HT 2010: Grenzverschiebungen. Historische Semantik der 1960er- und 1970er-Jahre im deutsch-britischen Vergleich

Ort
Berlin
Veranstalter
Elke Seefried, German Historical Institute London / Universität Augsburg, Martina Steber, German Historical Institute London; Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
28.09.2010 - 01.10.2011
Von
Nicole Kramer, Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam

Gleich zwei Grundfragen der jüngeren Zeitgeschichte verknüpften ELKE SEEFRIED (Augsburg) und MARTINA STEBER (London) und in der von ihnen geleiteten Sektion „Grenzverschiebungen. Historische Semantik der 1960er und 1970er im deutsch-britischen Vergleich“: Erstens richteten sie den Blick auf die 1960er- und 1970er-Jahre als Zeit tiefgreifender Wandlungsprozesse, für die Anselm Doering-Manteuffel und Lutz Raphael in ihrer Programmschrift „Nach dem Boom“ sogar einen Strukturbruch diagnostizierten [1]. Zweitens fragte die Sektion nach dem Schwellenzeitcharakter der beiden Jahrzehnte und zeigte Wege einer begriffsgeschichtlichen Annäherung an das 20. Jahrhundert auf, die jüngst auch Christian Geulen in den Zeithistorischen Forschungen gefordert hatte [2].

Welche Chance die Verbindung dieser beiden methodischen Überlegungen eröffnet, legten SEEFRIED und STEBER in ihrer Einleitung dar. Mit Blick auf Begriffe – so die beiden Historikerinnen – ließen sich langfristige soziokulturelle Veränderungen und ideelle Neuformierungen ausloten, die vor dem Hintergrund wirtschaftlicher sowie finanzpolitischer Prosperität und Krise ins öffentliche Bewusstsein gerückt seien. Begriffe, die Wandlungsprozessen unterworfen seien und diese prägten, könnten als Sonden fungieren, die die Dynamik und Reichweite der Veränderungen über nationale (Sprach-) Grenzen hinaus sichtbar machen. Mit „Liberalismus“, „Konservatismus“, „Demokratie“, „Markt“ und „Zukunft“ sowie ihren jeweiligen englischen Entsprechungen griffen die Beiträge der Sektion Vokabeln heraus, auf die bereits Reinhart Koselleck sein Konzept der „Sattelzeit“ gestützt hatte. Zudem handele es sich um eine Auswahl von Begriffen, die nicht nur unter den deutschen Zeitgenossen der 1960er- und 1970er-Jahre besonders hart umkämpft gewesen seien. Die Sektion wählte Großbritannien, das ebenso wie die Bundesrepublik ökonomische Krise und ideologische Grabenkämpfe erlebte, als Vergleichsfolie. Ein akteurszentrierter Ansatz leitete Beiträge, wobei vor allem die Arenen von Partei, Parlamenten und Wissenschaft und in diesem Umfeld agierende Politiker, Intellektuelle und Publizisten im Mittelpunkt standen.

Drei Fragen gaben Seefried und Steber den Beitragenden in ihrer Einleitung mit auf den Weg: Erstens sollten die Begriffe – eine Grundfrage der Begriffsgeschichte – nach ihrem Verhältnis von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont befragt und ganz allgemein Zeitstrukturen aufgezeigt werden. Zweitens ging es um – sich in den jeweiligen nationalen Kontexten möglicherweise auch unterscheidende – Binnenzäsuren. Schließlich galt es, Internationalisierungs- und Europäisierungsschübe auszumachen und zu ermessen, inwieweit sie nationale Bedeutungsbedingtheiten überlagerten.

