Geschichtsschreibung zu den böhmischen Ländern im 20. Jh. - Wissenschaftstraditionen - Institutionen - Diskurse, Teil I (1900-1952)

Ort
Bad Wiessee
Veranstalter
Jahrestagung des Collegium Carolinum 2003/2004
Datum
20.11.2003 - 23.11.2003
Von
Blazej Bialkowski, Geschichte Ostmitteleuropas, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Eine Zeitlang konnte man nach dem Frankfurter Historikertag 1998 annehmen, die Debatte "Deutsche Historiker im Nationalsozialismus" werde sich wohl infolge ihrer Emotionalität als binnendeutsches Strohfeuer erweisen. Indes hat die Wissenschaftsgeschichte - inklusive Historiographiegeschichte - nach wie vor Hochkonjunktur; sei es aufgrund der Persistenz einer traditions- und ideologiekritischen Selbstvergewisserung der Historikerzunft, sei es aufgrund der Internationalisierung der Fachdiskurse. Zu den Sammelbänden über die "nordwestdeutsche Westforschung" [1] und über die deutsch-polnische Beziehungsgeschichtsschreibung [2] gesellt sich nun eine dritte Forschungsachse: die Historiographie zu den böhmischen Ländern.

Den informellen Auftakt der gleichnamigen internationalen Tagung bildete die von Christiane Brenner (München) eingeleitete Vorführung des tschechischen Dokumentarfilms "Denik pana Pfitznera" (Das Tagebuch des Herrn Josef Pfitzner). Dieser profilierte sudetendeutsche Geschichtsprofessor der deutschen Prager Karls-Universität stieg am 16. März 1939 zum Primator-Stellvertreter der Hauptstadt Prag auf und diente sich unmittelbar der NS-Kriegspolitik im Protektorat Böhmen und Mähren an. Aufgrund der Entscheidung des tschechischen Außerordentlichen Volksgerichts wurde er am 6. September 1945 zum Tode durch den Strang verurteilt.

Die von Robert Luft (München) und Peter Haslinger (München) konzipierte und organisierte Tagung eröffnete Martin Schulze Wessel (München) unter anderem mit dem Hinweis, in den deutsch-tschechischen Beziehungen seien keine Zukunftsentwürfe ohne fundierte Geschichtsaufarbeitung möglich. Einen Einblick in den diesbezüglichen aktuellen Stand gab anschließend Robert Luft. Er ging dabei von der These aus, dass die auf dem Leipziger Historikertag 1994 diskutierte Nichtbeschäftigung der deutschen Historiker mit der Vergangenheit des eigenen Berufsstandes für die Geschichte und Geschichtswissenschaft der böhmischen Länder auch heute noch fortdauere. Dabei rückte das Tagungsprogramm drei im Untertitel genannten Aspekten in den Vordergrund. Die Wissenschaftstradition in Deutschland und im Ostmitteleuropa des 20. Jahrhunderts sei von Professionalisierungsschüben der Historiographie, genauso wie von der Einbindung in Nationalismus, Ideologie und totalitäre Herrschaft geprägt. Bei der Konzipierung des ersten Teils der Tagung habe man daher den Schwerpunkt auf Institutionen (weniger auf konkrete Personen) gelegt, um exemplarisch die Signifikanz makrostruktureller Vernetzungen, Kontinuitäten und Brüche ins Auge zu fassen. Die Fachdiskurse sollten sich von der Verengung auf eine binnendeutsche Sicht verabschieden, um Fragen an die deutsch-tschechische Historiographiegeschichte um eine europäische Perspektive zu ergänzen. Letztere sei bei der Tagung zwar nur punktuell vertreten, hätte aber implizite Vergleiche vor allem mit Polen, Frankreich und Ungarn zum Ziel. In dem so gesteckten Orientierungsrahmen müsse man die Rolle der Geschichtswissenschaften im Nationalsozialismus und im Kommunismus untersuchen sowie nach den wissenschaftlichen Innovationen wie nach der Übertragbarkeit der deutschen "Volksgeschichte" auf Ostmitteleuropa fragen. Luft hob hervor, diese Fragen seien auch heute für die Selbstvergewisserung der Historiker von Bedeutung.

