Römer und Franken am Rhein

Ort
Bonn
Veranstalter
Abteilung für Rheinische Landesgeschichte, Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn; in Verbindung mit dem Verein für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande
Datum
20.09.2010 - 21.09.2010
Von
Andreas Popescu, Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

„Römer und Franken am Rhein“ − unter diesem Titel kamen die Teilnehmer der jährlichen Herbsttagung der Abteilung für Rheinische Landesgeschichte des Instituts für Geschichtswissenschaft in Bonn zusammen. Die wieder in Zusammenarbeit mit dem Verein für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande ausgerichtete Tagung gliederte sich in zehn Vorträge. Entsprechend den Fachbereichen Mediävistik, Alte Geschichte, Sprachwissenschaft und Archäologie wurde die Tagung in Sektionen unterteilt. Die interdisziplinäre Zusammensetzung der Tagung verfolgte das Ziel, einen direkten Austausch der einzelnen Fachbereiche zum Themenkomplex „Völkerwanderungszeit im Rheinland“ zu ermöglichen und ein Diskussionsforum für aktuelle Forschungstendenzen herzustellen.

Zur Einführung skizzierte der Tagungsleiter MANFRED GROTEN (Bonn) die Entwicklungslinien der älteren Forschung zum Thema „Römer und Franken am Rhein“. Auf landesgeschichtlicher Ebene sei man von älteren Positionen, wie der „Fränkischen Landnahme“ (Droege/Petri),[1] also einem plötzlichen Umbruch, weitgehend abgekommen. Die jüngere historische Forschung hebe den prozessualen Charakter der Zeit von Spätantike zu Frühmittelalter hervor. In Bezug auf die Leitfrage nach Bruch oder Kontinuität zwischen antiker und mittelalterlicher Welt betone sie aktuell eher eine Kontinuität – Römer und Franken am Rhein seien keine fremden Völker gewesen, die sich hauptsächlich feindlich gegenübergestanden hätten. Eine „große Lösung“ jener Frage sei aber nicht in Sicht, was auch der Konstanzer Arbeitskreis als Ergebnis seiner Frühjahrstagung 2007 festgestellt habe: Kleinräumige Betrachtungen der jeweiligen lokalen Verhältnisse zwischen Imperium und angrenzenden Völkern müssten stärker hervortreten. Der auf schriftliche Quellen fixierte Historiker sei hier auf eine interdisziplinäre Herangehensweise unter besonderer Berücksichtigung der Archäologie angewiesen.

ULRICH NONN (Bonn) referierte im ersten Vortrag der Tagung über „Franken, Salfranken, Rheinfranken – Fragen, Antworten, Hypothesen“ und begann damit den Einstieg in die Sektion „Mediävistik“. Für Nonn stand in seinen Ausführungen über die beiden „Teilstämme“ von Rhein- und Salfranken eine kritische Auseinandersetzung mit der aktuellen Forschung und den dazugehörigen Quellen im Vordergrund. Besonders durch Matthias Springer sei zuletzt das traditionelle Bild der „Salier“ dekonstruiert worden: Einen Stamm der „Salier“ oder „Salfranken“ habe es nie gegeben. Man habe es hier mit einer römischen Verwechslung zu tun: das germanische Begriffswort „saljon“ (althochdeutsch: gisellio „Gefährte“, „Genosse“) sei fälschlicherweise als Stammesname in die Quellen eingegangen. Nonn wandte sich gegen Springers These, da besonders dem gebildeten und selbstkritischen Ammianus Marcellinus ein solches Missverständnis sehr wahrscheinlich nicht unterlaufen sei. Wie Nonn anschloss, sei weder die ältere noch die jüngere Forschung bei der Betrachtung der „Rheinfranken“ oder „Ripuarier“ zu einem abschließenden Ergebnis gelangt. Die Quellen würden erst im 7. Jahrhundert oder später eindeutig von „Ripuarii“ im Zusammenhang mit einem fränkischen „Volk“ sprechen (etwa in der Lex Ripuaria). Ob es einen fränkischen „Teilstamm“ der „Ribuarier“, in Abgrenzung zu den „Saliern“, bereits in der Umbruchzeit des 5./6. Jahrhunderts gegeben habe, bleibe umstritten.

