Römische Religion zur Zeit der Republik im mediterranen Kontext

Ort
Bielefeld
Veranstalter
Studiengruppe der Universität Bielefeld
Datum
14.02.2011 - 15.02.2011
Von
Stephanie Pfützenreuter/Andrew van Ross, Universität Bielefeld, unter Mitarbeit von Prof. Dr. Uwe Walter, Universität Bielefeld

Eine historische Verortung Roms innerhalb des mediterranen Kulturraumes vorzunehmen, war bereits den Zeitgenossen der Republik und des Prinzipats ein Anliegen, so auch dem Griechen Dionysios von Halikarnassos, der eine genaue Vorstellung davon hatte, auf welche Überreste er seine Untersuchung erstrecken wollte (ant. 7,69,3): „Ich bin der Überzeugung, dass in jeder Stadt die ersten und gewichtigsten von allen Beweisen jene Dinge sind, welche sich auf die Götter und Gottheiten beziehen.“

Den Versuch, Zusammenhänge der römischen Religion mit ihren räumlichen Kontexten zu erklären, unternimmt seit dem Sommersemester 2010 eine Gruppe von Studierenden der Universität Bielefeld. Unabhängig vom universitären Curriculum gehen die sieben Kommilitonen im Rahmen einer Studiengruppe der Frage nach, wie sich die römische Religion zur Zeit der Republik in das Geflecht des mediterranen Kulturraumes einfügen lässt und wie sich überregionale Gemeinsamkeiten sowie lokale Eigenheiten feststellen und erklären lassen. In wöchentlichen Sitzungen werden Quellen kritisch gelesen und Grundtendenzen der Forschung herausgearbeitet. Am 14. und 15. Februar 2011 schloss die Gruppe das Semester mit der Ausrichtung eines Workshops ab, um erste eigene Hypothesen einem Fachpublikum vorzustellen.

UWE WALTER (Bielefeld) erinnerte einleitend daran, dass die römische Religion schon sehr früh von verschiedenen methodischen Ansätzen und Disziplinen her bearbeitet wurde, lange bevor „interdisziplinär“ zum Zauberwort wurde. Zu erinnern sei etwa an den großen Einfluß, den Anthropologie und Vergleichende Religionswissenschaft durch Frazers „The Golden Bough“ auf die Vorstellung von antiker Religion hatten. Antike Religionen zu erforschen hieß auch sehr früh, auf Praktiken wie Gebet, Opfer und Magie zu schauen. Quellenarmut zumal für die jeweils früheste Zeit und vergleichende Ansätze habe früh gelehrt, mit Modellen zu arbeiten, seien diese evolutionistischer Natur wie bei Frazer oder strukturalistisch angelegt wie bei Georges Dumézil. Und schließlich sei das Bemühen, antike Organisationsformen von Staat und Gesellschaft mit religiösen Phänomenen zu verbinden oder sie gar aus solchen abzuleiten, keineswegs neueren Datums, wie ein Blick in Numa Denis Fustel de Coulanges „La cité antique“ zeige. In den lange Zeit verbindlichen Synthesen aus der Feder von Georg Wissowa (1902) und Kurt Latte (1960) wurden religionswissenschaftliche und vergleichende Ansätzen freilich sehr kritisch beurteilt, weil deren Hypothesen oft philologischer Kritik nicht standhielten. Wissowa und Latte wie auch schon Theodor Mommsen waren gleichwohl ihrerseits durch Annahmen größerer Reichweite einflussreich. So habe man lange Zeit in der griechischen und der römischen Religion zwei scharf geschiedene Ausdruckformen differenter ‘Volkseigenschaften’ gesehen: den Mythos der kreativen Griechen und die rituelle Orthopraxie und ausgeprägte Rechtsförmigkeit der nüchternen, formalistischen Römer. Die Forschungsgeschichte des 20. Jahrhunderts bestehe, so hat Jörg Rüpke es einmal pointiert, weit über den deutschen Sprachraum hinaus in der Aufarbeitung dieser Dualität. Der Versuch eine römische Mythologie wiederzugewinnen oder aber ihr Fehlen plausibel zu machen sowie andererseits das Bemühen griechische Einflüsse auf die römische Religion auszuloten bildeten in diesem Sinn zentrale Linien der Forschungsgeschichte. Demgegenüber spiele aktuell der Begriff der Einbettung eine zentrale Rolle: Einbettung der Religion in die römische Familie, Gesellschaft und Politik und Einbettung der römischen Religion in ihren mediterranen Kontext.

