HT 2010: Wie schreibt man Deutsche Geschichte im Zeitalter der Transnationalität? Die Neukonzeption des Oxford Handbook of Modern German History in der Diskussion

Ort
Berlin
Veranstalter
Thomas Mergel, Humboldt-Universität zu Berlin; Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
28.09.2010 - 01.10.2010
Von
Thomas Werneke, Humboldt-Universität zu Berlin

Braucht es ein weiteres Handbuch zur deutschen Nationalgeschichte und lässt sich ein transnationaler Ansatz mit dieser verbinden? Herausgeber Helmut Walser Smith und die Autoren des „Oxford Handbook of Modern German History“ bejahen beide Fragen. Auf dem Historikertag stellte Smith zusammen mit einigen der Autoren das Konzept und ausgewählte Kapitel aus der 2011 zu erwartenden Publikation vor. Das Novum beim Handbook liegt in der explizit vertretenen transnationalen Perspektive. Mit ihr erhofft sich Smith neue Erkenntnisse für eine deutsche Nationalgeschichte.

In seinen einführenden Bemerkungen hob Sektionsleiter THOMAS MERGEL (Berlin) die Nationalgeschichte hervor. Sie werde immer noch vorrangig geschrieben. Der Begriff „transnational“ diene dagegen häufig als Label in der Nischenforschung für Theorieaufsätze. Mergel nannte hier unter anderem die histoire croisee und entangled history-Ansätze. Nur selten werde eine transnationale Perspektive tatsächlich auch eingenommen. Dies liege nicht zuletzt auch an einer nationalen Ordnung von Wissen: in Bibliotheken, Archiven, Forschungsinstitutionen etc. Dennoch haben die Arbeiten mit vergleichender Perspektive speziell bei Transferprozessen, beispielsweise bei der Migration zugenommen. Mergel sieht daher eine Aufgabe des Handbuchs darin, die Spannungen nationaler und transnationaler Geschichte zu beschreiben und darzustellen. Er betonte, beides seien keine Gegensätze. Das Handbuch liefere eine nationale Geschichte in der Dimension des Transnationalen, mit dem Blick auf den Anderen. Mergel widerspricht jedoch dem Telos der Anpassung und steten Zusammenführung von Nationalgeschichten. Die relationale Bedeutung der Geschichte müsse auch ein Umdenken in der Historiographie zur Folge haben.

HELMUT WALSER SMITH (Nashville) stellte daraufhin die Konzeption des 2011 erscheindenen Handbuchs vor, das sich von anderen Handbüchern zur deutschen Geschichte abheben soll. Smith legte großen Wert auf die Erwähnung der internationalen Autorenschaft. Auch wenn es sich eher um ein anglo-amerikanisch-deutsches Handbuch handele, wie Smith einschränkte und in der Diskussion auch Wilfried Nippel feststellte, so sei dies dennoch ein Novum. Mit dieser Autorenschaft und dem transnationalen Fokus verknüpfe sich der Anspruch an das Handbuch, einerseits die Spannungen zwischen nationalen und internationalen Handlungs(spiel)räumen herauszuarbeiten und andererseits die Ähnlichkeiten der Nationalgeschichten Europas im 19. und 20. Jahrhundert hervorzuheben. Dabei soll keine Lösung auf die Frage geboten werden, wie man transnationale Geschichte schreibt, sondern verschiedene Strategien hierzu sammeln. Das Leitmotiv sei es, mehr die Konvergenz der deutschen Geschichte mit den Geschichten der anderen zu ermitteln und weniger deren Abtrennung. So sprach er die gemeinsamen Gewalterfahrungen sowie die Okkupationspolitik in diesem Sinne an. Mit dieser Aussage provozierte er die Frage aus dem Publikum, wie es denn um den deutschen Sonderweg bestellt sei, worauf Smith erwiderte, dass die Sonderweg-These mit dem Handbuch keineswegs gestützt werden solle – aber auch nicht gemindert.

