Transfers – empirische und theoretische Perspektiven

Ort
Basel
Veranstalter
Martin Lengwiler / Roberto Zaugg, Graduate School of History Basel, Historisches Seminar der Universität Basel
Datum
07.10.2010 - 08.10.2010
Von
Roberto Zaugg, Historisches Seminar, Universität Basel

14 Promovierende stellten in dem von der Graduate School of History Basel organisierten Workshop „Transfers – empirische und theoretische Perspektiven“ ihre Dissertationsprojekte vor und diskutierten diese mit Fachexperten aus dem In- und Ausland.

Zwei externe Beiträge boten die migrationshistorische Keynote-Referate von DANIELA LUIGIA CAGLIOTI (Universität Neapel „Federico II“) und PAUL-ANDRÉ ROSENTAL (Sciences Po, Paris). Rosental nahm in seinem Vortrag zu „Migration, sovereignty, social rights: Protecting and removing foreigners in 19th century Europe“ von einer nationalstaatlich definierten Perspektive Abstand und stellte die Beziehungen zwischen ausländischen Migranten und europäischen Nationalstaaten in einen weiteren Kontext. Einerseits wurden laut Rosental Migrationspolitiken im 19. Jahrhundert nicht primär durch Bürgerrechtsgesetze definiert, sondern in wesentlichem Maße im Rahmen der entstehenden Sozialversicherungen entwickelt. Und andererseits konnten derartige Politiken nicht einfach auf nationaler Ebene festgelegt werden: Vielmehr mussten sie zwischen den Staaten ausgehandelt werden. Gerade die Ausweisungspraktiken machen klar, dass die ‚agency‘ der ausweisenden Staaten konstant durch diejenige der anvisierten „Empfängerstaaten“ limitiert wurde. Caglioti, die zurzeit am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) zu „A Transnational History of the Treatment of Enemy Aliens during WWI. A Chapter in 20th-Century Demographic and Socio-Economic Engineering“ arbeitet, bot in ihrem Referat verschiedene Einblicke in dieses Forschungsvorhaben. Sie hielt dabei fest, dass es während des Ersten Weltkriegs zu einer Verschiebung von der bis dahin üblichen Ausweisung der ‚enemy aliens‘ hin zu deren Internierung kam. Dieses Phänomen, von dem weltweit große Bevölkerungsgruppen betroffen waren, könne nicht im Hinblick auf die politischen Unterschiede der involvierten Staaten (liberale Regimes/autoritäre Regimes, Nationalstaaten/Vielvölkerstaaten) erklärt werden, sondern müsse mit einem transnationalen Ansatz analysiert werden. Des Weiteren diskutierte Caglioti die Entwicklung der Trasferstudien: Sie stellte dabei fest, dass die Transfer-Perspektive besonders im franko-deutschen Kontext aufkam, wo die Anfänge dieser Studien unter anderem als gesellschaftshistorische Antwort auf die durch den ‚cultural turn‘ lancierten Herausforderungen gelesen werden könnten, wohingegen in der englischsprachigen Wissenschaftsproduktion die Transfer-Katergorie verhältnismässig schwächer vertreten sei.

Dass die Transfer-Kategorie mittlerweilen auch in der Kulturgeschichte eine zentralen Rolle einnimmt, verdeutlichte das erste, von Viktoria Schmidt-Linsenhoff (Universität Trier) kommentierte Panel „Transfers und visuelle Medien“. DOROTHEE SCHMID (Basel) untersuchte anhand der 1590-1630 von de Bry edierten (und von Schmid als stratifizierter Wissensspeicher verstandenen) Reisesammlung in die „orientalischen Indien“ komplexe Text-Bild-Beziehungen im Bezug auf die Konstruktion von Sexualität und Geschlechterordnung. In die Neuzeit führte der Vortrag von JÜRG SCHNEIDER (Basel), der die Arbeit des in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aktiven westafrikanischen Fotografen Francis W. Joaque in den Kontext des in Entwicklung begriffenen ‚atlantic visualscape‘ stellte und dessen ikonografische Selbstverortung analysierte. AGLAIA WESPE (Basel) leitete die Diskussion schließlich zum Filmmedium über, wobei sie in ihrer Untersuchung zu Dziga Vertovs Einfluss auf die Leningrader Dokumentarfilme der Brežnev-Ära und das französische ‚cinema verité‘ die transferanalytische Perspektive mit einem komparativen Ansatz verband.