Der eingangs zitierte Dionysios von Halikarnassos steht als religionsgeschichtliche Quelle oftmals im Schatten seiner römischen Zeitgenossen Titus Livius und Marcus Terentius Varro. DAVID ENGELS (Brüssel) plädierte daher für eine stärkere Würdigung des griechischen Historikers in der Erforschung römischer Religion und gab am Beispiel der Frage nach der Rolle der Divination in den Antiquitates Romanae eine erste Probe. Vergleiche mit Livius bildeten die Ausgangsbasis, um Dionysios quellenkritisch aufzuschlüsseln, seine subjektiven Vorannahmen explizit zu machen und den Kontext, in den die religiösen und religionsgeschichtlichen Äußerungen eingebettet sind, hervorzustellen. Beide Autoren weisen äußerlich durchaus Gemeinsamkeiten auf, was gewiss auch der anzunehmenden gemeinsamen Quellengrundlage für die Staatsprodigien geschuldet ist. Ebenso interessieren sich beide kaum für technische Details der Meldung und Entsühnung. Vor diesen formalen Gemeinsamkeiten fallen die Charakteristika des Dionysios umso stärker auf. So erweise sich der stoisch geprägte Grieche als ausdrücklich gottgläubiger Autor, der Auspizien, Prodigien und Orakel auch über ihre Funktion für die Staatsräson hinaus ernst nimmt. Dabei erweise sich ihm Geschichte selbst als schlagender Gottesbeweis. Die Divination erhalte daher bei Dionysios einen stark moralischen Akzent.

Jenseits dieser letztlich theologischen Frage erfülle Religion auch eine kulturhistorische Funktion in den Antiquitates Romanae. Dionysios’ These von Rom als einer im Grunde griechischen Polis wird durch seine Analyse der religiösen Praxis untermauert. Etruskische Einflüsse etwa werden marginalisiert, die römische Religion erscheint als griechische Religion im italischen Gewand.

Fernab der intellektuellen Reflexion der Zeitgenossen kam Religion auch immer wieder eine Rolle als Medium in politischen Auseinandersetzungen zu. So kann das Ausgreifen Roms nach Hellas als eine Konfrontation zweier Kultgemeinschaften gelesen werden. KLAUS FREITAG (Aachen) fragte nach der Rolle panhellenischer Heiligtümer (Isthmia, Delphi, Olympia, Nemea) insbesondere in der Phase der Etablierung römischen Einflusses und römischer Herrschaft in Achaia ab 230 v. Chr. Religion hatte in dieser Zeit offenbar keine Funktion für die Formierung etwaigen Widerstands gegen die neue Hegemonialmacht. Auch gab es keine konzentrierten Angriffe von Seiten Roms auf religiöse Zentren. Im Gegenteil boten gerade Heiligtümer und Amphiktionien erste Ansatzpunkte für Rom, um die Verhältnisse in Hellas im eigenen Sinne zu ordnen. Schon vor dem ersten Illyrischen Krieg suchte man eine gewisse Nähe zum delphischen Apollon. Und bereits für 228 v. Chr. seien römische Teilnehmer an panhellenischen Spielen bezeugt. Freitag betonte die Brückenfunktion der panhellenischen Heiligtümer und damit die Kommunizierbarkeit religiöser Elemente zwischen den beiden Kultgemeinschaften.

Zwei Vertreter der einladenden Studiengruppe stellten in einem Werkstattbericht das bisherige Vorgehen und erste Hypothesen vor. Anhand von Opfer, Spielen und Divination wurde exemplarisch versucht, religiöse Raumvorstellungen zu extrahieren. Demnach zielte religiöses Handeln in der römischen Vorstellung darauf ab, Handlungsspielräume abzustecken, die weitgehend frei von kontingenten – und damit auch von göttlichen – Einflüssen waren. Die Grenze zwischen beiden Sphären wurde stets als prekär begriffen, Vorzeichen wurden als Bedrohung der menschlichen Gestaltungsfreiheit verstanden, die durch umfangreiche Entsühnungsrituale gefestigt werden musste. Die Dichotomie zwischen den so geschaffenen sakralen und profanen Räumen schlägt sich ihrerseits in der Sakraltopographie und in einer zentralisierten „Kultkontrolle“ nieder. Trotz aller äußerlichen Ähnlichkeiten in der Kultpraxis sei daher der ex Graecia-These des Dionysios von Hallikarnassos zu widersprechen. Zwar seien Übernahmen nicht-römischer religiöser Praxis unverkennbar – sie äußern sich in szenischen Spielen, der Verehrung evozierter Gottheiten und, zumindest dem Anspruch nach, in Kulthandlungen nach dem von Zeitgenossen sogenannten ritus graecus. Doch diese Übernahmen blieben auf der Formebene. Sie erfüllten ihre Funktion innerhalb einer Religion nach römischem Verständnis, das sich durch die Aufnahme fremder Elemente nicht wesentlich änderte; so die Ergebnisse der Studiengruppe.

