Landscapes of Urban Modernity. Istanbul and the Ruhr 2010

Ort
Istanbul
Veranstalter
Malte Fuhrmann, Orient-Institut Istanbul; M. Erdem Kabadayı, Istanbul Bilgi Universität; Jürgen Mittag, Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets Bochum
Datum
15.12.2010 - 18.12.2010
Von
Malte Fuhrmann, Orient-Institut Istanbul

Der gleichzeitige Status einer deutschen und einer türkischen Metropole als europäische Kulturhauptstadt regte zur Überlegung an, sich mit diesen zwei atypischen europäischen megacities in einer gemeinsamen interdisziplinären Tagung auseinanderzusetzen. Zur Tagung „Landscapes of Urban Modernity“ luden das Orient-Institut Istanbul, die Geschichtsabteilung der Istanbul Bilgi Universität und die Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets Bochum. Tagungsort war der historische Santralistanbul-Kampus der Bilgi Universität.

Ausgangspunkt war die Feststellung, dass bei Grundannahmen zur europäischen Metropolenentwicklung anhand anderer Städte entwickelte Modelle (Paris, London) im Vordergrund stehen, die sich auf die Ballungsgebiete an der Ruhr und am Bosporus kaum übertragen lassen. So sollte, ausgehend von „multiple modernities“ (Eisenstadt) in der europäischen Metropolenentwicklung, ein Vergleich der urbanen und sozialen Entwicklung der beiden Regionen vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart vorgenommen werden, fokussiert auf Fragen der Produktion, der kollektiven Identitäten in Abhängigkeit von Arbeit, urbanem Raum und Herkunft sowie der Transformation des städtischen Raums angesichts des Wandels in der Arbeitswelt.

Überschattet wurde die Tagung durch die kurzfristige Absage des keynote speakers DONALD QUATAERT (Binghamton). Zwar konnte zum Auftakt im historischen ersten E-Werk Istanbuls kurzfristig TOURAJ ATABAKI (Amsterdam/Leiden) als Sprecher gewonnen werden. Quataert erholte sich jedoch nicht mehr und erlag am 10. Februar 2011 seinem Krebsleiden. Quataert hat wie kein anderer die osmanische und türkische Sozialgeschichte vorangetrieben und vermochte stets, ungeachtet der Hierarchien des Wissenschaftsbetriebs, allen gleichermaßen Achtung und Inspiration entgegenzubringen. Viele der Tagungsbeiträge fußten empirisch oder konzeptionell auf seinen Vorarbeiten.

Die Tagung brachte interessante Kontraste mit sich, da es ein bisher seltenes Vorgehen ist, anstatt ein einzelnes Thema regional übergreifend zu diskutieren, eine Gruppe Regionalwissenschaftler unmittelbar mit den Spezialisten einer anderen Region zu konfrontieren. Dies ermöglichte es, eigene Grundannahmen in Frage zu stellen und neue Fragen aufzuwerfen. Besonders deutlich wurde dies bei der Frage der Ressourcengrundlage von Produktion. Während DIETER ZIEGLER (Bochum) hier auf eine etablierte wirtschaftshistorische Tradition zum Verhältnis der Kohlevorkommen und der Entwicklung des Ruhrgebiets aufbauen konnte, begab sich SURAIYA FAROQHI (Istanbul) mit ihrer Forschung zur Verteilung der in Istanbul knappen Ressource Wasser zu Beginn der Industrialisierung auf ein noch kaum erforschtes Gebiet.

