Arbeit in der sich globalisierenden Welt – historischer Wandel und gegenwärtige Effekte. Neue Perspektiven auf die Gewerkschaftsgeschichte II

Ort
Bonn
Veranstalter
Friedrich-Ebert-Stiftung (FES); Hans-Böckler-Stiftung (HBS)
Datum
11.11.2010 - 12.11.2010
Von
Matthias Müller

In Anknüpfung an die gemeinsame Vorjahresveranstaltung widmeten sich die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) und die Hans-Böckler-Stiftung (HBS) mit ihrer vom 11. bis 12. November 2010 in Bonn veranstalteten Fachtagung abermals dem Forschungsgegenstand Arbeits- und Gewerkschaftsgeschichte. Unter dem Leitstern „Arbeit in der sich globalisierenden Welt – historischer Wandel und gegenwärtige Effekte. Neue Perspektiven auf die Gewerkschaftsgeschichte II“ konnten die Tagungsleiterinnen URSULA BITZEGEIO (FES) und MICHAELA KUHNHENNE (HBS) 72 Teilnehmer zu einer Akademie in der Friedrich-Ebert-Stiftung begrüßen. Wie im Vorjahr war die Tagung erneut in vier unterschiedliche Sektionen gegliedert, die hinterher von bekannten Fachgrößen kommentiert wurden und damit eine fundierte Einordnung in den wissenschaftlichen Zusammenhang erfuhren. Insgesamt unterstrich die Veranstaltung, dass es in der zeitgeschichtlichen Forschung mittlerweile wieder ein erhöhtes Interesse gibt, Perioden, Prozesse und Effekte von Solidarisierung bzw. Entsolidarisierung in den europäischen Arbeitsgesellschaften vor dem Hintergrund einer sich globalisierenden Welt als wichtiges zeitgeschichtliches Thema zu identifizieren.

In der ersten Sektion „Ideen und ihre Durchsetzung – der Wandel transnationaler Kontakte“ widmeten sich mit TIM WÄTZOLD, JAN KIEPE, KARIN GILLE-LINNE und JOHANNA WOLF gleich vier Referenten dem Wandel transnationaler Kontakte von Akteuren der Arbeiterbewegung. Während Wätzold „die Beeinflussung der entstehenden Arbeiterbewegungen Südamerikas durch die europäische Massenimmigration“ der Jahre 1880 bis 1930 skizzierte, hier vor allem die Verlaufsformen der kontinentalen Streikwelle der 1920er-Jahre erörterte und die ausschlaggebende Transmitter-Rolle der zugewanderten Europäer diskutierte, beschrieb Kiepe unter dem Schlagwort „Grenzarbeit“ die „transnationale[n] Aktivitäten südsächsischer und nordböhmischer Kommunisten in den 1920er- und 1930er-Jahren“. Mit lokalem Blick auf die Arbeitergeschichte präsentierte Kiepe mit seiner beispiellosen Darstellung der „Grenzarbeit“ – der von den „Klassenbrüdern“ der KPD und KPČ vollzogenen Zusammenkünften und Aktionen – einen Spiegel des Globalen im regionalen Ansatz, in welchem er sich mit der gleichsam verbindenden und trennenden Funktion von Grenzlinien auch theoretisch auseinandersetzte. Anhand des Beziehungsgeflechtes zwischen der Gewerkschafterin Ingrid Sieder, der SPD-Frauensekretärin, Herta Gotthelf, sowie der Sozialdemokratin Elisabet Selbert skizzierte Gille-Linne in ihrem sehr quellenbezogenen Beitrag, wie stark die in der Emigration gesponnenen Netzwerke nach 1945 zum tragen kamen und die Kampagnenfähigkeit der frühen Frauenbewegung prägten. Im letzten Vortrag der Sektion stellte die Junghistorikerin Wolf die Themenstellung ihres Dissertationsvorhabens vor, in welchem sie die Arbeitsgesellschaften und -beziehungen in Spanien, Großbritannien und der Bundesrepublik der Jahre 1968 bis 1974 miteinander vergleichen und dabei herausarbeiten möchte, inwieweit sich die gewerkschaftlichen Eliten seinerzeit als transnationale Akteure verorteten. Ehe sich die vier Referenten den diskussionsfreudigen Zuhörern zu stellen hatten, wurde dieser erste Abschnitt der Fachtagung durch KARL LAUSCHKE von der TU Dortmund nochmals zusammengefasst und kommentiert. Wie Lauschke war auch das Plenum von den vier unterschiedlichen Herangehensweisen sehr angetan und dem ehrgeizigem Projekt von Johanna Wolf besonders beeindruckt.

