Am Rand der Geschichte? Ethnogenese und kulturelle Identitäten im estnischen Mittelalter

Ort
Göttingen
Veranstalter
Baltische Historische Kommission
Datum
18.06.2011 - 19.06.2011
Von
Kadri-Rutt Hahn, Finnisch-Ugrisches Seminar, Universität Göttingen

Das 64. Baltische Historikertreffen widmete sich Fragen des estnischen Mittelalters und präsentierte daneben neuere Forschungen zur baltischen Geschichte aus verschiedenen Epochen und Fächern.

KAAREL VANAMÖLDER (Narva) berichtete über „Schnapsbrennerei und Alltag im Baltikum am Ende der Schwedenzeit“. Er bezeichnete die allgemeine Verbreitung des Destillierverfahrens im Europa des 16. Jahrhunderts als eine „Branntweinrevolution“. Im Baltikum wurde destillierter Alkohol damals allerdings noch in relativ kleinen Mengen, aber bereits alltäglich und sowohl in den Städten als auch auf dem Land konsumiert. In den Städten kam der Brennerei eine wichtige soziale Fürsorgefunktion zu, da nur den mittellosen Kaufmannswitwen und verarmten Kaufleuten die Schnapsherstellung zum Verkauf erlaubt war. In der Gutswirtschaft spielte die Schnapsbrennerei noch keine große Rolle. Dennoch versuchten die Gutsherren das Brennen durch die Bauern mit der Begründung einzudämmen, dass das Recht dazu allein den freien Ständen vorbehalten sei. Die Tatsache, dass diverse Verordnungen den Verkauf des Brandweins in Dorfkrügen vorschrieben, sagt nicht viel über den reellen Alkoholkonsum der Bauern aus. Ausführlich beschreibt Olearius das Trinkverhalten im Baltikum.

MATHIAS MESENHÖLLER (Berlin) ging in seinem Vortrag „Machtphantasien. Herren und Untertanen auf kurländischen Gütern um 1800“ der Frage nach, inwieweit die in den örtlichen Rechtsquellen niedergeschriebene, juridisch kaum begrenzte Macht des Adels über seine Leibeigenen tatsächlich durch eine Praxis der Willkür zum Tragen kam. Mesenhöller beschrieb die Möglichkeiten der Landbevölkerung und illustrierte zum einen anhand von Protokollen über Aufstände einschlägige Strategien der Renitenz. Zum anderen argumentierte er, dass gerade Kauf- und Tauschkontrakte über Leibeigene diese weniger als Objekte leibherrschaftlicher Willkür zeigten denn als initiativ und zweckmäßig agierende Subjekte. Bis zu einem gewissen Grad erweise sich die Herrschaft mithin als „Machtphantasie“. Abschließend erörterte Mesenhöller am Beispiel eines Aufruhrs während der Kosciusko-Erhebung die Grenzen bäuerlichen Widerstands: Es blieb meistens bei Meutereien und eschatologischen Schwelgereien – eine Revolte oder gar eine Revolution lagen außerhalb der Vorstellungswelt der Akteure.

Der Vortrag von MARKUS KRZOSKA (Gießen) betraf die „Deutschbalten im Reichsgau Wartheland 1939–1945 – Fremd unter den Volksgenossen?“ Zur Einführung zeigte Krzoska Ausschnitte aus zeitgenössischen Propagandafilmen, die den Umsiedlern Vorzugsbehandlung und Arbeitsplätze sowie gleichbleibende Lebensqualität in der neuen Heimat versprachen. Die Realität sah jedoch anders aus, als diese offenbar gestellten Szenen. Die Umsiedlung, die am 18. Oktober 1939 begann, stellte sich als planlose Improvisation heraus. Allein die Unterbringung von Zehntausenden stellte die Behörden vor große Probleme, die einerseits eine Massenvertreibung von Polen und eine antipolnische Stimmung, andererseits Unzufriedenheit mit schlechten Wohnverhältnissen bei den Neuankömmlingen mit sich brachte. Die deutschbaltische Bevölkerungsgruppe hatte durch ihr hohes soziales und Bildungsniveau Vorteile gegenüber den anderen Gruppen der Umsiedler und konnte, abgesehen von den ehemaligen Gutsbesitzern, relativ gut eingegliedert werden. Dennoch konnte man die alten Strukturen nicht auf den Warthegau übertragen, dafür war die Siedlung zu zerstreut. Bei der Besetzung der wichtigen Positionen setzte die Gauleitung vorzugsweise auf Reichsdeutsche. Zusammenfassend stellte Krzoska fest, dass das Ziel der Integration nicht erreicht wurde, was nicht nur am begrenzten Zeitraum gelegen hat.

