HT 2010: Im Grenzbereich zwischen Quellenproduzenten, Archiven und historischer Forschung

Ort
Berlin
Veranstalter
Rainer Hering, Landesarchiv Schleswig-Holstein / Universität Hamburg; Robert Kretzschmar, Landesarchiv Baden-Württemberg, Universität Tübingen; Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
28.09.2010 - 01.10.2010
Von
Janina Fuge, Universität Hamburg

Es sind wesentliche und für die historische Methodendiskussion brandaktuelle Themen, denen sich die Sektion „Im Grenzbereich zwischen Quellenproduzenten, Archiven und historischer Forschung: Heutige Anforderungen an eine archivalische Quellenkunde“ auf dem diesjährigen Historikertag in Berlin widmete. Einerseits ging es um Nutzen und Nachteil einer Reihe von bisher für die historische Forschung selten genutzten Quellen wie Bildern, Stadtplänen oder Registraturen, andererseits standen Herausforderungen des digitalen Zeitalters für die Archivierung und historische Auswertung zur Debatte. Dass es für die vielen Fragen in diesem Zusammenhang einen großen Klärungsbedarf gibt, zeigte der enorme Zulauf an Interessierten, die damit Rainer Herings Einführungs-Wort bestätigten, dass es sich hier um einen Bereich handele, der „bis dato viel zu wenig thematisiert wird.“

Zum Auftakt formulierte ROBERT KRETZSCHMAR (Stuttgart/Tübingen) sogleich ein entscheidendes Forschungsdesiderat – nämlich die Erarbeitung einer „zeitgemäßen Quellenkunde“, die sich als Historische Hilfswissenschaft neuer Art etablieren müsse, um jenen Besonderheiten und Forschungsanforderungen von einer Vielzahl neuerer Quellengattungen – darunter audiovisuelle Unterlagen, Datenbanken, Websites, elektronische Fachverfahren und damit zunehmend „genuin digitale Unterlagen“ – Rechnung zu tragen. Kretzschmar warf einen kurzen Blick zurück in die Geschichte der Aktenkunde als historischer Hilfswissenschaft und grenzte sie ab zu den Aufgaben der archivalischen Strukturlehre, die sich im Gegensatz zu ersterer nicht mit dem einzelnen Dokument, sondern den Strukturen ganzer Aktenbestände und Akteneinheiten befasst. Hiervon ausgehend skizzierte Kretzschmar eine Zusammenführung beider als „Nukleus einer auch kulturgeschichtlich auszurichtenden Archivalienkunde des 21. Jahrhunderts“, in der unter anderem eine „Aktenkunde der Email mit einer archivalischen Strukturlehre der elektronischen Fachverfahren aus quellenkundlicher Perspektive“ zu verbinden seien. Ansätze hierfür gäbe es bereits – wie beispielsweise einen Arbeitskreis im Verband deutscher Archivarinnen und Archivare, gleichsam plädierte Kretzschmar für eine Weitung der Perspektive: Eine dezidierte Beschäftigung der Archivarinnen und Archivare mit dem Themenfeld mitsamt einer entsprechenden Vermittlung archivwissenschaftlicher Kenntnisse an Universitäten. In der direkt anschließenden, von Kommentator PETER HABER (Basel) inspierten wie strukturierten Diskussion konturierte Kretzschmar weiterhin sein Anliegen und wünschte sich einen „Diskurs über digitale Aktenkunde“ dezidiert zwischen Archiven und Wissenschaft. Es kristallisierte sich heraus, dass ein solcher zu fördern sei und idealerweise in Kooperationsprojekten zwischen historischer Forschung und Archiven münden könne, um gemeinsam „Grundstrukturen zu erarbeiten“ und Basisarbeit zu leisten – beispielsweise in Klärung der Frage: „Was ist eigentlich eine E-Mail?“