Im Anschluss stellte MATTHIAS BECHER (Bonn) in seinem Vortrag „Chlodwig und die Gründung des fränkischen Großreiches“ vor. Zunächst befasste er sich mit der zentralen Quelle zur frühen fränkischen Geschichte, den Schriften des Bischof Gregor von Tours aus dem 6. Jahrhundert. Wie Becher betonte, seien in der älteren Forschung Gregors Schilderungen der Ereignisse um Chlodwig und die Franken recht kritiklos übernommen worden, auch mangels anderer Quellen – in jüngerer Zeit werde aber gerade die Chronologie der Ereignisse in Gregors Erzählung kritischer betrachtet. Als Beispiel könne hierfür die Unschärfe mancher Angaben Gregors gelten, etwa dass Chlodwig im 40. Jahr seiner Herrschaft verstorben sei – aber an anderer Stelle sein Todesalter mit 35 Jahren angegeben wird. Der Referent kam anschließend auf den Werdegang Chlodwigs zu sprechen. Demnach sei Chlodwigs Ausgangslage auf Basis der Errungenschaften seines Vaters Childerich bereits sehr gut gewesen, um seine späteren Erfolge zu erreichen. Mit den siegreichen Kämpfen gegen lokale gallo-römische Machthaber, Alemannen und Westgoten sei Chlodwig zur führenden Persönlichkeit Galliens aufgestiegen. In dieser Rolle mischte er sich aktiv in die Belange angrenzender Mächte ein, wie etwa in den Bruderkrieg bei den Burgundern. Chlodwigs für die europäische Geschichte bedeutsame Konversion zum katholischen Christentum war nach der Überlieferung Gregors auf das Engagement von Chlodwigs burgundischer Frau Chrodechilde zurückzuführen.

Mit dem Vortrag „Franken und Alemannen“ von DIETER GEUENICH (Duisburg-Essen) wurde die Sektion „Mediävistik“ abgeschlossen. Die Ausgangslage der im späten 3. Jahrhundert in den Quellen auftauchenden Franken und Alemannen sei gleich gewesen, habe dann jedoch eine unterschiedliche Entwicklung genommen. Ihr Verhältnis zum Imperium sei dabei als wegweisend zu betrachten. Mit beiden schlossen die Römer vertragliche Kontakte und suchten geschlossene Gruppen in ihr Reich zu integrieren. Die Franken schafften es im Norden Galliens über den Niederrhein in frei stehende Gebiete vorzudringen (Toxandrien), die ihnen der Kaiser Julian zuwies – die Alemannen jedoch blieben, abgesehen von feindlichen Vorstößen, jenseits des Oberrheins. Hier sah der Referent einen entscheidenden Vorteil der Franken gegenüber ihren südlichen Nachbarn: sie konnten sich auf Gebiet niederlassen, in dem römische Infrastruktur vorhanden war. In der Folgezeit, Ende des 4. Jahrhunderts, verdrängten die fränkischen Eliten zunehmend die Alemannen aus den römischen Ämterlaufbahnen. Entsprechend verschwanden die Alemannen aus dem Blick römischer Quellen. Der Trend einer gegensätzlichen Entwicklung habe sich bis in die Zeit Chlodwigs fortgesetzt: Während die Franken in den oberen Hierarchien des Imperiums mitwirkten, Kontakte zur gallorömischen Lokalelite (in Person der Bischöfe) entstanden, lebten die Alemannen auf Höhenburgen jenseits des Rheins, zersplittert in viele lokale Herrschaften. Wie der Referent abschließend ausführte, hätten die Alemannen überhaupt keinen Anteil am Geschehen in Mitteleuropa gehabt, wie die Nichteinbeziehung der Alemannen in die Heirats- und Bündnispolitik der Königssippen des 5. Jahrhunderts deutlich mache.

