Historicising Farming Styles

Ort
Melk
Veranstalter
Institut für Geschichte des ländlichen Raumes, St.Pölten, Österreich
Datum
22.10.2010 - 23.10.2010
Von
Andreas Grünewald, Institut für Politikwissenschaft, Universität Wien

Wer bestimmt die historische Entwicklung der Landwirtschaft? Sind Bäuerinnen und Bauern in politischen und wirtschaftlichen Strukturen gefangen, die einen engen Modernisierungspfad vorgeben? Oder gestalten sie eigenständig die Entwicklung ihrer Höfe und widerlegen dadurch die weitverbreitete Vorstellung, dass „Wachsen oder Weichen“ das alles bestimmende Prinzip der modernen Landwirtschaft ist? Diese zentralen Fragen bildeten den Hintergrund des zweitägigen Workshops „Historicing Farming Styles“, zu dem das Institut für die Geschichte des ländlichen Raumes (St.Pölten/Österreich) Ende Oktober nach Melk geladen hatte. Anlass des Workshops war die Präsentation der Halbzeitergebnisse des dreijährigen Forschungsprojekts „Landwirtschaftsstile in Österreich 1930-1980“, finanziert durch den österreichischen Wissenschaftsfonds FWF, das unter Bezugnahme auf das Konzept der Landwirtschaftsstile (farming styles) landwirtschaftliche Entwicklungspfade in ausgewählten Regionen Ostösterreichs untersucht.

Neben den Potentialen und Grenzen dieses Konzepts für die historische Forschung wurden bei der Präsentation der Zwischenergebnisse auch Fragen zur methodischen Umsetzung ausführlich diskutiert. Dies allein hätte den Workshop schon interessant genug gemacht, handelt es sich doch um den ersten Versuch, das Konzept der Landwirtschaftsstile für die Agrargeschichte fruchtbar zu machen, und dies mit der Methode der multiplen Korrespondenzanalyse, die unter Historiker/innen ebenfalls noch kaum angewandt wurde. Zudem konnte der Workshop mit zwei weiteren Pluspunkten aufwarten: Den Veranstalter/innen war es zum einen gelungen, mit dem Agrarsoziologen van der Ploeg den Entwickler des farming-styles-Konzepts für den Workshop zu gewinnen. Andererseits wurden Wissenschafter/innen aus unterschiedlichsten Disziplinen – von der Antropologie über die Agrarökonomie und Politikwissenschaft bis hin zur Umweltgeschichte – eingeladen und um Kommentare zu den Präsentationen gebeten. Diese hohe Maß an Interdisziplinarität bot die Gelegenheit, Fragen nach den bestimmenden Faktoren landwirtschaftlicher Entwicklung umfassend und kontrovers zu beleuchten.

