Ökologische Transformationen und literarische Repräsentationen

Ort
Göttingen
Veranstalter
Graduiertenkolleg 1024 "Interdisziplinäre Umweltgeschichte" / Seminar für Deutsche Philologie, Georg-August-Universität Göttingen
Datum
15.07.2010 - 16.07.2010
Von
Ulrike Kruse, GK 1024 "Interdisziplinäre Umweltgeschichte", Georg-August-Universität Göttingen

Im Zeichen der interdisziplinären Annäherung von Umwelthistorikern, Naturwissenschaftlern und Literaturwissenschaftlern fand am 15. und 16. Juli 2010 die Tagung „Ökologische Transformationen und literarische Repräsentationen“ in Göttingen statt. Veranstaltet wurde die Tagung vom Graduiertenkolleg 1024 „Interdisziplinäre Umweltgeschichte“ der Universität Göttingen und dem Seminar für Deutsche Philologie. Ziel der Tagung war es, umwelthistorische Perspektiven mit der ökokritischen Diskussion zu verbinden. Es wurde gefragt, wie der Wandel im menschlichen Verhältnis zur Natur zu unterschiedlichen Zeiten in literarischen Texten verhandelt wird und welche neuen literarischen Ausdrucksformen diese Verhandlungen womöglich provozieren. Komplementär wird gefragt, wie sich literarische und kulturelle Muster auf die Gestaltung der naturalen Umwelt auswirken können. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Etablierung des Ecocriticism als relativ jungem theoretischen Zugang zu Literatur einerseits und der Umweltgeschichte als ebenfalls junger Disziplin in der Geschichtswissenschaft andererseits konnte eine Fülle von Themen in Literatur und Geschichte ausgebreitet werden: Ausgehend von einer theoretischen Einführung in den Ecocriticism umspannten die Beiträge zeitlich 2000 Jahre von der römischen Antike über die Hausväterliteratur des 17. und 18. Jahrhunderts und die Literatur des frühen 20. Jahrhunderts bis zur neuesten Gegenwart. Räumlich reichten sie von den Weiten des Alls über die alpine Maienwiese bis zur Tiefsee. Sowohl Literatur als auch bildende Kunst und Gartenkunst wurden einbezogen.

Zunächst sprach ALEXANDER STARRE (Göttingen) über Ecocriticism, seine Geschichte, Prämissen und Verfahren und mögliche Beziehungen von Ecocriticism und Umweltgeschichte, die er in ihrem historischen Ursprung in der Umweltbewegung des 20. Jahrhunderts verortet. Er sieht z. B. ähnliche Zugänge, gleiche Urtexte und den bei beiden anzutreffenden Versuch der Rekonstruktion gegenseitiger Einwirkungen von Natur und Kultur. In der Diskussion warnte AXEL GOODBODY (Bath, U.K.) vor der gedanklichen Vereinheitlichung eines sehr uneinheitlichen Theoriekomplexes wie des Ecocriticism. Frank Kelleter machte darauf aufmerksam, dass das Sprechen über Naturräume national und ideologisch geprägt sei, woran HEINRICH DETERING (Göttingen) mit dem Hinweis auf die „Naturbetrachtung mit religiöser Hypostasierung“ anschloss. Er frage programmatisch, als was Natur im Ecocriticism betrachtet würde. Die folgenden Vorträge gaben sehr unterschiedliche Antworten auf seine Frage.

Zum Thema „Blumenkinder“ zeigte JULIA HOFFMANN (Göttingen) anhand von mit Pflanzen- und Blumenmetaphern arbeitenden Kindertexten und floralen Kinderbuchillustrationen, wie Kinder einerseits an Natur herangeführt werden, wie aber auch Natur als Vehikel zum Transport sittlicher Regeln benutzt wird. So zögen sich bestimmte Metaphern durch die Kinderliteratur: Blumen symbolisierten z. B. Unschuld und Tugend sowie geordnetes und überwachtes – zivilisiertes – Aufwachsen und stünden so beispielhaft für das wohlerzogene Kind. Hoffmann regte an, Verbindungen zwischen Kindheitsforschung, Umweltgeschichte und Ecocriticism zu knüpfen.