Mit dem Vortrag von CLAUDIA WICH-REIF (Bonn) über „Frühe fränkische Sprachzeugnisse“ wurde in die Sektion „Sprachwissenschaft und Alte Geschichte“ übergeleitet. Über die sprachliche Ebene einen Eindruck des Zusammenlebens von Romanen und Germanen zu gewinnen, gestalte sich schwierig, da die einzige Schriftsprache das Lateinische war. Die Forschung würde erst für die Zeit um 750 vom Beginn einer „althochdeutschen“ Sprache sprechen, während aus vorheriger Zeit nur Fragmente und Einzelworte germanischen Sprachgutes überliefert seien. Die Referentin hob hierbei die Rechtstexte des Frühmittelalters hervor (Lex Salica), in denen bisweilen germanische Begriffe oder Formeln auftauchten. Auch Ritzungen auf Alltagsgegenständen in Runenschrift bilden ein eigenes Quellenkorpus von geringem Umfang. Einen relativ hohen gegenseitigen Einfluss zwischen lokaler germanischer und lateinischer Sprache an der Rheingrenze habe der „Appellative Wortschatz“ gehabt: Die Namen von Gewässern, Wäldern oder auch Flurnamen[2], die vom Germanischen ins Lateinische übernommen wurden – während ins Germanische verschiedene lateinische Lehnwörter für Städte oder die weiter gepflegte mediterrane Alltagskultur aufgenommen wurden. Hier sei besonders auf den an Rhein und Mosel auch unter fränkischer Herrschaft weitergeführten Weinanbau mit dessen Fachvokabular verwiesen.

WERNER LÜTKENHAUS (Marl) betrachtete in seinem Vortrag das Thema „Die Verwaltung der beiden gallischen Diözesen zu Beginn des 5. Jahrhunderts – Militarisierung der Zivilbevölkerung oder Zivilisierung des Militärs?“ In seinen Ausführungen stellte der Referent die administrative Makoebene Galliens dar, die Diözesanverwaltung, die als Bindeglied in der „mittleren“ Hierarchie des Reiches den Kaiser mit seinen Reichsteilen verband. Wie aus mehreren Quellen (Zosimos, Rutilius) ersichtlich sei, könne eine gegensätzliche Entwicklung der nördlichen gegenüber der südlichen Diözese festgemacht werden. Der Norden Galliens sei seit jeher durch seine gefährdete Rheingrenze und die Präsenz römischer Truppen in höherem Maße militärisch geprägt gewesen als der Süden. Mit zunehmender Gefährdungslage im Norden, im Laufe des 5. Jahrhunderts, habe sich die administrative Durchdringung der Provinzen verändert. Bedingt durch das Misstrauen der kaiserlichen Zentrale gegenüber der lokalen Oberschicht und ihrer Rolle beim Aufstieg von Gegenkaisern aus der Region habe man die zivilen Kompetenzen kaiserlichen Militärs übertragen. Lütkenhaus betonte jedoch ausdrücklich, dass man mit dem Wegfall der gängigen Zivilverwaltung nicht von einem Abfall des Nordens vom Reich sprechen könne – die Klammer, die den Norden weiter mit dem Rest des Reiches verbunden hätte, sei nun das Militär als staatstragende Kraft gewesen. Dennoch lasse sich ersehen, dass so im Norden Galliens ein besonders günstiges Umfeld für erfolgreiche und charismatische Militärführer aus der Region entstanden sei, in dem fränkische Anführer, wie Childerich, die Chancen zum Aufstieg genutzt hätten.