Mit der „Rolle der Herkunft im gewerkschaftlichen Exil nach 1933“ setzte sich in der zweiten Sektion SWEN STEINBERG auseinander. Hier erläuterte Steinberg, wie sehr die in der Weimarer Zeit zwischen Gewerkschaftern und Sozialdemokraten gesponnenen Netzwerke zuerst in der sudetendeutschen Emigration und später im britischen Exil zur Entfaltung kamen. Zwar dienten diese einerseits der eigenen Standortbestimmung, andererseits beförderten sie, wie Steinberg anhand der Auseinandersetzung um die Gründung einer gewerkschaftlichen Exilorganisation in Großbritannien ausführte, auch alte Konfliktlinien zu Tage. Die Ressource „Herkunft“ habe daher in nicht wenigen Fällen Spannungen hervorgerufen und die exilante Eintracht behindert. Während der Vortrag von Steinberg thematisch eher noch der ersten Sektion zugerechnet werden konnte, befassten sich MARKUS LOHMANN und KNUD ANDRESEN mit dem (post-)industriellen Wandel der Arbeitswelt und akzentuierten dieses unter dem Titel „Globalisierung und industrieller Wandel“ zusammengestellte Panel entscheidend. Am Beispiel der Textilindustrie der Jahre 1970 bis 2000 unterfütterte Lohmann seine These, wonach der Faktor „Globalisierung“ oftmals einseitig für den Wandel der industriellen Arbeits- und Lebenswelten verantwortlich gemacht werde. Zwar habe der Wandel in der Textilindustrie zweifelsohne gerade in der weiblichen Arbeitswelt eine schwere Krise eingeläutet, dennoch dürfe dies nicht zu negativen Pauschaldiagnosen verleiten und die Chancen übersehen werden, die gerade in der Textilindustrie durch Spezialisierungen erfolgreich genutzt wurden. In seinem Beitrag über die „Bedeutung von Individualisierungstendenzen in der postindustriellen Arbeitswelt“ befasste sich Knud Andresen mit der jüngst von Andreas Wirsching in der VfZ postulierten These, wonach Eigendefinitionen und Selbstbilder in postindustriellen Gesellschaften weniger durch Arbeit, als vielmehr durch individuelle Chancen auf dem Markt der Freizeit und des Konsums bestimmt würden. Demgegenüber unterstrich Andresen, dass der Faktor Arbeit trotz der Ausweitung der Konsumgesellschaft für die persönliche Identitätsbildung unverändert von großer Bedeutung sei, da jeder Mensch seine Tätigkeit mit einem Sinn behaftet und diese von seinem sozialen Umfeld bestätigt sehen möchte. Es müsse mit Blick auf die Identitätsbildung des Einzelnen daher anstelle von „Konsum statt Arbeit“ eher additiv von „Arbeit und Konsum“ gesprochen werden. Andresens These wurde anschließend auch von KLAUS-DIETER MULLEY vom Wiener Institut für Gewerkschaftsgeschichte gestützt. Auch er erörterte in seinem Kommentar, dass selbst der Konsummensch ohne die Arbeit kein legitimierendes Selbstbild erfahren könne. Abgerundet wurde der ersten Veranstaltungstag durch einen abendlichen „Gesprächskreis Geschichte“, bei dem BERTHOLD UNFRIED über die internationale Entwicklungszusammenarbeit referierte und TUULIA SYVAENEN die diesbezüglichen Förderlichkeiten des Labels „Fairtrade International“ darstellte.

