HT 2010: Entgrenzungen (nationaler) Geschichte und Erinnerung: Historische Deutungskonflikte und Aussöhnung im Spannungsfeld von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik

Ort
Berlin
Veranstalter
Eckhardt Fuchs / Simone Lässig, Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung, Braunschweig; Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
28.09.2010 - 01.10.2010
Von
Hanna Grzempa / Thomas Strobel, Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung, Braunschweig

Die Vorstellung getrennter Sphären von Wissenschaft und Politik war lange ein prägendes Wissenschaftsideal, das in der Geschichtswissenschaft bis heute nicht ganz obsolet ist. Die im Titel der Sektion benannte Trias von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik steckte hingegen einen weiten Rahmen für die Austragung historischer Deutungskonflikte ab und ermöglichte es so, auch Verflechtungen und Ressourcentransfers zwischen den verschiedenen Sphären sichtbar zu machen.

Charakteristisch für die von ECKHARDT FUCHS (Braunschweig) in seiner Einleitung angeführten Deutungskonflikte ist, dass diese „History Wars“ über nationale Erinnerung und die Interpretation von Vergangenheit erheblich an politischer Brisanz und medialer Präsenz – hier vor allem durch die „historical cyber-culture“ – gewonnen haben. Dabei geht der Anstoß zu historisch relevanten Kontroversen nicht mehr primär von Wissenschaftlern und Intellektuellen aus. Vielmehr sind es vielfach Politiker, verschiedene gesellschaftliche Interessengruppen, Medien oder gar staatliche Instanzen, die „Sinnbildung durch Geschichte“ betreiben und damit historische Deutungskonflikte initiieren. Diese Auseinandersetzungen sprengen immer öfter die Grenzen der universitären Geschichtswissenschaft, werden sie doch vielfach an deren Rande oder gänzlich ohne die Mitwirkung von Wissenschaftlern ausgetragen. Nicht selten, so Fuchs, reichen sie in Inhalt und Wirkungen über die jeweiligen nationalen Grenzen hinaus.

Die anschließenden Vorträge befassten sich dementsprechend anhand systematisch ausgewählter und aktueller Fallstudien mit dem Spannungsverhältnis von Geschichtswissenschaft, Zivilgesellschaft, Politik und Staat in nationalen, bilateralen und multilateralen Kontexten. Im Zentrum der drei entsprechenden thematischen Blöcke standen Fragen nach einer öffentlichen Verhandlung und Nutzbarmachung von Geschichte, die unter bestimmten Konstellationen wechselseitiges Verstehen befördern, aber auch – und wie es scheint immer öfter – in handfeste Erinnerungskonflikte münden können. Im ersten thematischen Block „Geschichte und Konflikt“ wurden drei Konflikttypen mit je einem Fallbeispiel behandelt: Erinnerungspolitische Kontroversen, in die mehrere Staaten involviert sind; Geschichtskonflikte, die sich auf bilateraler Ebene entwickelt haben und schließlich Konflikte um die Deutung einer belasteten Vergangenheit, die innerhalb einer Gesellschaft ausgetragen werden.

SÖREN BRINKMANN (Erlangen) skizzierte die spezifischen Bedingungen und die Entwicklung der Auseinandersetzung der spanischen Gesellschaft mit den Themen Bürgerkrieg und Franco-Regime. Die unmittelbar nach Francos Tod implizit getroffene Vereinbarung der demokratischen Kräfte, die Gesellschaft spaltende Themen aus der Vergangenheit ruhen zu lassen, sollte den gesellschaftlichen Frieden stabilisieren. Diese Zeit kollektiven Beschweigens endete erst nach 25 Jahren, als eine breit geführte öffentliche Debatte über die Bewertung der Franco-Zeit und die Frage der moralischen und rechtlichen Wiedergutmachung lange Zeit die politische und mediale Agenda dominierte. Diese Debatte ging in erster Linie von zivilgesellschaftlichen Kräften aus; die politischen Parteien beförderten diese jedoch aus politischem Kalkül. Im spanischen Fall führte der zeitliche Abstand zu den Geschehnissen nicht zur Abkühlung von Emotionen und zur Mäßigung von Positionen. Im Gegenteil: Es kam zu einer intensiven Debatte, die aus dem dringlichen Wunsch der Gesellschaft entsprang, sich mit dem historischen Erbe auseinanderzusetzen.