Den Abendvortrag der Tagung bestritt SEBASTIAN RISTOW (Köln) und referierte über die „Frühgeschichte des Christentums im Rheinland mit besonderer Berücksichtigung des Beispiel Köln“. Zunächst machte der Referent deutlich, dass man kritisch mit als „christlich“ interpretierten archäologischen Funden umgehen müsse und schon gar nicht davon ausgehen könne, dass jeder Träger von Gegenständen mit christlicher Symbolik auch Christ gewesen sei. Vielmehr müsse man durch den Fundkontext versuchen, zu entscheiden, ob etwa ein Christogramm mit Absicht auf einem Gegenstand angebracht wurde, um als religiöses Symbol zu dienen, oder ob man es mit christlicher Ornamentik als „Mode“ zu tun habe – denn eine solche habe es gegeben. Das Christogramm war ab dem 4. Jahrhundert mit Constantin I. auch „Staatssymbolik“ geworden, diente etwa als Symbol auf Schutzschilden oder anderen profanen Gegenständen. Ähnlich schwierig sei auch die frühe „christliche“ Architektur einzuordnen. Von archäologischer Seite stehe fest, dass spätere Kirchen aus mehr oder minder profanen Bauten hervorgegangen seien, besonders so genannte „cellae“, kleine Andachtsgebäuden auf Friedhöfen. Eine eindeutig „christliche“ Architektur in diesen Vorgängerkirchen ließe sich erst für das 7. Jahrhundert festmachen, als diese mit der Liturgie dienenden Strukturen versehen wurden. Vorher habe es keine überregionalen architektonischen Anforderungen an Kirchen gegeben. Nur für wenige Bauten lasse sich verhältnismäßig früh eine eindeutige christliche Nutzung archäologisch festmachen. Dazu gehöre der Vorgängerbau des Kölner Doms, in dem schon ab dem 5. Jahrhundert eine Apsis nachzuweisen sei.

Am zweiten Tag der Tagung leitete der Vortrag von CHRISTOPH REICHMANN (Krefeld) „Zur Übernahme des römischen Kastellortes Gelduba durch die Franken“ die archäologische Sektion ein, der der ganze zweite Tagungstag gewidmet war. In Reichmanns Vortrag wurde die schrittweise Niederlassung der Franken im Rheinland an einem konkreten Beispiel dargelegt. Das nicht überbaute und daher besonders intensiv erforschte Gräberfeld von Gelduba (Krefeld-Gellep) sei für eine dichte Beschreibung des Übergangs von römischer zu fränkischer Zeit in besonderem Maße geeignet. Gelduba diente im 4. Jahrhundert als Stützpunkt römischer Eliteverbände, deren gute Besoldung sich im Fundmaterial des Kastells und der angrenzenden Zivilsiedlung widerspiegelte. Im 5. Jahrhundert fand, wohl unter Duldung des römischen Staates, eine Ansiedlung von Franken nahe am Kastell statt. Mit ihrem Eintreffen verlor das Kastell seine Festungsfunktion und wurde Teil einer Siedlung, in der fränkische „Föderaten“ mit einheimischer Bevölkerung zusammenlebten. Erst im 6. Jahrhundert erfolgte ein grundlegender Wandel mit dem Eintreffen des „Fürsten von Gellep“, dessen reich ausgestattetes Grab ihn als mächtigen Gefolgsmann Chlodwigs ausweise. Sowohl das Kastell als auch die Zivilsiedlung wurden unter seiner Herrschaft weiter bewohnt. Erst zu Beginn des 7. Jahrhunderts verlor Gelduba seine vorteilhafte Stützpunktfunktion durch die Verlandung seines Rheinhafens.