Anschließend wandte sich Christoph Cornelißen (Kiel) der Frage zu, was neu an der alten Debatte über die Historiker im NS-Staat sei. Alt erscheine ihm zunächst, dass die Debatte bereits kurz nach 1945 einsetzte. Die punktuellen Thematisierungen (v. a. durch M. Weinreich, K. F. Werner, W. Philipp) und die Pauschalangriffe aus der DDR blieben allerdings in der Bundesrepublik bis in die 1980er Jahre ohne größeres Echo oder "kommunikativ beschwiegen". Die Feststellung Cornelißens, die Arbeit von M. Burleigh über die "Ostforschung" von 1988 sei der erste Versuch der Revision des tradierten Geschichtsbildes, muss allerdings relativiert werden, haben doch Chr. Kleßmann und H.-E. Volkmann bereits Anfang der 1980er Jahre in dieser Beziehung erste Meilensteine gesetzt. Nach 1989 sei Neuland, so Cornelißen, vor allem durch die Innovations-These W. Oberkromes von 1993 betreten worden. Dabei erhob sich die Frage, ob die Volksgeschichte im Vergleich zur Schmoller-Schule des 19. Jahrhunderts eher als rückständig bezeichnet werden müsse. Im Blick auf die Debatte der letzten 10 Jahre forderte der Referent weitere Forschungen vor allem in den Bereichen Biographik und Regionalstudien. In der personellen und institutionellen Perspektive solle nicht "die Lust an der Entlarvung" in den Vordergrund treten, sondern vielmehr die Frage, wer tatsächlich als NS-Historiker tituliert werden könne. Hierfür schlug Cornelißen zwei operative Kategorien vor: den "praxeologischen Nexus" zwischen wissenschaftlichen Plänen und faktischer NS-Politik und die "Ambivalenz" der Denk- und Verhaltensweise der Historiker im "Dritten Reich". Die Tragfähigkeit beider Konzepte wurde allerdings in der anschließenden Diskussion in mehreren Wortmeldungen bereits kritisch hinterfragt.

In der folgenden Sektion "Historiographie als Mittel der Medialisierung nationaler Identität" beschäftigte sich zunächst Milos Havelka (Prag) mit der "Debatte um den Sinn der tschechischen Geschichte". [3] Er unterschied hierbei vier Phasen, welche die Zäsuren der neueren tschechischen Geschichte erkennen lassen: 1882 (Teilung der Prager Universität in eine deutsche und eine tschechische), 1918-1919 (Gründung der Ersten tschechoslowakischen Republik), 1945-1948 (Übergang zum Kommunismus als Staatsideologie) und 1968 ("Prager Frühling"). Den Inhalt der Debatte bildeten die Fragen nach der kulturellen Identität im multinationalen Staat und nach dem nationalen Wesen des Tschechentums überhaupt. Havelka umschrieb diese Problematik als "Heterogenität der Zwecke". Vor allem für die Zwischenkriegszeit konstatierte er zwei widerstreitende Auffassungen in der Diskussion: eine national-protestantisch-fortschrittliche (T. G. Masaryk und K. Krofta) und eine katholisch-konservative (J Goll, J. Pekar). Diese Polarität sei z. B. von dem sudetendeutschen Rezipienten Pfitzner als "zwei Wesenheiten des Tschechentums" bezeichnet worden. Zwar wies der Referent auch darauf hin, dass Pekar die nationale Idee bei Masaryk als romantische Geschichtsphilosophie kritisierte, deutete aber Pekars Haltung nur als "theoretisch-philosophische Bedingtheit". Ausgeklammert blieben sowohl die Analyse der nationalen Fortschrittssymbolik bei Masaryk in ihrer distinktiven und assoziativen Bedeutung für den Streit [4], als auch diejenige von Pekars quellenzentriertem Geschichtspositivismus. [5]