Wie Natur in landwirtschaftlichen Texten aus dem 17. und 18. Jahrhundert dargestellt wurde, beschrieb ULRIKE KRUSE (Göttingen) am Beispiel der Biene in der Hausväterliteratur. Die Wahl des Stoffes verdankt sich der Feststellung, dass in der Hausväterliteratur über bestimmte Themen immer wieder auf die gleiche Weise gesprochen wird, sie mithin topisch verwendet werden. Nachdem Kruse die Hausväterliteratur als Sachliteratur definiert hatte, deckte sie auf, dass in drei Kategorien über Natur in den Texten gesprochen wird, metaphorisch, naturkundlich und ökonomisch. Die Kategorien bedingten einander und machten die Vermittlung von Regelwissen, Weltwissen und Orientierungswissen möglich. Kanonisiertes Wissen verfestige sich und neues Wissen sickere in die Texte ein. In der Diskussion wurde besonders der metaphorische Gehalt der Texte hervorgehoben.

BERND HERRMANN (Göttingen) diskutierte über Gebrauch, Verbrauch und Konservierung von dem, was landläufig als Natur bezeichnet wird. Er richtete sich entschieden dagegen, Natur als Akteur in einem Handlungsfeld zu betrachten: Wenn über Natur gesprochen werde, gründe dies auf einem „doppelten naturalistischen Fehlschluss“. Erstens werde nicht anerkannt, dass „die Wahrnehmungen von und Aussagen über Natur“ kulturellen Mustern folgten. Zweitens würden Bewertungskategorien als „natural vorgegeben angesehen, wo doch die Dinge in der Natur lediglich so sind, wie sie sind, nicht aber, weil sie so sein sollen.“ Herrmann betonte, dass scheinbar aus der Natur abgeleiteten Handlungsoptionen menschliche Bewertungen zugrunde lägen. „Niemals spräche z. B. die Natur, die ohnehin nicht spricht, über einen Hochwasserschutz. Selbstverständlich ist es die menschliche Bewertung, die naturale Gegebenheiten prospektiv und prophylaktisch in Deichbau übersetzt und von Sachzwängen spricht.“ Das menschliche Interesse – nicht die Vorgabe der Natur – erzeuge den Sachzwang.

Axel Goodbody, englischer Vertreter des Ecocriticism, dessen Anwesenheit eine besondere Ehre und Freude war, widmete sich zwei Romanen der neuesten Literatur, W.G. Sebalds „Ringe des Saturn“ und Ian McEwans „Solar“. Er fasste den Zugang über Natur in den Texten als Schreibstrategie auf, bei Sebald melancholisch, bei McEwan schelmenhaft. Sie beschrieben, laut Goodbody, natürliche Phänomene und menschlichen Umgang mit Natur und eröffneten dadurch den Blickwinkel des Lesers hin zu einer anderen Handlungsoption, sei es gegenüber der Natur oder gegenüber anderen Menschen. Das Schreiben über Unglück bei Sebald beinhalte die Überwindung desselben, die Schelmenhaftigkeit bei McEwan offenbare Hilfe zur Veränderung.

STEFANIE SCHUH (Tübingen) begab sich in die römische Antike und sprach über die Metamorphosen des Ovid im Spannungsfeld von oikos, kosmos und textum. Sie stellte die Wandlung in der Natur der Verwandlung in ein Ding in der Natur gegenüber, da Ersteres ein langsamer, nie endender Prozess sei, Letzteres eine abrupte Verwandlung. Eine aitiologisch begründete Verwandlung, wenn Lycaon, was Wolf bedeute, zu einem Wolf werde, dem Tier, dessen Eigenschaften der gewalttätige Charakter des Lycaon besonders entspräche. Strukturell stellte sie die Metamorphosen als chronologisch erzähltes carmen perpetuum (Heldengedicht) und als seriell erzähltes carmen deductum dar sowie als kosmologisches Lehrgedicht mit einer Weltentstehungsgeschichte. Das Gedicht entstehe, wie der Teppich der Arachne aus einem Faden gewebt werde. Es wachse ein Gespinst über die Welt, das textum, das aus Buchstaben – wie die Dinge in der Natur aus Atomen – bestehe. Die Diskussion im Anschluss stellte die Frage nach Kontinuität und Diskontinuität von Wandlung und Verwandlung, ebenso nach dem Verhältnis von Autor und Text.

