Bild Macht UnOrdnung

Ort
Berlin
Veranstalter
Sonderforschungsbereich 640: Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel, Humboldt-Universität zu Berlin
Datum
20.05.2010 - 22.05.2010
Von
Agnieszka Madej-Anderson, Berlin

Im Mai 2010 veranstaltete das Teilprojekt A3 „Frühneuzeitliche Machtsysteme. Religiöse und säkulare Repräsentationen in Machtsystemen der Frühen Neuzeit“ am SFB 640 „Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel“ zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft Bild, die entsprechende Interessen innerhalb ebendieses Sonderforschungsbereichs bündelt, einen Workshop, der sich der Wirkmacht von bildlicher Repräsentation im intertemporalen und interkulturellen Vergleich widmete. Der Titel der von Anna-Maria Blank, Vera Isaiasz und Nadine Lehmann organisierten Tagung mit seiner typographischen Gestaltung brachte die Besonderheit hier aufgeworfenen Frage nach der Bildermacht auf den Punkt – nicht nur die Ordnungsproduktion in und durch Bilder, sondern auch deren Fähigkeit, die bestehenden Ordnungen zu untergraben und zu destabilisieren, sollte in den Blick genommen werden.

Tagungsbüro und -organisation: Anna-Maria Blank, Vera Isaiasz und Nadine Lehmann

Einen gelungen Auftakt zur derart kritisch geschärften Auseinandersetzung mit der Macht visueller Repräsentationen bot SUSANNA BURGHARTZ (Basel), die anhand von Bildern der außereuropäischen Welten um 1600 zeigte, wie fragil sich dort die Inszenierung der europäischen Superiorität erwies. Indem sie zwei Virginiaberichte aus der Sammlung Theodor de Bry verglich (1590 und 1627), demonstrierte Burghartz die konstitutive Polysemie von Bildern der Neuen Welt, die nicht etwa eine eindeutige Ordnung behaupten, sondern das komplexe Potential zwischen Verheißung und Schrecken vor Augen zu führen vermögen. Werden damit die Europäer in eine schillernde Beziehung zur außereuropäischen Welt gesetzt, so wird hier doch auf einer anderen Ebene der Ausweis europäischer Überlegenheit erbracht: eben im Bereich der mimetischen Repräsentationspraxis. Die Visualisierungen der Relation zwischen den Europäern und den Indigenen in den Reisesammlungen aus dem Frankfurter Verlagshaus de Bry thematisierte mit einer ähnlichen Stoßrichtung der Argumentation am folgenden Workshoptag DOROTHEE SCHMIDT (Basel), die sich jedoch nicht der „Grand Voyage“ nach Amerika, sondern der „Petit Voyage“ ins „orientalische Indien“ widmete. Besondere Betonung fand dabei die innereuropäische Konkurrenz als wichtiger Faktor der Mehrdeutigkeit und Brüchigkeit europäischer Inszenierungen.

Zwei weitere Vorträge des ersten Workshoppanels „Umkämpfte Ordnungen“ beschäftigten sich ebenfalls mit der Wirkmacht der Bilder in außereuropäischen Regionen, jedoch ohne den europäischen Blick und dessen Codierung explizit zu thematisieren. NICOLE WOLF (London) stellte Arbeiten zeitgenössischer indischer Künstler/innen vor, die im Umgang mit dokumentarischem Filmmaterial aus dem politischen Kontext der Teilung Indiens 1947 das diffizile Problem der Machtverstrickung bestimmter Bilder sowie die Möglichkeiten ihres legitimen Gebrauchs ausloten. Anhand der künstlerischen Strategien, die bei der Suche neuer und der Wiedergewinnung bereits existierender Erinnerungsbilder traumatischer Ereignisse gelten, zeigte Wolf eindrucksvoll sowohl die produktive Kraft der Bilder für die kollektive Erinnerung, als auch deren grundsätzliche Umcodierbarkeit, wodurch die vormals gestützten Ordnungsvorstellungen subvertiert werden können.