Anschließend referierte Hans Lemberg (Marburg) über die Entwicklung von den Deutschböhmen zu den Sudetendeutschen im Spannungsfeld von Geschichtswissenschaft und Geschichtspolitik. Den Wandel des Gruppenbewusstseins der Deutschen in den böhmischen Ländern begründete Lemberg vor allem landes- und territorialgeschichtlich: von den Alpen-, Karpaten- und Sudetendeutschen um 1900 über die Ablehnung des Minderheitenstatus nach Saint-Germain bis zur Durchsetzung des regional konzipierten Begriffs "sudetendeutsch" etwa nach 1925. Dabei wollte der Referent die Rolle der Sudetendeutschen im deutsch-tschechischen "Volkstumskampf" seit den 1920er Jahren als abwehrende Kulturpolitik bewertet wissen und sprach z. B. von "eher defensiven Kampftexten", "Volks- und Heimatbildungsbewegung" und "Anpassungsübungen". Den Schlussakkord setzte Lemberg, indem er Pfitzners Karriere vom international anerkannten Wissenschaftler zum Hofhistoriker und Geschichtspolitiker des Nationalsozialismus hervorhob. Pfitzner habe damit den von Cornelißen thematisierten "praxeologischen Nexus" verkörpert.

Die folgende Diskussion über die Rolle Pfitzners zwischen reichs- und sudetendeutscher Geschichte veranlasste Lemberg zur Feststellung, der Prager Professor habe tatsächlich die regionale sudetendeutsche Kohärenz in Frage gestellt. Vor dem Hintergrund der deutsch-tschechischen Wechselbeziehung in der Geschichtswissenschaft schlug Klaus Zernack (Berlin) eine begriffliche Differenzierung vor, die zwischen drei Varianten von "Volksgeschichte" unterscheide: als konstitutives Denkschema "kleiner Völker" im Rahmen des Erweckungs- bzw. Befreiungsnationalismus, als Landes- und Siedlungsgeschichte und in deren völkisch-rassistischen Zuspitzung. Havelka und Lemberg ließen allerdings die sich hier aufdrängende Frage nach der nationalen bzw. völkischen Radikalisierung des Identitätsproblems noch offen.

In der Sektion über "Eigen- und Fremdbilder in der tschechischen Historiographie" distanzierte sich Josef Harna (Prag) zunächst von dem in seinem Vortragstitel enthaltenen Begriff "Tschechoslowakismus", der im Tschechischen pejorativ besetzt sei. Er sprach von der Konzeption bzw. "Idee einer einheitlichen tschechoslowakischen Nation", die erst während des Ersten Weltkrieges entwickelt worden sei. Weder bei Masaryk noch bei Benes finde sich eine eindeutige Definition. Der "Tschechoslowakismus" wurde auch von tschechischen Historikern Pekar, Krofta und Chaloupecky nicht abschließend geklärt. Vor allem Letzterer weigerte sich, als Anhänger der Staatsideologie die Begriffe "Volk" oder "Nation" mit dem Staat gleichzusetzen, denn dieser sei wichtiges Bindeglied, aber keineswegs Wesen der Nation. Zwar fehlte zwischen den Tschechen und Slowaken der "Verschmelzungswille", jedoch benutzte der slowakische Lehrer Frantisek Kulhanek den Begriff "ludove dejiny ceskoslovenske". Dies ins Deutsche als "tschechoslowakische Volksgeschichte" zu übersetzen, erwies sich in der Diskussion als reines Gedankenspiel, welches allerdings fruchtbare Vergleiche mit deutschen, italienischen und jugoslawischen Volks- und Staatskonzeptionen ermöglichte.

