Zeitzeugenberichte zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa im 20. Jahrhundert. Entstehung, Dokumentation und Popularisierung

Ort
Oldenburg
Veranstalter
Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE)
Datum
30.09.2010 - 01.10.2010
Von
Elisabeth Fendl, Johannes-Künzig-Institut für ostdeutsche Volkskunde, Freiburg im Breisgau

Für die beiden veranstaltenden Institutionen führten MATTHIAS WEBER (Oldenburg) und KLAUS ROTH (München) in das Tagungsthema ein, bevor mit HEINKE KALINKE (Oldenburg) die Organisatorin der Tagung den Eröffnungsvortrag „Zur Bedeutung ‚lebendiger Erinnerung‘ für die Erforschung und Dokumentation von Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa“ hielt. Mit der provokanten Formulierung „Es fällt schwer, in Deutschland kein Zeitzeuge zu sein“ verwies die Referentin auf die bereits mehrere Jahre zu beobachtende Konjunktur des Erinnerns, um daran anschließend auf die Geschichte der volkskundlichen Beschäftigung mit „mündlichen“ Zeugnissen von den 1920er-Jahren bis heute einzugehen und dabei die jeweils verwendeten Methoden und das zugrunde liegende Erkenntnisinteresse darzulegen. Kalinke stellte zum Abschluss das von ihr betreute Projekt eines Wegweisers zu Sammlungen autobiographischer Materialien zur Alltags- und Mentalitätsgeschichte der Deutschen im östlichen Europa vor, das durch eine exemplarische Edition einzelner Quellen ergänzt werden soll.

In seinem Vortrag „Oral History vor der Oral History“ plädierte MATHIAS BEER (Tübingen) für einen erweiterten Blick auf die Geschichte der deutschen Oral History. Deren Reduzierung auf die Methode einer linken Sozialgeschichte greife zu kurz, da man frühere Projekte mündlicher Geschichte nicht berücksichtige. Die im Rahmen der Ende der 1940er-Jahre vom Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte in Auftrag gegebenen Ost-Dokumentation veranlassten Zeitzeugenberichte etwa, die damals vor allem der Darstellung von Flucht und Vertreibung gedient hätten, gäben darüber hinaus auch interessante Hinweise auf das Alltagsleben vor 1945, obwohl die Grenzen des Quellenwertes der Dokumentation bekannt seien.

Nach diesen Erläuterungen zur „Vorgeschichte“ widmeten sich die nächsten drei Referate drei konkreten Sammlungen und den in ihnen verwahrten autobiographischen Dokumenten. WOLFGANG KESSLER (Herne) ging in seiner Beschreibung der in der „Martin-Opitz-Bibliothek“ verwahrten Zeitzeugenberichte auf die unterschiedlichen autobiographischen Genres und ihre jeweilige Spezifik ein: angefangen bei den Selbstzeugnissen in den bereits in der 2. Hälfte der 1940er-Jahre von Orts- und Kreisgemeinschaften herausgegebenen Rundbriefen, über die private Erinnerungsliteratur der 1970er-Jahre bis hin zur Konjunktur der autobiographischen Literatur in den 1980er- und erneut in den 1990er-Jahren. Die von Kessler vertretene These, die Authentizität der Berichte schwinde um so mehr, je später sie erschienen seien, führte zu einer anschließenden Diskussion der Kriterien „authentisch“ und „wertvoll“, wobei daran erinnert wurde, dass autobiographische Texte zu jeder Zeit von den Narrativen der den Schreiber bzw. die Schreiberin umgebenden Kultur beeinflusst seien.

INGRID SAUER (München) informierte über die verschiedenen Arten von „Heimatberichten“, die in den drei Bestandsgruppen „Nachlässe“, „Verbandsschriftgut“ und „Sammlungen“ des 2007 ins Bayerische Hauptstaatsarchiv übergegangenen Sudetendeutschen Archivs zu finden sind. Die Heterogenität der vorgestellten biographischen Materialien – Zeitzeugenberichte, die im Rahmen der „Ostdokumentation“, aber auch auf verschiedene Aufrufe hin verfasst worden sind, Familienberichte, Ortsgeschichten, Lebenserinnerungen – führte zu einer die ganze Tagung begleitenden Diskussion über die Abgrenzung der Begriffe „Zeitzeugenberichte“, „Ego-Dokumente“, „autobiographische Quellen“.