Die thematisch ausgerichtete Sektion „Am Rand der Geschichte? Ethnogenese und kulturelle Identitäten im estnischen Mittelalter“ wurde von Eberhard Winkler und Kadri-Rutt Hahn geleitet.

Nachdem EBERHARD WINKLER (Göttingen) das Tagungsthema vorgestellt hatte, hielt MATTHIAS HARDT (Leipzig) das Einführungsreferat „Ethnogenesen im frühmittelalterlichen Europa. Zum gegenwärtigen Stand der Forschung“. Im Verlauf der vergangenen 50 Jahre wurde die Vorstellung von wandernden und dabei doch ihre Identität bewahrenden Völkern (von R. Wenskus und der Wiener Schule unter H. Wolfram und W. Pohl vertreten und von W. Goffart kritisiert) stark erschüttert. Vielmehr sei deutlich geworden, dass sich die frühmittelalterlichen „gentes“ immer wieder neu erfanden. Dabei integrierten sie ständig Menschen fremder Herkunft, Sprache und Kultur und wurden so zu polyethnischen Verbänden. Aufgrund dieses permanenten Wandels lassen sich die „gentes“ auch kaum archäologisch sicher bestimmen, wie S. Brather gezeigt hat.[1] Die angeblich identitätsstiftenden Herkunftsmythen haben sich als gelehrte Konstrukte erwiesen, die allenfalls kurz ihren interessengeleiteten Zweck erfüllt haben. Nach der Darstellung dieser Dekonstruktion stellte Hardt die Frage nach neuen Perspektiven, und verwies dabei auf M. Borgoltes Hoffnung, dass die Globalgeschichte und die Transkulturalität nach Jerry H. Bentley hier neue Wege aufzeichnen würden.[2]

HEIKI VALK (Tartu) ging auf die „Ethnokulturellen Identitäten der autochthonen Bevölkerung Estlands vom 13. bis zum 16. Jahrhundert“ aus der Sicht der Archäologie ein. Als Folge der Christianisierung zeichneten sich bereits in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zwei große Gebiete ab, zum einen Nord- und Westestland, zum anderen Südestland. Im Unterschied zu Nord- und Westestland habe die südliche Region den Reichtum am Grabschmuck, Feuerbestattungen und anderen heidnischen Bestattungsriten länger beibehalten. Des weiteren beschrieb Valk einige kleinere spezifische ethnokulturelle Identitäten, die anhand von Funden im südlichen und östlichen Estland beobachtet werden können und sich von der Art ihres Schmuckes und der Bestattungsriten deutlich von den Esten unterschieden: die sog. „Woten“, die Adzele-Identität sowie das Gebiet Setomaa. Diese „kleinen Identitäten“ verschwanden weitestgehend in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die regionalen Unterschiede spiegeln sich jedoch noch in Schatzfunden aus der Zeit des Livländischen Krieges (1558–1583) wider. Valk äußerte die Vermutung, dass es im mittelalterlichen Estland weit mehr verschiedene, unbekannte Identitäten gegeben habe.

EBERHARD WINKLER gab einen sprachwissenschaftlichen Überblick über die „Finnougrier im Baltikum“. Zunächst ging er auf die Assimilation der einst vollkommen eigenständigen südestnischen Sprache durch die nordestnische im 19. Jahrhundert ein. Anschließend stellte er das Verschwinden der Krewinen (Woten) und Liven in Lettland dar, die dort einst eine bedeutende Rolle gespielt hatten. Zum Schluss zeichnete er den Untergang der estnischen Sprachinseln (leivud, lutsid) auf lettischem Gebiet nach. Die Gründe hierfür seien verschieden. Zahlenmäßige Unterlegenheit gegenüber den Letten, das Fehlen eines kompakten Siedlungsgebietes, kulturelle und ökonomische Überlegenheit der Nordesten, aber auch Kriege und Epidemien sowie die feindliche Einstellung der umliegenden Völker spielten dabei eine Rolle. Winkler betonte, dass er diese Völker als Träger der Sprachen betrachte und Vorstellungen von genetischer Konzeption einschließlich neuer Urheimattheorien entschieden ablehne.