In der nun folgenden Sektion "Historische Ereignisse und ihre historiographische Verarbeitung" arbeitete Martin Zückert (Freiburg) am Beispiel der Rezeptionsgeschichte des Ersten Weltkrieges in der tschechischen Historiographie drei bestimmende Richtungen heraus: eine idealistische, eine quellennah-alternative und eine kritisch-distanzierte. Einen prominenten Platz nahm in Vortrag und Diskussion erneut Pekar ein, der sich als Anhänger der dritten Richtung in seiner Staatsauffassung an der Habsburgermonarchie orientierte, die die Kriegsschuld der ungarischen Nationalitätenpolitik zuschrieb und die Idealisierung der nationalen Identitätsbildung nach 1918 in Frage stellte. Dem stringenten Vortrag von Zückert folgten Reflexionen von Pavel Kolar (Potsdam) über die deutsche Prager Geschichtswissenschaft seit den 1920er Jahren im Gesamtkontext der deutschsprachigen Wissenschaft. Kolar begann mit einem längeren Zitat aus dem Brief Th. Mayers an W. Wostry von 1945, in dem Mayer auf seine siebenjährige Tätigkeit in Prag zurückblickte. An diesen Brief ging der Referent mit einem wissenssoziologischen Instrumentarium heran, das kürzlich von Thomas Etzemüller am Beispiel Werner Conzes operationalisiert wurde. [6] Die Begriffe "Habitus", "Denkstil" und "Denkkollektiv", "außeruniversitäre Sozialisation" oder "mentale Disposition" wurden hier ohne theoriegeleitete Fundierung und Differenzierung auf persönliche Querelen von Wissenschaftlern reduziert, die Kolar vor allem aus der Privatkorrespondenz schöpfte. Man hätte z. B. - so die Einwände der Diskutanten - zwischen strategischem und habituellem Handeln differenzieren sowie Habitusänderungen in einzelnen Historikergenerationen berücksichtigen müssen. Nichtsdestoweniger zeichnete sich der Vortrag des jungen tschechischen Wissenschaftlers durch seine Durchschlagskraft gegen die traditionell-positivistische Historiographie in Tschechien aus.

Gerade diese klassische Forschungsrichtung trat in den am nächsten Tag gehaltenen Vorträgen von Michal Svatos (Prag) und Antonin Kostlan (Prag) deutlicher hervor. Svatos konzentrierte sich auf die Institutionalisierungsprozesse der deutschen und tschechischen Geschichtswissenschaft in Prag als zwei voneinander unabhängige Vergleichseinheiten, deren gegeneinander gerichtete, "national motivierte Aversion" sich in der "Neutralität" erschöpfte. Im Vordergrund des Vortrags stand die statische und statistische Aufzählung der Geschichtslehrstühle, ohne dynamisch den zwischennationalen, politischen, sozialen, kurz: interaktiven Wirkungsrahmen ins Auge zu fassen. Auch Kostlan analysierte die Akademien der Wissenschaften und die tschechischen historischen Vereine vor allem in ihrer internen und externen, aber am Ende doch mononationalen Ausgestaltung und ließ nur punktuell internationale Vergleiche in seine Darstellung einfließen. Auf eine klassisch gebundene Geschichtsauffassung beider Referenten deutete zusätzlich die Tatsache hin, dass im Mittelpunkt beider Vorträge erneut Pekar und Krofta standen. Mit Vehemenz wurde daher in der Diskussion darauf hingewiesen, dass die nationale Historiographietradition kritisch hinterfragt und internationalisiert werden müsse, wolle man verstehen, auf welchen Ebenen die gegenseitige Rezeption beider Wissenschaftskulturen stattfand.

Auch der Vergleich der Vorträge von Frank Hadler (Leipzig) und Alena Miskova (Prag) (in der Sektion "Die deutsche Ostforschung und die böhmischen Länder") ließ interessante Schlüsse zu. Hadler präsentierte sehr eindrucksvoll zwei Momentaufnahmen der deutschen Geschichtswissenschaft in den böhmischen Ländern, - um 1900 am Beispiel von Julius Lippert und Adolf Bachmann und um 1930 am Beispiel von Eugen Lemberg und Josef Pfitzner. Die Wahl dieser Zeitpunkte begründete er aber keineswegs mono- oder binational, vielmehr verwies er auf internationale Professionalisierungsschübe im Rahmen der Hochkonjunktur für Zeitschriftengründungen in Europa und für Historische Weltkongresse. Die Erörterung von Verbindungslinien zwischen 1900 und 1930 führte Hadler zu dem Schluss, dass 1918 für die deutschböhmische Geschichtsschreibung keine Zäsur darstelle. Gerade die Zäsuren 1918, 1945 und 1948 bildeten das Thema von Alena Miskova. Vor allem im Falle von 1918 sah sie keine Brüche und Generationskonflikte, sondern Kontinuitäten in der tschechischen Wissenschaft. Hingegen markiere das Jahr 1945 einen Neubeginn und eine persönliche Zäsur für viele Historiker; äußerst dramatisch im Falle von Josef Susta, der aufgrund einer Denunziation 1945 Selbstmord beging. Schließlich betonte die Referentin den Stellenwert der Zäsur von 1948, die einen Wendepunkt auf dem Wege zur Stalinisierung der tschechischen Wissenschaft gebildet habe. In der Diskussion debattierte man lebhaft, wann diese letzte Phase zu Ende gegangen sei. Die Frage, ob 1953, 1956, 1968 oder erst 1989 als Endpunkt zu gelten habe, konnte in der Diskussion allerdings nicht endgültig geklärt werden.