REBEKKA HABERMAS (Göttingen) stellte daraufhin ihren Beitrag „Religion“ vor. Ein Ergebnis ihrer Untersuchungen lautet, dass die Konfessionalisierungsthese im 19.Jahrhundert, ähnlich wie die Modernisierungs- und Säkularisierungsthese an Überzeugung verloren hätte. Habermas kritisiert, dass oft die Wahrnehmungen der Deutschen im 19. Jahrhundert durch die Forschung reproduziert würden, statt jene einer Analyse zu unterziehen. Wesentlich sei eine globale Perspektive auf Religion sowie die Erforschung der Semantik von Begriffspaaren wie etwa „heilig“ und „profan“ bzw. „religiös“ und „säkular“. Diese sind nur auf den ersten Blick Gegensatzpaare. Ebenso wenig dürfe man dem zeitgenössischen Gegensatz von Naturvolk (Fetisch) und Kulturvolk (Religion) aufsitzen.

Auch die Vorstellung von klarer Trennung von Staat und Kirche sei ein „Selbstmißverständnis“ des 19.Jahrhunderts. Es habe zwar auch die „gemischten Dinge“ in der Wahrnehmung gegeben, doch gerade jenseits dieser Mischformen sei die Trennung keineswegs so klar gewesen, wie sie empfunden wurde. So hätten protestantische Schulen absurderweise als weniger religiös gegolten als katholische Schulen. Während mit dem Katholischen Aberglaube, Fetischismus und Prozessionen verbunden wurde, alles also, was gegen die Moderne sprach und nur im Privaten gepflegt werden sollte, so haben sich die protestantischen Landeskirchen dagegen selbst als objektiv und modern wahrgenommen und sahen nichts Bedenkliches darin, den öffentlichen Raum zu durchdringen. Wolfgang Hardtwig ergänzte dies in der Diskussion, indem er erläuterte, dass sich die Protestanten eher als liberal denn als protestantisch verstanden hätten. Diese Semantik hätte einen spezifischen Nutzen gehabt und man müsse bedenken, ob nicht so durch die Hintertür wieder die Säkularisierungsthese Einzug hält. Es darf aber nicht vergessen werden, dass auch der Begriff „liberal“ quasi-religiöse Semantik auf sich ziehen konnte. Dies spricht doch wieder für Habermas' These, dass Religion auch dort wirkte, wo die Zeitgenossen sie nicht vermutet haben. Zuletzt wies Habermas darauf hin, dass auch religiöse Bedeutungen nicht immer als religiös von den Zeitgenossen wahrgenommen worden seien. Habermas stellte hier zwei Beispiele vor. Das Religiöse verbarg sich bspw. in der Semantik, wenn Friedrich Engels die „soziale Frage“ mit religiöser Metaphorik auflud und sie als Moral statt Religion identifizierte. Oder es wurde transferiert über Bilder, etwa durch Missionare, die Fotos von frisch getauften bzw. zu taufenden Außereuropäern zeigten.

THOMAS MERGEL (Berlin) folgte mit einer Präsentation seines Beitrags für das Handbuch. Mergel beschäftigt sich darin mit den vermeintlichen Gegensatzbegriffen Demokratie und Diktatur während der Weimarer Republik. Er bemängelt, dass die Politikgeschichte Deutschlands immer noch sehr national eingestellt sei. Ganz besonders würde dies für die Zeit der Weimarer Republik gelten. Außerdem würde zumeist der unfaire Vergleich mit den Vorzeigedemokratien der Geschichte angestrengt, statt mit den zeitgenössischen Entwicklungen. Ebenso lägen kaum Vergleiche über grenzüberschreitende Diskurse vor (mit Ausnahme Mark Mazowers).