Dem „Liberalismus“ als „Kommunikationsraum“ spürte RICCARDO BAVAJ (St. Andrews) in seinem Vortrag nach und setzte seine Untersuchung dafür vor allem im akademischen Feld an (Gegenwartsanalysen von Sozial- und Geisteswissenschaftlern, Lexikonbeiträge, zentrale Debatten in Zeitungen). Er zeichnete am Beispiel deutschsprachiger Hochschullehrer – Bracher, Sontheimer, Fraenkel, Dahrendorf –, wie problematisch bereits in den 1960er-Jahren die affirmative Verwendung des Liberalismusbegriffs war, der seine Verheißungskraft eingebüßt hatte. Die Ereignisse von 1968, so Bavaj weiter, hätten in Deutschland zu einer Neukodierung des „Liberalismus“ geführt und Fremd- und Selbstzuschreibung mancher Wissenschaftler verändert. „Aus Advokaten des Wandels wurden Kräfte der Beharrung“. Anders sah es hingegen in Großbritannien aus. Der Blick über die Grenzen – eher ein kurzer Abstecher – führte zur Erkenntnis, dass die Irritation der 1968er an den britischen Hochschulen fehlte und damit andere Herausforderungen, wie die strukturellen Veränderungen im Fahrwasser der Wirtschaftskrise, sprachlichen Wandel förderten. Auch wenn sich britische und deutsche Gelehrte unterschiedlich auf den Begriff des Liberalismus bezogen, teilten sie ähnliche politische Überzeugungen, wie der Referent mit Blick auf Bernard Crick und Sontheimer unterstrich.

Signifikant wich das deutsch-britische Vergleichspaar im Fall des in den 1960er- und 1970er-Jahren heiß umkämpften Begriffes „Markt“ voneinander ab. DOMINIK GEPPERT (Bonn) untersuchte diesen als Teil der Wortfelder „Marktwirtschaft“ und „Kapitalismus“, wobei er sich auf die parteipolitischen Debatten konzentrierte. Inwieweit Grenzen des Sagbaren auch Grenzen des Machbaren sind [3], unterstrich seine Hauptthese, indem er zeigte, dass die marktradikale Wende in Großbritannien und deren Ausbleiben in Deutschland auch auf semantischen Bedingtheiten und Begriffstraditionen zurückzuführen sind. Unter dem Einfluss von Think Tanks habe sich in Großbritannien ein positives oder zumindest neutrales Verständnis von Kapitalismus und Markt durchgesetzt. In Deutschland hingegen hätten nicht nur institutionelle Pfadabhängigkeiten tiefgehende Reformbemühungen verhindert; ebenso lasse sich Kontinuität der „sozialen Marktwirtschaft“ eben auch auf sprachlicher Ebene feststellen. Erst Ende der 1990er-Jahre sollte sich dies mit dem Ruf der SPD nach „mehr Markt“ ändern.

Die Bedeutung von „Demokratie“/„democracy“ beschäftigte die politisch interessierten und aktiven Zeitgenossen nicht minder. HOLGER NEHRING (Sheffield) entwickelte seine Argumentation auf der Basis der Auseinandersetzungen in Politik und Massenmedien im Übergang von den 1960er- zu den 1970er-Jahren, wobei ihn weniger die übergreifende Frage der Sektion nach den sozialen Trägern als die nach Strukturen und Bedeutung der Semantiken interessierten. In der von amerikanischen Sozialwissenschaftlern angestoßenen Debatte um Regierbarkeit/Nichtregierbarkeit habe sich in der Bundesrepublik und ebenso in Großbritannien die Befürchtung einer zukünftigen Krise demokratischer Repräsentation und Entscheidungsfindung ausgebreitet. Zu einer semantischen Neuformulierung von Demokratie sei es aber nicht gekommen, sondern es habe vielmehr eine Auffächerung stattgefunden. Mögen sich die Strukturen der Semantiken auch gleichen, so konstatierte Nehring die nationalen Unterschiede in ihrer Bedeutung: Während in der Bundesrepublik die Demokratie durch rationale und wissenschaftlich fundierte Herrschaft gesichert sein sollte, gewann in Großbritannien eine Semantik an Bedeutung, die den Staat vor den Interessen und Forderungen Einzelner abgeschirmt wissen wollte.

