Zentralasien: Auf dem Weg in die Moderne? Internationaler Workshop zur Untersuchung einer Konflikt- und Zukunftsregion

Ort
Basel
Veranstalter
Dr. Jörn Happel, Historisches Seminar, Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte / Graduate School of History, Universität Basel
Datum
26.05.2011 - 27.05.2011
Von
Till Mostowlansky, Central Asian Studies, Universität Bern

Im Rahmen des Workshops „Zentralasien: Auf dem Weg in die Moderne?“ lud der Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte der Universität Basel Wissenschaftler verschiedener Fachrichtung zu zwei Tagen vertiefter Beschäftigung mit dem historischen und geographischen Raum Zentralasien ein. Osteuropahistoriker, Islamwissenschaftler, Zentralasienwissenschaftler und Geographen diskutierten dabei die Zeitspanne des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart anhand der Begriffe „Moderne/Modernität“.

In der Eröffnungssektion regten CHRISTINE BICHSEL (Fribourg) und JULIA OBERTREIS (Freiburg im Breisgau) mit ausgewählter Textlektüre (Arnason, David-Fox, Hoffmann)[1] die Diskussion um Rolle und Verständnis einer sowjetischen Moderne an. Hauptsächliche Argumentationslinien entwickelten sich entlang der Unterscheidung zwischen sowjetischer Moderne als alternativem Modell von Moderne und ihrer Interpretation als Derivat. Des Weiteren entwickelte sich eine Diskussion um die Verwendung des Begriffs im Sinne einer historischen Epoche oder als lokales Deutungsmodell für Transformations- und Reformprozesse.

Das darauffolgende – teilweise chronologisch strukturierte – Programm führte von der Betrachtung russischer Kolonialgeschichte in Zentralasien bis hin zur Einführung von sowjetischer Planwirtschaft und Oral History in den post-sowjetischen Republiken Zentralasiens.

In der zweiten Sektion gingen ALEXANDER MORRISON (Liverpool) und ANKE VON KÜGELGEN (Bern) in ihren Beiträgen auf die Rolle und Wahrnehmung von Islam im russisch-kolonialen Kontext ein. Während Morrison am Beispiel des Kolonialbeamten Nil Sergeevič Lykošin aufzeigte, wie Sufismus und Panislamismus im Rahmen der administrativen Kommunikation zu Gefahren für die russische Herrschaft konstruiert wurden, präsentierte von Kügelgen die Reaktion eines tatarisch-muslimischen Intellektuellen auf Ernest Renans Ansichten zur Unvereinbarkeit von Islam und Wissenschaft.

In beiden Beiträgen sowie in der nachfolgenden Diskussion wurde die Fluidität von Zuschreibungen im kolonialen Kontext des ausgehenden 19. Jahrhunderts unterstrichen. So habe der orientalistisch gebildete Beamte Lykošin trotz seiner differenzierten Kenntnis der Realitäten Zentralasiens zur Stereotypisierung des Islam beigetragen. Der muslimische Denker und russische Staatsbeamte Bayazitov wiederum habe sich für die Vereinbarkeit von Religion und Wissenschaft sowie gegen Islamophobie eingesetzt.

Die dritte Sektion des Workshops war dem Übergang von Russländischem Reich zu Sowjetunion unter den Vorzeichen von Zivilisierungsmission und Zwang gewidmet.

ULRICH HOFMEISTER (Bochum) zeigte dabei auf, dass kein klarer Bruch zwischen kolonialer Zivilisierungsmission und den Tendenzen der frühen Sowjetzeit nachzuweisen sei. Während sich Umsetzung und Vokabular unterschieden, so Hofmeister, seien hingegen starke Kontinuitäten in Bezug auf die Verwendung von evolutionistischen Modellen zur Erklärung zentralasiatischer Gesellschaften zu beobachten.

Im Anschluss ging INGEBORG BALDAUF (Berlin) in ihrem Beitrag auf zentralasiatische Begrifflichkeiten zur Beschreibung von „Fortschritt“ und „Reform“ ein. Mit Überlegungen zur Entwicklung einer neuen Debattenkultur in vorsowjetischer Zeit leitete Baldauf zur Frage der Ambivalenzfreiheit im Verlaufe sowjetisch-zentralasiatischer Geschichte über. Dabei unterstrich sie diesbezüglich am Beispiel der Rechtskultur und Sklaverei den Fortbestand multipler Normen.

