HT 2010: Die Entstehung des modernen Unternehmens: Aufkommen, Form und Grenzen der Institutionalisierung und Diffusion in Europa 1400-1900

Ort
Berlin
Veranstalter
Ralf Banken, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt; Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
28.09.2010 - 01.10.2010
Von
Christian Müller, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt

Unternehmen sind heutzutage die vorherrschende Institution zur Erstellung ökonomischer Leistungen und bilden damit einen zentralen Bestandteil moderner Volkswirtschaften. Ausgangsfrage der Sektion „Die Entstehung des modernen Unternehmens: Aufkommen, Form und Grenzen der Institutionalisierung und Diffusion in Europa 1400-1900“ war daher, wie es eigentlich dazu kam, dass die Institution des „modernen“ Unternehmens zur dominierenden Organisationsform der Produktion seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde. Sektionsleiter RALF BANKEN (Frankfurt am Main) begann die Sektion mit der Feststellung, dass die Unternehmensgeschichte bisher nur selten auf die Zeit vor den 1870er-Jahren blicke und daher die Frage nach der Entstehung des „modernen“ Unternehmens nicht präzise beantwortet werden könne. Im Rahmen einer historischen Einordnung werde deutlich, dass eine große Verbreitung von Unternehmen bereits um etwa 1800 zu beobachten sei. Man gehe in der Sektion jedoch nicht davon aus, dass es zuvor keine Unternehmen in diesem Sinne gegeben habe. Vielmehr sei ihre Zahl lediglich so gering gewesen, dass sie letztlich nur als Einzelphänomene der Wirtschaft verstanden werden könnten.

Die zentralen Fragen der Sektion waren daher, warum Unternehmen in Europa und den USA erst ab Anfang des 19. Jahrhunderts zu der prägenden Institution der Wirtschaft wurden und ob der neue Begriff des Unternehmens lediglich eine quantitative Veränderung etwa der Betriebsgröße markiere oder ob zu dieser Zeit eine auch qualitativ neue Institution zur Koordinierung ökonomischer Aktivität entstanden sei. In diesem Sinne war es das Ziel der Sektion, anhand verschiedener Beispiele aus unterschiedlichen Untersuchungszeiträumen den institutionellen Wandel der Produktion zu beschreiben und damit die Frage nach der Entstehung des „modernen“ Unternehmens konkreter als bisher beantworten zu können.

Die Sektion begann mit einem Vortrag von MICHAEL ROTHMANN (Gießen) über „Handelsgesellschaften und Gewerbeunternehmungen im Spätmittelalter“. Rothmann zeigte exemplarisch anhand der adeligen Domänenwirtschaft, dem Bergbau und dem florentinischen Bankenwesen die Vielfalt spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Organisationsformen von Produktion und Dienstleistungen. Prinzipiell gehe es, so Rothmann, nicht darum, Aspekte moderner Institutionen bereits vor der Moderne zu lokalisieren, sondern um eine Analyse mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Wirtschaftsakteure in ihren jeweils zeitgenössisch bestimmten Kontexten. Rothmann machte im Gegensatz zu einem Dualismus von Subsistenz- und Marktwirtschaft deutlich, dass der jeweils historisch-spezifische Grad an Marktorientierung die Organisationsformen der Wirtschaft bestimmte.

Die adelige Domänenwirtschaft etwa, durchaus als eine unternehmerische Organisationsform zu verstehen, zeige dabei die Einbettung des wirtschaftlichen Handelns in die jeweiligen gesellschaftlichen Bezüge. Die erwirtschafteten Überschüsse der Adelshäuser wurden regelmäßig auf regionalen Märkten angeboten. Der adelige Haushalt war auf diesem Wege immer auch eingebunden in die lokale Natural-, Markt- und Geldwirtschaft. Noch grundsätzlicher sei jedoch die Einbettung wirtschaftlichen Handelns in Herrschaftsbezüge gewesen, denn wirtschaftlicher Erfolg galt als Grundlage für die Finanzierung effektiver adeliger Herrschaft. Ökonomisches Handeln als die kalkulierte Verwaltung adeliger Haushalte konnte daher durchaus auf den Markt bezogen sein, es war jedoch in erster Linie ein Mittel zur Realisierung herrschaftlicher Aufgaben im Rahmen der Selbstversorgung. Ein Beispiel für eine viel deutlichere Marktorientierung sei hingegen die florentinische Compagnia dei Bardi zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Das Handels- und Finanzunternehmen expandierte nach und nach zu einem regelrechten Großbetrieb. Betriebsgröße und Internationalität der Ausrichtung führten zu einer Loslösung von ursprünglich familiären Bezügen und der Bildung eines die Verwandtschaft übersteigenden Netzwerkes.