Das (gesellschaftlich) nicht nur stabilisierende, sondern auch destabilisierende Potential der zeitgenössischen Bilderwelten thematisierte ebenfalls CAROLA RICHTER (Erfurt), die nach dem Einfluss neuer Medien auf die sozialen Strukturen in den arabischen Ländern fragte, wobei sie die Liberalisierungstendenzen in den zeitgenössischen Fernsehsendungen in den Blick nahm. Der Konnex zwischen transnationalen Medien und Demokratisierungsprozessen auf der jeweiligen nationalen Ebene wurde in der Diskussion jedoch hinterfragt. Allen Referaten der Sektion galt die in der Diskussion wiederkehrende Frage nach den Rezeptionsmodi der vorgestellten frühmodernen und zeitgenössischen Medien.

Beschäftigte sich das erste Panel mit „Massenmedien“, die den Regeln der Markt- und Vertriebsbedingungen unterliegend ein möglichst breit gefächertes Publikum als Zielgruppe anpeilen und eine konstitutive Offenheit für ordnungssetzende wie -zersetzende Deutungen mitzubringen scheinen, so widmeten sich die unter der Sektion „Repräsentierte Macht“ versammelten Referate der gezielten Indienstnahme der bildlichen Ordnungsproduktion seitens politischer Herrschaft und den damit verbundenen medialen Strategien.

THORSTEN HUTHWELKER (Heidelberg) präsentierte das typographische Spektrum, das den spätmittelalterlichen Wappenrollen als Kompendien der gesellschaftlichen Ordnung zur Verfügung stand, und wies zugleich auf die gezielte Funktionalität gewählter Lösungen in Hinblick auf die (Rang-)Vorstellungen und (Repräsentations-)Bedürfnisse des Auftraggebers hin.

DOROTHEE LINNEMANN (Münster), deren Fokus auf der frühneuzeitlichen Herrschafts- und Politikrepräsentation vor allem im Zusammenhang des diplomatischen Zeremoniells des 17. und 18. Jahrhunderts lag, ging der Frage nach der mimetischen Qualität der Bilder als besonderem Eignungsmerkmal in der symbolischen Kommunikation nach. Dabei betonte sie die Eigenständigkeit des Bildes, das durch spezifische Sichtbarmachung der Öffentlichkeit seine eigene politische Wirksamkeit entfaltet und so nicht etwa die zeremonielle Praxis nur wiederspiegelt, sondern zu einem Element der politischen Kommunikation selbst wird.

Über eine mimetisch erzeugte „Wahrhaftigkeit“ der Darstellung hinaus wiesen die von MARTINA PAPIRO (Florenz) vorgestellten komplexen Visualisierungen der mediceischen feste a cavallo von Jacques Callot und Stefano della Bella (17. Jahrhundert). Die graphische „Dokumentation“ des Spektakels, dessen Herzstück die Vorführung disziplinierter Reitkunst war, wurde als deren eigenständige ästhetische Interpretation im Medium der Radierung realisiert, die sich einer Fülle von Darstellungsmodi und -strategien bedient, so dass man hier ein Ineinandergreifen von Herrschaftsrepräsentation und künstlerischer Erfindungskraft beobachten konnte.

Mit der Betonung der ästhetischen Qualität als wesentlichem Faktor der Wirkmacht des Bildes leitete Papiro bereits zu den Vorträgen des Panels „Beherrschende Bilder“ über. Mit dem Herrscherporträt widmete sich hier PABLO SCHNEIDER (Berlin) der klassischen Gattung der politischen Ikonographie, die er im Kontext der frühneuzeitlichen Diskurse über Pathos und Ethos thematisierte. Aufschlussreich zog er dabei die Darstellungen von Affektkontrolle und Affektübertragung aus dem religiösen Bereich – wie etwa Märtyrerdarstellungen oder die Rembrandtsche Kreuzaufrichtung aus der Münchner Passionsbildfolge – zum Vergleich heran und warf damit die Frage nach der möglichen Herleitung sowohl der visuellen Formel als auch der ideologischen Fundierung des Herrscherporträts auf.

Den Bildargumentationen zwischen Ordnung und Unordnung jenseits klassischer Herrschaftsikonographie ging ROBERT FELFE (Berlin) nach, indem er die Perspektive als das bildordnende sowie die Anamorphose als das im Rahmen der perspektivischen Ordnung dekonstruierende Mittel thematisierte. Anhand der Fälle, in denen Herrscher selbst zum Gegenstand von mit ebendiesen Mitteln spielender Inszenierungen wurden, leuchtete er die These aus, dass die frühneuzeitlichen Konzepte politischer Gewalt durch die Demonstration von Techniken angewandter Optik zum Ausdruck gebracht werden können.