GERHARD SEEWANN (Pécs) widmete sich bilateralen Spannungen und Deutungskonflikten. In seinem Vortrag zeichnete er die Entwicklung der slowakisch-ungarischen Beziehungen seit dem Ende des Sozialismus nach. Vor allem politische Akteure beider Länder seien es gewesen, die sich kultur- und geschichtspolitischer Elemente – Sprachenpolitik, Denkmalsfragen, Staatsbürgerschaft – bedient hätten, um Wähler zu mobilisieren. Im Kern handle es sich dabei um Identitätskonflikte und die Bewältigung sozialer Folgekosten des Transformationsprozesses. Das Störpotenzial historischer Themen werde vor allem von populistischen Parteien geschickt eingesetzt. Historiker spielten eher eine Neben- oder eine Marionettenrolle und unterzögen ihr Wirken aus dem Gefühl der Abhängigkeit vom Staat oft einer unbewussten Selbstzensur. Initiativen wie etwa die slowakisch-ungarische Schulbuchkommission setzten aber Zeichen einer kritischen Distanz zu staatlicher Geschichtspolitik und könnten so auch ohne politische Unterstützung wichtige Impulse der Versachlichung setzen. Konkrete Sachprobleme zwischen beiden Ländern seien, so Seewann, durchaus lösbar. Die Wirkungsmacht von Identitätskonflikten werde aber auf absehbare Zeit bestehen bleiben.

SVEN SAALER (Tokyo), dessen Vortrag krankheitsbedingt von Eckhardt Fuchs zusammengefasst wurde, stellte die wichtigsten geschichtspolitischen Debatten zwischen Japan, Südkorea und China vor. Während bis in die 1980er-Jahre eine Auseinandersetzung mit historischen Themen faktisch nicht stattgefunden habe, seien diese in den letzten beiden Jahrzehnten mit Wucht auf die Agenda gekommen und hätten sich vor allem an der belasteten Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs entzündet. Die historischen Deutungskonflikte in Ostasien seien aber gegenwärtig, so Saaler, nicht mehr durch eine direkte Konfrontation, sondern durch einen bi- und trilateralen Dialog gekennzeichnet, der sich in zahlreichen Initiativen auf staatlicher und zivilgesellschaftlicher Ebene äußert. Nicht zuletzt unterschiedliche nichtstaatliche Akteure – Historiker, NGOs, Fachverbände und Bürgerinitiativen – werden da, wo der politische Wille noch nicht ausreichend gegeben ist, zu Zugpferden des Dialogs. Beispielhaft hierfür nannte Saaler die von einer japanisch-chinesisch-südkoreanischen Kommission bis 2005 erarbeiteten Unterrichtsmaterialien unter dem Titel „A History that Opens up the Future: Modern and Contemporary History of Three East Asian Countries“. Gerade das ostasiatische Beispiel zeigt aber auch, wie die politische Deutungshoheit über die Geschichte und die Instrumentalisierung historischer Erinnerung immer wieder zu zwischenstaatlichen Spannungen führt.