Noch strikter wollte BERNHARD LINKE (Bochum) griechische und römische Religion unterschieden wissen: „Ich glaube nicht an eine interpretatio romana.“, lautete das Fazit nach einer eingehenden Analyse, im Rahmen derer einige zentrale Aspekte des religiösen Lebens in Rom einerseits und in Griechenland andererseits verglichen wurden. So standen den griechischen „Teilzeitpriestern“ die omnipräsenten und tief in die politische Kultur eingebetteten römischen Priesterkollegien gegenüber. Die hellenischen Heiligtümer besaßen allein schon aufgrund ihrer dezentralen Lage eine andere politische Funktion als die zentral auf dem ager romanus angelegten Heiligtümer. Bezeichnenderweise verstärkte die territoriale Expansion Roms diesen Trend nur noch, führte sie doch zum weiteren Ausbau der Stadt als dem religiösen Zentrum – ein Zentrum, in dem die Götter als „sakrale Mitbürger“ stets präsent, ansprechbar und weitgehend berechenbar waren. In Griechenland herrschte dagegen stets eine latente Unsicherheit im Hinblick auf die Anwesenheit und Kommunikationsbereitschaft der Götter. Diese und weitere Befunde bildeten in Linkes Urteil keine akzidentiellen Randerscheinungen, sondern zeigten vielmehr die fundamentale Verschiedenheit der griechischen und römischen Religionen.

VEIT ROSENBERGER (Erfurt) blickte auf seine Dissertationsschrift von 1998 über das Prodigienwesen der römischen Republik zurück, um kritische Fragen zu stellen, die er zuvor „niemals zu fragen wagte“. Entsprechend breit gestreut waren die Themen seines Beitrages: Vom Prozedere der Meldung und Entsühnung von Staatsprodigien über das Verständnis von Divination als liminalen Prozess bis hin zur Signifikanz des Begriffs der pax deorum wurden grundlegende Prämissen der gegenwärtigen Interpretation römischer Religion in Frage gestellt. Rosenbergers Beitrag zielte aber nicht etwa darauf ab, verbreitete Annahmen zu stürzen oder ihnen provozierende Thesen entgegenzusetzen. Stattdessen schuf er Irritation, indem er die problematische Bildung zugrundeliegender Prämissen betonte. Dazu wurde sowohl die oftmals dünne Quellenlage angeführt als auch auf frühneuzeitliche Forschungen verwiesen, die den Klassikern von Mommsen und Wissowa stärker als von diesen eingeräumt bereits eine Richtung vorgaben.

In einer gemeinsamen Quellenwerkstatt wurde anhand ausgewählter Passagen aus dem Werk des Livius und aus den Historien des Polybios über grundlegende Charakteristika der öffentlichen Religion in Rom diskutiert. Es zeigte sich, dass einfachste religiöse Argumente – zum Beispiel der Rückgriff auf Vorzeichen – im Rahmen von politischen Diskursen als wichtige Ausgangspunkte für die Durchsetzung weitergehender, eventuell rein pragmatischer Interessen dienten. Als höchst problematisch erwies sich aber wieder einmal die Quellenlage. Bei späten Autoren wie Livius, Varro und Cicero besteht nicht nur die Vermutung, dass sie ihre Quellen durch Auswahl und Neukontextualisierung umformten; sie waren auch von einer spätrepublikanischen religiös-intellektuellen Durchdringung geprägt, die den Zeitgenossen der frühen und mittleren Republik nicht ohne Weiteres zugesprochen werden kann.

Die studentische Arbeitsgruppe der Ruhr-Universität Bochum analysiert verschiedene Konfliktformen innerhalb der römischen Republik und die politischen Mechanismen, die deren Einhegung und Lösung dienen. In ihrem Beitrag zum Workshop fragten die Kommilitonen nach der Tragfähigkeit religiöser Argumente und Machtmittel in innenpolitischen Konflikten im dritten und zweiten Jahrhundert. Anhand mehrerer Beispielkonflikte wurden zunächst die Akteure solcher innerer Konflikte benannt: Nicht opponierende Gruppen – „Fraktionen“ – gefährdeten demnach den Konsens innerhalb der Nobilität, sondern Einzelpersonen, die sich politisch zu isolieren drohten. Dabei fungierte Religion dann als letzte Option, um Ausreißer entweder zurück in die Reihen der Nobilität zu rufen oder aus derselben auszusondern.

