Neue Rheinische Wirtschaftsgeschichte im Zeitalter der Industriellen Revolution

Ort
Ratingen
Veranstalter
Prof. Dr. Dietrich Ebeling, Universität Trier, Dr. Stefan Gorißen, Universität Bielefeld, LVR Industriemuseum Cromford, Ratingen
Datum
16.10.2010
Von
Stefan Gorißen, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld

Ziel des Symposiums war es, Forscherinnen und Forscher, die zu Fragen der rheinischen Wirtschaftsgeschichte des 18. und frühen 19. Jahrhunderts arbeiten, zu einer Gesprächsrunde zusammenzubringen und über Möglichkeiten und Grenzen neuer Forschungsperspektiven zu diskutieren. Ausgehend von neueren, in den letzten Jahren erschienen Studien zur rheinischen Wirtschaftsgeschichte, die das herkömmliche Bild der Industrialisierung in dieser für die europäische Wirtschaftsgeschichte zentralen Region in vielen Punkten erweitern, teilweise auch revidieren, zielte die Veranstaltung darauf, Bezüge zwischen den bearbeiteten Forschungsfeldern auszuloten sowie neue Fragestellungen und Methoden zu diskutieren. Ziel des Symposions sollte es sein, Perspektiven für eine neue Gesamtschau der vor- und frühindustriellen Entwicklung zu entwickeln. Geplant ist, in unregelmäßigen Abständen weitere Diskussionsrunden anzuschließen und das Symposium zu einem „Ratinger Gesprächskreis zur Rheinischen Industrialisierungsgeschichte“ zu erweitern.

DIETRICH EBELING (Trier) hielt das erste Impulsreferat zum Thema „Institutionen in der rheinischen Frühindustrialisierung“. In der Kommentierung der Landes/Marglin-Kontroverse habe Maxin Berg vor fast 15 Jahren das Verständnis beider Kontrahenten über das Verlagssystem als „extremly simplistic“ bezeichnet. Wenngleich – nicht zuletzt durch die von der Protoindustrialisierungs-These angeregten Forschung – das Wissen über die vertikal gegliederten gewerblichen Produktionssysteme zugenommen habe, fehle es an einem Konzept, welches die regional sehr unterschiedliche Ausprägung und das Beziehungsverhältnis der verschiedenen Elemente verständlicher macht. Das an die Institutionenökonomie angelehnte, am Beispiel einer Schweizerischen Gewerberegion empirisch entwickelte Modell der Produktionsregimes (Pfister) gehe von der Annahme aus, dass einzelne Unternehmungen, aber auch ganze Regionen durch nicht Markt bezogene „Arrangements“ die intra-industriellen Transaktionskosten minimieren und damit einen Entwicklungsvorsprung gegenüber anderen Unternehmungen bzw. Regionen erringen konnten. Gewöhnlich, so der Referent, würden fünf rheinische Gewerbelandschaften unterschieden: im Bergischen das Wuppertal mit Leinen-, Woll- und Baumwollverarbeitung, das bergisch-märkische Hügelland mit vielfältigen Zweigen der Eisen- und Stahlverarbeitung, Krefeld und sein Umland mit der Seidenindustrie, der Raum Gladbach-Rheydt mit der Baumwollverarbeitung und der Aachener Raum mit der Feintuchproduktion. Diese produktbezogene Gliederung könne (mindestens teilweise) eine hohe räumliche Stabilität bis in das Fabrikzeitalter beanspruchen. Sie werde in der Regel aus naturräumlichen und sozio-ökonomischen Standortvorteilen abgeleitet. Einzelne Standorte würden auf landesherrliche Privilegierungen zurückgeführt (Mülheim/Rhein, Kaiserswerth, Ratingen). Diese eindimensionale Gliederung und Standortbestimmung werde der komplexen räumlichen Struktur und der sehr variablen Ausgestaltung der jeweiligen Produktionsformen nicht gerecht. Das Modell der Produktionsregimes scheine demgegenüber besser geeignet, die von kaufmännisch-unternehmerischen Strategien bestimmte Komposition von ‚gegebenen’ und ‚hergestellten’ Standortfaktoren abzubilden. Unklar sei bislang, ob man von dominanten regionalen Produktionsregimes sprechen kann. Erforderlich sei eine Typologie, wobei unter anderem zu berücksichtigen seien: Die herrschaftliche Struktur in der Region, die Verknüpfung mit einem alten Produktionsregime (Handwerkswirtschaft), die Konkurrenzlage innerhalb der Region (zum Beispiel nach ländlichen Arbeitskräften), der Zentralisierungsgrad etc. Eine solche Typologie habe auch den Entwicklungsprozess von Produktionsregimes zu berücksichtigen. Dabei spielten Faktoren wie Kapitalausstattung bzw. die Institutionalisierung des Kreditwesens, Veränderung der Produktpalette und der Absatzverhältnisse sowie die staatlich-institutionelle Neuordnung eine Rolle. Das Konzept der Produktionsregimes beruhe auf der unternehmerischen Logik und Strategie zur Minimierung der Transaktionskosten. Hinsichtlich des Handelns der Produzenten werde eine Maximierung des Einkommens bzw. eine durch die institutionelle Ausgestaltung des Produktionsregimes zu reduzierende ‚Störung’ des Produktionssystems (Unterschlagung, backward-bending-supply-of labour) unterstellt. Neben der Bestrebung nach Selbständigkeit – die Frage nach dem ‚Unternehmer’ war durchaus umstritten – spielte für das Handeln der Produzenten aber auch Faktoren (zum Beispiel Familie) eine Rolle, die bislang unzureichend untersucht seien. Hinsichtlich der Bewertung der Funktion staatlicher Institutionen sei in der Rezeption der Institutionenökonomie eine Anlehnung an ältere Modernisierungskonzepte zu konstatieren (Wischermann/Nieberding). In Bezug auf die Rheinlande gehe es um die Fragen (1) nach der ‚Modernisierung’ der institutionellen Rahmenbedingen bereits vor der französischen Herrschaftsperiode und (2) um die Gewichtung der hauptsächlich im Code de Commerce verankerten Neuordnung der Wirtschafts- und Sozialordnung. Zu prüfen sei insbesondere, ob und wie in den einzelnen Gewerbe- und Industriestandorten institutionelle ‚Angebote’ (zum Beispiel die Gewerbegerichte) angenommen und gehandhabt wurden. In sozialgeschichtlicher Betrachtungsweise stelle sich in diesem Zusammenhang die Frage nach der Rolle des (modernen) Wirtschaftsbürgertums.