Rothmanns Vortrag zeigte insgesamt, dass sich neben einer Vielfalt äußerst kleinteiliger Organisationsformen die spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Unternehmungen vor allem in Bezug auf den Grad der Marktorientierung differenzierten und daraus das Spektrum einer Institutionalisierung der Unternehmensformen resultierte.

STEFAN GORISSEN (Bielefeld) untersuchte in seinem Vortrag „Kaufleute – Verleger – Unternehmer. Ökonomische Akteure und Betriebsformen im 18. und frühen 19. Jahrhundert“ die Entwicklung und den Wandel protoindustrieller Betriebsformen im Rahmen einer Analyse der jeweils zugrunde liegenden Kostenstrukturen. Ausgangspunkt der Untersuchung waren verschiedene Fälle dezentraler Produktionsformen des 18. Jahrhunderts und die jeweils erkennbaren Grade an Integration in Unternehmen.

Die Fragestellung des Vortrages ergab sich aus einem institutionenökonomischen Ansatz. Die Entstehung von Unternehmen könne demnach verstanden werden als Integration von alternativ auch über Märkte absolvierbare Kooperationen. Die Höhe der Transaktionskosten sei jeweils entscheidend, ob sich der ökonomische Austausch über Marktbeziehungen oder Unternehmensgründungen vollziehe. In diesem Sinne untersuchte Gorißen für das Wolltuchgewerbe, die Eisen- und Stahlverarbeitung und das Leinengewerbe die Frage, ob der Versuch, die Kosten der Marktnutzung zu reduzieren, zu einer Integration ökonomischer Bereiche in Form von Unternehmen führte. Ein Beispiel für zunehmende Integration sei etwa in der Eisen- und Stahlverarbeitung der bergisch-märkischen Gewerberegion zu beobachten. Dort kam es zu kaufmännischen Unternehmensgründungen in Form von kleineren Protofabriken vor allem im Bereich der Herstellung von nur wenig spezifischen Vorprodukten. Die Kaufleute investierten in eigene Fabriken, um opportunistisches Verhalten zu begrenzen und so die Qualität ihrer Vorprodukte zu sichern. Die Kosten zur Sicherstellung von Qualität rechtfertigten die Investitionen der Kaufleute und führten daher zu einer Integration von Produktion und Distribution in einem Unternehmen.

Grundsätzlich, so Gorißen, lasse sich mit einer institutionenökonomischen Definition von Unternehmen der Übergang zu zentralisierten Formen der Produktion beschreiben. Mittels eines „breiten Kostenbegriffs“ könne der jeweilige Grad an Integration in Form von Unternehmen plausibel gemacht werden. Nicht möglich sei es jedoch, auf diesem Wege qualitativ zwischen Unternehmen und „vorunternehmerischen Formen ökonomischer Organisation“ zu unterscheiden. Beobachtbar werde jedoch die Logik und das Ausmaß von Integrationsvorgängen im Sinne eines historischer Wandels von Betriebsformen.

RALF BANKEN (Frankfurt am Main) fokussierte in seinem Vortrag „Handlung, Firma, Unternehmen. Zur Institutionalisierung der modernen Unternehmung im 19. Jahrhundert“ die Institutionalisierung der Wirtschaftsorganisation des „modernen“ Unternehmens. Ausgehend von der Frage, warum Unternehmen seit Anfang des 19. Jahrhunderts zu einem prägenden Phänomen der Wirtschaft wurden, analysierte Banken zum einen die Entwicklung der rechtlichen Erfassung von Unternehmen im europäischen Handelsrecht und zum anderen anhand eines konkreten Beispieles aus dem Hüttenwesen den historisch spezifischen Verlauf eines Institutionalisierungsprozesses bis Mitte des 19. Jahrhunderts.

Blicke man auf die zeitgenössischen Begrifflichkeiten, so Banken, dann lasse sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts und in Reaktion auf die wachsende Zahl von Unternehmen eine allmähliche Herausbildung erster gesellschafts- und unternehmensrechtlicher Rahmenbedingungen in Deutschland beobachten. Noch im 1861 eingeführten Handelsrecht jedoch basiere das Unternehmen auf dem Begriff des Vollkaufmannes. Nicht das Unternehmen als Organisation, sondern der Vollkaufmann als Person sei der primäre semantische Bezug für eine rechtliche Erfassung der Einzelunternehmung gewesen.