Der Beitrag von URTE STOBBE (Göttingen) widmete sich dem Verhältnis von Literatur und gebauter Landschaft am Beispiel der „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei“ (1834) von Herman Fürst von Pückler-Muskau und dem von ihm selbst angelegten Park Muskau. In Anknüpfung an die jüngsten Ergebnisse der Landschaftsforschung zeigt sie, dass die durch Text und Bild evozierten Vorstellungen vom Landschaftsgarten wirkmächtiger sind als die Realität selbst. Ihr Beitrag lässt sich als Plädoyer für einen Abgleich von Texten mit den Korrelaten oder Referenzpunkte in der physischen Welt werten. Das enorme Potenzial einer ökokritischen Literaturanalyse läge gerade darin, diese kulturellen Transformationsprozesse präzise offen zu legen.

An ecocritizistische Ausführungen von Starre und Goodbody schloss FRANK KELLETER (Göttingen) mit seinem Vortrag über Thoreaus „Walden“, einem Klassiker des Sprechens über Natur und der „ökologischen Imagination“, an. Thoreau wolle für die Natur sprechen, stehe aber vor dem Problem, dass die Natur als „Wildnis“ als das erhabene Andere gedeutet werde, dem man sich schwer nähern könne. Kelleter arbeitete heraus, dass das ursprüngliche ziellose Aufgehen in der Natur in das Ziel der Nation umgemünzt wird. So könne die Natur im Amerika des 19. Jahrhunderts zum Ersatz für fehlende gemeinsame kulturelle Traditionen werden. Bemerkenswert ist die Verwendung von Begriffen wie „account“ (Buchführung) aus dem Wortfeld „Ökonomie“ in diesem so sehr auf die Natur ausgerichteten Werk. Kelleter deutet dies als Versuch, der Natur einen Nutzen zu geben, der unabhängig ist von den Erträgen der Ausbeutung natürlicher Ressourcen.

Der Vortrag von Heinrich Detering zeigt am Beispiel des Eckernförder Dichters Wilhelm Lehmann, wie die Natur zum Handlungssubjekt in Texten wird. Landschaftsschilderungen stünden hier nicht der Handlung gegenüber, sondern seien selbst die Handlung. Der „Held“ der Texte sei nicht ein handelnder Mensch, sondern die Natur in ihrer bloßen Existenz. Detering betont, die Aufgabe der Literatur sei es, die Welt so zu zeigen, wie Lehmanns „Bukolisches Tagebuch“ das tue. Er weist auf die Verbindungen zwischen Lehmann und der russischen Avantgarde, indem er Viktor Šklovskijs Forderung nach der „Erweckung des Wortes“ in Lehmanns Naturschilderungen verwirklicht sieht. Dank seiner sinnlichen Sensibilität gelinge es Lehmann, die auf den ersten Blick vertraut erscheinende Natur mit neuen Augen zu sehen. Lehmann zeichne sich dabei durch eine hohe Aufmerksamkeit für die Wechselwirkungen zwischen dem Handeln der Menschen und seiner biologischen Mitwelt aus. Lehmanns naturwissenschaftliche Neugier und sein Wunsch, die Natur zu erkennen, führten zu mystischen Erlebnissen. Die Natur solle in Lehmanns Augen dem Menschen ein Vorbild für sein eigenes Leben sein. Detering sieht hier Lehmann in den Traditionen des Taoismus.