„Merowingerzeitliche Siedlungstopographie im nördlichen Rheinland“ lautete der Titel des Vortrages von ELKE NIEVELER (Moers), die in ihren Ausführungen den Informationswert von Kartenwerken als flächendeckender Betrachtungsmöglichkeit hervorhob. Bei der Übertragung archäologischer Befunde auf eine Landkarte könnten sowohl aus der geographischen Verteilung von Fundplätzen strukturelle Erkenntnisse gezogen werden, als auch bei vorliegender Datierung Entwicklungslinien aufgezeigt werden. Mit Hilfe der siedlungstopographischen Betrachtung konnte nachgewiesen werden, wie sich die Siedlungsentwicklung nach Rückzug der römischen Verwaltung am Rhein gestaltete. An Hand der Verteilung fränkischer Reihengräberfunde des 5. Jahrhunderts sei deutlich zu sehen, dass sich die Franken im Rheinland bei ihrer Ansiedlung zuerst an den römischen Strukturen orientierten (Beispiel Xanten). Erst im 6. Jahrhundert sei ein Ausgreifen in die Fläche festzustellen. Im Gesamtbild könne festgehalten werden, dass ein Drittel der Besiedlung auf römischer Struktur weitergeführt wurde (Köln, Jülich), ein Drittel neue Siedlungen an fast gleicher Stelle entstanden (Xanten, Bonn) und ein Drittel gänzlich neue Siedlungen angelegt wurden.

Nach der Mittagspause wurde der letzte Teil der Tagung eingeleitet, beginnend mit dem Vortrag von NIKLOT KROHN (Freiburg): „Sarkophag und Fürstengrab – Elitengräber im Rheinland von der Spätantike bis zum frühen Mittelalter“. Die vom Referenten vorgestellten Elitengräber waren allesamt keine Neufunde, sondern der historischen Forschung insgesamt bekannt, wie etwa das Childerichgrab. Die neuere archäologische und historische Forschung sei aber in jüngster Zeit zu neuen Interpretationen gekommen. Die vom 5. bis zum 7. Jahrhundert bekannten Elitengräber mit „germanischen“ Waffenbeigaben und „römischen“ Prunkbeigaben (Glas) oder Herrschaftsinsignien (Siegelringen) wurden bisher stets als Indiz für die in spätrömischer Zeit erfolgte „Barbarisierung“ des römischen Heeres herangezogen. Die neuere Interpretation gehe nunmehr dahin, dass die in Nordgallien und auch im Rheinland anzutreffenden Elitengräber Indikatoren einer gesellschaftlichen Umforumg seien. Der anzutreffende Prunk und die Waffenbeigaben waren Machtdemonstration einer nunmehr vornehmlich lokal wirkenden Elite. Die Waffengräber an sich könnten als Indiz für die schwindende Präsenz des römischen Militärs gelten – an Orten, wo es sich länger hielt, etwa bei Trier, traten Waffengräber auch später auf. Die in spätantiker Zeit aufkeimende und in merowingische Zeit fortgeführte Bestallungskultur dürfte man nicht versuchen mit „römisch“ oder „germanisch“ in die eine oder andere Richtung zu ziehen, sondern müsse sie als eigene, lokale Kulturform anerkennen.

Mit dem Vortrag von MICHAEL SCHMAUDER (Bonn) „Transformation oder Bruch? Überlegungen zum Übergang von der Spätantike zum Frühen Mittelalter im Rheinland“ wurde die Reihe der Vorträge der diesjährigen Herbsttagung abgeschlossen. Der Referent zog eine Bilanz der bisherigen Erkenntnisse der archäologischen Forschung und formulierte den übergreifenden Umstrukturierungsprozess in Nordgallien, in dem das Rheinland wiederzufinden sei. Bei Betrachtung der nordgallischen Führungsschicht sei der „habitus barbarus“ als Phänomen anzuerkennen, der als ein Indiz für die zunehmende Segmentierung verschiedener Machtsphären zu werten sei, in denen lokale Eliten die Führung übernahmen. Durch die Prunk- und Waffeninsignien sei das „Gefährdetsein“ als Lebensgefühl in Nordgallien zu greifen, in der Mentalitätsgeschichte als „agonale Lebenshaltung“[3] bezeichnet. Die lokale Elite füllte die Lücken, die das Militär hinterlassen hatte. Die Militarisierung Nordgalliens lasse sich als Resultat des Wegfallens der „pax romana“ begreifen. Die fassbare Elite sei zwar zu einem guten Teil aus dem Rechtsrheinischen zugewandert, hätte sich aber spontan akkulturiert. Die Franken als Träger einer bereits im 3. Jahrhundert stark militarisierten Rhein-Weser Kultur hätten bei ihrem Hereinkommen ins Imperium die römische Kultur ihren Bedürfnissen entsprechend aufgenommen. Daraus formten sie eine eigene „merowingische“ Kultur – man könne also von einer Transformation der römischen Kultur im Rheinland sprechen.