In seiner Key Note legte JAN DOUWE VAN DER PLOEG (Universität Wageningen) zu Beginn des Workshops einige wichtige Grundlagen des Landwirtschaftsstile-Ansatzes dar. Es handelt sich dabei um einen akteurszentrierten Ansatz, der sich explizit von strukturalistischen Analysen abhebt. Van der Ploeg und seine Kollegen und Kolleginnen der Wagenigen School zeigen in ihrer Forschung auf, wie divers sich die landwirtschaftliche Realität – entgegen eines weitverbreiteten linearen Modernisierungsdenkens – darstellt. Bäurinnen und Bauern verfolgen unterschiedlichste Strategien, von Produktionskooperativen bis zu Agrotourismus oder Qualitätsproduktion, um nicht nur ihr Überleben zu sichern, sondern eigene Handlungsspielräume zu erreichen. Landwirtschaftsstile sind eine spezifische Art, wie unterschiedliche Strategien kombiniert werden. Es handelt sich um unterschiedliche Formen des Denkens, die sich in der Praxis materialisieren. Landwirtschaftsstile sind dabei keine kategorialen Fremdzuschreibungen, sondern gehen von der Sicht und Eigenwahrnehmung der Bäuerinnen und Bauern aus. In seinem Vortrag fokussierte van der Ploeg des weiteren auf das Konzept der Koproduktion, welches besagt, das Bauern und Natur in einem engen Wechselverhältnis stehen und Bauern ihre Umwelt aktiv mit gestalten. Van der Ploeg führte dafür etwa die Vermehrung der Biodiversität italienischer Berggebiete mit extensiver Weidewirtschaft an. In der anschießenden Diskussion wurde die Hereinnahme von Natur in das Konzept der Landwirtschaftsstile ausdrücklich begrüßt, gleichzeitig kritisierte ein Umwelthistoriker, dass Natur bei van der Ploeg vorwiegend als passives Element der gesellschaftlichen Naturverhältnisse konzeptionalisiert werde. Demgegenüber plädierte er dafür, die aktive Rolle von Natur bei der Gestaltung der Landwirtschaft zu berücksichtigen. Eine weitere Kritik lautete, dass das Konzept der Landwirtschaftsstile auch andere strukturierende Faktoren (politische Vorgaben ebenso wie Marktstrukturen), die die Handlungsspielräume am Hof einschränkten, zu wenig berücksichtige und dabei den Handlungsspielraum von Bäuerinnen und Bauern tendenziell überschätze.

Im Vortrag „Hitler’s Oilseed Growers“ hinterfragte ERNST LANGTHALER, stellvertretender Leiter des Instituts für die Geschichte des ländlichen Raumes, die weitverbreitete Vorstellung, die nationalsozialistische Landwirtschaftspolitik mit ihrer „Blut und Boden“-Ideologie sei strikt anti-modernistisch ausgelegt gewesen. Als Gegenbeispiel führte er das nationalsozialistische Programm zur Ankurbelung der Produktion von Ölsamen an. In seinem Beitrag analysierte Langthaler anhand einiger Gemeinden Ostösterreichs, welche bäuerlichen Gruppen dieses Programm aufnahmen. Langthaler kam zu dem Schluss, dass dies nur für zwei – bereits damals privilegierte – Gruppen von Landwirten zutraf, die die erforderlichen technischen und naturräumlichen Voraussetzungen für einen erfolgreichen Anbau aufwiesen. Damit sicherten sich diese Gruppen gute Voraussetzungen für die weitere Entwicklung in der Nachkriegszeit, in der sich das produktivistische Paradigma endgültig durchsetzte. Langthalers Beitrag ist sowohl aus theoretischer als auch aus methodischer Sicht innovativ. Auf theoretischer Ebene versuchte er, den akteurszentrierten Ansatz der Landwirtschaftsstile mit dem eher strukturalistischen Ansatz der Food Regimes zu verbinden. Auf der methodischen Ebene arbeitete Langthaler mit der multiplen Korrespondenzanalyse (Multiple Correspondence Analysis – MCA). Mit dieser Methode betreten die Historiker/innen weitgehendes Neuland. Die MCA ist ein Verfahren, in dem ein Computerprogramm unterschiedliche Fälle (in diesem Fall Höfe) in einem mehrdimensionalen Raum nach ihrer relativen Ähnlichkeit anordnet, nachdem er zuvor die Variablen mit der höchsten Signifikanz identifiziert hat. In Langthalers Fall dienten Hofkarten als Datengrundlage. Die Diskussion fokussierte jedoch weniger auf die Methode, sondern auf die Frage, ob der akteurszentrierte Ansatz der Farming Styles, der von der Wahrnehmung der Bäuerinnen und Bauern ausgeht, nicht immer auch auf Interviews angewiesen sei, und somit dessen historischen Einsetzbarkeit Grenzen gesetzt seien.