Eine andere Perspektive auf das Begriffspaar Ordnung-Unordnung wählte MARIAN FÜSSEL (Göttingen), der die Darstellungen der Normtransgression in den studentischen Stammbuchbildern des 18. Jahrhunderts als Infragestellung sozialer Ordnung sowie als Imaginationen einer neuen Gegen-Ordnung diskutierte.

Im facettenreichen Abendvortrag beschrieb KARL-SIEGBERT REHBERG (Dresden) das komplexe Beziehungsgefüge zwischen Kunst und Staat in der DDR im Rückgriff auf das Modell der „Machtbalance“ von Norbert Elias. Damit wurde die Macht nicht als Ressource, sondern als Relation von Dominanz und Unterordnung verstanden, die immer mit Ambivalenz durchzogen ist und in der die Akteure beider Sphären aktive Beteiligte der Machtfiguration sind.

Der letzte Block des Workshops wurde als Werkstattgespräch über laufende Dissertationsprojekte konzipiert, wobei ein kurzer Kommentar jeweils die Diskussion einleitete. NADINE LEHMANN (Berlin) führte mit ihrem Projekt zu Ikonoklasmen in Residenzstädten des Heiligen Römischen Reichs während der Zweiten Reformation (Kommentar: Agnieszka Madej-Anderson, Leipzig) die Problematik der Bildzerstörung in die Perspektive des Workshops ein. Indem sie die Repräsentation der landesherrlichen Gewalt im Kontext des obrigkeitlich angeordneten Bildersturms analysierte und dabei unter anderen die Aneignung des ikonoklastisch „bereinigten“ Kirchenraumes für die exklusive Herrscherrepräsentation und Herrschermemoria herausstellte, eröffnete sie unerwartete Argumentationsfelder im Hinblick auf die Frage nach der hochkomplexen Beziehung zwischen der Macht der Bilder und der politischen Macht. Zugleich wurde die kulturhistorische Relevanz des bisher als Randglosse in der Diskussion über das Phänomen Bildersturm behandelten Materials bewiesen.

In der Vorstellung ihres Projekts zur „Bildung – Geschichte – Epigenese“ - Ordnungen von Zeit in F. J. Bertuchs Bilderbuch für Kinder (1790-1830)“ (Kommentar: Karl-Siegbert Rehberg) griff SILVY CHAKKALAKAL (Berlin) zwei thematisch verschiedene Bereiche der Wissensbilder, die bereits in die populäre Bildersphäre des Kinderbuchs übergingen, auf – die naturhistorischen Entwicklungsbilder und die ethnologischen Indienbilder um 1800. Anhand dieser kontrastierte Chakkalakal zwei Konzepte der Zeitlichkeit im Bild: auf der einen Seite die graphische Darstellung von Entwicklungs- und Wachstumsphasen aus der Pflanzen- und Tierwelt, auf der anderen Seite den ethnologischen Blick, der das Bild der fernen Länder als Projektionsfläche für eine idealisierte (eigene) Vergangenheit aufbereitet.

MADLEN PILZ (Berlin) exemplifizierte Thesen ihres Projekts zu „Identitätspolitiken im Südkaukasus. Nationale Repräsentation, postsozialistische Gesellschaft und urbane Öffentlichkeit“ (Kommentar: Lale Yalcin Heckmann, Halle) anhand der touristischen Stadtpläne und der städtischen Toponyme von Tbilisi (Georgien) zwischen 1980 und 2008, die sie im Sinne gesellschaftlicher Aneignungspraxen vor dem Hintergrund des postsozialistischen Transformationsprozesses interpretierte.