Das zweite Impulsreferat hielt STEFAN GORIßEN (Bielefeld) zur ökonomischen Bedeutung von Verwandtschaftsnetzwerken im rheinischen Wirtschaftsbürgertum der vor- und frühindustriellen Zeit. Institutionenökonomische Perspektiven erlaubten es, Hypothesen zu formulieren, wie sich die Handlungen individueller Akteure zu übergreifenden Handlungszusammenhängen zusammenfügen. Sie seien damit in der Lage, Mikro- und Makroebene miteinander zu verbinden. Der Anspruch, strukturelle, gesamtgesellschaftliche Entwicklungen aus der Analyse individueller Handlungen zu rekonstruieren, stehe im Zentrum des „methodologischen Individualismus“, der zunächst unterstelle, dass sich menschliche Akteure rational verhalten. Rationalität meine hierbei zunächst zielorientiertes Handeln, das in ökonomischen Zusammenhängen die Erlangung einer Rendite beanspruche, aber nicht immer und nicht ausschließlich auf materiellen Nutzen gerichtet sei. Auch andere Ziele (soziales Ansehen, familiäre Bezüge etc.) besäßen große Bedeutung. Darüber hinaus sei Rationalität immer „gebunden“ – von den verfügbaren Informationen und dem mit ihrer Beschaffung und Verarbeitung verbundenen Aufwand abhängig: Menschen handelten im Rahmen ihrer Kenntnisse und Möglichkeiten sowie eines vertretbaren Aufwands rational. Institutionen entstünden und veränderten sich durch menschliche Kooperation, zugleich beschränkten sie auf individueller Ebene menschliches Handeln. Sie seien Ergebnis ökonomischer Handlungen, erführen ihre Begründungen aber auch in anderen gesellschaftlichen Subsystemen (Herrschaft, Religion etc.) mit Wirkung auf das ökonomische Handeln. Institutionen im weiten Verständnis der Institutionenökonomik seien damit nicht nur formale Organisationen (staatliche, herrschaftliche, korporative Einrichtungen) und Regelungen (Rechtssystem), sondern existierten auch in informellen Formen, etwa als gesellschaftlich anerkannte Gewohnheiten, Sitten und soziale Beziehungsformen. Formale und informelle Institutionen hätten die ökonomische Funktion, Unsicherheit und Risiken im ökonomischen Austausch abzubauen, Verbindlichkeiten zu erzeugen und opportunistisches Verhalten einzuhegen. Sie dienten damit der Bereitstellung von Informationen und reduzierten so die mit dem ökonomischen Austausch stets verbundenen Transaktionskosten.

