HT 2010: Public History – Geschichte in der Öffentlichkeit. Das zwanzigjährige Jubiläum von „1989“ im Spannungsfeld von akademischer und öffentlicher Zeitgeschichte

Ort
Berlin
Veranstalter
Irmgard Zündorf / Martin Sabrow; Zentrum für zeithistorische Forschung, Potsdam; Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
28.09.2010 - 01.10.2010
Von
Ruth Rosenberger, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

Proppevoll war es im Hörsaal 2097, als Irmgard Zündorf und Martin Sabrow vom Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam, am Donnerstagvormittag auf dem Historikertag zur Sektion „Public History – Geschichte in der Öffentlichkeit“ einluden. Selbst Podium und Rednerpult waren von Zuhörern geradezu belagert – das spricht eindeutig für das Thema. Doch vielleicht steht dieses Bild auch dafür, dass angesichts des boomenden Felds der „Public History“ die praktisch vermittelnden Historiker den akademischen ganz schön auf den Pelz gerückt sind. Die grundsätzliche Idee der Sektion bestand darin, angesichts des anhaltenden breiten Interesses an Geschichte in den verschiedensten Medien, Praktiker dieser Vermittlung mit Vertretern der akademischen Geschichtswissenschaft zusammen zu bringen, um die Zusammenarbeit, ihre Grenzen und das Selbstverständnis als Historiker in diesem Spannungsfeld zu erörtern. Thematischer Schwerpunkt sollte dabei der Umbruch von „1989“ sein, der anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums einen Höhepunkt „medialer Wucht“ erreicht habe.

MARTIN SABROW (Potsdam / Berlin) konkretisierte in seiner Begrüßung, es gehe um „Public History“ als Geschichte für die Öffentlichkeit und in der Öffentlichkeit. Sie habe der akademischen Geschichtswissenschaft und ihren Ergebnissen die öffentliche Durchschlagskraft gegeben, die die Beschäftigung mit Mauerfall und Regimekollaps zu einem geschichtskulturellen „Mega-Event“ und das Wort „Aufarbeitung“ zu einer Alltagsformel gemacht habe. Die Frage, was das für das Fach Geschichte in Forschung, Lehre und Wissenstransfer bedeute, sei daher unabdinglich. Welche Rolle kommt Vertretern der akademischen Geschichtswissenschaft zu?

Dem anvisierten Debattencharakter der Sektion gemäß war die Veranstaltung als breite Podiumsdiskussion angelegt. Zum Auftakt führte SIMONE RAUTHE (Köln) in die Thematik „Public History“ ein. Sie erläuterte die Entwicklung der US-amerikanischen Public History von einer Laien gestützten Bewegung seit den 1970er-Jahren zu einem dienstleistungsorientierten Tätigkeitsfeld. Als Fachdidaktikerin stellte sie die durchaus berechtigte Frage, wer eigentlich die Adressaten der deutschen Geschichtswissenschaft seien. In vier nach Tätigkeitsfeldern geordneten Einheiten wurden dann für die weitere Diskussion Impulse gegeben, jeweils von einem Profi-Vermittler und einem akademisch reflektierenden Vertreter der Zunft: Historiker als Journalisten, Historiker in Museen/Gedenkstätten, Historiker als „Aufarbeiter“ und Historiker als Filmemacher.

FRANK BÖSCH (Gießen) und SVEN-FELIX KELLERHOFF („Die Welt“, Berlin) diskutierten auf dem Podium über die Rolle von Historikern als und in Zusammenarbeit mit Journalisten. Während Bösch unter anderem drei Problemfelder der Public History identifizierte: den unreflektierten Umgang mit Quellenmaterial, unhinterfragte Heldengeschichten und die Vernachlässigung von Kontexten zugunsten der Pointierung eines Themas, vertrat auch Kellerhoff zugespitzte Thesen. Er stellte seinen Ausführungen voran, dass nur öffentlich wahrgenommene Erkenntnis relevant sei. Als eingängige Formel journalistischer Public History benannte er das Dreigestirn von sachgerechter, mediengerechter und publikumsgerechter Aufarbeitung eines Themas. Kellerhoff skizzierte zudem ein Szenario der Zusammenarbeit zwischen Zeitungsjournalisten und Fachhistorikern, bei dem die Wissenschaftler Themen und Hintergrundinformationen liefern, während der Journalist allein die Form der Vermittlung bestimmt und damit zum Torwächter der Öffentlichkeit wird, indem er potentiell breite Aufmerksamkeit gewährt. Dass solches Ansinnen nicht widerspruchsfrei blieb, versteht sich.

ROSMARIE BEIER-DE HAAN (Deutsches Historisches Museum, Berlin) und OLAF HARTUNG (Gießen) beleuchteten das Tätigkeitsfeld von Historikern in Museen und Gedenkstätten. Dabei wies insbesondere Rosmarie Beier-de Haan dezidiert zurück, dass dem Museum als Vermittlungsinstanz allein die Funktion der Mediation akademischer Forschungsergebnisse zukomme. Museen seien vielmehr eigenständige „Agenturen der kulturellen Bildung, Zentren der objektbezogenen Forschung und Foren der Begegnung“. Um diese Orte zu gestalten, seien historische Kernkompetenzen in Kombination mit spezifischen Fertigkeiten – wie kuratorischen, gestalterischen, restauratorischen usw. – notwendig. Zwar ist die Vehemenz dieses Hinweises nicht zu übersehen. Doch schien insgesamt die historische Fachwissenschaft Museen als Institutionen der Geschichtsvermittlung weniger skeptisch gegenüber zu stehen als den meisten anderen mit breitem Adressatenkreis.