Eine wesentliche Gemeinsamkeit in vielen europäischen Ländern der Zwischenkriegszeit sei zum einen die relative Nähe der Begriffe von Diktatur und Demokratie gewesen. Für beide sei das Volk die Basis aller politischer Legitimation gewesen. Auch der Homogenitätsdiskurs ließe sich in vielen Ländern, sogar in Großbritannien wiederfinden. Was jedoch das Volk ist, diese Frage sei unterschiedlich beantwortet worden. Auch hätten sich die Nationen intensiv bei der Demobilmachung, in der Krise und bei Interventionen beobachtet. Eine weitere Gemeinsamkeit sei die besagte Kriegserfahrung gewesen, wobei Wolfgang Hardtwig in der anschließenden Diskussion zu Recht darauf hinwies, dass es hier den fundamentalen Erfahrungsunterschied der deutschen Niederlage gebe. Dennoch habe, so Mergel, der Krieg überall in Europa zum Zusammenbruch stabiler, symbolischer Muster geführt. Oft sei als Folge daraus der Diktatur eher zugetraut worden, die Probleme lösen zu können, als der Demokratie. In Deutschland habe es eine mehrschichtige Souveränitätskonstruktion gegeben, in der die Demokratie als Normalfall und die [kommissarische – Anm. Autor] Diktatur als Notfall galt. Dabei habe das Parlament mehr der Repräsentation des Volkes gedient und weniger als demokratisches Steuerungsorgan. Hier sei der Begriff Volksfeind eine Beleidigung für alle politischen Lager gewesen und die politischen Parteien hätten unter dem Generalverdacht gestanden, die Volksgemeinschaft durch Parikularinteressen zu zerstören. Die Besonderheit des Nationalsozialismus habe in der Zuspitzung bereits bekannter Muster gelegen. Bis 1939 war der NS eine Volksdiktatur auf breiter Basis, die sich von anderen Diktaturen vor allem durch eine einzigartige rassistische Exklusion unterschieden habe. Demnach sei der NS auch nicht allein aus einer transnationalen Perspektive erklärbar. Abschließend stellt Mergel die These auf, dass vielleicht die relative Verspätung der NS-Diktatur eine Erklärung für deren Radikalität liefern könne. Hier habe der NS vielleicht von den Erfahrungen der frühen Diktaturen profitieren können.

ADAM TOOZE (New Haven), Professor für Wirtschaftsgeschichte von der Yale University, schloss die Kapitelexempel mit seinem Beitrag „Wirtschaft“ ab. Trotz Toozes Ablehnung klarer Epochengrenzen, datiert er das Projekt, aus der deutschen Volkswirtschaft eine Macht zu machen zwischen 1917-1945. Dennoch sei für diese Zeit eine rein wirtschaftliche Teleologie unbefriedigend.

In Deutschland hatte der Krieg eine radikale Wirkung auf die Wirtschaftsverwaltung. Mit der Gründung des Reichswirtschafts- sowie Reichsarbeitsministeriums und mit der Umstrukturierung der Reichsbank sei es nun erstmals möglich gewesen, Wirtschaftspolitik umfassend auf nationaler Ebene zu steuern. Tooze sieht gerade auf dem Feld der Wirtschaft eine dialektische Verbundenheit von Transnationalisierung und Nation. Als Belege führt er drei Beispiele an. Erstens, die Schwerindustrie, welche vom Markt her global, jedoch von den Standorten der Rohstoffgewinnung und -verarbeitung her national bzw. sogar regional operierte. Als zweites nennt Tooze den Arbeitsmarkt, wo die Vernationalstaatlichung der Arbeitsmärkte weltweit auf Arbeitsmigrationsphänomene wie Zwangs- und Gastarbeit traf. Deutschland sei hierfür ein zwingendes und radikales Beispiel. Schließlich wies Tooze auch auf die Kapitalmärkte hin. Diese waren radikal auf wenige Knotenpunkte konzentriert, in Deutschland auf Hamburg, Frankfurt und Berlin sowie international auf New York und London. Gleichzeitig sei der Spielraum von London und New York zwischen 1930 und 1960 stark eingeschränkt gewesen. Diese Finanzzentren strebten eher nach einer technokratischen Lösung, denn der eines freien Marktes. Tooze hält die Globalisierungstendenzen unter anderem dieser Beispiele für anonym, womit die Frage nach der Agency, im Sinne einer Wirtschaft als Subjekt, ausgeblendet wird. Mit der deutschen Unterlegenheitsneurose sei immer wieder die Frage einhergegangen, ob man wirtschaftlich Subjekt oder Objekt einer globalen Ordnung war. Zuletzt beschäftigte Tooze die Leitfrage des Handbuchs: Wie schreibt man unter den Zeichen des Transnationalen von Wirtschaftsgeschichte nationale Geschichte? Zunächst dürfe der Bezug zu Macht und eigener Macht der Akteure nicht vernachlässigt werden. Dabei müsse man auch die Eigendynamiken ökonomischer Prozesse berücksichtigen und vor allem bescheiden vorgehen. Globalisierung sei keine abgemachte Sache sondern eine Herausforderung. Tooze mahnte auch, dass die Krise von 2008 gezeigt habe, dass wieder nur nationale Wirtschaftsprogramme beschlossen wurden und die internationale Gemeinschaft kaum einen Schritt weiter gekommen sei.