Nach diesen ersten drei Inputs wurden die bisherigen Ergebnisse des Forschungsprojekts „Landwirtschaftsstile in Österreich 1930-1980“ präsentiert und diskutiert. Das Forschungsprojekt gliedert sich in drei Module, die mit unterschiedlichen Dimensionen von Landwirtschaftsstilen korrespondieren: deren symbolischem, materiellem und sozialem Gehalt. Die vorläufigen Ergebnisse der zwei ersten Dimensionen wurden am Workshop vorgestellt. Den Anfang machte ULRICH SCHWARZ mit einer Analyse dominanter Diskurse in der Zeitschrift „ Der österreichische Bauernbündler“ und deren Verschiebung von den 1950er- bis zu den 1980er-Jahren. Schwarz vertrat die These, dass sich Subjektivitäten der Bäuerinnen und Bauern, die ein wesentliches Element des jeweiligen Landwirtschaftsstils darstellen, sich in Auseinandersetzung mit Diskursen des „Bauernbündlers“ bilden, der im ländlichen Raum ein zentrales Informationsorgan mit engen Verbindungen zur offiziellen Agrarpolitik war und ist. Schwarz nutzte für seine Diskursanalyse ebenfalls die MCA, bietet dieses Verfahren doch die Möglichkeit, auch mit qualitativen Daten zu arbeiten. Schwarz stellte fest, dass es im „Bauernbündler“ über die Jahrzehnte zu einer Entpolitisierung einiger Fragen gekommen sei, zudem wurde die Vorstellung von einem relativ autonomen bäuerlichen Leben zunehmend von Diskursen über die notwendige Anpassung an Sachzwänge abgelöst. Relativ konstant blieb hingegen die diskursive Herstellung von Geschlechterrollen und damit Geschlechterverhältnissen. Als produktive Sphäre erkannte der „Bauernbündler“ lediglich die Produktion von Waren für den Markt an, die weitgehend mit männlicher Arbeit gleichgesetzt wurde, während die unproduktive Hausarbeit den Frauen vorbehalten blieb. Schwarz’ Kombination der Diskursanalyse mit der MCA war beeindruckend, als Zuhörer/in hatte man jedoch mit der hohen Komplexität der Datenanalyse und –auswertung (einem dreidimensionalen Diskursfeld!) zu kämpfen. Die Bedeutung der Diskursanalyse für die Erforschung von Landwirtschaftsstilen kann jedenfalls nicht hoch genug eingeschätzt werden, auch wenn die Frage bleibt, inwieweit die in den Medien repräsentierten virtuellen Subjektpositionen auch mit den realen Subjektivitäten der Bäurinnen und Bauern übereinstimmen.

Am zweiten Tag des Workshops präsentierten SOPHIE KICKINGER und RITA GARSTENAUER die vorläufigen Ergebnisse von Modul 2, das sich mit der materiellen Dimension der Landwirtschaftsstile auseinandersetzt, das heißt der Frage, auf welche Ressourcenbasis die Höfe in den ausgewählten Gemeinden Ostösterreichs aufbauten, und wie sich diese im Laufe der Jahrzehnte veränderten. Ebenso gaben sie einen genaueren Einblick in das Verfahren der multiplen Korrespondenzanalyse (MCA). In die Analyse gingen betriebswirtschaftliche Daten von mehr als 1.000 Bauernhöfen ein, die ein Bild der Entwicklung derselben zwischen 1950 und 1980 zeichneten. Das in der MCA verwendete Computerprogramm identifizierte Betriebsgröße und technische Ausstattung als die zwei signifikantesten Faktoren für die Erklärung der jeweiligen Entwicklung und ordnete die einzelnen Höfe auf zweidimensionalen Graphiken gemäß diesen Faktoren an. Über den Zeitverlauf zeigte sich dabei, dass es diverse Formen landwirtschaftlicher Überlebensstrategien gibt, und dass die Entwicklungen keineswegs immer linear verlaufen. Neben den zwei entgegen gesetzten Tendenzen von Wachsen oder Weichen identifizierten die Wissenschafter/innen auch eine dritte Entwicklungsrichtung, die sie, darin van der Ploeg folgend, mit „peasant way of farming“ bezeichneten. Dieser zeichnet sich durch das Streben nach relativer Autonomie aus, was unter anderem in der Reduktion der Abhängigkeit von diversen Inputmärkten und der Konzentration auf Familienarbeit zum Ausdruck kommt.