KRISTIINA ROSS (Tartu) stellte die Frage nach „Spuren einer estnischen Gemeinschaftssprache in frühprotestantischen Schriftzeugnissen“. Bekanntlich wurde die estnische Schriftsprache nach der Reformation von deutschen Pastoren geschaffen, um religiöse Texte ins Estnische übersetzen zu können. Dennoch sei nicht auszuschließen, dass es bereits im Mittelalter im beschränkten Umfang eine mündliche christliche Gemeinschaftssprache gegeben habe. Als Ergebnis der Analyse von morpho-syntaktischen Konstruktionen und ideomatischen Wendungen konnte Ross an zahlreichen Beispielen zeigen, dass eine solche mündliche Tradition höchstwahrscheinlich existierte. Die frühprotestantische Schriftsprache bezeichnete sie als eine homogene, deutschartige und pidginisierte Sprachvariante. Man kann vermuten, dass sich zumindest die Wortfassungen des Dekalogs und des Vaterunsers im Estnischen etabliert hatten und eine Erzähltradition der wichtigsten biblischen Geschichten sowie eine fragmentarische Tradition der Psalmenübersetzung vorhanden waren.

Die Ausführungen von CHRISTINA V. TORKLUS (Gießen) standen unter dem Thema „Aspekte kirchlicher Nacharbeit bei den ethnischen Esten im Bistum Ösel-Wiek (13.-16. Jahrhundert)“. Nach einer kurzen Erläuterung zur Begrifflichkeit und Quellenlage stellte sie die kirchliche Infrastruktur (natürliche Gegebenheiten, unterschiedliche Obrigkeitsverhältnisse, Einrichtung von Kirchspielen und Bau von Kirchen) sowie die theologische Ausgangsbasis vor. Bei dem Versuch, die kirchliche Nacharbeit bei den sog. „ethnischen Esten“ zu charakterisieren, gelangte sie zum Schluss, dass diese Gruppe so heterogen war (z.B. waren die Oberschichten offensichtlich kirchennäher), dass auch die direkte Seelsoge (Taufe, Predigt, Vermittlung der grundlegenden Texte, Verbote von heidnischen Praktiken) sehr unterschiedlich durchgeführt werden musste. Zudem können starke lokale und zeitliche Schwankungen beobachtet werden.

Als eine unmittelbare Ergänzung zum Gehörten stellte sich der Vortrag von NELE RAND (Tartu) über „Die Darstellung der Bauern in den Beschlüssen der Rigaer Provinzialsynoden im 15. Jahrhundert“ heraus. Die Statuten aus den Jahren 1428 und 1437 sind die einzigen erhaltenen Quellen, die von der Tätigkeit der mittelalterlichen Kirchenversammlungen in Livland zeugen. Diese Texte werden seit dem 19. Jahrhundert wissenschaftlich untersucht, auf ihrer Grundlage ist das Bild von einer heidnischen Gebräuchen verhafteten bäuerlichen Bevölkerung im mittelalterlichen Livland entstanden. Im Unterschied zur älteren, einseitig auf die Statuten konzentrierten Betrachtungsweise wandte Rand die vergleichende Methode an, indem sie den Einfluss der ökumenischen Konzilien und ihrer Konstitutionen auf die Rigaer Texte untersuchte. Ihre Forschungsergebnisse zusammenfassend konnte sie feststellen, dass Verbindungen zu den Konzilsdokumenten nur in allgemeinen Zusammenhängen bestehen, die Beschreibungen der Bauernschaft hingegen – so ihre angebliche Verachtung der kirchlichen Gebote, die Durchführung von heidnischen Kulthandlungen, Handel an Sonntagen – offensichtlich einheimischer Herkunft waren.

TIINA KALA (Tallinn) konstatierte in ihrem Vortrag über „Die Nationalitätenfrage im mittelalterlichen Reval“, dass diese, insbesondere das Verhältnis zwischen Deutsch und „Undeutsch“ (d.h. Estnisch), die Forscher bereits seit Jahrzehnten interessiert. Die in den mittelalterlichen Quellen gebräuchlichen Ethnonyme sind von der Forschung, trotz der Hinweise, dass die Bedeutung eines und desselben Wortes kontextual variieren kann, als feststehende Begriffe übernommen worden. Kalas Ausführungen konzentrierten sich auf die Verwendung der Ethnonyme und Eigennamen in mittelalterlichen Stadtbüchern Revals. Obgleich dort häufig Personen erwähnt sind, die offensichtlich unterschiedlichen Nationalitäten angehörten, kämen Ethnonyme sehr selten vor. Dies betreffe auch die Bezeichnungen „Este“ oder „Undeutscher“ – es gibt Grund zur Annahme, dass darunter vor allem Angehörige der ländlichen und nicht der städtischen estnischen Bevölkerung gemeint waren. Über die einheimische und deutsche Bevölkerung hinaus werden in den Quellen noch Russen, Preußen, Dänen, Schweden, Finnen und Letten, außerdem ein Pole und ein Grieche erwähnt. Kala stellte fest, dass die Ethnonyme in erster Linie zur Identifikation einer meist fremden Person gebraucht wurden, wenn der Eigenname nicht genannt wurde bzw. er kein ausreichendes Merkmal darstellte. Dabei bezögen sich die Ethnonyme auf ihre Herkunftsregion, auf ihr Berufsfeld oder ihren Rechtsstatus, nicht aber auf ihre Beziehung zu einer Nation oder Sprache im heutigen Sinne.