Der Filmproduzent THOMAS SCHUHBAUER (Hamburg) und HANNO HOCHMUTH (Berlin) erörterten auf dem Podium, über welche Kompetenzen und Rollenbilder Historiker im Kontakt mit Film und Fernsehen verfügen sollten. Während Schuhbauer betonte, dass es für Historiker im Filmgeschäft unerlässlich sei, nicht nur Sendeschemata, sondern auch die Produktionsbedingungen eines Films zu kennen sowie über journalistische Fertigkeiten in der Aufbereitung eines Themas zu verfügen, entwickelte Hochmuth eher analytisch ausgerichtet ein konstruktives Szenario herkömmlicher und neuer Rollenbilder. So identifizierte er die inhaltliche Detailkritik im Stile von „Vier historische Fehler in Walküre“ und die Knopp-Kritik mit Tendenz zur generellen Skepsis gegenüber populärer Vermittlung als wenig zielführend. Ästhetische Kritik an Film- und Fernsehproduktionen durch Fachhistoriker sei prinzipiell zwar aufschlussreich, de facto jedoch zumeist problematisch, da sie qua Ausbildung zumindest nicht über entsprechende Kompetenzen verfügten. Als produktiv hingegen schlug Hochmuth drei Ansätze vor: erstens die medienhistorische und geschichtspolitische Historisierung von Filmen mit historischem Inhalt, zweitens eine systematische Reflexion und Einübung von Vermittlungsformen (hier Filmen) als Bestandteil von Studienangeboten sowie drittens Historiker als Fachberater für Inhalte, Materialien und Themenschwerpunkte bei Filmproduktionen. Dass diese drei Ansätze weniger Orientierung für individuelles Handeln als vielmehr strukturelle Maßnahmen darstellen, zeigt nicht nur die Ernsthaftigkeit des Anliegens der neuen Debatte, sondern auch, dass sie bereits Früchte getragen hat.

Während es in den drei bisher beschriebenen Einheiten eher um das Selbstverständnis der Historiker ging, stand in der Gesprächsrunde, die EDGAR WOLFRUM (Heidelberg) und ANNA KAMINSKY (Stiftung Aufarbeitung, Berlin) einleiteten, das Thema „1989“ stärker im Vordergrund. Zwar berichtete Kaminsky überzeugend aus ihrer Arbeitserfahrung, dass Skepsis und Befürchtungen nach einem „Zu Viel“ an Aufarbeitung auf Seiten der Berufshistoriker nicht mit dem tatsächlichen Bedarf auf Seiten der Adressaten übereinstimmte. Die Gemüter erhitzten sich jedoch vor allem in der Diskussion, die Wolfrum mit seinen zugespitzten Einwänden zur Wahrnehmung von „1989“ im westlichen Teil der Bundesrepublik anstieß. Er bezweifelte den vollständigen Siegeszug des Narrativs der friedlichen Revolution. Im Westen sei es als Signum von „1989“ nicht angekommen. Vielmehr halte sich hier noch immer die Erfolgsgeschichte der „Staatskunst Helmut Kohls“. Es stelle sich daher die Frage, inwieweit das individuelle Gedächtnis systematisch durch ein kulturelles überformt werden dürfe, das vermittels eingängiger Darstellungen wenig Raum für persönliche Interpretationen lässt. Einig wurde man sich über diese Grenze (der Wirksamkeit) von Public History nicht.

Martin Sabrow betonte in seinem abschließenden Kommentar nochmals, dass der akademischen Geschichtswissenschaft eine Doppelrolle als Beobachterin und Teilnehmerin der Erinnerungskultur zukomme. Denn gerade sie verfüge über die besseren Möglichkeiten zur theoretischen Selbstreflexion. In der Tat – nicht zufällig wurde diese Selbstverständnisdebatte im Rahmen des Historikertags geführt. Insofern überzeugte der hier gewählte Ansatz als Anknüpfungspunkt für eine Erweiterung der Disziplin um den neuen Zweig der Public History. Zumal es tatsächlich nicht nur um Deutungshoheit geht, sondern mit der Einrichtung des neuen Studiengangs Public History an der Freien Universität Berlin systematisch auch Wege erschlossen werden, die Perspektiven für Historiker bieten jenseits von Uni, Lehramt und Archiv.

Sektionsübersicht:

Irmgard Zündorf (Potsdam): Moderation

Simone Rauthe (Köln): Einführung

Sven-Felix Kellerhoff (Berlin) / Frank Bösch (Gießen): Historiker als Journalisten

Rosmarie Beier-de Haan (Berlin) / Olaf Hartung (Gießen): Historiker in Museen/Gedenkstätten

Anna Kaminsky (Berlin) / Edgar Wolfrum (Heidelberg): Historiker als „Aufarbeiter“

Thomas Schuhbauer (Hamburg) / Hanno Hochmuth (Berlin): Historiker als Filmemacher

Martin Sabrow (Berlin/Potsdam): Kommentar

Zitation
Tagungsbericht: HT 2010: Public History – Geschichte in der Öffentlichkeit. Das zwanzigjährige Jubiläum von „1989“ im Spannungsfeld von akademischer und öffentlicher Zeitgeschichte, 28.09.2010 – 01.10.2010 Berlin, in: H-Soz-Kult, 13.11.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3379>.
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Veröffentlicht am
13.11.2010
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