Die dritte Sektion widmete sich am nächsten Morgen der „Internationalisierung von Arbeitnehmer/inneninteressen“. Auf Grundlage ihres Dissertationsprojektes über die Europapolitik Schweizer Gewerkschaften zwischen 1960 und 2005 erörterte REBEKKA WYLER am Beispiel des Schweizer Aluminiumkonzerns Alusuisse die betriebliche Arbeit von Schweizer Gewerkschaften, die trotz des „Sonderfalls Schweiz“, eine starke europäische Dimension entfaltet habe. Auch die beiden folgenden Referate der Sektion bestachen durch eine gute Gliederung und überzeugende Thesen. In Form des Doppelbeitrages „Prolegomena [Vorüberlegungen] für eine Geschichte des Montanausschusses“ präsentierten die beiden Nachwuchswissenschaftler KLAUS HENNING und YVES CLAIRMONT ihr gemeinschaftliches Projekt, welches sie ausdrücklich als Inspirationsquelle für das umsichtige Agieren heutiger Gewerkschaften verstanden wissen wollen. Während der Historiker Clairmont die Entstehung und die die Krise des sog. 21er-Ausschusses beleuchtete, stellte der Politologe Henning die Transformation und das Ende des Montanausschusses dar. So habe dieser mit seiner richtungsgewerkschaftlichen und geographischen Beschränkung, seiner mangelnden Repräsentativität und seiner reinen Orientierung auf das politische Lobbying den Herausforderungen nicht mehr gerecht werden können. Im letzten Vortrag wagte sich YVONNE RÜCKERT an eine auf Experteninterviews basierende Analyse des Dialogs der Gewerkschaften mit den internationalen Finanzinstitutionen, ehe JÜRGEN MITTAG vom Institut für soziale Bewegungen in Bochum in seinem Kommentar ausdrücklich den Pioniergeist der vier Nachwuchswissenschaftler würdigte und für eine weitere Verknüpfung von sozialwissenschaftlichen und historischen Ansätzen plädierte. Er gab aber zu bedenken, dass der theoretische Diskurs und das zukünftige Forschungsdesign dennoch stärker als bislang in der wissenschaftlichen Fachöffentlichkeit geführt werden müsse, um die wissenschaftliche Anschlussfähigkeit der Geschichte der Arbeit, der Arbeitsgesellschaften und der Arbeitsbeziehungen – und hier eben auch die der Gewerkschaften – zu gewährleisten. Der Impulsvortrag von HANS-WOLFGANG PLATZER von der Hochschule Fulda über die internationalen Gewerkschaftsverbände rundete die Sektion schließlich elegant ab. Nach einer Einführung in seine empirisch breit angelegte politikwissenschaftliche Studie über Möglichkeiten und Grenzen transnationaler Absprachen im Bereich internationaler Arbeitnehmervertretungen, zeigte er Forschungsfragen auf, die durch seine vier Vorredner – zumindest in Teilbereichen – partiell beantwortet werden konnten.

In der letzten Sektion, die sich in zeitgeschichtlicher Perspektive mit den Begriff der Solidarität unter besonderer Berücksichtigung von Arbeitskämpfen in Europa befasste, ergründete HARTMUT SIMON die Ursachen für den internationalen Matrosenstreik im Jahre 1911. So habe die Globalisierung gerade in der Seefahrt recht früh ihre Auswirkungen entfaltet, damit die internationale Solidarität der Matrosen befördert und den Streik als Reaktion auf eine sich globalisierende Welt erzwungen. Im Gegensatz zu dieser geglückten Protestkultur steht die „gewerkschaftliche und politische Aktivität von und für Migrantinnen und Migranten in der Bundesrepublik“ der Jahre 1961 bis 1979. Unter der Überschrift „Die multinationale Arbeiterklasse“ beschrieb SIMON GOEKE die meist gescheiterten Ansätze migrantischer Selbstorganisationen. Goeke erörterte, dass vor allem der DGB anfänglich kein Verständnis für die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte gesehen und durch die Ablehnung von reinen „Gastarbeitergewerkschaften“ deren frühe Integration verhindert habe. Als letzter Referent wusste auch ARNE HORDT die Tagungsteilnehmer für sein Thema, den britischen Bergarbeiterstreik der Jahre 1984 bis 1985, zu begeistern. Dabei legte Hordt seinen Fokus nicht auf die Darstellung von Vorgeschichte und Verlauf dieser durchaus spannenden Arbeitsniederlegung, sondern beschrieb auf welche Art und Weise der „Miners` Strike“ von den verschiedenen wissenschaftlichen Forschungsrichtungen in Großbritannien bislang reflektiert wurde. Anschließend präsentierte auch Hordt sein Dissertationsvorhaben, in welchem er einen interregionalen Vergleich zwischen dem „Miners` Strike“ und der Arbeitsniederlegung der Beschäftigten von Krupp-Rheinhausen in den Jahren 1986 und 1987 wagen möchte. Im letzten Kommentar der Tagung lobte PETER BIRKE zu Recht das kohärente Pendel der drei Beiträge und warf abschließend die grundsätzliche Frage nach der Geschichtsmächtigkeit sozialer Bewegungen auf. Aufgrund der vorangeschrittenen Tagungsdauer war es den Teilnehmern und Vortragenden jedoch nicht vergönnt, diese und andere wichtige Fragen in einer abschließenden Diskussion weiter zu vertiefen. Dennoch bestach die im Rahmen des Kooperationsprojektes „jüngere und jüngste Gewerkschaftsgeschichte“ veranstaltete Fachtagung durch ihre progressive Diskussionskultur sowie ihren breiten thematischen Zuschnitt. Jüngeren Nachwuchswissenschaftlern wurde damit erneut ein vorzügliches Forum für die Darlegung ihrer anregenden Forschungsvorhaben dargeboten. Der dritte Teil der Reihe „Neue Perspektiven auf die Gewerkschaftsgeschichte“ wird folglich auch im kommenden Jahr mit großer Vorfreude erwartet werden dürfen.