Die sozio-kulturellen Umwälzungen der beiden Jahrzehnte machten auch vor dem „Konservatismus“/„conservatism“ nicht Halt. In MARTINA STEBERs Vortrag stand die Definition des „Konservativen“ im Zentrum, worüber in Deutschland die gesamte Öffentlichkeit verhandelte, während sich in Großbritannien die Debatte innerhalb der Conservative Party abspielte. Traditionsbestände, die mit der Rolle der Konservativen als Wegbereiter des Nationalsozialismus zu tun hatten, und dem Trend der 1960er-Jahre zur Progressivität und Planbarkeit, drängten in den 1960er-Jahren zu einer Verständigung darüber, was konservativ sei. Infolge der Debatten, die sich in den 1970er-Jahren fortsetzten, erfuhr der Konservativmus eine Neuprägung. Während die Entwicklung in Deutschland durch eine Expansion des Wortfeldes gekennzeichnet gewesen sei, habe sich die britische Begriffsbedeutung verengt. Steber führte aus, dass sich die britischen Konservativen, frei von vergangenheitspolitischen Belastungen, auf die Frontstellung zum „Socialism“ der Labour Party konzentrierten. Ebenso prägend sei die Aufnahme liberalen Vokabulars, wie des „individualism“ gewesen, das zur Verfügung stand, da eine eigene liberale Partei fehlte. Steber bezog auch die europäische Ebene ein und behauptete, die semantische Grenzverschiebung sei durch die grenzüberschreitende Parteienkooperation begünstigt worden, die einen Definitionsprozess in Gang gesetzt habe.

Über den Begriff der „Zukunft“ sprachen Vertreter jeder parteipolitischen Couleur, vor allem aber auch die Wissenschaftler, die sie erforschten, wie ELKE SEEFRIED in ihrem Vortrag darlegte. Am Beginn ihrer Ausführungen stand die Zukunftsforschung, die das Bewusstsein sensibilisierte, Zukunft zu erkunden und dafür sogleich Instrumente bereithielt. Technischer Fortschritt und sozialer Wandel, so die Referentin, hätten den Erfahrungsraum geprägt und die Vorstellung gefördert, die Zukunft sei offen, aber gestaltbar. Sie konstatierte, dass durch das Machbarkeitsdenken der Zeit aus „Zukunft“ gestaltbare „Zukünfte“ wurden. Zwar meldeten sich bereits in den 1960er-Jahren auch kritische Stimmen zu Wort, die sich im Machbarkeitsdenken und Krisendiagnosen materialisierten. Dystopie- und Apokalypsevorstellungen verbreiteten sich aber erst 1971/72, allerdings noch vor dem Ölpreisschock, insbesondere in Form ökologischer und demographischer Schreckensszenarien. Die semantischen Grenzverschiebungen, so die These Seefrieds, gingen dabei den sozio-strukturellen und sozio-kulturellen Neuformierungen der 1970er-Jahre nicht nur voraus, sondern bedingten diese. Mit Phrasen wie „die Grenzen des Wachstums“ ließ sich die Krise erst sprachlich fassen. In Deutschland sei der Begriff der Zukunft schließlich zugunsten der Bezeichnung „Prognostik“ in den Hintergrund gedrängt worden. In Großbritannien hätten die Zukunftsforscher hingegen eine pragmatischere Haltung eingenommen und hätten, auch wenn sie die Gefahren anerkannten, „future oder„futures“ offener interpretiert als in Deutschland.