Es passiert bei wissenschaftlichen Tagungen nicht oft, das Wissenschafter/innen ihr methodisches Vorgehen so detailliert nachzeichnen wie bei dem Workshop in Melk. Dies zu leisten, ist den Organisator/innen hoch anzurechnen, macht die eigene Arbeit aber auch angreifbarer. Die Diskussion der beiden Beiträge drehte sich dann auch hauptsächlich um die MCA sowie die Interpretation der Ergebnisse. Kritisiert wurde unter anderem, dass vor allem die Variable Betriebsgröße zu viele unterschiedliche Daten (z.B. Viehbestand und Ackerfläche) subsumierte, die schwer miteinander vergleichbar seien. Gleichsam wurde angemerkt, dass die Festlegung der zwei Hauptvariablen (Betriebsgröße und technische Ausstattung) dominante Erklärungsansätze landwirtschaftlicher Entwicklung reproduziere. Der Hinweis der Forscher/innen, nicht sie, sondern das Computerprogramm habe diese Variablen als die am signifikantesten errechnet, wurde entgegengehalten, dass die Art der Datengenerierung und –Eingabe die Forschungsergebnisse von vorne herein in eine bestimmte Richtung lenkten. Dies wurde von der Forschungsgruppe auch nicht bestritten, vielmehr verwies sie darauf, dass sie sich bewusst sei, dass sie in diesem Modul mit Daten operiere, die die Sicht der staatlichen Agrarbehören auf die Höfe wiedergäben. Die hier präsentierten Ergebnisse seien daher auch nur als Zwischenergebnisse zu verstehen. In Modul 3, das in Anschluss an den Workshop gestartet wurde, ginge es nun darum, anhand autobiographischer Interviews auf ausgewählten Höfen die Eigensicht und die Strategien der Bäuerinnen und Bauern in das Projekt einzubringen. Als Genese der drei Module sollen dann diverse existierende Landwirtschaftstile in ihrer symbolischen, materiellen und sozialen Dimension herausgearbeitet werden.

Den Abschluss des Workshops bildete eine Exkursion auf einen der Höfe, die im Forschungsprojekt erfasst werden. Die Exkursion gab damit dem farming-style Konzept ein konkretes Gesicht. Die Exkursion veranschaulichte, wie divers die Entwicklung von Höfen verlaufen kann, und welch unterschiedliche Strategien und damit Landwirtschaftsstile Bäuerinnen und Bauern abseits eines klassischen Entwicklungspfads verfolgen.

Konferenzübersicht:

Jan Douwe van der Ploeg (Wageningen University): Farming Styles Research: the State of the Art (keynote lecture)

Karin Jürgens (Büro für Agrarsoziologie und Landwirtschaftskultur): New Balances Between Flexibility and Specialization: German Dairy Farmers and their Farming Styles

Ernst Langthaler (Institut für die Geschichte des ländlichen Raumes): Hitler’s Oilseed-Growers. Farming Styles, Agrosystems and the Nazi Food Regime in Niederdonau, 1938-1945

Ulrich Schwarz (Institut für die Geschichte des ländlichen Raumes): The Discursive Space of Farming: Analysis of a Lower Austrian Farmers’ Weekly, 1950s-1980s

Sophie Kickinger (Institut für die Geschichte des ländlichen Raumes): The Agrosystemic Space of Farming: Analysis of Farm Records in Two Lower Austrian Regions, 1945-1980s (Part I)

Rita Garstenauer (Institut für die Geschichte des ländlichen Raumes): The Agrosystemic Space of Farming: Analysis of Farm Records in Two Lower Austrian Regions, 1945-1980s (Part II)

Zitation
Tagungsbericht: Historicising Farming Styles, 22.10.2010 – 23.10.2010 Melk, in: H-Soz-Kult, 03.12.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3418>.
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Veröffentlicht am
03.12.2010