In der Sektion "Die deutsche Ostforschung und die böhmischen Länder" sei noch auf zwei weitere Vorträge hingewiesen. Gerhard Seewann (München) befasste sich mit den personellen und institutionellen Bezügen der deutschen Südostforschung nach 1918 und nach 1933, vor allem am Beispiel des Münchener Südost-Instituts. Zwar verwies er dabei institutionsgeschichtlich auf die Entwicklung von der "Volks- und Kulturbodenforschung" bis hin zu den Übergriffen der SS auf die Südostforschung. Allerdings vermied er eine Auseinandersetzung mit der reichsdeutschen Minderheitenpolitik an der - wie es damals militant hieß - "Südostfront", ebenso wie die Erörterung der Selbst- und Fremdinstrumentalisierung der deutschen Minderheiten in Südosteuropa. [7] Ebenfalls von einem institutionsgeschichtlichen Ansatz ging Andreas Wiedemann (Düsseldorf) aus, der die Reinhard-Heydrich-Stiftung analysierte. [8] Bei Konzipierung, Aufbau und Organisation der Stiftung machte er deutlich, wie eng die deutschen Wissenschaftler in Prag personell, ideell und strukturell mit dem SS-Imperium zusammenarbeiteten. In der Diskussion zeigten sich zum einen zahlreiche Vergleichsmöglichkeiten mit dem Posener Pendant, der "Reichsstiftung für deutsche Ostforschung". Zum anderen fragte man generell, ob die Südostforschung als Teil der deutschen Ostforschung anzusehen sei. Eduard Mühle (Marburg) brachte diese Debatte auf den Punkt: Er betonte, dass man von einem monolithischen Erscheinungsbild der Ostforschung nicht sprechen könne, es habe vielmehr seit den frühen 1930er Jahren bis nach 1945 eine Art Binnenkonkurrenz gegeben.

In den vier Schlussstatements betonte zunächst Martin Schulze Wessel die beziehungsgeschichtliche Dimension der Erforschung von Historiographie unter den Bedingungen des Nationalsozialismus und anderer europäischer Totalitarismen. Die größten Forschungsmöglichkeiten sah er bei den sog. "weichen Faktoren" wie "Habitus" und "mentale Dispositionen". Im Rückblick auf die Tagung gab Rudolf Jaworski (Kiel) zu bedenken, die Abgrenzung der einzelnen Beobachtungssegmente sei in den Vorträgen letztlich offen geblieben. Er machte damit auf die Heterogenität der Interessen und Ansätze heute und auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufmerksam. Nur Hadler habe den Blick über Böhmen hinaus gewagt. Jaworski forderte mehr Personen- und Institutionengeschichte. So seien z. B. im Biographien-Sektor zwar einige Arbeiten im Entstehen, allerdings nicht für die böhmischen Länder. Frischen Wind in die Schlussrunde brachte der dänische Politologe und Slawist Peter Bugge (Aarhus). Mit Hinweis auf die dänische Rezeption der deutsch-tschechischen Wechselwirkung schlug Bugge vor, mehr "Blick von außen" im Rahmen der Internationalisierung und Europäisierung der Forschung zu wagen. Für den zweiten Teil der Tagung regte Michal Kopecek (Prag) an, die zwei Zeiträume 1900-1952 und 1938-1989 durch die Frage nach der Herrschaftslegitimation miteinander zu verbinden. So fehle eine kritische Monographie zur Entwicklung der Historiographie in der Ersten Tschechoslowakischen Republik, obwohl eine entsprechende Arbeit für die kommunistische Tschechoslowakei auf Polnisch bereits vorliegt. [9] In der Diskussion trat noch einmal klar hervor, dass eine Horizonterweiterung in begrifflicher, thematischer, transnationaler und interdisziplinärer Forschungsausrichtung erforderlich erscheint.

