Zwangsarbeit und Vernichtung. Der nationalsozialistische Rüstungskonzern HASAG und seine Aufarbeitung

Ort
Leipzig
Veranstalter
Gedenkstätte für Zwangsarbeit in Leipzig
Datum
26.11.2010
Von
Ulrike Breitsprecher, Global and European Studies Institute, Universität Leipzig

Nach einem Call for Paper zum Thema „Zwangsarbeit und Vernichtung. Der nationalsozialistische Rüstungskonzern HASAG und seine Aufarbeitung“ wurde von der Gedenkstätte für Zwangsarbeit in Leipzig zu einem eintägigen Symposium eingeladen. Das Symposium fand auf dem ehemaligen Gelände der Firma Hugo-Schneider-Aktiengesellschaft (Hasag), einem authentischen Ort, nähe der Gedenkstätte selber statt. Heute befindet sich dort das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, welches seit Jahren die Gedenkstätte unterstützt und auch die Räumlichkeiten für das Symposium zur Verfügung stellte. Dem Symposium ging eine Podiumsdiskussion mit Vertretern städtischer Erinnerungsbereiche am Abend zuvor voraus, um die Notwendigkeit und die Zukunft der Gedenkstätte für Zwangsarbeit zu sprechen.

Eingeladen waren ein Vertreter der Stadt, THOMAS KRAKOW, der Leiter der Geschichtsdidaktik, ALFONS KENKMANN und der Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzigs, RAINER ECKERT. Zudem saß auf dem Podium der Vereinsvorsitzenden der Gedenkstätte für Zwangsarbeit, FRANZ HAMMER. Es wurde diskutiert, wie viel geschichtliche Aufarbeitung eine Stadt wie Leipzig überhaupt braucht und warum der Fokus eher auf der Thematisierung der DDR und der so genannten friedlichen Revolution liegt. Das Thema Zwangsarbeit hingegen und gerade die Gedenkstätte haben kaum eine Verankerung in der Stadt und bei den Bürgerinnen und Bürgern. Alfons Kenkmann machte deutlich, dass es in westdeutschen Städten gleicher Größe durchaus üblich sei, eine Gedenkstätte mit mehreren festen Mitarbeitern zu finanzieren, die die NS-Geschichte der Stadt erforschen und an diese erinnern. In Leipzig jedoch fühle sich dafür niemand verantwortlich. In naher Zukunft werde für ein solches Projekt noch viel Öffentlichkeitsarbeit geleistet werden müssen, bis die Dimension von Zwangsarbeit in Leipzig wahrgenommen und die Gedenkstätte für Zwangsarbeit eine etablierte und gesicherte Institution sein wird. Sehr kontrovers wurde diskutiert, ob nicht eine gemeinsame Bearbeitung und Erinnerung der „beiden deutschen Diktaturen“ eine Option wäre.

Die Intention der Gedenkstätte als Veranstalterin des Symposiums war, das Thema Zwangsarbeit mehr in den wissenschaftlichen, aber auch städtischen Diskurs einzubringen. Leipzig war nachweislich einer der Hauptorte von Zwangsarbeit, an dem heute sehr deutlich die weitreichende Dimension von Zwangsarbeit aufgezeigt werden könnte. Es existierten über 200 Lager in der Stadt und die Stadt selber war nicht nur Vermittlerin von Zwangsarbeiter/innen, sondern auch Nutznießerin. Es blieb aber nicht nur bei der Ausnutzung von Zwangsarbeit, sondern wie im Falle der Hasag, wurde auch die „Vernichtung durch Arbeit“ in Leipzig und im besetzten Polen betrieben. Das Beispiel Hasag bietet sich an, um fünf Themen aufzuzeigen: die Verstrickung von deutschen Unternehmen in der Rüstungsproduktion, das Lagersystem und der Einsatz der SS in Firmen, die lokale und regionale Geschichte, die Dimension der Zwangsarbeit sowie die Aufarbeitung nach 1945. Es gibt bis heute bundesweit kaum umfassende Forschungsarbeiten oder Bemühungen einer Aufarbeitung der Geschichte der Hasag. Gerade in der Stadt Leipzig besteht hier ein großes Defizit. Die Gedenkstätte für Zwangsarbeit im Allgemeinen und das Symposium im Besonderen sollte einen Betrag dazu leisten, dies zu ändern.

