HT 2010: Grenzmissverständnisse in der Globalgeschichtsschreibung (ca. 1500–1900)

Ort
Berlin
Veranstalter
Susanne Rau, Geschichte und Kulturen der Räume in der Neuzeit, Universität Erfurt; Benjamin Steiner, Excellenzcluster "Normative Orders", Johann-Wolfgang Goethe Univeristät Frankfurt am Main; Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
28.09.2010 - 01.10.2010
Von
Stefan Kaufmann, Geschichte und Kulturen der Räume in der Neuzeit, Universität Erfurt

„Grenzmissverständnisse in der Globalgeschichtsschreibung (ca. 1500-1900)“ – der Titel dieser Sektion konnte und sollte auf unterschiedliche Weise verstanden werden. Eine Lesart führt zu den Missverständnissen an den historischen Grenzen, wie Auseinandersetzungen, Missachtung, Übertretung, Verschiebungen, kriegerische Konflikte usw., welche für die Akteure egal ob lokal, regional oder global eine tatsächliche Relevanz hatten. Eine andere Lesart weist auf mögliche Fehlschlüsse bzw. Hürden der Globalgeschichtsschreibung hin, da die Globalgeschichtsschreibung oftmals gezwungen ist eurozentrische Analysebegriffe zu benutzen. Der europäische Duktus erscheint als semantisch notwendig, aber ebenso unangebracht. Gleichzeitig ermöglicht gerade die Globalgeschichte eurozentrische Analysebegriffe an ihre eigenen Grenzen zu führen, diese zu verflüssigen und vielleicht zu überwinden. Die Chancen, die sich aus einer globalgeschichtlichen Perspektive ergeben könnten versuchten SUSANNE RAU (Erfurt) und BENJAMIN STEINER (Frankfurt am Main) in ihrer Sektion auszuloten.

In der Einleitung stellten Rau und Steiner klar, dass aus ihrer Perspektive die aktuellen europäischen Grenzdiskurse weiterhin durch Territorialität und Linearität bestimmt und somit nur bedingt nutzbar seien. Verschiedene theoretische Grenzbegriffe, wie Kulturkontakt, métissage, Hybridität, Kulturtransfer oder histoire croisée, gehen trotz ihrer Binnendifferenz doch grundlegend von abgeschlossenen kulturellen Räumen aus, die sich zumeist antagonistisch gegenüber stehen. Daher betonten Rau und Steiner, dass es notwendig sei ein alternatives Modell zu erarbeiten. Ihr Arbeitsvorschlag resultierte aus der Einsicht, dass der Grenzbegriff aus sich heraus ambivalent sei und Schutz als auch Restriktion meine. Zudem können Grenzen nur bestehen, wenn sie nicht in Frage gestellt würden – aber paradoxer Weise immer ein Infragestellen generieren. In der Praxis bedeute Grenzziehung die Exklusion des Anderen ohne um dessen Nutzen zu wissen. Daher gelte es in der wissenschaftlichen Praxis Grenzen beständig radikal in Frage zu stellen, da sie doch immer Ergebnisse menschlicher Konstruktion sind. Es sei notwendig Grenzen und Grenzkonzepte zu historisieren, die Folgen und das Unterlaufen der Grenzziehung zu analysieren sowie subversive Handlungen, als mögliche Grenzauflöser und -verschieber, zu untersuchen. Gerade die globalgeschichtliche Grenzziehungen als Untersuchungsschwerpunkt müsse versuchen alle möglichen Umstände, wie direkte, indirekt und kontrapunktische sowie Theorie und Praxis in ihr Zentrum zu rücken. Mit ihrer Einleitung gaben Rau und Steiner den weiteren Referent/innen ein ausgezeichnetes theoretisches Rüstzeug an die Hand um möglichen Grenz(miss)verständnissen nachzugehen.