Die gelungene Tagung bot einen interessanten und sehr detailreichen Einblick in die aktuellen Forschungstendenzen der historischen Disziplinen. In der Schlussdiskussion bündelte Manfred Groten die in den Vorträgen aufgeworfenen Fragen zum Übergang von Spätantike zu Frühmittelalter im Rheinland. Ob man nun die politische oder kulturelle Ebene betrachte, sei doch bei allen Überlegungen noch Begriffsklärung zu leisten: Was war das „Fränkische“? Was war in jener Zeit das „Römische“? Sind für diese Übergangszeit überhaupt klare Identitäten auszumachen? Welche Rolle spielte der Rhein als Kontakt- bzw. Grenzzone? War er Kulturgrenze oder verband er Grenzkulturen? Auch sei noch das Verhältnis von archäologischen und sprachlichen Befunden auszuloten, die materielle gegenüber der sprachlichen Hinterlassenschaft, mit der Identitäten genauer konturiert werden könnten. Von Seiten der historischen Forschung verspreche für die Zukunft eine stärkere Hinwendung zur kulturgeschichtlichen Analyse der Völkerwanderungszeit fruchtbare Ergebnisse.

Konferenzübersicht:

Ulrich Nonn (Bonn):
Franken, Salfranken, Rheinfranken – Fragen, Antworten, Hypothesen

Matthias Becher (Bonn):
Chlodwig und die Gründung des fränkischen Großreiches

Dieter Geuenich (Duisburg-Essen)
Franken und Alemannen

Claudia Wich-Reif (Bonn)
Frühe fränkische Sprachzeugnisse

Werner Lütkenhaus (Marl)
Die Verwaltung der beiden gallischen Diözesen zu Beginn des 5. Jahrhunderts – Militarisierung der Zivilbevölkerung oder Zivilisierung des Militärs?

Sebastian Ristow (Köln)
Frühgeschichte des Christentums im Rheinland mit besonderer Berücksichtigung des Beispiel Köln

Christoph Reichmann (Krefeld)
Zur Übernahme des römischen Kastellortes Gelduba durch die Franken

Elke Nieveler (Moers)
Merowingerzeitliche Siedlungstopographie im nördlichen Rheinland

Niklot Krohn (Freiburg)
Sarkophag und Fürstengrab – Elitengräber im Rheinland von der Spätantike bis zum frühen Mittelalter

Michael Schmauder (Bonn)
Transformation oder Bruch? Überlegungen zum Übergang von der Spätantike zum Frühen Mittelalter im Rheinland

Anmerkungen:
[1] Franz Petri, Germanisches Volkserbe in Wallonien und Nordfrankreich. Die fränkische Landnahme in Frankreich und den Niederlanden und die Bildung der westlichen Sprachgrenze, Bonn 1942.
[2] Tobias Vogelfänger, Nordrheinische Flurnamen und digitale Sprachgeographie. Sprachliche Vielfalt in räumlicher Verbreitung (Rheinisches Archiv 155), Köln 2010.
[3] Georg Scheibelreiter, Die barbarische Gesellschaft. Mentalitätsgeschichte der europäischen Achsenzeit. 5.-8. Jahrhundert, Darmstadt 1999.

Zitation
Tagungsbericht: Römer und Franken am Rhein, 20.09.2010 – 21.09.2010 Bonn, in: H-Soz-Kult, 30.10.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3319>.
Redaktion
Veröffentlicht am
30.10.2010