ARTHUR SCHLEGELMILCH (Hagen/Lüdenscheid) stellte – in Vertretung von Almut Leh – die Bestände des „Archivs Deutsches Gedächtnis“ im Institut für Geschichte und Biographie der Fernuniversität Hagen vor, das aus dem Projekt LUSIR (Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930-1960) um Lutz Niethammer hervorgegangen ist. Obwohl in diesem Zusammenhang nicht explizit zum Thema Flüchtlinge und Heimatvertriebene recherchiert worden sei, lieferten Interviews, die im Rahmen anderer Projekte erstellt wurden, immer wieder interessante Informationen zu diesem Bereich und könnten – so Schlegelmilch – bei der Analyse von biographischem Material aus explizit auf die Themen alte Heimat, Flucht, Vertreibung, Aussiedlung und Integration bezogenen Untersuchungen Korrektiv-Funktion übernehmen.

Konkret auf ein Sample von Texten bezog sich REGINA LÖNEKE (Göttingen) mit ihrer Analyse von Schüleraufsätzen aus der bayerischen Vertriebenengemeinde Waldkraiburg, die in den 1950er-Jahren von 13- bis 16-jährigen, einheimischen und heimatvertriebenen Schülerinnen und Schülern verfasst worden waren. Löneke machte deutlich, wie wichtig für den Umgang mit diesen Quellen die Erforschung der Entstehungsbedingungen ist. Initiiert von dem sudetendeutschen Lehrer Theo Keil (1899-1983), der im Dritten Reich Leiter des Gauamtes Erziehung war und sich nach Krieg und Vertreibung in den Arbeitsgemeinschaften der sudetendeutschen Turner und der sudetendeutschen Erzieher engagierte, dem rechtsgerichteten Witikobund angehörte und ein wichtiger Verfechter der „Ostkunde im Unterricht“ war, stellten die 400 überlieferten Aufsätze ein von stereotypen Bildern und Topoi geprägtes Sample dar, in dem die Gräuel des NS und die deutsche Kriegsschuld nicht thematisiert würden und das Bild der „alten Heimat“ als Ort der (nur vermeintlich) kindlichen Sehnsucht aufscheine.

KAROLINE GIL (Berlin) berichtete daran anschließend von einem deutsch-polnischen Projekt, in dem 22 Jugendliche aus Leipzig und Marcinowice offene themenzentrierte Interviews mit polnischen und deutschen Vertriebenen durchführten und ihre Ergebnisse und Erfahrungen in einem Film festhielten. Neben Geschichts-Workshops gehörte auch die Einführung in die Kameraarbeit zum Vorbereitungsprogramm des Projektes, wobei die Faszination des Umgangs mit der Technik eine wichtige Motivation für die Schüler darstellte. Die gemeinsame Leiderfahrung sei es gewesen, so Gil, die als Hauptaussage der Interviews im Film zentral zur Sprache kam. Dem in der Diskussion laut gewordenen Vorwurf, neben aller emotionaler Ergriffenheit über die durchwegs versöhnlichen Worte bleibe die Quellenkritik doch hintan, entgegnete Gil, die Präsentation des Filmes werde immer in eine Podiumsdiskussion eingebettet bzw. von einem wissenschaftlichen Vortrag eingeführt, um differenzierter als das der Film leiste, die Arbeit im Projekt vorzustellen.

Mit den von Soziologen gesammelten schriftlichen Zeitzeugenberichten „polnischer Neusiedler im Oderraum nach 1945“ beschäftigte sich BEATA HALICKA (Frankfurt an der Oder) in ihrem Beitrag. In verschiedenen Regionen Nord- und Westpolens seien – erstmals 1957, also etwa zeitgleich mit der Ostdokumentation – unter den Neusiedlern Wettbewerbe für die besten Memoiren veranstaltet worden. Publiziert worden seien davon immer nur Fragmente, in jeweils immer anderen thematischen Zusammenhängen und herausgelöst aus dem Entstehungszusammenhang. Nicht alle dieser Wettbewerbe seien wissenschaftlich begleitet und kommentiert worden. Die meist in Form von Erfolgsgeschichten auftretenden Berichte harrten einer ausführlichen Quellenkritik und Bearbeitung.