Die Tagung beendete KADRI-RUTT HAHN (Göttingen) mit dem Vortrag „Magd und Knecht – die soziale Wirklichkeit der städtischen Esten im Reval des ausgehendes Mittelalters“, indem sie eine Milieubeschreibung einer in der Forschung stets unterrepräsentierten Schicht darbot. In Reval wurden viele unterschiedliche Dienstboten beschäftigt, die in eine festgelegte Gesindehierarchie eingeordnet waren. Der Gesindedienst brachte mehrere bedeutende Vorteile mit sich: Akkumulation eines kleinen Vermögens, eine eventuelle Altersabsicherung, Zugang zu individueller Memoria, vorteilhafte soziale Kontakte, verbesserte Heiratschancen durch Mitgift usw. Ausgehend von den Rechnungen von P. Johansen und H. v. zur Mühlen, dass etwa ein Drittel der Dienstboten in Reval Esten waren, wies Hahn auf die Existenz einer kulturellen Transferzone innerhalb der dortigen Haushalte hin. In diesem Kontext falle besonders die Stellung der Magd auf, die durch ihren Arbeitsbereich in unmittelbarer Nähe der Arbeitgeber, insbesondere der Hausherrin, eine besondere Stellung innerhalb des Gesindes einnahm. Wenn es Estinnen durch den Erwerb von sprachlichen und hauswirtschaftlichen Kenntnissen zu einer solchen Stellung gebracht haben sollten, könnten sie durch ihre neuen Erfahrungswerte und einen gewissen materiellen Wohlstand zu wichtigen Akteuren dieses Transfers, z.B. hinsichtlich Bildungsbestrebungen, geworden sein.

Konferenzübersicht:

Kaarel Vanamölder (Narva) – Schnapsbrennerei und Alltag im Baltikum am Ende der Schwedenzeit

Mathias Mesenhöller (Berlin) – Machtphantasien. Herren und Untertanen auf kurländischen Gütern um 1800

Markus Krzoska (Gießen) – Fremd unter den Volksgenossen? Deutschbalten im Reichsgau Wartheland 1939–1945

Am Rand der Geschichte? Ethnogenese und kulturelle Identitäten im estnischen Mittelalter

Eberhard Winkler (Göttingen) / Kadri-Rutt Hahn (Göttingen) – Einführung

Matthias Hardt (Leipzig) – Ethnogenesen im frühmittelalterlichen Europa. Zum gegenwärtigen Stand der Forschung

Heiki Valk (Tartu) – Ethnocultural Identities of the Native Population in Estonia in the 13th–16th Centuries: the Archaeological Record

Eberhard Winkler (Göttingen) – Finnougrier im Baltikum

Kristiina Ross (Tartu) – Spuren einer estnischen Gemeinschaftssprache in frühprotestantischen Schriftzeugnissen

Christina v. Torklus (Gießen) – Aspekte kirchlicher Nacharbeit bei den ethnischen Esten im Bistum Ösel-Wiek (13.–16. Jahrhundert)

Nele Rand (Tartu) – Die Darstellung der Bauern in den Beschlüssen der Rigaer Provinzialsynoden im 15. Jahrhundert

Tiina Kala (Tallinn) – Die Nationalitätenfrage im mittelalterlichen Reval

Kadri-Rutt Hahn (Göttingen) – Magd und Knecht – die soziale Wirklichkeit der städtischen Esten im Reval des ausgehenden Mittelalters

Zitation
Tagungsbericht: Am Rand der Geschichte? Ethnogenese und kulturelle Identitäten im estnischen Mittelalter, 18.06.2011 – 19.06.2011 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 01.08.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3752>.
Redaktion
Veröffentlicht am
01.08.2011
Klassifikation
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Veranstaltung
Sprache Veranstaltung