Zum Schluss führte TANJA MICHALSKY (Berlin) in einem Gesamtkommentar die Fragen und Argumentationen des Workshops noch einmal pointiert zusammen. Unter der Prämisse, dass Bilder sowohl Repräsentationen sozialer Ordnungen sind als auch diese hervorbringen, gestaltete sich die Frage nach deren Wirkmacht vielfach als methodisch herausfordernde Frage nach dem Verhältnis zwischen den beiden Aspekten des Prozesses: dem Abbilden und dem Generieren. Diese komplexe und nicht unproblematische Relation wurde an einem beachtlichen Spektrum der Bildmedien erörtert, die von mittelalterlicher Handschrift bis zur Fernsehsendung reichten und im Kontext ihrer sozialen Produktions- und Rezeptionsbedingungen analysiert wurden. Der Schwerpunkt der Veranstaltung lag einerseits auf den medialen Strategien und Bildargumentationen im Zusammenhang politischer Macht – thematisiert wurden Abbildungen politischer Repräsentanten, Akte und Organisationsformen –, andererseits auf den Repräsentationen der Alterität (außereuropäische Welten, studentische Gegenkultur), die ordnungsstiftend wie ordnungszersetzend wirken können. Dagegen spielten die gesellschaftlichen Felder der Wissenschaft und der Religion mit dem ihnen eigenen Machtpotenzial eine eher untergeordnete Rolle in der Diskussion der Fallbeispiele. Als ein besonderer Funktionsbereich, auf dem die Bilder ihre Wirkmacht entfalten, stellte sich im Ergebnis des Workshops die Memoria – die Erinnerungsfunktion von Bildern – dar. Angesichts der – in vielen Beiträgen belegten – Bildverfasstheit der Erinnerung, wurde hier ein wichtiger Ansatzpunkt für eine weiterführende Auseinandersetzung mit der gesellschaftlich wirksamen Leistung der Bildmedien mit den ihnen eigenen Diskursen und Praxen gezeigt, zu der der Workshop viele inspirierende Impulse erbrachte.

Konferenzübersicht:

Begrüßung
Heinz Schilling (HU Berlin, Leiter des TP A3) und Stefan Beck (HU Berlin, Stellvertretender Sprecher des SFB 640)

Einleitung
Vera Isaiasz (Berlin, Mitglied der AG Bild und Mitarbeiterin TP A3)

Abendvortrag
Susanna Burghartz (Basel): Fragile Superioritäten. Zirkulierende Bilder und imaginäre Ordnungen der „Neuen Welten“ um 1600

Umkämpfte Ordnungen

Nicole Wolf (London): Un/vermögendes Dokument – filmische und künstlerische Bearbeitung von Archivmaterial im Kontext Indien

Carola Richter (Erfurt): Abbilden des Ungezeigten: Neue Medien, Tabu-Bruch und sozialer Wandel in der arabischen Welt

Dorothee Schmidt (Basel): Das Fremde im Bild. Ordnung und Unordnung im kolonialen Diskurs um 1600

Repräsentierte Macht

Thorsten Huthwelker (Heidelberg): Ordnungen in spätmittelalterlichen Wappenrollen

Dorothee Linnemann (Münster): Wahrhaftige und wahrhaftigere Bilder. Visuelle Zeremonialdarstellungen als Konstrukteure neuer europäischer Herrschaftsordnungen des späten 17. und 18. Jahrhunderts?

Martina Papiro (Berlin/Florenz): Ornament und Ordnung. Die druckgraphischen Darstellungen der mediceischen feste a cavallo im 17. Jahrhundert

Beherrschende Bilder

Pablo Schneider (Berlin): Pathos und Affektkontrolle in der Frühen Neuzeit

Marian Füssel (Göttingen): Deviante Vor-Bilder? Studentische Stammbuchbilder als Repräsentationen gegenkultureller Ordnung

Robert Felfe (Berlin): Dynastische Herrschaft und optischer Raum. Bildverfahren politischer Ordnung in der Frühen Neuzeit

Abendvortrag :Karl-Siegbert Rehberg (Dresden): Verschiebung der „Machtbalance“ zwischen Kunst und Funktionärsstaat im Sozialismus

Werkstattgespräche

Nadine Lehmann (Berlin): Bildersturm und Herrschaftsrepräsentation. Ikonoklasmen in Residenzstädten des Heiligen Römischen Reichs während der Zweiten Reformation

Kommentar: Silvy Chakkalakal (Berlin): „Bildung - Geschichte - Epigenese“ - Ordnungen von Zeit in F. J. Bertuchs Bilderbuch für Kinder (1790-1830)

Madlen Pilz (Berlin): Stadtbilder und Stadträume im Vergleich. Tbilisi, Georgien

Gesamtkommentar: Tanja Michalsky (Berlin)

Zitation
Tagungsbericht: Bild Macht UnOrdnung, 20.05.2010 – 22.05.2010 Berlin, in: H-Soz-Kult, 19.01.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3462>.