ALEXANDER DROST (Greifswald) versuchte mit seinem Vortrag den Differenzen von kulturellen Raumordnungsmustern, welche in der frühen europäischen Kolonisierung Südostasiens augenscheinlich vorhanden waren, auf die Spur zu kommen. Dabei war seine Hauptannahme, dass die Diskrepanz auf unterschiedliche Herrschaftskonzepte zurückzuführen sei und der sich daraus bedingenden Auffassungen von Grenzen und Räumen. Drost unterschied bestehende Herrschaftskonzepte in zwei Formen. Auf der einen Seite sieht er das europäische Herrschaftskonzept, welches sich durch die Gewalt über Territorien auszeichne und dem eine Vorstellung von Grenzziehung immanent sei. Dem gegenüber setzte er eine – für den südostasiatischen Raum dominierende – Vorstellung der Herrschaft über Untertanen. Die Macht werde nicht wie im europäischen Modell durch eine territoriale Grenze beschränkt, sondern verliere sich durch die fortschreitende Entfernung zum Zentrum der Macht. Entsprechend des Herrschaftskonzepts strukturierte sich auch die Vorstellung über Grenzen im südostasiatischen Raum. Grenzen seien stark mit natürlichen Begrenzungen wie Wasser, Urwald oder Gebirgszüge assoziiert gewesen. Nur zwischen Nordvietnam und China gab es zu dieser Zeit eine territoriale Begrenzung als ein Ergebnis kriegerischer Aushandlungsprozesse. Am Beispiel der Niederländischen Ost-Indien Kompanie (VOC) um 1600 und deren ökonomischen Rivalitäten zu den spanischen Hoheitsansprüchen auf der Insel Ternate – eine Insel der Molukken, zeichnete Drost die resultierenden Grenzmissverständnisse zwischen indigener Bevölkerung und den Kolonisatoren nach. Aus der ökonomischen Rolle Ternates für den Gewürzhandel leitete sich das Interesse europäischer Kolonialmächte ab. Die VOC konnte sich gegenüber den Spaniern als Verbündete des Sultans von Ternate positionieren und so ihre Rolle als Schutztruppe sowie als Besatzungstruppe festigen. Infolge wurden von der VOC verschiedene Befestigungsanlagen und eine Seegrenze, die Drost als frontier bezeichnete, errichtet. Diese Begrenzung bzw. Grenzziehung habe den europäischen Kolonialmächte vornehmlich der Abwehr europäischer Feinde und dem Ausfechten europäischer Interessenskonflikte gedient. Nach dem Sieg der Niederländischen über die Spanische Flotte sei die frontier somit obsolet geworden. Drosts Vortrag machte deutlich, dass die europäischen Mächte einerseits die südostasiatischen Raumordnungsmuster genutzt haben, etwa durch die Errichtung der Befestigungsanlagen nahe der Machtzentren, aber auch gleichzeitig europäische Raumordnungsmuster, durch die Begrenzung von Forts oder Seegrenzen, importiert haben. Jedoch warf der Vortrag verschiedene Fragen auf, z. B. wie in dieser Konstellation die Stimmen der indigenen Bevölkerung auf Ternate überhaupt gehört werden konnten. Drost hob hervor, dass es durch Briefwechsel und Verträge eine relativ gute Quellenlage gebe. In dieser werde sichtbar, dass sich in dieser frühen Phase der Kolonialisierung europäische Mächte oftmals der lokalen Herrschaft unterordnen mussten.