RAINER HERING (Schleswig/Hamburg) nahm in seinem Vortrag diesen Faden auf und konzentrierte sich auf die Herausforderung der Archiv- wie Geschichtswissenschaften durch die digitale Welt. Anhand eingängiger Praxisbeispiele, konzentriert auf den zentralen Bereich „Verwaltung“, führte Hering lebendig aus, vor welchen Aufgaben Archive wie Geschichtswissenschaften stehen: Was ist für ein Archiv zu tun mit angebotenen 10.000 E-Mails von der Festplatte leitender Verwaltungsangestellter, wie die zahlreichen Ordner mit Titeln wie „Verschiedenes“ oder „Besonderes“ systematisieren, was ist zu tun, wenn von Sitzungen statt Ergebnis- oder Verlaufsprotokollen nur Powerpoint-Präsentationen bleiben? Hering zeichnete ein aktuelles, plastisches Szenario und formulierte Kernprobleme, zu denen beispielsweise die Mehrung so genannter Hybridüberlieferung zählt – so würden manche Register nur noch digital, die dazugehörigen Akten jedoch analog geführt, dazu komme das Problem einer systematischen Ablage und Archivierung von E-Mail-Korrespondenzen oder auch die grundsätzliche Thematik der „Echtheit“ von Dokumenten. Für eine geordnete Schriftgutverwaltung, die wiederum historisches Arbeiten ermöglicht und gleichzeitig umfassend die rechtlichen Anforderungen an die Nachvollziehbarkeit von Verwaltungshandeln erfüllt, sei noch viel zu tun: Eine „Mentalitätsoffensive“ forderte Hering für den Verwaltungsbereich, um ein neues Bewusstsein auch für die Dokumentation im Zeitalter neuer Überlieferungssysteme zu generieren. Auch hier statuierte Hering die Notwendigkeit von Kooperationen: Archivarinnen und Archivare seien gefordert, Behörden und Ämter bei „der Einführung von Dokumentenmanagementsystemen so zu begleiten, dass eine geordnete Schriftgutverwaltung gesichert sei“.

Die folgende Diskussion schärfte die Perspektive für tatsächliche und angenommene Veränderungen durch Digitalisierungsprozesse: Auch in früheren Zeiten, umriss Hering, sei auch nicht immer alles gespeichert worden, heute jedoch gäbe es ein geringeres Bewusstsein für die Dokumentation. Die Debatte brachte dabei das „Integralspeichermediumphantasma“ auf – jene Suggestion, dass via Copy-Funktion zumindest in der Theorie alles behalten werden kann. Dass es jedoch einer Sortierung, Bewertung und auch eines geordneten „Vergessenes“ bedarf, offenbarte sich gleichsam als konsensuale Erkenntnis, für die Kretzschmar und Hering als Archivare die Notwendigkeit einer „neuen Form der Bewertungsarbeit“ unterstrichen.

MALTE THIESSEN (Hamburg/Oldenburg) blickte in seinem Beitrag vom Standpunkt des Zeithistorikers aus auf die Notwendigkeit quellenkundlicher Horizonterweiterungen – denn je näher der Historiker an der Gegenwart arbeitet, desto mehr unterliegen Aktenbestände Schutzfristen, was das Heranziehen anderer Möglichkeiten erfordert. Als Ausweg aus diesem zeithistorischen Quellendilemma schlug Thießen den Umgang mit Registraturen vor – Quellensammlungen von Behörden, Parteien und Vereinen, die noch nicht von einem Archiv übernommen und bearbeitet wurden. Anhand eigener Forschungen zur Hamburger Erinnerungskultur seit den 1950er-Jahren gab Thießen Einblicke in den Erkenntnisgewinn durch Nutzung solcher Unterlagen und stellte fest, dass entsprechende erinnerungskulturelle Forschungen sich nicht nur auf Archivbestände stützen könnten: Bis in die 1970er Jahre seien aussagekräftige Akten zur öffentlichen Erinnerungen kaum in den Archiven erhalten, als Historiker sei man auf Zufallsfunde angewiesen. Diese Erfahrung gab für Thießen den Ausschlag nachzudenken über die „Grenzen des Archivs“ in der zeitgeschichtlichen Forschung und einen von ihm geforderten „bewussten Umgang mit Lücken“.

War Thießens Vortrag zunächst konzentriert auf seinen Plädoyer-Charakter für die Nutzung außer-archivalischer Bestände, ging es in der Diskussion zudem um die Schattenseiten der Arbeit mit Registraturen – und Fragen wie nach der Überprüfbarkeit dieser Quellen oder der Gefahr, mit der Nutzung schließlich die Entscheidung über eine Archivwürdigkeit des Materials vorwegzunehmen. Schnell wurde jedoch konstruktiv deutlich, dass es nicht auf ein klares „Entweder-Oder“ in der Nutzung ankäme, sondern auch klare Nutzungsordnungen wie beispielsweise einer „sensiblen Quellenkritik oder dem Gebot einer Registernutzung nur dort, wo sie vergleichbar mit einem Archiv ist. In jedem Fall ginge es langfristig um die Modi einer „Institutionalisierung der Arbeit mit Registraturen“, die Notwendigkeit eines „stringenten Regelwerks für den Umgang damit“ (Kretzschmar) und eine nachhaltige Debatte um die „Transparenz von archivalischen Bewertungsentscheidungen“ (Hering). Auch hier zeigte sich Konsens, vielleicht ja sogar im Sinne eines „Beginns einer neuen Freundschaft“ zwischen Archiven, Registratoren und Zeithistorikern.