Das Symposium war in drei Teile gegliedert, das erste Panel widmete sich der Zwangsarbeit und der Vernichtung im Rüstungskonzern Hasag. Den Auftakt des Panels machte RAMONA BRÄU (Erfurt) mit einem Vortrag über die „Hasag als Profiteur von Zwangsarbeit“. Ramona Bräu war wissenschaftliche Volontärin in der Gedenkstätte Buchenwald / Mittelbau Dora und lehrt heute an der Universität Erfurt. Ramona Bräu ging der Frage nach wie die Entscheidungsprozesse bei der Hasag verliefen, so dass in der Zeit des Nationalsozialismus (NS) die Firma zu einem der größten Rüstungsunternehmen werden konnte. Sie wies darauf hin, dass nur sehr wenig über die konkreten Entscheidungsträger bekannt sei. Über die Hasag und die Führungsebene bestehe deshalb ein großes Forschungsdefizit, weil kein zentrales Archiv existiert und zudem unklar ist, was sich in polnischen, russischen oder US-amerikanischen Archiven befindet. Ramona Bräu geht jedoch davon aus, dass dort noch sehr viel Material zu sichten wäre. Gerade eine Öffnung der russischen Archive könnte noch einige für die Forschung über die Hasag wichtige Dokumente zum Vorschein bringen. Ramona Bräu zeigte auf, dass es der Hasag gelang, aus den chaotischen Umsturzprozessen nach der Besetzung Polens zu profitieren. Jedoch gebe es auch über die Standorte in Polen sowie über die Einverleibungen von polnischen Firmen durch die Hasag kaum Wissen. Unbestreitbar sei die tiefe Verstrickung der Hasag in das NS-Regime und der Einsatz von vielen tausend Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen. Begann der Einsatz von Zwangsarbeitern mit der Vermittlung über die Arbeitsämter, entwickelte sich dieser über die willkürliche Verschleppung von Menschen bis zur festen Eingliederung der Hasag ins Außenlagersystem Buchenwalds. Die Hasag sei eine der ersten Firmen mit eigenen KZ-Lagern auf den Werksgeländen, die von der SS bewacht wurde, und. sich an der Ausbeutung von Zwangsarbeiter/innen und an der „Vernichtung durch Arbeit“ von Juden und Jüdinnen beteiligt habe. Von der Hasag seien kaum Bestrebungen bekannt, dass die Mitarbeiter sich aktiv zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen für die Zwangsarbeiter eingesetzt hätten. Im Gegenteil, die Firma Hasag habe sich immer von einer Kosten-Nutzen-Kalkulation leiten lassen, Juden und Jüdinnen in der Regel gar nicht bezahlt, vorrangig Frauen als Zwangsarbeiterinnen genommen, weil diese billiger waren und viele Zwangsarbeiter wurden entweder einfach eingefangen oder aus den Konzentrationslagern geholt. Für die Stadt Leipzig betonte Ramona Bräu, dass fast jede Bewohner und jede Bewohnerin vom Ausmaß und den Bedingungen der Zwangsarbeit bei der Hasag in Leipzig gewusst haben muss, weil allein ihre Größe und Bedeutung in Leipzig enorm war. Zudem machte Ramona Bräu auch auf die Bedeutung der Hasag in der Propaganda im NS aufmerksam, da die Hasag mit der Erfindung der Panzerfaust eine entscheidende Rolle im so genannten Endkampf spielte.

Daran anknüpfend referierte ANDREA LORZ (Leipzig) über die gerichtliche Verfolgung der Hasag-Täter in den Jahren 1948/49, in denen zwei Prozesse in Leipzig stattfanden, die heute kaum im historischen Gedächtnis der Stadt verankert sind. Diese Prozesse kommen auch in der wissenschaftlichen Betrachtung von NS-Prozessen kaum vor, da sie durch die Waldheim-Prozesse überschattet waren. Dabei beleuchten die Prozesse sowohl die Vorgänge bei der Hasag als auch die Täterprofile. Die Angeklagten kamen aus kleinbürgerlichen Verhältnissen oder Arbeiterfamilien und sie waren zuverlässige, aber inhumane Meister, Vorarbeiter, Werkschutz- oder Verwaltungsangestellte. Teilweise hat die Hasag auch ukrainische Werkschutzangestellte angeheuert. Das die Prozesse überhaupt zustande kamen, ist auf einen Hasag-Angestellten und die Überlebenden zurückzuführen, die Täter wiedererkannten und bereit waren über ihre Erlebnisse und ihr Schicksal zu berichten. Anklagepunkt war auf Grundlage des Alliiertenparagraphen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In beiden Prozesse wurden insgesamt 45 Menschen angeklagt und es gab von Todesurteilen bis Freispruch alle Strafmaße. Nach dem Ende der DDR wurden Rehabilitationsansprüche abgewiesen. Über die zeitgenössische Rezeption der Prozesse in Leipzig sei nichts bekannt und es bleibe unklar, inwieweit die politische Situation Ende der 1940er-Jahre eine weiterreichende strafrechtliche Verfolgung verhindert habe.