ROBERT KINDLER (Berlin) wiederum nahm Bezug auf die frühe Zeit der Sowjetherrschaft in den 1920er- und 1930er-Jahren, die – so Kindler – durch die Herrschaftspraxis der „permanenten Eskalation“ gekennzeichnet waren. Am Beispiel der Bolschewiki in Kasachstan diskutierte er, wie „Ordnung durch Chaos“ hergestellt und mit der Beschränkung des Zugangs zu Nahrungsmitteln gesellschaftliche Transformationsprozesse hervorgerufen werden sollten. Mit der Verlagerung von Verteilnetzwerken in den lokalen Kolchosenkontext sei somit Überleben an die Kooperation mit dem Regime gekoppelt worden.

Der Beitrag zu informellen Netzwerken in Sowjettadschikistan von BEATE GIEHLER (Berlin) bildete den Abschluss der Sektion. Auf der Basis einer Mikrohistorie einer Kolchose verwies Giehler auf die Rolle von Gabentausch und Heiratsstrategien im Aufbau informeller Netzwerke, die – so Giehler – mitunter die Grundlagen für kriminelle Netzwerke gelegt hätten.

Die beiden Beiträge der vierten Sektion waren der Rolle von Oral History im zentralasiatischen Kontext gewidmet. TIM EPKENHANS (Freiburg im Breisgau) präsentierte vorläufige Resultate eines groß angelegten Oral History-Projektes der OSZE-Akademie in Bischkek (Kirgistan), das sich die Aufarbeitung von Erinnerungen an den tadschikischen Bürgerkrieg (1992-97) zum Ziel gesetzt hat. Jenseits der offiziellen Historiographie des Kriegsgeschehens sollen dabei die Stimmen von über 1.200 Befragten im Vordergrund stehen. Neben einer „forensischen Perspektive“ auf die Ereignisse gebe dabei die individuelle Erfahrung von Gewalt den thematischen Bezugsrahmen vor.

Eine andere Herangehensweise vertrat THOMAS LOY (Berlin), der sich in seiner Beschäftigung mit den bucharischen Juden auf 20 biographische Interviews stützt. So nahm Loy in seinem Beitrag insbesondere Bezug auf einzelne Lebensgeschichten bucharischer Juden, die zumeist im Kontext sowjetischer und post-sowjetischer Migrationsbewegungen zu deuten sind und die Betroffenen aus Zentralasien nach Israel, Europa und die USA geführt haben.

Die letzte Sektion des Workshops war dem Thema „Raum und Ressourcen“ gewidmet. Nach einer Einführung von JÖRG STADELBAUER (Freiburg im Breisgau) zur Rolle von Wasser in Zentralasien als „Prestigeobjekt und Herrschaftssymbol“ und die Verbindung zu sowjetischen Modernisierungsvisionen in Bezug auf Energie, Mechanisierung, Zähmung der Flüsse und Baumwollanbau konzentrierte sich CHRISTIAN TEICHMANN (Berlin) in seinem Beitrag auf die Planwirtschaft der 1930er-Jahre. Am Beispiel von Baumwolle zeigte Teichmann, dass die Planwirtschaft als Projekt der praktischen Umsetzung einer Utopie zumeist an den Misserfolgsketten von Unterversorgung bis hin zu fehlender Arbeitermobilisierung gescheitert sei. Zudem verwies Teichmann auf die Diskrepanz zwischen der offiziellen Sprache des sowjetischen Fortschritts und der teilweise „zynischen“ Kommunikation zwischen staatlichen Institutionen und Kolchosenbauern.

Im letzten Beitrag des zweitägigen Workshops widmete sich CHRISTINE BICHSEL (Fribourg) dem Begriff „tselina“, der im Rahmen der Erschließung der Hungersteppe in der Tadschikischen SSR besondere Wichtigkeit erlangte. Dem Topos des „hungrigen Neulandes“, das gefüttert werden musste, sei in der post-stalinistischen Ära bis 1979 eine Bedeutung zugekommen, die sich über das Bild einer „defizitären Natur“ definierte. Die erst durch den Einsatz von Technologie erblühende Natur sei, so Bichsel, in der Folge in den Kontext weiblicher Fertilität („die tselina gebärt“) gestellt worden. Auf der Basis einer Analyse der Zeitschrift Kommunist Tadzhikistana wies Bichsel in ihrem „explorativen Ausflug“ in die Sprachwelt sowjetischer Agrarplanung auf die Rolle des Begriffs „tselina“ als „Rückgriff auf archetypische Weiblichkeit“ hin.