Ebenfalls in Hinblick auf die Nachfolgetagung im kommenden Jahr versuchte Peter Haslinger in seinem Schlussresümee eine Zusammenfassung der Ergebnisse. Als Leitfrage diente ihm dabei die Unterscheidung zwischen einer international vernetzten Historiographie, die zwar in nationalen Deutungshorizonten argumentiere, jedoch durchaus für Außenrezeption transparent sei, und einer teils abgeschotteten, funktionalisierten Geschichtsschreibung; letztere schmücke sich lediglich mit einem allumfassenden Deutungsanspruch, deren Ergebnisse stellten jedoch vor allem Bausteine zur Fabrizierung ideologisch-totalitärer Entwürfe dar. Die Erosion etablierter Wissenschaftskulturen werde hier von Personen an Schnittstellen zur staatlichen bzw. Parteimacht bewusst vorangetrieben, der Forschungsbetrieb sei durch einen hohen Grad an Intervention von Seiten des Staates gekennzeichnet. In diesem Zusammenhang plädierte Haslinger nicht zuletzt für die verstärkte Berücksichtigung praxistheoretischer Ansätze und der Frage nach der Bewirtschaftung von Ressourcen (finanziell-institutioneller, sozialer und symbolischer Art) in der vergleichenden Historiographieforschung. Nachdem sich der zweite Teil der Tagung im kommenden November mit der Zeit zwischen 1938 und 1989 beschäftigen wird, d. h. sich beiden totalitären Systemen erneut zuwendet, darf man zweifellos gespannt sein, wie dieses Forschungsfeld bei noch größerer zeitlicher Nähe des Forschungsgegenstandes im kommenden Jahr bewältigt werden wird.

ANMERKUNGEN
[1] Burkhard Dietz, Helmut Gabel, Ulrich Tiedau (Hg.), Griff nach dem Westen. Die ,Westforschung' der völkisch-nationalen Wissenschaften zum nordwesteuropäischen Raum (1919-1960), 2 Bde., Münster 2003.
[2] Jan M. Piskorski, Jörg Hackmann, Rudolf Jaworski (Hg.): Deutsche Ostforschung und polnische Westforschung im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik. Disziplinen im Vergleich, Osnabrück-Poznan 2002.
[3] Vgl. Milos Havelka (Hg.), Spor o smysl ceskych dejin 1895-1938, Praha 1995.
[4] Vgl. Konstantin Miklik, Masaryk a Pekar o smyslu ceskych dejin, in: ebd., S. 673-674.
[5] Vgl. Jaroslaw Kilias, Narod a idea narodowa. Nacjonalizm T. G. Masaryka, Warszawa 1998, S. 161-162, 191.
[6] Thomas Etzemüller, Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die Neuorientierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945, München 2001, S. 2-11.
[7] Vgl. dazu den Tagungsbericht von Dietmar Müller, Südostforschung im Schatten des Dritten Reiches (1920-1960). Institutionen, Inhalte, Personen, unter: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=148.
[8] Vgl. Andreas Wiedemann, Die Reinhard-Heydrich-Stiftung in Prag (1942-1945), Dresden 2000.
[9] Maciej Gorny, Miedzy Marksem a Palackym. Historiografia w komunistycznej Czechoslowacji, Warszawa 2001.

Zitation
Tagungsbericht: Geschichtsschreibung zu den böhmischen Ländern im 20. Jh. - Wissenschaftstraditionen - Institutionen - Diskurse, Teil I (1900-1952), 20.11.2003 – 23.11.2003 Bad Wiessee, in: H-Soz-Kult, 05.01.2004, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-363>.
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Veröffentlicht am
05.01.2004
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