PATRICK HARRIES (Universität Basel) kommentierte das Panel „Gesundheit und Entwicklung im ländlichen Afrika“, in dem medizinische Know-How-Transfers und die damit verbundenen Probleme im Zentrum standen. Die von LUKAS MEIER, PASCAL SCHMID und MARCEL DREIER (alle Basel) vorgestellten Papers gehen aus dem gemeinsamen Forschungsprojekt „History of Health Systems in Africa“ hervor und behandelten anhand tansanischer (Meier, Dreier) und ghanaischer (Schmid) Fallbeispiele zum Teil verwandte Probleme, wie etwa den Zusammenhang zwischen Missionsgesellschaften, Tropeninstituten und medizinischen Netzwerke. Zentral war dabei die „Afrikanisierung“ – ein Begriff, der von historischen Akteuren in verschiedenen epochalen und ideologischen Kontexten immer wieder neu definiert wurde: als Ersetzung des europäischen Personals durch afrikanisches bei gleichbleibendem Wissenschafts- und Funktionsverständnis, als Nationalisierung der Gesundheitsversorgung, als lokale Adaption des transferierten Know-Hows oder als substantielle Verwandlung des Gesundheitssystems durch afrikanisches Medizinwissen.

Im Panel „Überbrückung in der Differenz: Konfession als Ort des Transfers im 17. Jahrhundert“, das durch Monika Mommertz (Universität Freiburg) kommentiert wurde, wurden die von KIRSTIN BENTLEY und SUNDAR HENNY (Basel) im Rahmen des Projektes „Konfessionelle Identität und Alterität“ erarbeiteten Dissertationen vorgestellt. Anhand des Selbstzeugnisses des Berner Patriziers Christoph von Graffenried (1661-1743) zeigte Bentley auf, wie die erzählte Begegnung mit dem konfessionell Anderen bewusst als Mittel der Selbstkonstruktion benutzt wurde. Die Selbstzeugnisse des wegen seines religiösen Übereifers verfolgten Zürcher Pfarrers Johann Jakob Redinger (1619-1688) benutzte Henny hingegen, um die Diskrepanzen zwischen der obrigkeitlichen Konfessionspolitik und den durch sie in Gang gesetzten sozio-kulturellen Dynamiken hervorzuheben.

Das von Caglioti kommentierte Referat von ANNINA CAVELTI (Basel) bot eine Relektüre von John Hutchinsons „The Dynamics of Cultural Nationalism. The Gaelic Revival and the Creation of the Irish Nation State” (London 1987) und stellte das irische Fallbeispiel mit den Modellen des voluntaristischen und des kulturellen Nationalismus in Verbindung.

Rosental kommentierte seinerseits die Papers von CHRISTIANE SIBILLE und BEAT STÜDLI (beide Basel). Sibille rekonstruierte anhand einer prosopographischen Untersuchung die personellen Verflechtungen im Bereich der Internationalen Organisationen, die im Umfeld des Völkerbundes entstanden, und analysierte im Hinblick auf die Institutionen, die sich mit musikalischen Fragen beschäftigten, die Bedingungen möglicher Transfers. Stüdli thematisierte in seinem Beitrag die komplexe Interaktion zwischen staatlichen Institutionen und privaten Versicherungen in der Entstehung der französischen Sozialversicherungen (1900-1950), wobei er im Besonderen auf die Arbeiterversicherung fokussierte.

Das Panel „Planung als Transferleistung“, das von Dirk van Laak (Universität Giessen) kommentiert wurde, bündelte drei Dissertationsprojekte, die im Rahmen des Projektes „Materialfluss: Warentransport, Güterdistribution und der Aufstieg der Logistik, 1850-2000“ entstehen. Der Beitrag von STEPHAN SANDMEIER (Basel) zur schweizerischen Gesamtverkehrsplanung (1972-1977) hob einerseits die Anwendung der ursprünglich im militärischen Kontext entwickelten kybernetischen Systemanalyse hervor und diskutierte andererseits die gesellschaftlichen und politischen Resistenzen, auf welche dieser Planungsvorgang stieß. Anhand eines anderen planerischen Großprojektes, dem Bau der mediterranen Pipeline der Iraq Petroleum Company (1932-1934), diskutierte NORMAN FRENZEL (Basel) die Tauglichkeit verschiedener begrifflicher Instrumentarien im Hinblick auf die Analyse seines Fallbeispiels, wobei er die Kategorien der Transfer-Studien und diejenigen der Diffusionsmodelle kritisch abwog. ROMAN K. ABT (Basel) maß sich mit seinem Beitrag – wie van Laak zurecht bemerkte – mit einem helvetischen Nationalmythos, dem genossenschaftlich organisierten Detailhandelsunternehmen „Migros“, wobei er durch eine detaillierte Analyse die divergierenden Strategien der im Verwertungsprozess von Milchprodukten involvierten Akteure rekonstruierte.

