vom Kontext politisiert werde.

DANIEL BELLINGRADT (Berlin) stellte die städtische Öffentlichkeit als ein Resonanzforum dar, das einer Arena gleicht, in der jeder Teilnehmer aktiv an medialer Politik teilnehmen kann und in der jede actio eine reactio provozieren kann. Am Beispiel Hamburg zeigte er, wie eine omnipräsente Öffentlichkeit eine mediale Wendung mit Hilfe von Flugschriften bei der Revocatio eines Pastors bewirkt hat. Am Paradigma Köln verdeutlichte Daniel Bellingradt dann, dass Flugdrucke als Medien eine Öffentlichkeit emotionalisieren und mobilisieren. Ein weiterer Effekt sei die Re-oralisierung und die Verbreitung neuer Gerüchte, die dann wiederum in einer Gegenöffentlichkeit resultierten. In der Diskussion regte Susanne Lachenicht mit Verweis auf die Bauernkriege eine Erweiterung der Untersuchungen auf den ländlichen Raum an. Christian Kuhn stellte die Gedächtnisfunktion der akzidentiellen Medien und deren Herstellung heraus.

Die Funktionen und Bedeutung von publizistischer Öffentlichkeit im Kölner Krieg stellte EVA-MARIA SCHURR (Hamburg) vor. Eine informierende Funktion ordnete sie Zeitungen, die ereignisbezogen agierten, zu, eine legitimierende Funktion Flugschriften, wie unter anderem Streit- und Spottschriften, die themenbezogen veröffentlicht wurden. Neben den schriftlichen Zeugnissen einer Öffentlichkeit stellte Eva-Maria Schurr die Bedeutung der mündlichen Kommunikation und Anschlussstellen zwischen mündlicher und schriftlicher Kommunikation heraus, wie unter anderem Gerüchte, die Zeitungen melden und auf die wiederum Flugschriften reagieren, sowie Lieder und gereimte Texte. Publizistische Öffentlichkeit, so führte Eva-Maria Schurr weiter aus, mache die Wahrheit klar und deutlich, und sei der Raum, in dem sich eine Position untersuchen und auch bewerten lassen muss. Das mache auch den Bedarf an Wahrheit deutlich, den dennoch auch ein Zweifel an Druckprodukten begleitete. Medien würden hier auch als Instrument vom Ausschluss von Informationen dienen, was dem Demokratieprinzip widersprechen würde und auch Legitimitätsprobleme in sich trage.

Dem Thema der Tagung näherte sich HIRAM KÜMPER (Mannheim) über das Reden und Schweigen in der Sexualität. Er fragte sich, wie man über etwas spricht, worüber man nicht sprechen kann, will, soll oder darf. Hiram Kimper stellte vor allem dar, wie er vom 12. bis zum 18. Jahrhundert Sexualität und Gewalt ohne ein vorgefertigtes Konzept in einem Projekt anatomisieren will. Ausgehend von der Frage, wie Sprechen über Sexualität verbreitet wird, zeichnete er die Schwerpunkte einer situativen Redeskizze, Selbstbeschreibungen von Gesellschaft und Öffentlichkeit in der Literatur des 18. Jahrhunderts und die Rolle des Klandestinen nach.

Der Hof von Karl V. von Frankreich war das zentrale Thema des Beitrags von MICHAEL BRAUER (Berlin). Im Zentrum standen einmal Weisheit durch Moderation und der Streit der Experten am Hof des Königs. Michael Brauer stellte vor, wie der Zugang zum Hof für Höflinge, Geistliche und Experten neu verhandelt wurde. Übersetzungen von antiken Texten und in zeitgenössischen Texten machten eine Diskussion um Politik am Hof möglich und erlaubten neben einer Reflektion auch Patronage durch Moderation zwischen den Experten. In der Diskussion wurden der Hof als Hort für Exilierte von Susanne Lachenicht angesprochen, wie auch das Konzept der Öffentlichkeit in kleinen Gruppen neu ausgearbeitet werden müsste. Darüber hinaus wurde die Frage gestellt, was man eigentlich unter dem Hof im Sinne des Öffentlichkeitsdiskurses verstehe.

Der Sprechakt wurde auch von JELLE HAEMERS (Gent) in den Mittelpunkt des Interesses gestellt und er stellte vor, wie mündliche Äußerungen auf Kundgebungen und bei öffentlichen Reden Quellen der Auseinandersetzung mit zeitgenössischen politischen Diskursen waren. Gerüchte, aber auch Ärger und Wut wurden auf der Straße offen vorgetragen, was zu Verhaftungen nur einzelner Redner geführt hat. Jelle Haemers hat sich gefragt, ob einige Sprechakte eben doch in der Öffentlichkeit geduldet wurden und welches Verständnis von Öffentlichkeit dem zu Grunde liegt. Er folgerte aus seinen Befunden, dass entweder eine Öffentlichkeit durch Obrigkeit oder eine Öffentlichkeit durch Polyphonie (der Rebellen) vorliegt, wobei letztere einem normativem Begriff von Öffentlichkeit folgen würde.