Sektion I: Ideen und ihre Durchsetzung – der Wandel transnationaler Kontakte

Tim Wätzold: Die Beeinflussung der entstehenden Arbeiterbewegungen Südamerikas durch die europäische Massenimmigration (1880 – 1930)

Jan Kiepe: „Grenzarbeit“. Transnationale Aktivitäten südsächsischer und nordböhmischer Kommunisten in den 1920er und 1930er Jahren

Karin Gille-Linne: Ohne Netzwerke keine Gleichberechtigung. Politische Bezüge von Gewerkschafterinnen in der (R-)Emigration

Johanna Wolf: Die Arbeiterbewegung zwischen 1968 und 1974 in transnationaler Perspektive. Spanien, Großbritannien und die Bundesrepublik im Vergleich

Kommentar: Karl Lauscke

Sektion II: Globalisierung und industrieller Wandel

Swen Steinberg: Netzwerke als Ressource der Standortbestimmung. Zur Rolle der Herkunft im gewerkschaftlichen Exil nach 1933

Markus Lohmann: Arbeit und Globalisierung. Der Wandel der industriellen Arbeits- und Lebenswelten am Beispiel der Textilindustrie (1970 bis 2000)

Knud Andresen: Konsum statt Arbeit? Zur Bedeutung von Indiviudalisierungstendenzen in postindustriellen Arbeitswelten

Kommentar: Klaus-Dieter Mulley

Gesprächskreis Geschichte: Die soziale Gestalt der Welt – Entwicklungszusammenarbeit als Globalisierungsunternehmen seit 1945
mit Vorträgen von Berthold Unfried (Wien) und Tuulia Syvaenen (Fairtrade International, Bonn)

Sektion III: Die Internationalisierung von ArbeitnehmerInneninteressen

Rebekka Wyler: Schweizer Gewerkschaften und „Weltspiel Aluminium“. Europäisierung der Arbeitsbeziehungen bei Aulusuisse

Klaus Henning/Yves Clairmont: Prolegomena für eine Geschichte des Montanausschusses

Yvonne Rückert: Die Gewerkschaften auf dem globalen Parkett – Der (soziale) Dialog mit den internationalen Finanzinstitutionen

Kommentar: Jürgen Mittag

Impulsvortrag:
Hans-Wolfgang Platzer: Globalisierung der Interessensvertretungen von ArbeitnehmerInnen – internationale Gewerkschaftsverbände

Sektion IV: Solidarität und Arbeitskampf als Teil europäischer Zeitgeschichte

Hartmut Simon: Streiks in der Seeschifffahrt. Die internationalen Proteste von 1911

Simon Geoke: Die multinationale Arbeiterklasse. Gewerkschaftliche und politische Aktivität von Migrantinnen und Migranten in der Bundesrepublik 1961 – 1979

Arne Hordt: Der große britische Bergarbeiterstreik 1984 bis 1985 als Problem der Zeitgeschichtsschreibung

Kommentar: Peter Birke

Zitation
Tagungsbericht: Arbeit in der sich globalisierenden Welt – historischer Wandel und gegenwärtige Effekte. Neue Perspektiven auf die Gewerkschaftsgeschichte II, 11.11.2010 – 12.11.2010 Bonn, in: H-Soz-Kult, 06.12.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3420>.