In der Schlussdiskussion des Workshops stellte sich die grundlegende Frage der Integration der unterschiedlichen Problemstellungen, die die vorangegangenen Beiträge aufgeworfen hatten. Vom Komplex „Mensch und Technologie“ über das Vokabular zur Beschreibung von Veränderung bis hin zu Machtausübung und Disziplinierungsregime waren unterschiedliche Themengebiete vorgestellt worden, die sich im Nachhinein nicht ohne weiteres stringent verbinden ließen. Darin mag auch der Grund liegen, warum bei den Vorschlägen zu Anschlussthemen an den Workshop kaum Bezug auf das ursprüngliche Thema genommen wurde. So stehen zwar die diesbezüglich erwähnten Bereiche „Archiv“ und „Politikgeschichte Zentralasiens“ im Zusammenhang mit Diskursen zu Moderne, lassen aber keinen klaren konzeptionell-problemorientierten Bezug zum Begriff der Moderne erkennen. Dafür ausschlaggebend könnte sein, dass sich nur einige der Beiträge auf die von den Veranstaltern gut ausgewählte Grundlagenlektüre der Eröffnungsdiskussion (siehe Anm. 1) bezogen. Dies ist insofern bedauerlich, als dass sich hier die Chance geboten hätte, die oftmals inflationär verwendeten Begriffe „Moderne“ und „Modernität“ mit analytischer Kraft aufzuladen. Abseits eines normativen Verständnisses von Moderne und jenseits der Darstellung singulär-ethnographischer Versatzstücke hätte damit gezeigt werden können, dass Zentralasien weder Peripherie noch Zentrum, sondern schon seit längerem eine Region in globalen Zusammenhängen ist. Der Hinweis, dass sich das Deutungsprisma „Moderne“ in Zentralasien zwar immer wieder auf die sowjetische Identitätsruine bezieht, aber längst nicht darauf beschränkt, könnte einer dringend benötigten Politikgeschichte der Region von Nutzen sein.

Konferenzübersicht:

Christine Bichsel (Fribourg) und Julia Obertreis (Freiburg im Breisgau): Eröffnungsdiskussion

Alexander Morrison (Liverpool): Sufism, Panislamism and Information Panic. Nil Sergeevich Lykoshin and the Aftermath of the Andijan Uprising

Anke von Kügelgen (Bern): Ansichten zum Islam aus der russischen Hauptstadt, 1883. Imam Ataulla Bayazitovs Replik auf Ernest Renans Diktum der Unvereinbarkeit von Islam und Wissenschaft

Ingeborg Baldauf (Berlin): Von der Zivilisierungsmission zum Zwang. Beispiele und Alternativbeispiele

Robert Kindler (Berlin): Vom Nutzen der Krise. Die Bolschewiki in Kasachstan

Ulrich Hofmeister (Bochum): Hilfe vom großen Bruder. Die Idee einer russischen Zivilisierungsmission in Zentralasien

Beate Giehler (Berlin): Verwandtschaft, Region, Nation oder Religion? Informelle Netzwerke in Sowjettadschikistan

Tim Epkenhans (Freiburg im Breisgau): Gewalt, Vertreibung, Trauma. Erinnerungen von Tadschikinnen aus dem Bürgerkrieg (1992-97)

Thomas Loy (Berlin): Der lange Weg der Bucharischen Juden. Oral History und ihre Grenzen

Jörg Stadelbauer (Freiburg im Breisgau): Raum und Ressourcen. Eine Einführung

Christian Teichmann (Berlin): Planerfüllung ohne Plan. Bewässerung und Baumwolle in den 1930er-Jahren

Christine Bichsel (Fribourg): Von der Hungersteppe zum Neuland. Überlegungen zum Begriff „tselina“ in der Tadschikischen SSR (1959-1979)

Anmerkung:
[1] Johann P. Arnason, Communism and Modernity, in: Daedalus 129/1 (2000), S. 61-90; Michael David-Fox, Multiple Modernities vs. Neo-Traditionalism. On Recent Debates in Russian and Soviet History, in: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas 55/4 (2006), S. 535-555; David L. Hoffmann, Stalinist Values. The Cultural Norms of Soviet Modernity. 1917-1941, Ithaca und London 2003, S. 1-14.

Zitation
Tagungsbericht: Zentralasien: Auf dem Weg in die Moderne? Internationaler Workshop zur Untersuchung einer Konflikt- und Zukunftsregion, 26.05.2011 – 27.05.2011 Basel, in: H-Soz-Kult, 17.06.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3684>.