Der regionalgeschichtliche Ansatz der wirtschaftshistorischen Forschung habe in den vergangenen Jahren im Anschluss an Sidney Pollard Regionen als Räume definiert, in denen die Produktion bestimmter Güter in verdichteter Weise geschieht. Betont würden vor allem Rückkoppelungseffekte verschiedener ökonomischer Handlungszusammenhänge im regionalen Rahmen, weitgehend unbeachtet bleibe jedoch die Bedeutung von Verflechtungszusammenhängen, die die als Produktionsraum verstandene Region überschreiten und sich vor allem in der Sphäre der Warendistribution realisiert. Die Produktionsregion überschreitende Beziehungen ergäben sich darüber hinaus auf der Ebene persönlicher Beziehungen zwischen ökonomischen Akteuren. Die Interaktionen wiesen hier zwar nicht die gleiche Dichte wie im arbeitsteiligen Zusammenhang einer Produktionsregion auf, sie seien aber von höherer Dichte und Verlässlichkeit als die auf der Basis von Handelskontrakten etablierten Kontakte. Solche Beziehungen, die primär nicht ökonomischer Natur sind, basierten etwa auf Verwandtschaftsbeziehungen, Bindungen innerhalb konfessioneller Gemeinschaften oder einer gemeinsamen landsmannschaftlichen Herkunft. Diese Beziehungsebene lasse sich mit Methoden der sozialwissenschaftlichen Netzwerkanalyse untersuchen. Netzwerke, die nicht aus ökonomischen Beziehungen erwachsen, produzierten „soziales Kapital“ im Bourdieuschen Sinne, das zur Gewinnung von Informationen genutzt werden könne und geeignet sei, Verlässlichkeit herzustellen, soziale Beziehungen zu stabilisieren und opportunistisches Verhalten einzuhegen. Die empirische Untersuchung solcher Netzwerkstrukturen könne in einem ersten Schritt die Verwandtschaftsbeziehungen von Kaufleuten, Verlegern und Unternehmern mit Methoden der Netzwerkanalyse ins Auge fassen. Familienkundliche und genealogische Untersuchungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hätten belegt, dass die wirtschaftsbürgerlichen Familien im Rheinland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts enge familiäre und verwandtschaftliche Bindungen aufwiesen. Die von der älteren Forschung identifizierten „Sippenkreise“ seien auf ihre vermeintliche Bedeutung jedoch erst noch zu untersuchen: War, was die Ahnenforschung des 20. Jahrhunderts rekonstruierte, Bewusstseins- und Handlungshorizont für die Akteure des 18. und 19. Jahrhunderts? Zu untersuchen wäre in einem zweiten Schritt, ob das Verwandtschaftsnetzwerk der rheinisch-westfälischen Kaufmannschaft als informelle Institution zu gelten hat und welche ökonomische Funktionen es übernahm. Für den Bereich des Zahlungsverkehrs könne etwa untersucht werden, inwieweit das Fehlen formaler Organisationen (Banken und Börsen) und korporativer Zusammenschlüsse (verfasste Kaufmannschaften) durch die informelle Institution des Verwandtschaftsnetzwerks kompensiert werden konnte.

Die Vorträge wurden von einer angeregten Diskussion gefolgt. Das Symposium stellte zunächst die Frage nach der Rolle von Unternehmern und unternehmerischen Netzwerken für die Konstituierung von Gewerbe- und Industrielandschaften in den Mittelpunkt. Die Diskussion konzentrierte sich hierbei vor allem darauf, Nutzen und Probleme einer Anwendung institutionenökonomischer Begriffe und Ansätze für die rheinische Wirtschaftsgeschichte zu erörtern. Hinsichtlich des zugrunde liegenden Institutionenbegriffs wurde (in Anlehnung an D. C. North) zwischen formalen und informalen Institutionen unterschieden und beide Felder – ausgehend von den unten in Zusammenfassung wiedergegebenen Impulsreferaten der beiden Veranstalter – anhand ausgewählter Beispiele diskutiert.