Als der am besten vergleichbare Aspekt erwies sich das Verhältnis von Nation und Klasse unter der arbeitenden Bevölkerung vor dem Ersten Weltkrieg. Sowohl Istanbul als auch das Ruhrgebiet zogen um 1900 wegen des gestiegenen Arbeitskräftebedarfs eine bedeutende Anzahl Migranten aus entfernten Teilen des Landes an, die sich sprachlich und konfessionell von der im Reich dominierenden Gruppe unterschieden: polnischsprachige Katholiken an der Ruhr, Armenier aus Ostanatolien am Bosporus. Im Ruhrgebiet ergab sich durch die starke Verankerung der Arbeiter im Katholizismus bereits 1872 ein blutiger Konflikt mit dem Militär, die sogenannten Jesuitenexzesse (CLAUDIA HIEPEL, Duisburg-Essen). Im Gegensatz hierzu kam es in den folgenden Jahrzehnten weniger zu offener Gewalt; stattdessen setzte der preußische Staat auf die systematische Überwachung und tendenziell auf die Assimilierung der Ruhrpolen, sowohl in ihren nationalen als auch in ihren katholischen Organisationen (SUSANNE PETERS-SCHILDGEN, Ratingen). Im Gegensatz hierzu gab es in Istanbul, nachdem es zuvor zu konfessionsübergreifenden Protestaktionen der wichtigen Gilde der Hafenarbeiter gekommen war, um die Jahrhundertwende blutige Übergriffe insbesondere zwischen Hafenarbeitern verschiedener Konfession, nach welchen die Regierung aus Sicherheitsbedenken die Vertreibung der ostanatolischen Armenier aus der Stadt betrieb und zum Ersatz auf Muslime aus dem Osten zurückgriff (AKIN SEFER, Istanbul).

Die Frage der Gewerkschaftsorganisation im Ruhrgebiet wurde durch KARL LAUSCHKE (Dortmund) diskutiert, wobei er herausstellte, dass diese sowohl wegen weltanschaulicher Konflikte unter den verschiedenen Gewerkschaften als auch durch die prinzipielle Infragestellung dieser Organisationsform eine sehr wechselhafte Rolle spielte und oft nur als notgedrungen angesehen wurde. Den Gender-Aspekt sowohl in der Inszenierung als auch im Eigensinn von Arbeit stellte GÜLHAN BALSOY (Berlin) heraus, indem sie die Rolle der überwiegend weiblichen Angestellten der Istanbuler Tabakfabrik Çibali sowohl durch eine zeitgenössische Fotoserie als auch durch Archivmaterial miteinander kontrastierte. M. ERDEM KABADAYI (Istanbul) problematisierte die Frage der Herausbildung einer Investorenschicht in Istanbul um die Mitte des 19. Jahrhunderts, die aufgrund der unsicheren Eigentumsverhältnisse zunächst scheiterte. MALTE FUHRMANN (Istanbul) untersuchte anhand der beiden befreundeten Museumsdirektoren Carl Humann aus Essen und Osman Hamdi Bey aus Istanbul, wie sich im späten 19. Jahrhundert mittels der Archäologie in beiden Reichen verschiedene Typen des „public intellectuals“ herausbildeten. FAHRI TÜRK (Edirne) wies in seiner Studie zum Einfluss Krupps auf Istanbul auf die translokalen Aspekte in der Geschichte der beiden Regionen hin.

Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussionen lag auf dem Umgang mit dem historischen Erbe der gewachsenen Stadt. JÜRGEN MITTAG (Bochum) diskutierte in seinem Beitrag die Frage, ob die beiden Regionen den Kulturhauptstadtstatus für eine Zukunftsperspektive fruchtbar machen konnten. Während er das Ruhrgebiet hier positiv beurteilte, konnte Istanbul angesichts vielseitiger Schwierigkeiten bisher nur negativ auffallen. Die restlichen Beiträge widmeten sich Fragen der Erforschung des Umgangs mit dem Erbe des klassischen Industriezeitalters. Hier leitete MURAT GÜVENÇ (Istanbul) ein, indem er seine statistische Methodik für die historische Stadtgeographie und die auf dieser Basis erstellte Ausstellung über Istanbul im 20. Jahrhundert erläuterte. So wie Güvenç auf die im Rahmen der Stadterweiterung ab den 1950ern entstandenen funktional und sozial zunehmend differenzierten Zonen der Stadt (insbesondere nördlich und südlich der Stadtautobahn) hinwies, unterschied HANS-WERNER WEHLING (Duisburg-Essen) zwischen verschiedenen durch sukzessive Wellen des Kohlenabbaus entstandene Siedlungszonen in Süd-Nord-Reihenfolge im Ruhrgebiet, die sich ebenfalls sozial und ethnisch stark unterschiedlich entwickelten. An seine Bemerkungen zur Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park als Ausgangspunkt des postindustriellen Umbaus knüpfte KATHRIN OERTERS (Bochum) an. Sie sah neben der IBA Bürgerbewegungen gegen Großabrisse als Beginn der Entdeckung der industriellen Vergangenheit und der Prägung des Begriffes „Industriekultur.“ Im Gegensatz zur Brisanz der Frage des Erbes der Industrialisierung für das schrumpfende Ruhrgebiet urteilte GÜL KÖKSAL (Kocaeli) ausgehend von ihrer Studie zu Konservierungsmaßnahmen im Industriegebiet am Goldenen Horn, dass das Bewusstsein und die Bereitschaft zu Investitionen für Industriekultur im wachsenden Istanbul gering ist. Auf die Frage nach den Akteuren in diesem Prozess machte ORHAN ESEN (Istanbul) auf die wichtige Rolle von Künstlern und von ihnen initiierten Besetzungen in den achtziger Jahren während des radikal modernistischen Stadtumbaus unter Bürgermeister Dalan aufmerksam. Während der durch Esen geleiteten Stadtbegehung wies er jedoch darauf hin, dass sich auch die durch die jetzige Stadtregierung betriebene Verklärung der osmanischen Vergangenheit zerstörerisch auf die gewachsene Realität der Stadt auswirkt. STEFAN BERGER (Manchester) stellte abschließend die Frage, ob es nicht an der Zeit sei, sich vom industriellen Erbe als Leitidentität insbesondere im Falle des Ruhrgebiets zu verabschieden, da ein historischer Themenpark auf Dauer keine Zukunftsperspektive biete.

In der Abschlussdiskussion wurde thematisiert, dass es bei der Tagung nicht in allen Fällen möglich war, einen Vergleich auf Augenhöhe zu realisieren. Hier kamen mehrere Gründe zusammen. Insbesondere handelt es sich um unterschiedliche Stände der Quellenaufarbeitung, aber auch unterschiedliche Traditionen und Ansätze in den beiden Regionalwissenschaften sowie zum Teil der Umstand, dass vereinzelt bestimmte Experten zu einzelnen Themen aus Termingründen nicht gewonnen werden konnten. Dennoch äußerten sich die Teilnehmer sehr positiv über die Tagung und die Inspiration durch die Auseinandersetzung mit ähnlich gelagerten Fragen in einer Agglomeration, mit der sie sich zuvor nicht auseinandergesetzt hatten.

Resümierend lässt sich feststellen, dass der Direktvergleich verschiedener Städte oder Ballungsgebiete unter entwicklungsgeschichtlichen und soziohistorischen Gesichtspunkten ein vielversprechendes, wenn auch nicht immer einfaches Vorgehen darstellt. Unerlässlich sind anschauliche Übersichtsdarstellungen zum jeweils anderen Ballungsgebiet für diejenigen Teilnehmer, die mit der Region nicht vertraut sind. Solche Darstellungen lassen sich idealerweise vorab in Form von Stadtrundfahrten und/oder Ausstellungsführungen realisieren.

Die andere wichtige Frage ist, wie bei den Einzelbeiträgen der Mittelweg zu finden ist zwischen „state of the art“-papers, die die Verständlichkeit einer Debatte für die Experten der anderen Region erhöht aber für die Gruppe der eigenen Lokalforscher wenig Spannendes enthält, und zwischen Forschungsberichten, die Innovatives berichten aber von den Forschern der anderen Gruppe nicht eingeordnet werden können. Idealerweise sollten Vorträge beiden Ansprüchen gleichermaßen genügen, was in der Praxis aber oft nicht der Fall ist. Ferner lassen sich translokale Aspekte, zumindest bei Agglomerationen wie dem Ruhrgebiet und Istanbul, die bisher selten in einem gemeinsamen Kontext erörtert worden sind, kaum miteinbringen, da hierzu zunächst eingehendere Studien nötig wären.