Rund 300 Jahre später sind die Bedingungen für koloniale Territorialherrschaft deutlich verschoben, betont STEFANIE MICHELS (Frankfurt am Main) in ihrem Vortrag. Gerade in Afrika sei es in dieser Phase der Kolonialisierung für die europäischen Mächte möglich gewesen Grenzen zu ziehen, Ordnungen zu schaffen und somit eine koloniale frontier zu generieren, welche durch europäische Grenzvorstellungen, aber auch seit Jahrhunderten etablierten Vertrags- und Handelsbeziehungen, vorbedingt gewesen sei. Dabei sah Michels die Grenzen und Ordnungen als ein soziales Produkt an, welches weiße Überlegenheit und schwarze Unterlegenheit festschreibe. Gleichzeitig sei – entgegen dem Versuch kolonialer Projekte klare Grenzen zu schaffen – die koloniale Ordnung beständig bedroht und in Veränderung begriffen gewesen. Diese Ambivalenz schreibe sich insbesondere für das deutsch-koloniale Projekt in der Figur des schwarzen deutschen Kolonialsoldaten ein. Dieser Spur folgend, untersuchte Michels die deutsch-koloniale Phase zwischen 1900-1910 in Kamerun und die bildliche Repräsentation von schwarzen deutschen Kolonialsoldaten. Mit Hilfe einer Postkarte von 1908 zeige sich, dass sich die Soldaten und der König der Bamum – ein Stamm in Westafrika – als deutsche Soldaten kleideten und zeremoniell inszenierten. Die Uniformierung nach deutschem Vorbild hatte unterschiedliche und zum Teil gegenläufige Symboliken. Zuvorderst stehe die Uniform als Abbild weißer hegemonialer Männlichkeit, gleichzeitig werde aber diese Grenze durch schwarze deutsche Kolonialsoldaten übertreten bzw. in Frage gestellt, wenn diese sich durch das Tragen der Uniform als ebenbürtig darstellten. Auch sei der scheinbar undisziplinierte und lässige Umgang mit der Uniformierung nicht allein durch deutsch-hegemoniale Konzepte zu verstehen, da diese eine Reproduktion bestehender afrikanischer Herrschaftsstrukturen und eines eigenen Machtanspruchs seien (die Bamum etwa waren in Westafrika eine dominierende Gruppe). Aus deutsch-kolonialer Perspektive funktioniere die Übernahme der Uniformen auf zwei Ebenen. Zum einen wird dies als eine Anerkennung der deutsch-hegemonialen Herrschaft verstanden, zum anderen wurde deutlich, dass die schwarzen deutschen Kolonialsoldaten ‚not quite‘, also nicht ebenbürtig, seien. Diese Perspektivierung, so Michels abschließend, mache bestehende Grenzmissverständnisse und deren Multidimensionalität erst erkennbar. Es konnte am Beispiel der Uniformierung schwarzer deutscher Kolonialsoldaten nach deutschen Vorbild aufgezeigt werden, wie zerbrechlich das Konzept kolonialer Herrschaft ist, da jede Übernahme bestärkend aber ebenso ein Anzweifeln beinhaltet. Michels konnte den Zuhörer/innen zeigen, dass Grenzen – als soziale und symbolische Räume – nicht linear oder einfach zu bestimmen, sondern polivalent, intersektional und vielschichtig sind.

NORBERT FINZSCH (Köln) eröffnete seinen Vortrag mit dem Ausspruch ‚sheep eat men‘, welcher auf Sir Thomas Moore zurückgeführt wird. Damit bezog Finzsch sich implizit auf den Strukturwandel in England im 17./18. Jahrhundert und dessen Negativfolgen für die Landbevölkerung.[1] Entlang dieses Diktums versuchte Finzsch die Veränderungsprozesse in Australien im 19. Jahrhundert mit Hilfe von Mikropraktiken, die an den Siedlungsgrenzen vollzogen wurden, zu beschreiben. Daher ist es auch schlüssig, dass er den Strukturwandel in Australien mit den Negativfolgen – der fast vollständigen Dezimierung der indigenen Bevölkerung, welche er entschieden als Genozid bezeichnete – als ein Resultat der punktuellen Siedlungsprozesse und nicht den eines direkten Eingriffs verstand. Für diese genozidalen Veränderungen seien drei Komponenten maßgebend gewesen: die frontier, die Landnahme und die Veränderung des sozio-ökologischen Systems. Die frontier als kulturelle Kontaktzone sei selbstredend keine Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis gewesen. Sie sei temporal uneinheitlich, territorial zersplittert, multipel und strukturiere sich an den wasserführenden Zonen des Outbacks. Die Landnahme als ein weiterer entscheidender Punkt sei durch drei Praktiken vollzogen worden. Erstens den Kauf von Land, zweitens squating – der illegalen Besetzung von Land, und drittens durch Vertreibung ansässiger indigener Bevölkerung. Den für Finzsch gewichtigsten Anteil an den genozidalen Veränderungsprozessen hatte das Kippen des sozio-ökologischen Systems in Australien. Diesen komplexen Strukturwandel probierte Finzsch mithilfe des adaptive cycle von C. S. Holling Herr zu werden. [2] Das Modell versucht auf Grundlage der Systemtheorie Veränderungen in komplexen Systemen nachzuvollziehen, unabhängig ob es sich um wirtschaftliche, soziale oder ökologische Systeme handle. Nach dem Modell, so Finzsch, lösen auch Mikropraktiken in ihrer Gesamtheit Strukturveränderungen aus. Dabei seien bestimmte Mikropraktiken für Australien von besonderer Bedeutung gewesen. Etwa das bark ringing, als eine Methode zum Roden der Wälder. Beim bark ringing wurde die Borke um den Baum ringförmig eingeschnitten, was zum Absterben des Baums führt. Diese Form der Waldrodung sei besonders umweltschädlich. Eine weitere Mikropraktik war die Einfuhr exotischer Tierarten, wie Schafe, Hasen oder Rinder, welche das sozio-ökologische System durch deren extreme Verbreitung nachhaltig beeinflusst habe. Auch der individuelle Umgang mit den geringen Wasserressourcen führte zu tiefgreifenden Veränderungen, da Viehherden an das wenige Wasser getrieben wurden oder die indigene Bevölkerung von deren Nutzung abgehalten wurde. Abschließend betonte Finzsch, dass der Siedlerimperialismus und die damit einhergehenden Mikropraktiken zu einer extremen sozio-ökologischen Umwälzung geführt haben und in der Dezimierung der indigenen Bevölkerung kulminierte. Zum Ende des Beitrags musste sich Finzsch der Frage stellen, ob seine Annahmen über sozio-ökologische Systeme nicht doch die Vorstellungen von scheinbar abgeschlossenen Kulturräumen reproduziere und ob es nicht auch Gegenpraktiken der indigenen Bevölkerung gab.