MAREN RÖGER (Warschau/Warszawa) behandelte in ihrem Vortrag „Zeitzeugen der Zwangsumsiedlungen im deutschen Geschichtsfernsehen“ das Thema der Popularisierung von Zeitzeugenberichten und das Phänomen der zunehmend stärkeren Emotionalisierung von Geschichte. Nach einer Vorstellung der verschiedenen Sendeformate der Sparte „Geschichtsfernsehen“, fragte sie nach der Funktion der Berufung auf Zeitzeugen im Gesamtnarrativ. Als problematisch beurteilte Röger die Tatsache, dass im Zeitzeugeninterview das Moment des Nachfragens keinen Platz habe und so den Exkulpationsstrukturen deutscher Zeitzeugen kaum widersprochen werde. Prominente Zeitzeugen würden als Experten gehandelt, Historiker bedienten dann eher Nebenrollen oder ständen bestenfalls auf derselben Ebene wie die Zeitzeugen. Auf der anderen Seite sei eine starke Beeinflussung der Erzählung durch die Medien zu beobachten, so dass immer einheitlichere Narrative vergangener Epochen zustande kämen.

Mit „Ego-Dokumenten als Quellen zu jüdisch-deutschen Lebenswelten in Breslau 1918–1945“ beschäftigte sich KATHARINA FRIEDLA ROZENBLAT (Jerusalem). Sie beschrieb das Breslau der Zwischenkriegszeit als Zentrum des mitteleuropäischen Judentums und hob dabei vor allem die Rolle des Jüdisch-Theologischen Seminars hervor. Die in ihrer Untersuchung benutzten Quellen stammen aus dem Staatsarchiv Breslau, dem Leo-Baeck-Institut New York und der Gedenkstätte Yad Vashem. Auch in den „Mitteilungen des Verbandes ehemaliger Breslauer in Israel“ fänden sich, so die Referentin, eine Vielzahl von autobiographischen Berichten. Anhand dreier Beispiele zeigte Rozenblat auf, wie subjektive Quellen durch spätere Einschätzungen verändert werden.

JANA NOSKOVÁ (Brno/Brünn) stellte die von ihr im Rahmen eines Projekts zum „Alltagsleben der Brünner Deutschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ erhobenen biographischen Quellen vor. Neben Interviews mit Brünner Deutschen auf deutscher und tschechischer Seite, würden schriftlich verfasste Lebenserinnerungen (aus verschiedenen Jahren) und die im aktuellen Projekt entstandene Korrespondenz in die Analyse mit einbezogen. Kontrastiert würden diese Materialien mit archivalischen Quellen und Aussagen aus der Publizistik der BRUNA, des Heimatverbands der Deutschen Brünner. Bei der Beschäftigung mit den in mündlichen und schriftlichen biographischen Quellen aufscheinenden Geschichtsbildern, wird, so Nosková, auch die Rolle der großen nationalen Narrative zu berücksichtigen sein.

Mit den Verhörprotokollen von Insassen und Personal des Lagers Schikawa bei Łódź stellte MONIKA KUCNER (Lodz/Łódź) eine Quelle vor, der bisher in der Forschung wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden war. In den etwa 50 Protokollen, angefertigt bei Verhören in den Jahren 2001-2005, die nur die Antworten der Befragten, nicht die gestellten Fragen beinhalten, fänden sich Angaben zum jeweiligen Fall, zu den darin verwickelten Personen, aber auch Beobachtungen zum „Lageralltag“ nach 1945. Da die Ergebnisprotokolle jedoch meist auf Formulierungen der Staatsanwaltschaft zurückgingen, die von den Protokollanten übernommen worden seien, könne man, so die Referentin, aus ihnen vor allem auch Ich-Konstruktionen dieser beiden Personengruppen herauslesen.

Das von LENKA KOPŘIVOVÁ (Praha/Prag) vorgestellte Prager Oral-History-Kooperationsprojekt „Erinnerung des Volkes“[1] in dem der Tschechische Rundfunk/Czech Radio, das „Institut für das Studium totalitärer Regime“ und der Verein „Post Bellum“ zusammenarbeiten, und das seit 2008 online ist, vernetzt verschiedene zum Teil schon seit mehr als 10 Jahren arbeitende Zeitzeugen-Projekte. So sei es zu erklären, dass bereits 750 Zeitzeugen-Interviews in die Datenbank eingepflegt sind. Der Zugriff auf die kompletten von den Interviewten schriftlich freigegebenen Dokumente erfolgt über einen angemeldeten Zugang, unangemeldete Besucher der Seite gelangen nur an Stichproben der Interviews.