Den Kommentar zur Sektion lieferte DIETER LANGEWIESCHE (Tübingen), welcher mit allgemeinen Bemerkungen zum Transnationalen einstieg. Die Situation im gegenwärtigen Europa sei nicht transnational. Auch supranational und andere Begriffe könnten die Tatsache nicht eindeutig benennen, dass in Europa erstmals einzelne Staaten Teile ihrer Souveränität an ein größeres Gebilde abgegeben haben. Der Autor dieses Sektionsberichtes wundert sich sehr, dass der Begriff föderal hier nicht fiel - zumal Langewiesche wenig später kritisierte, dass die föderative Hauptlinie der deutschen Geschichte im Handbuch zu kurz käme.

Langewiesche hat für den transnationalen Blick der Forschung zwei Varianten ausgemacht. Zum einen eine sogenannte „sektorale Transnationalität“, das heißt das bekannte historische Zusammenhänge mit der transnationalen Perspektive neu erschlossen werden, wobei neue Erkenntnisse vielleicht geringer ausfallen könnten, als erwartet. Als Vertreterin nannte er Rebekka Habermas' Beitrag zur Religion. Smith bestätigte in der Diskussionsrunde, dass er diesen Ansatz für das Handbuch im Sinne habe und eben nicht transnationale Geschichte. Zum anderen sieht Langewiesche eine Variante, in welcher Räume mit transnationaler Perspektive komplett neu erschlossen werden sollen (etwa der deutsche Raum). Mergel mache aber eher nationalgeschichtliche Linien als Erklärung stärker. Dieser erwiderte, dass es ihm eben nicht um die Geschichte der Transnationalität gehe, sondern dass er Transnationalität als Methode des Historikers sehe, auch um Nationalgeschichte zu schreiben.

Langewiesches konkrete Äußerungen und Kritiken zum Handbuch reduzierten sich weitestgehend auf fehlende thematische Felder. Neben der bereits erwähnten föderativen Hauptlinie, bemängelte er auch das Fehlen von Revolutionen im Konzept sowie beider Weltkriege. Siegfried Weichlein ergänzte dies in der Diskussion um die thematische Integration von Selbstverständnissen in noch nicht geschlossenen Räumen. Gerade die Reichsgründung von 1871 wäre aus transnationaler Perspektive ein lohnendes Anschauungsbeispiel. Langewiesche bemerkte abschließend, dass bis dato keine umfassende transnational gefasste Nationalgeschichte vorliege.

Es bleibt abzuwarten, ob es dem Oxford Handbook of Modern German History gelingen wird, mit der internationalen Autorenschaft eine Synthese zur deutschen Geschichte zu erstellen und kein zerstückeltes Gesamtwerk, wie Volker Sellin warnte. Ebenso gespannt darf man sein, ob die gesammelten Strategien einer transnationalen Methode, wie sie von den Autoren vertreten werden, dieser Synthese zuträglich sein werden. Gewiss und zur Erinnerung: das Werk heißt bewusst nicht Oxford Handbook of Modern German Histories.

Sektionsübersicht:

Helmut Walser Smith (Nashville): Die Konzeption des Oxford Handbook

Rebekka Habermas (Göttingen): 19. Jahrhundert/Religion

Thomas Mergel (Berlin): 20. Jahrhundert/Politik

Adam Tooze (New Haven): 20. Jahrhundert/Wirtschaft

Dieter Langewiesche (Tübingen): Kommentar

Zitation
Tagungsbericht: HT 2010: Wie schreibt man Deutsche Geschichte im Zeitalter der Transnationalität? Die Neukonzeption des Oxford Handbook of Modern German History in der Diskussion, 28.09.2010 – 01.10.2010 Berlin, in: H-Soz-Kult, 20.11.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3391>.