Im Mittelpunkt der Diskussion um die Bedeutung formaler Institutionen stand das von Ulrich Pfister entwickelte Konzept der Produktionsregimes, dessen Tragbarkeit für die Wolltuchgewerbe des Raums Aachen in vor- und frühindustrieller Zeit geprüft wurde. Der Zeit der napoleonischen Herrschaft nach 1794 komme in diesem Kontext für die Region eine hohe Bedeutung zu, wurden in dieser Zeit doch eine Vielzahl institutioneller Neuerungen durchgesetzt, die für die Entwicklung im 19. Jahrhundert maßgebliche Bedeutung besaßen. In der Diskussion wurde auf die Vielfalt institutioneller Arrangements und die Volatilität der Produktionsregimes hingewiesen. Der Begriff akzentuiere zwar die Machtbeziehungen zwischen Kaufleuten und Produzenten, biete aber kaum ein Instrumentarium, die unterschiedliche Bedeutung, die sich mit dem institutionellen Arrangement für die verschiedenen Akteursgruppen verband, zu problematisieren. Aus Perspektive der Kaufleute/Unternehmer sei für die Frage nach der zugrunde liegenden ökonomischen Logik der Begriff des Produktionsregimes durch den des Akkumulationsregimes zu ergänzen, mit dem auch der Kapitaleinsatz außerhalb der Region gefasst werden könne. Zu fragen sei darüber hinaus nach der Relevanz von Konkurrenz zwischen verschiedenen Kaufleuten bzw. Unternehmern innerhalb der Region. Das Konzept der Produktionsregimes fasse die Region weitgehend als geschlossene Einheit und biete damit keine Konzepte zur Operationalisierung dieser Problematik.

Die Diskussion der Bedeutung informaler Strukturen für die Entwicklung rheinischer Gewerberegionen wurde ausgehend von Verwandtschaftsbeziehungen und anderen Netzwerkstrukturen diskutiert. Ausgehend von einem Verständnis von Rationalität im Sinn einer „bounded rationality“ sei daran festzuhalten, dass die Akteure im Sinne individueller „Nutzenoptimierung“ handelten, eine Bestimmung des jeweiligen Nutzens ex post jedoch nur schwer möglich. Die Untersuchung des Zusammenhangs nach familiären Bindungen und Unternehmensstrukturen dürfe dabei nicht aufgrund theoretischer Erwägungen ausschließlich den Erfolg im Auge haben, sondern müsse immer auch auch mit der Möglichkeit des Scheiterns rechnen. Versuche man die Bedeutung informaler Strukturen über das Transaktionskostenkonzept mit den Handlungsoptionen der Akteure zu verbinden, bleibe die Schwierigkeit einer Operationalisierung des Transaktionskostenbegriffs zu bedenken.

Konferenzübersicht:

Begrüßung
Impulsreferat Dietrich Ebeling, Diskussion
Impulsreferat Stefan Gorißen, Diskussion
Offene Schlussdiskussion: Perspektiven einer „Neuen Rheinischen Wirtschaftsgeschichte“
Führung durch die Textilfabrik Cromford, Ratingen

Teilnehmer/innen:
Ralf Banken, Frankfurt
Dietrich Ebeling, Trier
Axel Flügel, Bielefeld
Stefan Gorißen, Bielefeld
Claudia Gottfried, Ratingen
Peter Kriedte, Göttingen
Alfred Reckendrees, Kopenhagen
Eva-Maria Roelevink, Bochum
Adelheid von Saldern, Hannover
Michael Schäfer, Chemnitz
Martin Schmidt, Ratingen
Nora Stumpe, Bochum
Christine Syré, Ratingen

Zitation
Tagungsbericht: Neue Rheinische Wirtschaftsgeschichte im Zeitalter der Industriellen Revolution, 16.10.2010 Ratingen, in: H-Soz-Kult, 08.12.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3441>.