Dennoch erlaubt der Direktvergleich eine Hinterfragung, Systematisierung und Kontrastierung der eigenen lokalen Forschungstraditionen auf eine Weise, die man anders nicht in dieser Unmittelbarkeit erreicht.

Konferenzübersicht:

Key-Note Speech:
Touraj Atabaki (International Institute of Social History & Leiden University): Time and Labor Discipline in the Ottoman Empire

Opening:
Malte Fuhrmann (Orient–Institut Istanbul), M.Erdem Kabadayı (Istanbul Bilgi University), Jürgen Mittag (Ruhr University Bochum): Introduction

Section I: Production and Society in the Perspective of European Diversity

Dieter Ziegler (Ruhr University Bochum): The Rise of the Ruhr Region during the Industrialization

Suraiya Faroqhi (Istanbul Bilgi University): No Business without Water! Operating Khans and Factories in Nineteenth-Century Istanbul

Gül Köksal (Kocaeli University): The Golden Horn as a Historical Site of Industrial Work

Fahri Türk (Edirne Thrace University): The Impact of Krupp Weapon Exports on Istanbul

Section II: Collective Identities between Work, Urban Space and Origins

Susanne Peters-Schildgen (Ratingen Regional Museum of Upper Silesia): Polish Migration to the Ruhr Region during the Empire

Claudia Hiepel (Duisburg-Essen University): The Kulturkampf on the Ruhr as an Interdenominational and Social Conflict

Gülhan Balsoy (Zentrum Moderner Orient/Wissenschaftskolleg zu Berlin): The Case of the Cibali Régie Factory as a Site of Gendered Work in Early Twentieth Century and Some Questions Concerning Gender in Ottoman Labor History

M. Erdem Kabadayı (Istanbul Bilgi University): From Money-Changer to Banker: the Making of a Proprietor Class in Istanbul

Malte Fuhrmann (Orient-Institut Istanbul): Osman Hamdi and Hans Humann: Encounter of Two Different Types of the Bildungsbürger

Akın Sefer (Boğaziçi University Istanbul): Consolidation through the Modern Waterfront: Port Workers and their Struggles in Late Ottoman Istanbul

Karl Lauschke (Technical University Dortmund): Labor Movement in the Ruhr Area in the Late Imperial Era and during the Weimar Republic

Mete Tuncay (Istanbul Bilgi University): Respondent

Section III: Shaping the City between Growth and Change in Industry

Murat Güvenç (Istanbul Şehir University): Production and Urban Planning in Istanbul in the Early Twentieth Century; Guided Tour of the Exhibition „Istanbul 1910-2010“ (organizer: Murat Güvenç)

Hans-Werner Wehling (Duisburg-Essen University): The Ruhr Area – Development, Changes and Perspectives of its Industrial Landscape

Kathrin Oerters (Ruhr University Bochum): Reordering Postindustrial Space in the Ruhr Region

Jürgen Mittag (Ruhr University Bochum): Istanbul and Essen/Ruhr 2010 as European Capitals of Culture – Common and Different Features

Stefan Berger (University of Manchester): Representing the Industrial Age: Heritage and Identity in the Ruhr Region of Germany

Final Discussion

Orhan Esen (independent researcher, Istanbul): Istanbul’s Urban Development in the Global Era (excursion)

Zitation
Tagungsbericht: Landscapes of Urban Modernity. Istanbul and the Ruhr 2010, 15.12.2010 – 18.12.2010 Istanbul, in: H-Soz-Kult, 23.03.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3581>.