Der zweite und dritte thematische Block zeigten, wie selbst aus schweren historischen Hypotheken ein Dialog über sensible geschichtliche Themen entstehen konnte und welche Interessen auf staatlicher wie zivilgesellschaftlicher bzw. wissenschaftlicher Seite dahinterstanden. „Geschichte und Aussöhnung“, der zweite Komplex der Sektion, drehte sich um die Frage, inwieweit die Beschäftigung mit bzw. die Verhandlung von Geschichte zur Überwindung von Spannungen zwischen zwei ehedem verfeindeten Gesellschaften und Staaten beitragen kann. Die von CORINE DEFRANCE (Paris) und ULRICH PFEIL (St. Etienne) vorgestellte Geschichte des deutsch-französischen Historikerdialogs begann schon in den 1920er-Jahren und fand nach der Zäsur des Zweiten Weltkriegs seine Fortsetzung, unter anderem in gemeinsamen Schulbuchgesprächen. Diese langjährige und vertrauensbildende Zusammenarbeit, an der auch politische und gesellschaftliche Akteure beteiligt waren, schuf die Grundlagen für die Erarbeitung eines gemeinsamen Geschichtsbuches, dessen drei Bände in den Jahren 2003-2010 erarbeitet wurden. Die Entstehung dieses Lehrwerks, das regulär im Oberstufenunterricht beider Länder eingesetzt werden kann, hat eine hohe symbolische Bedeutung und war Impuls für die Konzipierung anderer bilateraler Schulbücher. In der Schulpraxis hingegen hat es sich nur bedingt durchsetzen können, was skeptische Stimmen von Seiten von Lehrern - etwa zur mangelnden Kompatibilität mit den Lehrplänen einiger Bundesländer - auch in der Diskussion bestätigten. Dass das Schulbuch, so Defrance und Pfeil, einen wichtigen Beitrag zu einem gemeinsamen europäischen historischen Bewusstsein leiste, stehe außer Frage. Ob die Schwierigkeiten des Einsatzes des gemeinsamen Geschichtsbuches in der Schulpraxis aber nicht auch Beleg für die andauernde Dominanz der nationalen Narrative in den europäischen Lehrplänen ist, gelte es noch weiter zu diskutieren.

Hieran schloss sich der dritte Komplex an, in dem beide Perspektiven zusammengeführt wurden. „Zwischen History Wars, Konfliktbewältigung und cultural diplomacy“ war der Titel des Vortrages von SIMONE LÄSSIG (Braunschweig), in dem sie den Januscharakter von Geschichtsschulbüchern thematisierte: Schulbücher könnten Erinnerungskonflikte verstärken, aber auch einen Beitrag zur Verständigung leisten. Dies ergebe sich nicht zuletzt aus den Spezifika dieses Mediums, das politische Orientierungen in hoher Verdichtung und in staatlich autorisierter Form vermittelt. Simone Lässig skizzierte die Geschichte des Schulbuchdialogs zwischen der Bundesrepublik Deutschland und seinen ehemals verfeindeten Nachbarn. Dabei fragte sie, unter welchen Rahmenbedingungen es gelungen ist, ehemals tiefgreifende Deutungskonflikte auf rationale Weise auszutragen oder über die Beschäftigung mit Geschichte sogar neue Formen der Verständigung zwischen ehemals verfeindeten Gesellschaften zu etablieren. Für den Dialog der alten Bundesrepublik mit westlichen Staaten sei, so Lässig, die Konstellation vergleichsweise günstig gewesen. Hier verwies sie auf das gebrochene Verhältnis der Deutschen zur Nation, auf die kritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte in der Generation der Nachgeborenen und vor allem auf die fortschreitende West-Integration, die aus ehemaligen Feinden Partner gemacht hatte. Obwohl diese Konstellation für Polen nicht zutraf, habe auch die 1972 gegründete Gemeinsame deutsch-polnische Schulbuchkommission von neuen politischen Rahmenbedingungen (Neue Ostpolitik, Helsinki etc.) profitiert, allerdings ohne dass sie eine dezidiert politische Agenda verfolgt hätte. Im Gegenteil: Die bilateralen Historiker- und Schulbuchkommissionen waren deshalb erfolgreich, weil sie sich wissenschaftlichen Standards der Arbeit verpflichtet fühlten und – so scheint es beim derzeitigen Stand der Forschung – auch eigene Regeln der Kommunikation entwickelt haben.