Die sehr gut organisierte Tagung überzeugte nicht nur durch die Qualität der meisten Beiträge, sondern vor allem auch durch die Diskussionsbereitschaft der Teilnehmer, die häufig zur Schärfung der verwendeten Begriffe und der in einzelnen Beiträgen vorgenommenen Kategorisierungen führte. Sehr ausführlich wurde zum Ende der Tagung über den, trotz aller Quellenkritik und Kontextualisierungsbemühungen fraglichen „Nutzen“ von „Zeitzeugenberichten“ (auch über diesen Begriff wurde lange diskutiert) für die Forschung gesprochen. Werde, so fragte etwa STEPHAN SCHOLZ (Oldenburg) Zeitgeschichte nicht generell zur reinen Opfergeschichte, wenn man den Zeitzeugen zu großen Platz einräume. Müsste nicht, so MAREN RÖGER, die Täter-Opfer-Ambivalenz deutlicher akzentuiert werden? MATHIAS BEER schlug schließlich vor, den Begriff „Zeitzeugenberichte“ durch „Zeitzeugenerinnerungen“ zu ersetzen, damit der subjektive Charakter narrativ erinnerter Ereignisse verdeutlicht würde.

Konferenzübersicht:

Heinke Kalinke (Oldenburg): Von „letzten Zeitzeugen“ und Erinnerungsinflation: Zur Bedeutung „lebendiger Erinnerung“ für die Erforschung und Dokumentation von Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa

Mathias Beer (Tübingen): Oral History vor der Oral History. Der Zeitzeuge in der deutschen Zeitgeschichte

Wolfgang Kessler (Herne): Zeitzeugenberichte aus sechs Jahrzehnten in der Martin-Opitz-Bibliothek

Ingrid Sauer (München): Heimatberichte im Sudetendeutschen Archiv, HStA München

Almut Leh/ Arthur Schlegelmilch (Hagen/Lüdenscheid): Das Archiv „Deutsches Gedächtnis“ im Institut für Geschichte und Biographie der Fernuniversität Hagen und seine Bestände. Mündliche und schriftliche Erinnerungszeugnisse

Regina Löneke (Göttingen): Waldkraiburger Schüleraufsätze der Nachkriegszeit und ihre Entstehungsbedingungen

Karoline Gil (Berlin): Vertreibung von Deutschen und Polen aus der Perspektive von Jugendlichen: Das Projekt „Begegnungen Leipzig–Marcinowice“

Beata Halicka (Frankfurt an der Oder): Biographieforschung in der Volksrepublik Polen zwischen Wissenschaft und Geschichtspolitik. Zur Quellenlage der schriftlichen Zeitzeugenberichte von polnischen Neusiedlern im Oderraum nach 1945

Maren Röger (Warschau/Warszawa): Zeitzeugen der Zwangsumsiedlungen im deutschen Geschichtsfernsehen

Katharina Friedla Rozenblat (Jerusalem): Ego-Dokumente als Quellen zu jüdisch-deutschen Lebenswelten in Breslau 1918–1945

Jana Nosková (Brno/Brünn): Alltagsleben der Brünner Deutschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in biographischen Quellen

Monika Kucner (Lodz/Łódź): Zeitzeugenberichte von Deutschen aus Łódź nach 1945

Lenka Kopřivová (Praha/Prag): „Erinnerung des Volkes“: Ein Oral-History-Kooperationsprojekt von Czech Radio, dem Institut für das Studium totalitärer Regime und dem Verein Post Bellum

Anmerkung:
[1] <http://www.pametnaroda.cz> (27.10.2010).

Zitation
Tagungsbericht: Zeitzeugenberichte zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa im 20. Jahrhundert. Entstehung, Dokumentation und Popularisierung, 30.09.2010 – 01.10.2010 Oldenburg, in: H-Soz-Kult, 15.11.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3371>.
Redaktion
Veröffentlicht am
15.11.2010