Im abschließenden Beitrag des Kolloquiums verfolgte GEORG JOSTKLEIGREWE (Münster) ein breites Spektrum an Kommunikationsformen und sprach sich dafür aus, vom Postulat der Öffentlichkeit per se abzurücken und anhand der Entwicklungspfade der Kommunikation mit einer organischen Strategie nach Öffentlichkeit zu suchen. Anhand der Auftragsdichtung von Rutebeuf, der Voeux-Literatur und einiger Pamphlete dekonstruierte er soziale und diskursive Kommunikationsprozesse.

In der Diskussion, die gleichzeitig das Kolloquium abrundete, fragte Susanne Lachenicht, ob es offene diskursive Sphären gab und welche Funktion sie hatten. Gleichzeitig wurde auch das Problem des Spannungsfeldes von Mündlichkeit und Schriftlichkeit in de Raum gestellt, mit dem Verweis, dass allein der normative Öffentlichkeitsbegriff keine Weiterentwicklung erwarten lässt. Daniel Bellingradt wandte ein, dass unabhängig von diskursiven Formen der Kommunikation oder nicht-diskursiven Formen dennoch eine Öffentlichkeit aus den Formen der Kommunikation resultiere. Christian Kuhn schlug weiterhin unterschiedliche Instrumente für unterschiedliche Quellen vor. Eva-Maria Schnurr wandte ein, dass Öffentlichkeit zunächst neutral zu besetzen sei und ein Netzwerk von Kommunikationsakten zu beachten, sowie Thema und Raum zu begrenzen sei. Susanne Lachenicht ergänzte zum Begriff der fiktionalen Öffentlichkeit, dass symbolische Akte und Sprechakte für die Auswertung miteinbezogen werden müssten.

Die hier dargelegte Bandbreite an Ansätzen für eine Erarbeitung und Weiterentwicklung des Begriffes von Öffentlichkeit in der Geschichtswissenschaft zeigt zum einen, dass sich die Diskussion vor allem zwischen den Polen eines normativen und empirischen Begriffes von Öffentlichkeit bewegt. Die Beiträge zeigen auch, dass die methodische Frage, ob eine Öffentlichkeit immer anzunehmen ist oder ob die Existenz einer oder mehrerer Öffentlichkeit(-en) zuerst aus den Befunden herausgearbeitet werden muss, keinen gemeinsamen Nenner finden konnte. Als ein Ergebnis kann festgehalten werden, dass mündliche und schriftliche Äußerungen eine Öffentlichkeit erzeugen, die wiederum auch aus Teilöffentlichkeiten bestehen kann. Darüber hinaus wurde gezeigt, dass Medien in diesem Diskurs legitimierende und auch mobilisierende Funktionen zukommen. Des Weiteren zeigte sich einmal in der Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld von Gesagtem und Nicht-Gesagtem sowie den Anschlussstellen von Mündlichkeit und Schriftlichkeit weiteres Forschungspotential.

Obgleich nicht alle methodischen Unterschiede in der Herangehensweise immer zweifelsfrei blieben, wiesen die Beiträge der Tagung nach, wie mediale Zeugnisse unterschiedlicher Genres und Öffentlichkeit interagieren und sich gegenseitig beeinflussen können.

Konferenzübersicht:

Christian Kuhn
Einführung in das Thema

Susanne Lachenicht
Tägliche Neuigkeiten und klandestiner Vertrieb - Revolution, Aufklärung und Öffentlichkeiten im ausgehenden 18. Jahrhundert

Daniel Bellingradt
Flugpublizistik im urbanen Raum des Alten Reiches um 1700. Mediale Impulse im politischen Resonanzraum

Eva-Maria Schnurr
„Es ist nichts verborgen / das nit offenbar werde: nichts heimlichs / das nit kundt werde vnd an tag komme.“ Funktionen und Bedeutung publizistischer Öffentlichkeit im Kölner Krieg (1582-1590)

Hiram Kümper
Sprechen und Schweigen über Sexualität in der Vormoderne

Michael Brauer
Weisheit durch Moderation: Karl V. von Frankreich (1364 -1380) und der Streit der Experten

Jelle Haemers
Written weapons. Political communication and urban rebellion in late medieval Flanders

Georg Jostkleigrewe
Partei und Öffentlichkeit am Hof (13.-14. Jh.). Literarische Medien und politische Diskurse zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit

Zitation
Tagungsbericht: Medienanthropologie und politische Öffentlichkeit in der Vormoderne (1250-1750), 23.04.2010 – 24.04.2010 Greifswald, in: H-Soz-Kult, 13.10.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3304>.