Insgesamt gab der Workshop nicht nur Einblicke in eine Vielzahl von aktiv betriebenen Forschungswerkstätten, sondern verdeutlichte auch, dass die Transferperspektive auf verschiedenen analytischen Ebenen und in zum Teil sehr unterschiedlichen Feldern zur Anwendung gelangt. Durch diesen Prozess verändern sich nicht nur die historiographischen Blicke, die auf diesen oder jenen Forschungsgegenstand geworfen werden: Es geraten zweifelsfrei auch die begrifflichen Grenzen der Transfer-Kategorie selbst in Bewegung.

Konferenzübersicht:

Martin Lengwiler: Begrüßung

Daniela Luigia Caglioti (Universität Neapel „Federico II“): Keynote

Panel 1 „Transfers und visuelle Medien“
Chair: Nanina Guyer (Basel)

Dorothee Schmid: Reisen in die Orientalischen Indien: Produktion, Zirkulation und Vermittlung von Wissen um 1600

Jürg Schneider: Die Topografie der afrikanischen Fotografie

Aglaia Wespe: Dziga Vertov, Cinema verité, Leningrader Dokumentarfilmstudio Transfer filmischer Innovationen

Kommentar: Viktoria Schmidt-Linsenhoff (Universität Trier)

Panel 2 „Gesundheit und Entwicklung im ländlichen Afrika“
Chair: An Lac Truong Dinh (Basel)

Lukas Meier: Reisende Versuche. Die Geschichte des Malaria-Impfstoffs “SPf66” in Tansania und sonstwo

Marcel Dreier: Techniken und Aushandlungspraxis von geplanten Tranfers (Tanzania, ca. 1960 bis 2000)

Pascal Schmid: Nursing und Krankenpflege in Ghana (ca. 1930-1975)

Kommentar: Patrick Harries (Universität Basel)

Panel 3 „Überbrückung in der Differenz: Konfession als Ort des Transfers im 17. Jh.?“
Chair: Franziska Hilfiker (Basel)

Kirstin Bentley: Von der anderen Seite: Transkonfessionelle Kommunikation und Identitätskonstruktion

Sundar Henny: „Brücken“ in Zürcher Selbstzeugnissen

Kommentar: Monika Mommertz (Universität Freiburg)

Panel 4 „Transfers und Nationalismus“
Chair: Philipp Senn (Basel)

Annina Cavelti: Kultureller Nationalismus. Eine Theorie zur Entstehung einer unabhängigen Nation mit Hinweisen auf die irische Geschichte des 19. Jahrhunderts

Kommentar: Daniela Luigia Caglioti (Neapel)

Paul-André Rosental (Sciences Po, Paris): Keynote

Panel 5 „Transfers und Internationale Organisationen“
Chair: Flavia Grossmann (Basel)

Christiane Sibille: Musik und internationale Organisationen

Beat Stüdli: Die Rolle der kommerziellen Versicherungsindustrie im Entstehungsprozess der Sozialversicherungen in Frankreich, 1920-1950

Kommentar: Paul-André Rosental (Paris)

Panel 6 „Planung als Transferleistung“
Chair: Simon Wenger (Basel)

Stefan Sandmeier: Die Gesamtverkehrskonzeption Schweiz (GVK-CH)

Norman Frenzel: Erdölerschließung als Technologietransfer betrachtet

Roman K. Abt: Migros Einkaufsgenossenschaft und Napfmilch AG: vom ideologischen zum utopischen Planen

Kommentar: Dirk van Laak (Universität Giessen)

Zitation
Tagungsbericht: Transfers – empirische und theoretische Perspektiven, 07.10.2010 – 08.10.2010 Basel, in: H-Soz-Kult, 10.11.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3362>.