Die weiteren Vorträge des ersten Panels hatten jeweils einen regionalen Schwerpunkt auf einem Ort, an dem die Hasag eine Niederlassung hatte. Das zweite Panel entfernte sich thematisch von der Hasag als Rüstungskonzert und Profiteur der Zwangsarbeit und legte den Blick auf die Stadt Leipzig, ihre Bevölkerung und ihre Rolle in die Zwangsarbeit. Steffen Held gab einen kurzen Überblick über die spezielle Situation von Juden und Jüdinnen und die Rolle der Stadt beim Einsatz von jüdischen Zwangsarbeiterinnen in Leipzig. Daran anschließend stellte Carsten Stephan sein Dissertationsvorhaben über die medizinische Versorgung von Zwangsarbeiter/innen in Leipzig vor. Auffällig eindrücklich war der Vortrag von MARTIN CLEMENS WINTER (Leipzig) über die Todesmärsche aus Leipzig und die Gewaltverbrechen der deutschen Bevölkerung an den KZ-Häftlingen. Martin Winter studierte Geschichte an der Universität Leipzig, ist ehrenamtlicher Mitarbeiter in der Gedenkstätte für Zwangsarbeit und stellte einen Teil seines Promotionsvorhabens vor.

Martin Winter stellte eine Mikrostudie über zwei Morde an Zwangsarbeitern, die von den Todesmärschen fliehen konnten, durch Deutsche im Raum Leipzig vor. Die Mikrostudie betrachtet die Tatbeteiligung und die Motive der Täter sowie die Gewaltdynamik in der Tat selber. Als Quellengrundlage dienen die Gerichtsakten aus den später geführten Prozessen. Nach der Vorstellung beider Tatorte zog Martin Winter ein vorläufiges Resümee: Bei den Todesmärschen wurde auf die örtliche Infrastruktur zurückgegriffen, die Häftlinge schliefen beispielsweise auf den Sportplätzen der Orte und die örtlichen NS-Strukturen wurde bei der Verfolgung und Hinrichtung von entflohenen Häftlingen eingesetzt. Dabei habe eine Arbeitsteilung geherrscht, die auch Kinder und Frauen einschloss und zudem von einer hohen Kompetenz der Funktionsträger zeuge. Die Morde wurden am Ende zwar von Einzelnen ausgeführt, die Vorbereitung sei jedoch immer in großen Gruppen geschehen, die schnell zusammengesetzt gewesen, aber dennoch gut organisiert seien. Die Hinweise auf entflohene Häftlinge seien aus der zivilen Bevölkerung gekommen und die Täter hätten sich äußerst flexibel und routiniert in ihren Hierarchien und Befehlswegen gezeigt. Gleichzeitig habe es Unsicherheiten und Komplikationen gegeben, so dass nicht von Gewohnheitstätern gesprochen werden könne, weil die Täter aus den Orten selber kamen. Martin Winter sieht hier eine Entgrenzung des Lagersystems in die NS-Gesellschaft und eine letzte Aktualisierung und Aktivierung der NS-Ideologie, die eine Internalisierung des Vernichtungswillens und den Erhalt der Volksgemeinschaft erfolgreich propagierte, sogar als die Rote Armee bereits auf diese Ortschaften schoss und das Ende des Krieges klar absehbar war. In der anschließenden Diskussion wurde nach der Relevanz solcher Mikrostudien gefragt und kritisch angemerkt, dass gerade Begriffe wie ‚Volksgemeinschaft‘ in der historischen Forschung umstritten sind.

Das dritte Panel widmete sich der Zwangsarbeit in anderen Regionen und regte eine vergleichende Perspektive an. Zum einen stellte ROMAN FRÖHLICH (Leipzig) einen Vergleich zwischen der Hasag und dem Heinkel-Konzert in Bezug auf Zwangsarbeit an, zum anderen ergänzte BERNHARD BREMBERGER (Berlin) mit seinem Vortrag über die medizinische Versorgung von Zwangsarbeitern in Berlin den Vortrag von CARSTEN STEPHAN (Leipzig) aus dem zweiten Panel. Daran anschließend wurde das Podium für die von MATHIAS BEREK (ehemaliger Mitarbeiter der Gedenkstätte), SYLVIA EHL (Mitarbeiterin der Gedenkstätte) und JOSEPHINE ULBRICHT (ehrenamtliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte) moderierte Abschlussdiskussion geöffnet und die Teilnehmenden und Vortragenden tauschten sich mit den (größtenteils ehrenamtlichen) Mitarbeitern der Gedenkstätte für Zwangsarbeit sowohl über die Forschungslage des Themas Hasag als auch die Zukunft der Erinnerungsarbeit in Leipzig aus.

