Arbeit in den nationalsozialistischen Ghettos

Ort
Warschau
Veranstalter
Deutsches Historisches Institut Warschau; Żydowski Instytut Historyczny Warschau
Datum
03.12.2010 - 04.12.2010
Von
Melanie Hembera, Lehrstuhl für Zeitgeschichte, Historisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Gelten viele Facetten der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik gegenüber der jüdischen Bevölkerung als hinreichend erforscht, stellen die Ghettos und die Arbeit in den Ghettos innerhalb der Holocaust-Forschung in weiten Teilen noch immer ein Desiderat dar. Nur allmählich scheint sich die Geschichtswissenschaft dieser Thematik anzunähern, so etwa im Rahmen zweier Konferenzen, die in den letzten beiden Jahren stattfanden.[1] Während in allgemeineren Darstellungen häufig eindimensional von unbezahlter Zwangsarbeit gesprochen wird, bilden differenziertere Studien zur Ghettoarbeit weitgehend die Ausnahme. In Gutachten für die sogenannten Ghettorentenfälle im Rahmen des „Gesetzes zur Zahlbarmachung von Renten aus Beschäftigung in einem Ghetto“ (ZRBG) konnte jedoch ein deutlich differenzierteres Bild der jüdischen Arbeit in den Ghettos nachgezeichnet werden, das nun in die einschlägige Forschung eingebaut werden muss.[2]

Gerade die während der justiziellen Verfahren gewonnenen Erkenntnisse bildeten den Anlass der gemeinsam vom Deutschen Historischen Institut Warschau und dem Żydowski Instytut Historyczny Warschau organisierten Tagung „Arbeit in den nationalsozialistischen Ghettos“. Nach den Konferenzorganisatoren Stephan Lehnstaedt (DHI Warschau) und Jürgen Hensel (Żydowski Instytut Historyczny Warschau) sollte die Konferenz ihren Beitrag dazu leisten, die aus der Arbeit mit den „Ghettorenten“ gewonnenen Ergebnisse zu bündeln. Darüber hinaus sollten auch die Bedingungen der Ghettoarbeit und -ökonomie untersucht werden, um so zu breiteren wissenschaftlichen Erkenntnissen zu gelangen.

Den Auftakt des ersten Panels zu den Vorüberlegungen und Bedingungen bildete der Vortrag von CHRISTIAN WESTERHOFF (Berlin), der sich mit der Rekrutierung und Beschäftigung jüdischer Arbeiter im Generalgouvernement Warschau sowie in Oberost während des Ersten Weltkrieges befasste. Insgesamt habe die Zwangsarbeit in Oberost umfangreichere Formen angenommen, während im Generalgouvernement Warschau hauptsächlich die jüdische Bevölkerung zur Arbeitsleistung herangezogen worden sei. Vergleichbar, so das Resümee, sei die Arbeit für die Deutschen während des Ersten Weltkrieges nicht mit derjenigen ab 1939. In der letztgenannten Zeitperiode habe die Zwangsarbeit in weit größerem Ausmaß stattgefunden als während des Ersten Weltkrieges, wobei es sich zudem um „moderate Zwangsarbeit“ gehandelt habe, die auch nicht derart durch rassenideologische Motive geprägt gewesen sei.

Das zweite Panel bot einen Überblick über die Formen der Ghettoarbeit, die diese in den unterschiedlichen Regionen annahm, sowie darüber, welche Akteure die Arbeit organisierten und welche Absicht damit verfolgt werden sollte. Während etwa GILES BENNETT (München) über die Transferstelle, die nach der Abriegelung des Warschauer Ghettos gegründet wurde, referierte, beschäftigte sich IMKE HANSEN (Hamburg) mit einer Thematik, die innerhalb der Forschung bis dato noch einen „weißen Flecken“ darstellt: die jüdische Arbeiterselbstorganisation in Ghettos. Anhand der im Generalgouvernement gelegenen Ghettos Krakau, Bochnia und Warschau zeichnete sie die Entstehung und Genese von Arbeitszweigen und -strukturen, die durch jüdische Eigeninitiative geschaffen wurde, nach. Hierbei gab sie auch Einblicke in die alltagsgeschichtliche Dimension der Ghettoarbeit.

MARIO WENZEL (Berlin) befasste sich in der dritten Sektion mit den Zwangsarbeitslagern für Juden, die auf dem Gebiet der Ghettos im Distrikt Krakau des Generalgouvernements installiert wurden. Nachdem Ende 1942 die Ghettobereiche A für die als arbeitsfähig eingestuften Juden vom SS- und Polizeiführer des Distrikts Krakau übernommen worden seien, habe dieser SS-Unteroffiziere, die aus dem reichsdeutschen KZ-System zu dessen Stab abkommandiert wurden, damit beauftragt, die Ghettos in Bochnia, Tarnów und Reichshof in Arbeitslager umzuwandeln. Mit der Einsetzung der neuen Lagerleitung habe sich nicht nur die Situation der jüdischen Häftlinge geändert, sondern auch der Arbeitzweck. Wenzel resümierte, dass sowohl die Genese und Entwicklung der von ihm untersuchten Zwangsarbeitslager für Juden als auch die dort ausgeübte Zwangsarbeit „wohl am stärksten mit der Ausbeutung und Vernichtung der polnischen Juden unter der Bezeichnung „Aktion Reinhardt“ verbunden“ sei.