SYLVIA NECKER (Hamburg) ergänzte die Quellendebatte abschließend um eine visuelle Ebene – als „Best-practice-Beispiel“ führte sie anhand eigener Forschungen zur „topographischen Kontinuität am Hamburger Lohseplatz“, von dem aus Hamburger Jüdinnen und Juden sowie Sinti und Roma aus ganz Norddeutschland zwischen 1941 und 1945 deportiert worden waren, ein in die Nutzbarmachung von Karten, Plänen und Modellen für die Geschichtswissenschaft. Als innovativen Umgang mit dieser Quellengattung zeigte sie ein von ihr selbst gewähltes Vorgehen: Der „normalen“ Erzählung wissenschaftlicher Arbeit stellte sie einen „äquivalenten Erzählstrang der Bilder“ zur Seite, sprich: Auf den rechten Seiten findet sich die textliche Ausarbeitung, dem ist linksseitig eine Präsentation der Ergebnisse lediglich anhand einer Bildstrecke sowie erläuternder Bildunterschriften gegenübergestellt, die textunabhängig verständlich ist. Anschaulich schilderte Necker, wie auf diese Weise Erkenntnisse greifbarer und deutlicher werden; in Zusammenarbeit mit entsprechendem stadtplanerischem Fachverstand arbeitete sie mit Überlagerungen von Karten, die wiederum deutlich werden ließen, welche ungeheuren Möglichkeiten für die historische Forschung hier liegen. Sylvia Necker verstand ihren Vortrag gleichsam als „Appell an Archive und Lehrende“, mehr Aufmerksamkeit diesen bisher von der Geschichtswissenschaft trotz eines nahenden Visual Turns stiefmütterlich behandelter Quellengattungen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. In der Diskussion betonte Necker die Notwendigkeit, zukünftig eine eigene Quellenkunde für Modelle und Karten zu generieren; einbeziehen könne dies in der Folge auch Fragen von Digitalisierungen, die hinsichtlich der Überlieferungen ursprünglicher Maßstäbe, Größen und Darstellungsqualitäten wiederum neue Fragen für das Genre aufwerfen.

In seinem Fazit verwies Peter Haber auf den roten Faden, der sich durch alle Vorträge zog – auf der einen Seite sah er diesen in der unbedingten Notwendigkeit, Grenzen für Forschung, Quellen und Archive neu zu definieren: „Was ist das Must Have der historischen Kompetenzen, was das Nice to Have?“ brachte er es auf den Punkt, der insbesondere auch die Lehre herausfordere: Im weiteren kulturwissenschaftlichen Bereich gäbe es enormen Bedarf, in den Curricula der historischen und archivischen Forschung auf die Bedürfnisse der Zeit angemessen und zügig zu reagieren. Konsens stellte er zu recht in der Akzeptanz jener Notwendigkeit fest, neue Kooperationen und Austauschforen zwischen Archiven und historischer Forschung zu etablieren. Der Anfang hierzu, stellte Rainer Hering in seinem Schlusswort fest, sei gemacht: „Wir haben ein komplexes Themenfeld vor uns, wir sind diskussionsbereit – und haben den Dialog begonnen.“

Sektionsübersicht:

Robert Kretzschmar (Stuttgart/Tübingen): Hilflose Historikerinnen und Historiker in den Archiven? Zur Bedeutung einer zukünftigen archivalischen Quellenkunde für die universitäre Lehre

Rainer Hering (Schleswig/Hamburg): Digitale Quellen und historische Forschung

Malte Thießen (Hamburg): Quellenbewertung im vorarchivischen Bereich. Vom Nutzen und Nachteil der Recherche in Registraturen

Sylvia Necker (Hamburg): Verplant und Vermessen. Karten, Pläne und Modelle als Quellen für die Geschichtswissenschaft

Peter Haber (Basel): Kommentar

Zitation
Tagungsbericht: HT 2010: Im Grenzbereich zwischen Quellenproduzenten, Archiven und historischer Forschung, 28.09.2010 – 01.10.2010 Berlin, in: H-Soz-Kult, 23.10.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3315>.
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Veröffentlicht am
23.10.2010
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