Forschungstag des Historischen Seminars der Universität Basel

Ort
Basel
Veranstalter
Historisches Seminar, Universität Basel
Datum
08.09.2010
Von
Jörn Happel / Roberto Zaugg, Historisches Seminar, Universität Basel

Die Beziehungen zwischen Kultur- und Sozialgeschichte, das Verhältnis von Temporalität zu Räumlichkeit und die Bedingungen für eine transkulturelle Geschichte Europas standen im Mittelpunkt des diesjährigen Forschungstags des Historischen Seminars der Universität Basel. Diese im Rahmen der neu gegründeten Graduate School of History Basel organisierte Veranstaltung wurde durch drei Gastreferate eingeleitet.

JACQUES REVEL (Ehess, Paris) blickte in seinem Referat auf die Auseinandersetzungen zwischen Sozial- und Kulturgeschichte der vergangenen Jahrzehnte zurück. Er hob eingangs hervor, dass die Gründergeneration der „Annales“, die im 20. Jahrhundert eine zentrale Rolle in der Konstruktion des sozialhistorischen Wissenschaftsfeldes gespielt hat, keinen „fetischistischen“ Umgang mit dem Sozialen anstrebte. Zu einem rigideren Verständnis der Sozialgeschichte sei es im Zuge der Konsolidierung des strukturalistischen Paradigmas gekommen. Dieses hätte zwar ein sehr breites und damals durchaus innovatives Instrumentarium gebraucht: Es habe aber letztendlich teilweise zu einer Geschichtsschreibung ohne Akteure geführt. Die Reaktionen auf diese Ausrichtung identifizierte Revel unter anderem im tournant pragmatique der Annales und in der agency-fokussierten und kulturell sensiblen Historiographie von Edward P. Thompson. Im Hinblick auf den heutigen Stand der historiographischen Debatte, so Revel, sei die Unterscheidung zwischen Kultur- und Sozialgeschichte nunmehr obsolet, da weder die Gesellschaft noch die Kultur mehr als essentielle Totalitäten gedacht werden könnten. Die in der Diskussion eingebrachten Wortmeldungen hoben des Weiteren hervor, dass es nicht darum gehen könne, die „Gesellschaft“ als solche konzeptuell zu rekonstruieren: Vielmehr müssten adäquate Kategorien gefunden werden, um gesellschaftliche Prozesse zu beschreiben.

Die Geschichte der kulturwissenschaftlichen „turns“ sei oft auch eine Geschichte des Vergessens: Was heute als neu zelebriert wird, lässt sich bei genauerem Hinschauen auch bei früheren Autoren wiederfinden. Leicht könne gerade beim spatial turn, so SUSANNE RAU (Erfurt), dieses Muster verdeutlicht werden. Besonders in der französischen Geschichtsschreibung werde seit Jahrzehnten mit räumlichen Herangehensweisen gearbeitet – ohne pompöse Proklamationen historiographischer Wenden. Diese Forschungsrichtungen sollten mitberücksichtigt werden, unter anderem um die derzeitige einseitige Betrachtung des Raumes aufzubrechen und eine stärkere Verknüpfung von Räumlichkeit und Zeitlichkeit anzustreben. Beispielhaft referierte Rau über zwei diesbezüglich wegweisende Arbeiten: die nunmehr klassische Studie Jean-Claude Perrots zur Stadtgeschichte Caens (Genèse d’une ville moderne: Caen au XVIIIe siècle, 1975) – mit ihrer zentralen These der „versteinerten Zeit“ – und die jüngere Monographie Jacques Rossiauds zur Rhone im Mittelalter (Le Rhône au Moyen Âge: Histoire et représentations d’un fleuve européen, 2007) – die Geschichte eines „fließenden Raumes“, bei welcher der vom Mensch mitgestaltete Fluss selbst zum Akteur wird. Anhand dieser Exempla plädierte Rau für die Unteilbarkeit von Räumlichkeit und Zeitlichkeit, die es in der historischen Analyse in Verknüpfung zu untersuchen gelte.

JOCELYNE DAKHLIA (Ehess, Paris) lieferte mit ihrem Referat eine Übersicht zu den Resultaten des Forschungsprogramms Transméditerranée, das sich mit der muslimischen Präsenz im frühneuzeitlichen Westeuropa befasst. Entgegen einer weitverbreiteten Vulgata, wonach muslimische Maghrebiner erst im Zuge des Kolonialismus nach Europa gekommen seien, zeigten jüngere Forschungen, dass es auch schon zuvor konstante Migrationsflüsse zwischen dem südlichen und dem nördlichen Mittelmeerufer gegeben hat. Laut Dakhlia war die Historiographie aus verschiedenen Gründen lange Zeit unfähig, diese Präsenz gebührend wahrzunehmen. Erstens wendeten zwischen dem 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts viele europäische Historiker ihren Blick von den versklavten Muslimen, die in Europa lebten, aus politischen Gründen ab: Zu stark war der Gegensatz zur zeitgenössischen Selbstdarstellung Europas als zivilisationsstiftender Kontinent. Zweitens tendierten maghrebinische Migranten dazu, in Archivquellen oft wenig sichtbar zu sein, weil ihre Duldung das Resultat pragmatischer Arrangements war, die möglichst unauffällig bleiben sollten, oder weil sie in Folge von Konversionen oder simpler Maskierungen oft christliche Namen annahmen. Drittens wurde die Präsenz von „freien“ Muslimen in den christlichen Staaten Europas schlicht als unmöglich erachtet: Diese aprioristische Überzeugung führte dazu, dass die Muslime, die sporadisch in Archivquellen auftauchen, als bloße „Kuriositäten“ marginalisiert wurden. Es gelte hier also ein Phänomen freizuschaufeln, das eine reiche Fülle euro-maghrebinischer Kontakte belege, die oft alltäglicher, direkter und diffuser waren, als man lange gedacht habe.