Mit Transnistrien, einem Gebiet, das lange Zeit von der Historiografie ausgeblendet wurde, beschäftigte sich ANDREJ ANGRICK (Berlin) in der Sektion IV zur Ghettoarbeit im südlichen Osteuropa. Nachdem Angrick zunächst einen Überblick über die Entstehung und Genese der Besatzung in Transnistrien gab, widmete er sich im zweiten Teil seines Vortrages den in dieser Region installierten Ghettos und zog Vergleiche zu den übrigen Sowjetgebieten, wobei die Überlebensrate der Ghettoinsassen in Transnistrien höher gewesen sei als anderswo. Dies sei unter anderem dem Umstand geschuldet, dass ab 1942 Hilfssendungen wie etwa Medikamente und Kleidung gestattet worden seien, die aus Zentralrumänien stammten.

Ein weiteres Kernthema der Konferenz wurde in der von Piotr Kendziorek (Warschau) geleiteten Sektion V besprochen. Es handelte sich hierbei um die ökonomischen Aspekte der Ghettoarbeit. STEPHAN LEHNSTAEDT (Warschau) untersuchte anhand der drei Fallbeispiele Ostoberschlesien, Warthegau sowie Generalgouvernement die Frage nach konträren Interessen der Besatzungsinstitutionen bezüglich der Judenpolitik vor Ingangsetzung der „Endlösung“. Dadurch, dass die Berliner Zentrale lange Zeit keine Vorgaben in Bezug auf den Umgang mit der jüdischen Bevölkerung gemacht habe, erhielten die lokalen Instanzen vor Ort einen großen Handlungsspielraum. Insgesamt aber, so Lehnstaedt, könne in den untersuchten Regionen keine generelle konträre Interessenpolitik von Verwaltung und SS ausgemacht werden. Die Priorität bildeten die materiellen Gewinne, die aus der jüdischen Zwangsarbeit gezogen wurden. Lehnstaedt resümierte, dass der Rassenideologie auf lokaler Ebene keine höhere Bedeutung für den Holocaust zukäme als wirtschaftlichen Überlegungen. Finanzielle und rein opportunistische Motive der Machthaber vor Ort seien für die regionale Dynamik des Judenmordes zentral gewesen.

Abgerundet wurde die Konferenz durch das letzte Panel zur Nachgeschichte der Ghettoarbeit. Neben der Sozialpsychologin KRISTIN PLATT (Bochum), dem Historiker und Holocaust-Überlebenden FELIKS TYCH (Warschau) sprachen auch der Jurist JAN-ROBERT VON RENESSE (Essen) und der Historiker JÜRGEN ZARUSKY (München) über ihre Erfahrungen im Rahmen der Ghettorentenverfahren. Während sich Platt den Erinnerungen der Überlebenden widmete, wurden in diesem Panel auch die Schwierigkeiten aufgezeigt, die sich mit der Ghettorentenproblematik ergaben, weil die Juristen die historischen Methoden und Ergebnisse lange Zeit ignorierten.

Die Tagung war mit circa 100 Teilnehmern sehr gut besucht und bot viel Raum für den wissenschaftlichen Austausch. Bedauerlicherweise konnte ein länderübergreifender Fachaustausch nur in geringem Maße erfolgen, denn westliche Forscher stellten während der Konferenz die Mehrheit. Demgegenüber ist jedoch die interdisziplinäre Ausrichtung der Konferenz positiv hervorzuheben, befanden sich doch unter den Vortragenden nicht nur Historikerinnen und Historiker, sondern auch ein Jurist und eine Sozialwissenschaftlerin.

Durch die differenzierten Vorträge konnten während der Konferenz Opfer- und Täterperspektive der Ghettoarbeit zusammengeführt werden, auch wenn die Perspektive der Täter in den Vorträgen überwog. Beiträge zur Alltagsgeschichte waren während der Konferenz zwar in der Minderheit, wurden jedoch während der Diskussionsrunden, die den Sektionen folgten, stark diskutiert.

Insgesamt bot die Konferenz einen Überblick über die Ghettoarbeit in den osteuropäischen Gebieten und konnte so bisweilen von der Forschung sowohl geographisch als auch inhaltlich wenig beachtete Facetten aufzeigen. Wie die Konferenz zeigte, entwickelten sich nach 1939 differenzierte Formen der jüdischen Arbeit (Arbeitsbataillone, Zwangsarbeitslager, Shops durch jüdische Initiative, Ghettoarbeit bei deutschen Firmen). Diese unterlagen nicht nur einem zeitlichem Wechsel, sondern gestalteten sich auch je nach Region unterschiedlich. Umso mehr erscheint es daher notwendig, die jeweiligen lokalen Verhältnisse zu analysieren, um dann über einen Vergleich zu generalisierbaren und zugleich trennscharfen Aussagen zur Ghettoarbeit zu gelangen.

Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang auch, wie wenig die Historiker bislang durch ihre Begriffsbildung dazu beitrugen, den verschiedenen Formen der jüdischen Arbeit gerecht zu werden; die pauschale Verwendung des Begriffs „Zwangsarbeit“ etwa für ein Arbeitslager und eine Ghettowerkstatt ist wenig geeignet, ein differenziertes Bild zu zeichnen. In der Abschlussdiskussion wurde auch darauf hingewiesen, dass sich die bisherige Forschung bis dato kaum den Interaktionsmustern zwischen den Ghettos und der Außenwelt gewidmet habe. Daneben stellen auch Betrachtungen zu der Rolle der Unternehmen, die jüdische Zwangsarbeiter beschäftigten, bis heute noch eine Ausnahme dar.

Summa summarum wurden während der Konferenz „Arbeit in den nationalsozialistischen Ghettos“ neue Aspekte zur Forschung der Ghettoarbeit diskutiert und aufgezeigt, die von der künftigen Forschung weiter verfolgt werden sollten.

Konferenzübersicht:

Begrüßung: Eduard Mühle (DHI Warschau); Eleonora Bergman (ŻIH Warschau)

Einführung: Stephan Lehnstaedt (DHI Warschau)

Sektion I: Vorüberlegungen und Bedingungen
Moderation: Jürgen Hensel (ŻIH Warschau)

Rekrutierung und Beschäftigung jüdischer Arbeitskräfte im besetzten Polen und Litauen während des Ersten Weltkrieges: Christian Westerhoff (Landesbibliothek Berlin)

HSSPF Krüger und die jüdische Arbeit im GG 1940 – ein Kompetenzstreit: Jacek A. Młynarczyk (Muzeum Historii Polski Warschau)

Sektion II: Ghettoarbeit im nördlichen Osteuropa
Moderation: Ruth Leiserowitz (DHI Warschau)

Jüdische Arbeiterselbstorganisation am Beispiel von Krakau und Warschau: Imke Hansen (Universität Hamburg)

Max Bischof und die Transferstelle Warschau: Giles Bennett (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin)

Theresienstadt: Musterghetto und Musterarbeit?: Peter Klein (Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur)

Sektion III: Orte jüdischer Arbeit
Moderation: Katrin Stoll (DHI Warschau)

Deutsche Firmen in den Ghettos: Jürgen Hensel (ŻIH Warschau)

Ghettos als Arbeitslager 1942/43: Mario Wenzel (Zentrum für Antisemitismusforschung, TU Berlin)

Sektion IV: Ghettoarbeit im südlichen Osteuropa
Moderation: Andrea Löw (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin)

Nicht länger der vergessene Friedhof? – Überlegungen zur Ghettoarbeit und Arbeitseinsatzsteuerungsmaßnahmen in Transnistrien: Andrej Angrick (Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur)

Arbeit als Alternative zur Beschäftigungslosigkeit? Alltag in den ungarischen Ghettos 1944: Regina Fritz (Universität Wien)

Sektion V: Makroökonomische Aspekte jüdischer Arbeit
Moderation: Piotr Kendziorek (ŻIH Warschau)

Jüdische Zwangsarbeitslager. Arbeit außerhalb der Ghettos 1940-1942: Marta Janczewska (Centrum Badań nad Zagładą Żydów, IFiS-PAN Warschau)

Verwaltung und SS. Konträre Interessen in der Judenpolitik?: Stephan Lehnstaedt (DHI Warschau)

Sektion VI: Nachgeschichte und Ergebnisse
Moderation, Zusammenfassung und Abschlussdiskussion: Jürgen Hensel (ŻIH Warschau); Stephan Lehnstaedt (DHI Warschau)

Die Überlebenden und die Ghettoarbeit. Grenzen von Erinnerung und Sagbarkeit: Kristin Platt (Ruhr-Universität Bochum)

Ghettorenten und historische Wissenschaft – interdisziplinäre Perspektiven: Jan-Robert von Renesse (Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen); Jürgen Zarusky (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin)

Ghettoarbeit aus der Sicht des überlebenden Historikers: Feliks Tych (ŻIH Warschau)

Anmerkungen:
[1] Konferenz „Ghettorenten“ und historische Forschung, 09.04.2008-10.04.2008, Institut für Zeitgeschichte, München; Konferenz „Lebenswelt Ghetto“, 09.10.2009-11.10.2009, Nordost-Institut Lüneburg; Historisches Seminar der Universität Hamburg, Lüneburg.
[2] Zur Problematik der Ghettorenten vgl.: Zarusky, Jürgen (Hrsg.): Ghettorenten. Entschädigungspolitik, Rechtssprechung und historische Forschung, München 2010.

Zitation
Tagungsbericht: Arbeit in den nationalsozialistischen Ghettos, 03.12.2010 – 04.12.2010 Warschau, in: H-Soz-Kult, 12.02.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3544>.
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Veröffentlicht am
12.02.2011