Günter Grass’ Schaffen als bildender Künstler stand im Mittelpunkt des Vortrags von JULIA KANCHANA SCHLICHTING (Göttingen). Sie hatte dafür „Totes Holz“ und „Zunge zeigen“, beide aus den 1980er-Jahren, gewählt. Grass habe zum Zeichenstift gegriffen, weil er sprachlos gewesen sei, sprachlos ob unfassbarer Eindrücke, um grausame Realität greifbar zu machen. Diese unfassbaren und unsagbaren Dinge bildhaft darzustellen ermögliche Grass das bildhafte Denken. „Zunge zeigen“, das nach einem Indienaufenthalt entstanden war, kontrastiere die Fülle der Natur mit dem Elend der Menschen. In „Totes Holz“ würde die Angst vor dem Waldsterben bildlich verarbeitet. Schlichting zählte besonders „Totes Holz deshalb zum nature writing, weil es sich mit Mitteln der Kunst für den Naturschutz einsetze – mit Naturschutz als politischer Forderung genauso wie als Metapher für politische Befindlichkeiten.

Mit dem Vortrag von GABRIELE DÜRBECK (Hamburg) kam die Tagung auf die literarische Gegenwart zurück. Sie widmete sich dem Öko-Thriller als Genre im Allgemeinen und Schätzings „Der Schwarm“ als Vertreter dieses Genres im Besonderen. Das Genre, das sie als „Warnliteratur“ bezeichnete, habe die Umwelt als Hintergrund einer Handlung, in der „Klimaskepsis“ genauso vorkommen könne wie apokalyptische „die-Natur-schlägt-zurück“-Szenarien. In „Der Schwarm“ sah Dürbeck verschiedene Darstellungsperspektiven verwirklicht: Globalitätsperspektive, angelegt in multiskalaren Strukturen von lokal über regional zu global, wobei die globale Perspektive mittels eines allwissenden Erzählers privilegiert würde. Dazu käme Vernetzungsdenken bezüglich der Wissenschaften, die als organische Einheit, interdisziplinär und methodisch handelnd beschreiben würden. Natur werde in diesem Text aus einem anthropozentrischen Blickwinkel beschrieben, aber inhaltlich biozentrisch gefasst als Gaia oder auch als Superorganismus – und der Mensch sei ein Teil davon. Zusammenfassend hielt Dürbeck fest, der Roman stelle Komplexität über Schauplatzwechsel dar und kombiniere das mit unterkomplexen Weltvorstellungen.

Konferenzübersicht:

Manfred Jakubowski-Tiessen: Grußwort

Alexander Starre: Always already green: Zur Entwicklung und den literaturtheoretischen Prämissen des amerikanischen Ecocriticism

Julia Hoffmann: Blumenkinder. Ecocriticism in der Kinder- und Jugendliteratur

Ulrike Kruse: Natur als Gegenstand und Metapher in der Hausväterliteratur vom späten 16. bis zum späten 18. Jahrhundert

Bernd Herrmann: Natura morte im Delikatessenladen oder Wie viele Divisionen hat die Natur?

Axel Goodbody: Planetarische Warnbilder im Gegenwartsroman: Repräsentationen der globalen Umweltproblematik in W.G. Sebalds „Ringe des Saturn“ und Ian McEwans „Solar“

Stefanie Schuh: Oikos, kosmos, textum: Ovids „Metamorphosen“

Urte Stobbe: Park Muskau und die Andeutungen über Landschaftsgärtnerei: Ein Garten (nicht nur) der Literatur

Frank Kelleter: Ecology/Economy: Henry David Thoreau geht spazieren

Heinrich Detering: Der verbrecherische Hahnenfuß. Wilhelm Lehmanns „Bukolisches Tagebuch“ zwischen Romantik und Avantgarde

Julia Kanchana Schlichting: Zeichnendes Schreiben als Sammeln, Erinnern und Deuten nach der Natur am Beispiel von Günter Grass’ „Zunge zeigen“ und „Totes Holz“

Gabriele Dürbeck: Transformation der Tiefsee. Globale Umweltkrise im zeitgenössischen Ökothriller

Zitation
Tagungsbericht: Ökologische Transformationen und literarische Repräsentationen, 15.07.2010 – 16.07.2010 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 12.01.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3482>.