Im letzten Beitrag versuchte BENJAMIN STEINER sich über eine wissensgeschichtliche Perspektive dem Thema der Sektion anzunähern. Dabei fokussierte er auf die Frage, wie normative Grenzordnungen zwischen Europäern und Afrikanern entstanden sind und wie diese sich in einem asymmetrischen Kräfteverhältnis etablierten. Um dem nachgehen zu können durchleuchtete Steiner die frühe Phase der kolonialen Handelsbestrebungen Frankreichs in Westafrika (insbesondere Senegal), da es bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts noch keine bzw. kaum eine kategoriale Abgrenzung zwischen afrikanischen und europäischen Wissenssystemen gegeben habe, welche eine Differenzerfahrung des Anderen erst möglich mache. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts entstanden die ersten französischen Handelsniederlassungen in Westafrika als ein beginnendes globales Netz kolonialer Herrschaft, auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch die wirtschaftlichen Interessen im Vordergrund gestanden haben. Die senegalesische Küste diente im weiteren Verlauf als erster Anlaufpunkt um den Handel in Westafrika zu verstetigen. Das französische Wissen begrenzte sich in dieser Phase auf die Umrisse Westafrikas und konnte kaum etwas zu dessen Inhalt beitragen. Dieser Umstand führte notwendiger Weise dazu, so Steiner, dass indigene Wissenskategorien in französische Wissenssysteme integriert worden seien und ein interessierter Austausch stattfand. Weiterer Anhaltspunkte für einen positiven Afrikadiskurs in Frankreich seien zeitgenössischen Historiographien zu entnehmen, in denen, trotz der unterschiedlichen Disposition von Europäern und Afrikanern – europäische Schriftlichkeit als scheinbar bessere Art der Wissensakkumulation – Afrikaner gutwillig rezipiert wurden. Doch wie kommt es dann zu einer Trennung und Hierarchisierung des augenscheinlich vorher verschränkten indigenen und europäisch-französischen Wissens? Auch stellt sich die Frage, ähnlich dem Vortrag von Alexander Drost, ob und wie unterschiedliche Grenzkonzeptionen zu Missverständnissen geführt haben könnten. Steiner konnte dies ganz plastisch an einer Quelle, die das Aufeinandertreffen von einer französischen und einer senegalesischen Handelsgesandtschaft beschreibt, darstellen. Um der senegalesischen Gesandtschaft die Größe und Stärke Frankreichs aufzuzeigen zeichnete ein französischer Gesandter einen voluminösen Umriss Frankreichs in den Sand, und daneben als Bezugsgröße eine vielfach kleinere Skizze der Niederlande. Der aus der Quelle beschriebene Umstand der symbolischen Grenzziehung deute an, welche Rolle die Grenze für die historischen Akteure hatte und weise auf verschiedene Missverhältnisse hin, sagte Steiner. Um Macht zu zeigen, werde sich europäischer Raumordnungsmuster bedient, während gleichermaßen ein Missverhältnis von Größe und Macht produziert würde, da die Niederlande zu dieser Zeit weitaus einflussreicher gewesen sei. Auch werde die übersteigerte Selbstdarstellung genutzt, um die Verhandlungspositionen zwischen den zwei Gesandtschaften zu hierarchisieren. Dies werde durch den Umstand gesteigert, dass die Bezugsgröße der abstrakten Skizze eben nicht ein afrikanisches Handelszentrum ist, sondern ein europäisches. Abschließend wies Steiner darauf hin, dass die symbolischen Grenzziehungen im Sand, die als Abstraktion zum effizienten Wissensaustausch genutzt wurden, sich in der Praxis verfestigten. Auch wenn die europäischen Kolonialmächte beim Grenzziehen immer wieder auf oftmals selbstgenerierte Grenzen stießen.