Am Beispiel der „Hüttengewerkschaft & Handlung Jacobi, Haniel und Huyssen“ zeigte Banken das Aufkommen der Organisation „moderner“ Unternehmen innerhalb frühindustrieller Wirtschaftsformen. Mit Bezug auf Werner Sombarts Bestimmung des Unternehmens als Rechts-, Rechnungs- und Krediteinheit zeige das Beispiel der Eisenhütte zahlreiche Merkmale „moderner“ Unternehmen auf, wobei es sich gegen Mitte des 19. Jahrhunderts um eine nach wie vor sich vollziehende Institutionalisierung handele, was sich etwa an der starken Bedeutung der handelnden Personen zeigen lasse.

Die grundlegende Frage sei letztlich, warum Unternehmen seit Beginn des 19. Jahrhunderts vermehrt aufkämen und zur primären Institution der Wirtschaft wurden. Dies mache weitere empirische Einzelstudien notwendig, da die Form des Unternehmens nicht ausschließlich theoretisch, etwa im Sinne der Neuen Institutionenökonomik, sondern immer auch als jeweils historisches Phänomen erklärt werden müsse.

ALFRED RECKENDREES (Kopenhagen) beschrieb in seinem Vortrag „’nur durch das Actiensystem lässt sich die englische Industrie auf deutschen Boden verpflanzen’? – Industrialisierung und Unternehmensformen im frühen 19. Jahrhundert“ die Bedeutung der Aktiengesellschaft und damit die Rolle einer „modernen“ Unternehmensform für die wirtschaftliche Entwicklung in der frühen Industrialisierung. Ausgehend von einer empirischen Analyse preußischer Aktiengesellschaften zeigte Reckendrees am Beispiel des Aachener Raumes die Relevanz „moderner“ Unternehmen für den Industrieprozess im frühen 19. Jahrhundert. Mit Blick auf die Tuchindustrie, der damals wichtigsten Branche der Region, sei zu beobachten, dass zwar Unternehmer der Tuchindustrie ihre Gewinne in diverse Aktiengesellschaften investierten, in der Tuchindustrie selbst jedoch eine Umgründung in Aktiengesellschaften erst während der 1870er-Jahre stattgefunden habe. In traditionellen Branchen wie der Textilindustrie sei zwar ebenfalls ein hoher Kapitalbedarf vorhanden gewesen, dieser konnte jedoch aufgebracht werden, da die Höhe der erforderlichen Mindestinvestition relativ gering gewesen sei. Die traditionellen Branchen der Aachener Region konnten demnach über den Weg der Selbstfinanzierung ein Größenwachstum aus sich heraus erzielen, was die Gründung von Aktiengesellschaften nicht erforderlich gemacht habe.

Wenn auch die Institution der Aktiengesellschaft nicht für das Entstehen der Industrie verantwortlich sei, so sei sie doch für die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung in der Aachener Region wichtig gewesen: Kapitalbeschaffung für neue Branchen, Kooperation der Akteure, Wissensteilung, Risikobegrenzung und etwa die Einbindung von Privatbanken seien mit der Gründung von Aktiengesellschaften verbunden gewesen.

Insgesamt könne, so Reckendrees, nicht von einer entscheidenden Bedeutung der Aktiengesellschaft für die Zeit der frühen Industrialisierung ausgegangen werden. Die empirischen Befunde würden vielmehr bestätigen, dass nicht die Früh-, sondern vor allem die Hochindustrialisierung auf Aktiengesellschaften basierte. Traditionellen Branchen wie der Textilindustrie im Aachener Raum war es möglich, ihr Wachstum eigenfinanziert zu gestalten und ohne die Rechtsform der Aktiengesellschaft zur industriellen Produktionsweise überzugehen.

CLEMENS WISCHERMANN (Konstanz) wies in seinem Kommentar darauf hin, dass die Frage nach der Entstehung des „modernen“ Unternehmens ein historisches Denken nahe lege, welches zu sehr nach Kontinuitäten bzw. Übergängen und Umbruchszeiten suche. Es bestehe dabei die Gefahr, das moderne Unternehmen zu einem Modell zu machen, dem sich alle nicht (und in diesem Sinne noch nicht) modernen Formen des Wirtschaftens mit der Zeit mehr oder weniger anzunähern hätten. Im Gegensatz dazu schlug Wischermann vor, nicht das Unternehmen des 19. Jahrhunderts als Institution zu fokussieren, sondern in einem institutionell allgemeineren Sinne die Koordination ökonomischer Interaktion in ihren jeweils historischen Konstellationen und Konfigurationen nachzuvollziehen. Zur Erfassung des Wandels dieser Konfigurationen schlug Wischermann drei Begriffe zur Diskussion vor: Produktion, Koordination und Kooperation. Neben der Produktion als klassischer Zweck des Unternehmens meine Koordination dann die jeweils historische Organisation wirtschaftlicher Produktion und deren jeweilige Organisationskosten. Kooperation hingegen betreffe die historisch spezifischen und jeweils höchst unterschiedlichen Formen sozialer Kontrolle und deren Realisierung im Sinne des Eingehens unterschiedlicher Kontrollkosten wie etwa bei Familie oder Management. Der Begriff Kooperation und der darin enthaltene Verweis auf die verschiedenen Formen sozialer Kontrolle sei zudem geeignet, die Unternehmensgeschichte mehr sozialgeschichtlich zu positionieren.