In drei thematischen Workshops widmeten sich die Teilnehmer ausgehend von ausgewählten theoretisch-methodologischen Texten den drei Achsenthemen Kultur-Soziales, Temporalität-Räumlichkeit und Europa transkulturell. Betont wurde die Notwendigkeit, Thematiken, die traditionell der Kulturgeschichte zugeordnet werden, verstärkt mit „sozialhistorischen“ Herangehensweisen zu verbinden. In diesem Zusammenhang betonen Lynn Hunt und Patrick Joyce[1] – aus sehr verschiedenen Perspektiven – die Relevanz der Materialität als Grenze kultureller Verformbarkeit des Menschen (Körper) beziehungsweise als nicht-humane Bezugsgröße von sozialen Zusammenhängen (Objekte). Nicht alles ist, anders gesagt, bloße Repräsentation. Gerade bei der räumlichen Analyse gilt es – Klassikern wie Henri Lefebvre und ihren jüngeren Interpreten wie Edward W. Soja folgend – perzipierte Räume von räumlichen Repräsentationen und gelebten Räumen zu unterscheiden.[2] Im Bezug auf die Zeitlichkeit wurde der epistemologische Einfluss epochaler Ordnungskategorien auf die Erkennung historischer Zusammenhänge diskutiert. Ausgangspunkt war Jacques Rancières Kritik an Lucien Febvres These zur Unmöglichkeit des Atheismus im 16. Jahrhundert:[3] Febvre drifte von der Fragestellung „Was ist in einer gewissen Epoche gewesen“ auf die Fragestellung „Was war in einer gewissen Epoche möglich“ ab und negiere aufgrund einer holistischen Epochenkategorie die Möglichkeit, dass Rabelais die Inexistenz Gottes gedacht haben konnte. Die Möglichkeiten menschlichen Agierens würden so rigiden zeitlichen Klassifikationen untergeordnet. Anstatt sich von solchen totalisierenden Epochenbegriffen leiten zu lassen, gelte es, die gleichzeitige Vielzahl von verschiedenen Zeitsträngen sichtbar zu machen. Abschließend stand die Frage nach den Methoden für eine transkulturelle Geschichtsschreibung Europas im Vordergrund. Diskutiert wurden diesbezüglich Texte von Dominic Sachsenmeier, der ein Mitdenken der europäisch-außereuropäischen Interaktion in historiographischen Gesamtdarstellungen fordert, und Rogers Brubaker.[4] Wie in der Diskussion festgestellt werden konnte, widerspiegelt sich die Mehrdeutigkeit des Diaspora-Begriffes, die von letzterem Autor diagnostiziert wurde, auch in der Forschungsvielfalt der am Historischen Seminar betriebenen Projekte. Es besteht also eine diskussionswürdige Spannung zwischen der semantischen Labilität des Begriffs und den durchaus produktiven Resultaten seiner Anwendungen.

Konferenzübersicht:

Susanna Burghartz: Begrüßung
Jacques Revel: De l’histoire sociale à l’histoire culturelle, et retour?
Susanne Rau: Gebaute Zeiten – fließende Räume. Zur Unteilbarkeit von Räumlichkeit und Zeitlichkeit in historisch-anthropologischer Perspektive
Jocelyne Dakhlia: Musulmans en Europe. Une intégration invisible dans le premier âge moderne
Diskussionsworkshops zu „Kultur – Soziales“, „Temporalität – Räumlichkeit“, „Europa transkulturell“

Anmerkungen:
[1] Lynn Hunt, Kulturgeschichte ohne Paradigmen?, in: Historische Anthropologie 16 (2008), S. 323-340; Patrick Joyce, What is the Social in Social History?, in: Past and Present 206 (2010), S. 213-248.
[2] Edward W. Soja, Thirdspace, Cambridge MA 1996.
[3] Jacques Rancière, Le concept d'anachronisme et la vérité de l'historien, in: L'Inactuel 6 (1996), S. 53-68.
[4] Dominic Sachsenmeier, Recent Trends in European History. The World beyond Europe and Alternative Historical Spaces, in: Journal of Modern European History 7/1 (2009), S. 5-25; Rogers Brubaker, The ‚diaspora‘ diaspora, in: Ethnic and Racial Studies 28/1 (2005), S. 1-19.

Zitation
Tagungsbericht: Forschungstag des Historischen Seminars der Universität Basel, 08.09.2010 Basel, in: H-Soz-Kult, 28.09.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3305>.