Um sich der Terminologie des Grenzbegriffs zu nähern, verglich SUSANNE RAU in ihrem Kommentar die Nutzung des Grenzbegriffs zwischen dem deutschsprachigen und anglo-amerikanischen Raum. Es trete deutlich zu Tage, so Rau, dass es im deutschen Sprachgebrauch relativ wenige Worte für Grenze gebe und die Begriffe vornehmlich als Form der Schließung und Abgrenzung fungierten. Im anglo-amerikanischen Sprachgebrauch gebe es dem entgegen viele verschiedene Formen des Grenzbegriffs, die als öffnend verstanden werden können. Jedoch konstatiert Rau, dass im sprachlichen Gebrauch der historischen Subjekte Grenzen fast immer eine doppelte Bedeutung zugeschrieben wurde. Auf der einen Seite werde die Grenze positiv als Schutz dargestellt, auf der anderen als Beschränkung und Repression. Daraus leite sich auch das Verhältnis zwischen Grenze und Raum ab. Grenzen produzieren und strukturieren Raum, so Rau. Dabei sei die Grenze – ob nun materiell, immateriell oder symbolisch – als Raumfigur nicht ahistorisch oder fix, sondern Ergebnis menschlicher Konstruktionsleistung und muss daher aus ihren jeweiligen historischen Kontext verstanden und dekonstruiert werden.

Mit ihrem Kommentar schaffte Susanne Rau den Brückenschlag zur programmatischen Einleitung der Sektion und bündelte nochmals die Inhalte der jeweiligen Beiträge. In der abschließenden Diskussionsrunde zeigte sich, dass der Versuch neue Impulse für Globalgeschichtsschreibung zu geben positiv aufgenommen wurde und sich weiterführende Fragen ergaben. Etwa ob die kolonialen Grenzmissverständnisse auf die jeweiligen Zentren zurückwirkten oder wie die Ambivalenz und Diskontinuität von Grenzen angemessen dargestellt werden könne. Auch stellte sich die Frage, ob es nicht auch eine gewisse Sakralität von Grenzen gebe. Im Rahmen des Historikertags kann die Veranstaltung von Susanne Rau und Benjamin Steiner als voller Erfolg gelten, nicht nur aufgrund des mehr als gut gefüllten Hörsaals sondern vor allem wegen ihrer thematischen Perspektive.

Sektionsübersicht:

Susanne Rau (Erfurt) / Benjamin Steiner (Frankfurt am Main): Einleitende Bemerkungen, Grenztheorie-Diskurse und Grenzmissverständnisse in der Praxis der Globalgeschichtsschreibung

Alexander Drost (Jena / Greifswald): Grenzenlos eingrenzen – koloniale Raumstrukturen der Frühen Neuzeit in den Konfliktfeldern zwischen Asien und Europa

Stefanie Michels (Frankfurt am Main): Schwarze deutsche Kolonialsoldaten und die Ambivalenz der kolonialen frontier

Norbert Finzsch (Köln): Siedlerimperialismus in Australien: Frontier, Landnahme und Sozio-Ökologische Systeme

Benjamin Steiner (Frankfurt am Main): Wissen als Träger und Bedingung imperialer Grenzvorstellungen im Verhältnis von Europa und Afrika in der Frühen Neuzeit

Susanne Rau (Erfurt): Kommentar, Raumfiguren und Grenz-Sprachen

[1] Vandana Shiva, Earth Democracy: justice, sustainability and peace, Cambridge 2005.
[2] Crawford S. Holling, Understanding the Complexity of Economic, Ecological, and Social Systems, in: Ecosystems 4 (2001), S. 390-405, hier 293f.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2010: Grenzmissverständnisse in der Globalgeschichtsschreibung (ca. 1500–1900), 28.09.2010 – 01.10.2010 Berlin, in: H-Soz-Kult, 28.03.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3597>.