Zum Ende der Veranstaltung zeigte der Klassische Archäologe GÜNTHER SCHÖRNER (Erlangen) einen weiteren Zugang zur republikanischen Religion auf. Seine Analyse galt den Opferdarstellungen auf republikanischen Reliefs, die zusammengenommen einen höchst überschaubaren Bestand bilden. Zu den Charakteristika dieses Bildtypus’ zählen die zeitliche kohärente Darstellung von Opferritualen in der sogenannten „Prekill-Phase“, also noch vor der Schlachtung des Opfertieres, die Toleranz von rituellen Ungenauigkeiten und die Abbildung von teilnehmenden Göttern. Ein anschließender Vergleich erfolgte sowohl auf räumlicher als auch auf zeitlicher Ebene: Die Reliefs wurden einerseits den klassisch griechischen, andererseits den augusteischen und prinzipatszeitlichen Opferdarstellungen gegenübergestellt. In vielerlei Hinsicht erwies sich dabei die römisch-republikanische Darstellungsweise als eigentümlich. Mehrfach konnte Schörner aus archäologischer Sicht die Befunde der historischen Beiträge der Veranstaltung bestätigen.

David Engels blickte zum Abschluss auf die wichtigsten Aspekte der Beiträge und Diskussionen zurück und stellte gegenseitige Bezüge und übergreifende Probleme fest: Die „Römische Religion“ offenbarte sich als sehr vielgestaltiges Phänomen, dessen Komplexität durch eine zu enge Quellenbasis aus den Augen zu geraten droht. Umso willkommener sei die archäologische Perspektive, mittels derer Günther Schörner die vor allem auf Historiographie gestützten Befunde ergänzen konnte. Eine stärkere Berücksichtigung von Inschriften könnte hier ebenfalls tiefere und vielfältigere Einsichten ermöglichen. Auch auf diachroner Ebene sind in Zukunft mehr Feinheiten zu berücksichtigen. Nicht zuletzt aufgrund des deutlichen Überhangs der späten Quellen erscheint die Zeit der Republik religionshistorisch allzu oft als monolithischer Block. Hier gilt es, Zäsuren festzustellen – Engels verwies in diesem Zusammenhang insbesondere auf die Zeit des zweiten Punischen Krieges, einer ausgesprochenen ‘Stressphase’ auch für die religiöse Kommunikation. Schlussendlich müsse daran erinnert werden, dass der mediterrane Kontext der Römischen Religionsgeschichte sich nicht in der vorwiegend hellenisch geprägten Welt erschöpft, auch wenn die Quellen allzu oft eben diese Denkrichtung vorgeben.

Konferenzübersicht:

Uwe Walter (Bielefeld)
Begrüßung

David Engels (Brüssel)
Dionysios von Halikarnassos und die römische Divination

Klaus Freitag (Aachen)
Die Etablierung römischer Herrschaft in Hellas und griechische Heiligtümer

Studiengruppe (Bielefeld)
Werkstattbericht

Bernhard Linke (Bochum)
Zwei Alte Geschichten – zwei Religionen? Überlegungen zu den Differenzen in den antiken Weltbildern

Veit Rosenberger (Erfurt)
Nochmals Prodigien: Was ich schon immer über römische Religion wissen wollte, aber nie zu fragen wagte

Gemeinsame Quellenwerkstatt
Pragmatische pietas? – Selbst- und Fremdwahrnehmungen

Studentische Arbeitsgruppe (Bochum)
Der Einsatz religiöser Machtmittel in der römischen Republik

Günther Schörner (Erlangen)
Religiöse Bildsprache im republikanischen Rom im Vergleich zu Griechenland

David Engels (Brüssel)
Bilanz

Vortrag außerhalb des Programms
Prof. Dr. Jörg Rüpke (Erfurt)
Zur Historisierung von Religion in der späten römischen Republik

Zitation
Tagungsbericht: Römische Religion zur Zeit der Republik im mediterranen Kontext, 14.02.2011 – 15.02.2011 Bielefeld, in: H-Soz-Kult, 21.05.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3658>.