Der Fokus der Diskussion wurde auf die Defizite und Perspektiven der historischen Forschung über die Hasag und das Thema Zwangsarbeit gelegt. Es wurde bemängelt, daß bisher bei allen referierten Themen eine geschlechtsspezifische Sicht fehlte und die Geschichte der Hasag im „Generalgouvernement“ noch nicht bearbeitet wurde. Es wurde positiv auf die Mikrostudie von Herrn Winter Bezug genommen, weil anhand solcher Studien (über Gewalt, Mobilisierung, Geschlecht) die Komplexität des NS im Alltag und in der Region aufgezeigt werden können, was kann insbesondere für die pädagogische Annäherung sehr wertvoll sei. So könnten auch die Unterschiede zwischen Regionen oder Unternehmen besser dargestellt werden. Durch Einzelstudien über den lokalen Rahmen könnten zudem die städtischen Strukturen besser aktiviert werden. Oft entstehen über regionale Themen Geschichtswerkstätten, die dann die Erinnerungsarbeit übernehmen. Es wurde an dieser Stelle angemerkt, dass aber immer das Gesamtphänomen im Auge behalten werden müsse und in der Pädagogik nicht vergessen werden darf. Da die Quellenlage für Leipzig sehr schwierig sei, müsse gerade bei der Bearbeitung der Täterorganisationen (Arbeitsamt, Gestapo) wieder auf den überregionalem Rahmen zurückgegriffen werden, damit die Themen überhaupt darstellbar würden.

Als Perspektive wurde die Sichtbarmachung der Täterorte genannt. Gerade die Verzahnung zwischen Arbeitsamt und Stadtverwaltung bei der schrittweisen Erfassung und Vernichtung des Leipziger Judentums wäre ein Thema, welches sich dafür anbieten würde. Die Einbeziehung der Wehrmacht beim Einsatz von Zwangsarbeiter/innen fehle bisher auch noch in der Forschung über Leipzig im NS. Über die Häftlingsgesellschaft und die Opferhierarchien in den vielen Lagern Leipzig ist bisher auch wenig bekannt. Als Ziel wurde formuliert, dass die vielen Schriften und Publikationen der Geschichtswerkstätten und der Heimatforscher erfasst werden und dann genauer geschaut werden kann, welche Forschungdesiderata deutlich werden.

Gefördert wurde die Veranstaltung von Weiterdenken, der sächsischen Böll-Stiftung, die alle Vorträge aufgezeichnet und als Videomitschnitt im Internet bereit gestellt hat. Um die Vorträge auch langfristig in eine wissenschaftliche Debatte einzubetten, werden die Referate in naher Zukunft verschriftlicht und als Broschüre erhältlich sein.

Konferenzübersicht:

Teil 1: Zwangsarbeit und Vernichtung im Rüstungskonzern HASAG

Ramona Bräu: Die HASAG als Profiteur von Zwangsarbeit. Der Weg des Leipziger Lampenproduzenten zum NS-Rüstungs- und Musterbetrieb.

Bert Markiewicz: Rüstungsindustrie und Nationalsozialismus in Altenburg. HASAG – ein konkreter Fall

Wolfgang Heidrich: Zu ausgewählten Forschungsproblemen zur Geschichte der HASAG in Colditz und Flössberg

Andrea Lorz: Zur juristischen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen in den HASAG-Zwangsarbeitslagern Skarzysko-Kamienna und Czȩstochowa nach 1945 in der SBZ/DDR und in der BRD

Teil 2: Zwangsarbeit in Leipzig

Steffen Held: Zwangsarbeit von Jüdinnen und Juden aus Leipzig 1939-1945

Carsten Stephan: Medizinische Versorgung von Zwangsarbeitern in Leipzig

Martin Clemens Winter: "Das machen wir gleich selber" – Verbrechen an KZ-Häftlingen auf Todesmärschen aus Leipzig

Teil 3: Zwangsarbeit in anderen Regionen - Forschungsfragen und Vergleichsperspektiven

Roman Fröhlich: Die vielseitigen Verbindungen zwischen dem Heinkel-Konzern und der SS und deren Häftlingslagern

Bernhard Bremberger: Von der medizinischen Versorgung zur "Entsorgung" von Arbeitsunfähigen. Der Umgang mit schwerstkranken Zwangsarbeitern am Beispiel Berlin

Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Zwangsarbeit und Vernichtung. Der nationalsozialistische Rüstungskonzern HASAG und seine Aufarbeitung, 26.11.2010 Leipzig, in: H-Soz-Kult, 14.01.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3486>.