Die Beiträge der Sektion boten nicht nur anregende Einblicke in die Geschichte einzelner Schlüsselbegriffe der politischen Kultur in Deutschland und Großbritannien. Sie lieferten zudem einen Teilentwurf für eine historische Semantik im 20. Jahrhundert, auf den der Kommentator sowie die anschließende Diskussion aufbauen konnten. WILLIBALD STEINMETZ (Bielefeld) knüpfte an die konzeptionellen Überlegungen der Einleitung an und gab Anregungen zum Weiterdenken bzw. Präzisieren. Erstens reflektierte er die Auswahl der Begriffe, die allesamt der politischen Sprache entsprangen und sich bereits im Werk „Geschichtliche Grundbegriffe“ finden. Wissenschaftsbegriffe, so bemerkte Christoph Cornelißen in der Diskussion, fehlten hingegen, obwohl im 20. Jahrhundert die „Verwissenschaftlichung des Sozialen“ eine zentrale Entwicklung darstellte. Zweitens nahm Steinmetz den Untersuchungsansatz in den Blick. Er wies darauf hin, dass nicht allein Begriffe die Ebene des Vergleichs bildeten, sondern auch die mit ihnen eng verbundenen Problemlagen. Neben den Akteuren ließe sich auch die Frage nach den Grundmustern der Argumentation als Zugriff operationalisieren. Steinmetz beendete seinen Kommentar mit der Aufforderung, über die Gründe der Veränderungen zu diskutieren. Welche Rolle spielten externe Faktoren wie das Wahlrecht, Koalitionsrealitäten oder aber neue Technologien für die Entwicklung von Begriffen? Welche Schwerkraft hat die Geschichte bzw. wie bedeutsam sind die semantischen Pfadabhängigkeiten einzuschätzen?

Die Sektion zeigte, dass sich die Konzeptionierung einer Begriffsgeschichte im 20. Jahrhundert noch in den Anfängen befindet und dass über Fragen wie Auswahl, Binnenzäsuren oder die Verknüpfung mit Akteuren und Diskursen weiterhin Verständigungsbedarf bestehen wird. Die Sektion lieferte wertvolle Denkanstöße: Vor allem der Blick über die nationalen Grenzen hinaus, als Transfergeschichte aber auch in Form des klassischen Vergleichs, sollte in der noch jungen Debatte eine größere Rolle als bisher spielen.

Erkenntnisfördernd ist vor allem auch der Vorschlag, den Strukturbruch der industriegesellschaftlichen Moderne, der sich im Übergang von den 1960er- zu den 1970er- Jahren vollzogen haben soll, begriffsgeschichtlich zu untersuchen. Ob dies tatsächlich eine „semantische Schwellenzeit“ war, bleibt zwar noch zu beweisen. Die Richtung und Reichweite des Wandels in diesen Jahrzehnten lassen sich mit den Methoden der historischen Semantik jedoch untersuchen. Ob es sich bei der Zeitgeschichte immer weniger um die „Nachgeschichte vergangener, sondern um die Vorgeschichte gegenwärtiger Problemlagen“ handele [4], wie Hans Günter Hockerts es formulierte, könnte mit den Koselleckschen Kategorien „Erfahrungsraum“ und „Erwartungshorizont“ analysiert und dargestellt werden.

Sektionsübersicht:

Riccardo Bavaj (St Andrews): Liberalismus – liberalism

Dominik Geppert (Bonn): Markt – market

Holger Nehring (Sheffield): Demokratie – democracy

Martina Steber (London): Konservatismus – conservatism

Elke Seefried (London/Augsburg): Zukunft – future

Willibald Steinmetz (Bielefeld): Kommentar

Anmerkungen:
[1] Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 2008.
[2] Christian Geulen, Plädoyer für eine Geschichte der Grundbegriffe des 20. Jahrhunderts, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 7 (2010) 1, <http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Geulen-1-2010> (05.01.2011).
[3] Willibald Steinmetz, Das Sagbare und das Machbare. Zum Wandel politischer Entscheidungsspielräume: England 1780-1867, Stuttgart 1993.
[4] Hans Günter Hockerts, Rezension von: Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 2008, in: sehepunkte 9 (2009) 5, <http://www.sehepunkte.de/2009/05/15019.html> (05.01.2011.)

Zitation
Tagungsbericht: HT 2010: Grenzverschiebungen. Historische Semantik der 1960er- und 1970er-Jahre im deutsch-britischen Vergleich, 28.09.2010 – 01.10.2011 Berlin, in: H-Soz-Kult, 08.01.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3491>.
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Veröffentlicht am
08.01.2011
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