Die Diskussion bezog sich einerseits auf die verschiedenen Vorträge, nahm andererseits aber auch nochmals die grundsätzlichen Fragen der Sektion in den Blick. Eine wichtige Nachfrage betraf unter anderem die Sichtbarkeit von Transaktionskosten in den Quellen, also die Frage, ob die unterschiedlichen Kosten im institutionenökonomischen Sinne überhaupt empirisch ausfindig zu machen seien. Gorißen erläuterte dazu, dass zwar Transaktionskosten nur schwer zu operationalisieren seien, dass aber dennoch etwa im Bereich der Rechnungsführung die Entscheidungsprozesse als Abwägung diverser Kosten zumindest mittelbar sichtbar gemacht werden könnten.

Sehr grundsätzlich wurde schließlich diskutiert, inwieweit sich die unternehmenshistorische Zäsur um 1800 überhaupt rechtfertigen lasse. Im Zuge eines funktionalen und damit sehr breiten Unternehmensbegriffs könnten, so das Argument, viele Merkmale „moderner“ Unternehmen auch schon vor 1800 ausfindig gemacht werden, was zu der Frage führe, inwieweit die Zeit um 1800 überhaupt einen tatsächlichen Wandel im Bereich der Unternehmensentwicklung darstelle. Dem wurde entgegengehalten, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts durchaus eine qualitative Veränderung beobachtet werden könne. Eine von bestimmten Personen losgelöste Organisation, ein höheres Maß an rechtlicher Institutionalisierung oder etwa eine neuartige soziale Kontrolle von Arbeit innerhalb von Unternehmen seien vielfältige Prozesse, die für einen grundsätzlichen Wandel in dieser Zeit sprechen würden. Unternehmen entwickelten sich in diesem Sinne aus eher einzelnen Erscheinungen integrierter Produktion hin zu prägenden Institutionen der modernen Wirtschaft.

Die Sektion machte insgesamt deutlich, dass es vielversprechend ist, die unternehmenshistorische Perspektive mehr als bisher auf die frühen Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts zu lenken. Interessant für die Frage nach der Entstehung des modernen Unternehmens wäre noch ein Blick auf den institutionellen Wandel in anderen Bereichen der Gesellschaft, der ebenfalls mit der Entstehung bestimmter Organisationen verbunden war. In diesem Sinne könnte das moderne Unternehmen noch deutlicher verstanden werden als Teil einer umfassenderen Veränderung, in der gesellschaftliche Aufgaben immer stärker speziell durch Organisationen bewältigt wurden. Dies wäre nicht zuletzt ein wichtiger Beitrag zur Institutions- und Organisationsgeschichte der modernen Gesellschaft aus wirtschaftshistorischer Perspektive.

Sektionsübersicht:

Michael Rothmann (Gießen): Handelsgesellschaften und Gewerbeunternehmungen im Spätmittelalter

Stefan Gorißen (Bielefeld): Kaufleute – Verleger – Unternehmer. Ökonomische Akteure und Betriebsformen im 18. und frühen 19. Jahrhundert

Ralf Banken (Frankfurt am Main): Handlung, Firma, Unternehmen. Zur Institutionalisierung der modernen Unternehmung im 19. Jahrhundert

Alfred Reckendrees (Kopenhagen): ’nur durch das Actiensystem lässt sich die englische Industrie auf deutschen Boden verpflanzen’? – Industrialisierung und Unternehmensformen im frühen 19. Jahrhundert

Clemens Wischermann (Konstanz): Kommentar

Zitation
Tagungsbericht: HT 2010: Die Entstehung des modernen Unternehmens: Aufkommen, Form und Grenzen der Institutionalisierung und Diffusion in Europa 1400-1900, 28.09.2010 – 01.10.2010 Berlin, in: H-Soz-Kult, 20.11.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3396>.