Staat und Zivilgesellschaft erfüllen in derartigen Konstellationen, so CHRISTOPH MARX (Essen) in seinem Kommentar, je unterschiedliche Bedürfnisse: Während der Staat die Bearbeitung historischer Themen eher instrumentell angehe, gehe es der Zivilgesellschaft um Versöhnung mit der Geschichte und die Herstellung innergesellschaftlicher Homogenität. Für die Historikerzunft sei es dabei in nationalen wie transnationalen Aushandlungsprozessen zentral, eine Distanz zum jeweiligen Forschungsgegenstand zu bewahren, nationale Loyalitäten unter Umständen auch zurückzustellen und zur Versachlichung von Debatten beizutragen.

Den 2010 im „Archiv für Sozialgeschichte“ dargelegten Modellen des Neben- und Miteinanders der Sphären von Wissenschaft und Politik, die seit 1945 deutliche Tendenzen der Verwissenschaftlichung der Politik und Politisierung der Wissenschaft aufzeigten, konnten in diesem Panel weitere aussagekräftige Fallstudien hinzugefügt werden. Es wurde deutlich, wie stark historische Themen und ihre Erinnerung bis heute innergesellschaftliche Verständigungsprozesse oder das Verhältnis zum Nachbarländern belasten und wie rasch dabei auch Schulbücher zum Politikum werden können. Deutlich wurde, wie bedeutsam politische Voraussetzungen bzw. tragfähige diplomatische Beziehungen für einen Dialog über historischen Themen einerseits und ein gewisser zeitlicher Abstand zu den Geschehnissen andererseits sind. Dabei prägen wissenschaftliche und andere nichtstaatliche Akteur diesen Dialog aber auf sehr unterschiedliche Weise – in Distanz zur Politik, eng mit ihr verknüpft oder in ständigen Aushandlungsprozessen.

Insgesamt zeigte sich allerdings, wie schwierig es im Einzelfall ist, Querverbindungen und Einflussnahmen zwischen Wissenschaft einerseits und innergesellschaftlicher bzw. transnationaler Austragungsprozesse von Geschichte andererseits im Detail zu erfassen und nachzuzeichnen. Übergeordnete Kategorien, die es ermöglichen würden, Akteure und Phasen von Erinnerungskonflikten zuzuordnen, fehlen bislang. Modellhafte Formen von „best practice“ des Dialogs über historische Themen, die in dem Panel immer wieder angemahnt wurden, sind nicht in Sicht, wären angesichts der Spezifik des jeweiligen Einzelfalls vermutlich aber auch kaum operationalisierbar.

Sektionsübersicht:

Eckardt Fuchs (Braunschweig): Einführung

1. Geschichte und Konflikt

Sören Brinkmann (Erlangen): Innergesellschaftliche Konflikte um die Deutung nationaler Geschichte: Das Beispiel Spanien

Gerhard Seewann (Pécs): Bilaterale Deutungskonflikte im geeinigten Europa? Das Beispiel Ungarn-Slowakei

Sven Saaler (Tokyo): Multilaterale und transnationale Geschichtsdebatten: Das Beispiel Ostasien

2. Geschichte und Aussöhnung

Corine Defrance (Paris) / Ulrich Pfeil (St. Etienne): Erinnerung und Geschichte im Prozess der deutsch-französischen Verständigung nach 1945

3. Geschichte zwischen Konflikt und Aussöhnung?

Simone Lässig (Braunschweig): Zwischen History Wars, Konfliktbewältigung und Cultural Diplomacy: Geschichtsschulbücher als Politikum

Christoph Marx (Essen): Kommentar

Zitation
Tagungsbericht: HT 2010: Entgrenzungen (nationaler) Geschichte und Erinnerung: Historische Deutungskonflikte und Aussöhnung im Spannungsfeld von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik, 28.09.2010 – 01.10.2010 Berlin, in: H-Soz-Kult, 24.03.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3592>.
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Veröffentlicht am
24.03.2011
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