Gesellschaften in Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Kulturen, Alltagspraxen, Semantiken. 9. Potsdamer Doktorandenforum zur Zeitgeschichte

Ort
Potsdam
Veranstalter
Andrea Bahr / Sabine Pannen / Florian Peters / Alexandra Pfeiff, Doktoranden des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam
Datum
13.05.2011 - 14.05.2011
Von
Anja Hildebrandt / Anja Schröter, ZZF Potsdam

„Wir dürfen das Zusammendenken von 'oben und unten' nicht vergessen.“ Dieses Plädoyer von Sven Reichardt für die Wechselbeziehung zwischen Regime und Zivilgesellschaft war richtungsweisend für das am 13. und 14. Mai 2011 veranstaltete Doktorandenforum am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam. Die Organisatoren Andrea Bahr, Sabine Pannen, Florian Peters und Alexandra Pfeiff hatten die Veranstaltung unter den Titel: „Gesellschaften in Diktaturen des 20. Jahrhunderts – Kulturen, Alltagspraxen, Semantiken“ gestellt.

Zwölf Doktorandinnen und Doktoranden aus Deutschland, Österreich und Ungarn stellten ihre Forschungsprojekte mit kultur-, sozial- und politikgeschichtlichen Fragestellungen an Gesellschaften in Diktaturen des 20. Jahrhunderts vor. Basierend auf diesen Einzelprojekten, die insbesondere Alltagspraktiken, die Strukturierung von sozialen Beziehungen, Sinnstiftungen durch das Individuum sowie verschiedene Modi von Herrschen und Beherrschtsein untersuchten, zielte das Forum darauf ab, eine vergleichende Perspektive auf verschiedene diktatorische Systeme zu eröffnen. Es wurden dabei ausdrücklich Untersuchungen einbezogen, welche die Konzentration auf die doppelte deutsche Diktaturgeschichte aufbrachen und den Blick auf weitere europäische und außereuropäische Diktaturen im 20. Jahrhundert richteten.

Der Direktor des ZZF, Martin Sabrow, blickte in seiner Begrüßung auf die neunjährige Tradition des Doktorandenforums am Institut zurück. Einerseits bilde die diesjährige Problemstellung eine Rückkehr zu den thematischen Anfängen des ZZF, andererseits könne der wissenschaftliche Nachwuchs Diktaturen heute unbefangener untersuchen, ohne sie zuvor normativ kategorisieren zu müssen.

SVEN REICHARDT (Konstanz) sprach sich in seiner Keynote Lecture klar gegen eine scharfe Trennung von „oben und unten“, von Herrschenden und Beherrschten, bei der Analyse von Diktaturen aus. Vielmehr seien die sozialen Aushandlungsprozesse als Ganzes zu betrachten. Er führte verschiedene Beispiele, wie die Verwurzelung der nationalsozialistischen Bewegung im Vereinswesen, die Denunziationsbereitschaft der Bevölkerung und der Ermächtigung zur Gewalt in ihrer Dynamik an. So sei die Wirkungsweise der Mobilisierung sowie des „social engineering“ innerhalb der Zivilgesellschaft aufzuzeigen.

Das erste Panel mit Vorträgen von JANOSCH STEUWER (Bochum), CHRISTIAN MEIER (Berlin) und UTA KARSTEIN (Leipzig) problematisierte Handlungsspielräume, individuelle Einflussmöglichkeiten und eigensinnige Aneignungsprozesse in Diktaturen. Die vorgestellten Untersuchungen zur individuellen Verortung angesichts der Etablierung des Nationalsozialismus (Steuwer), zur Erfahrungsgeschichte der sowjetischen Okkupation in Lemberg 1939-1941 (Meier) und zur Positionierung von Individuen im kirchenpolitischen Feld der DDR (Karstein), machten deutlich, welchen spezifischen Aushandlungsprozessen sich Individuen im Zuge ihrer Selbstpositionierung innerhalb der diktatorischen Gesellschaften stellen mussten.

NICOLE KRAMER (Potsdam) hob in ihrem Kommentar zu den drei Vorträgen das Aufgreifen des alltagsgeschichtlichen Blickwinkels nach Alf Lüdtke[1] hervor. Dabei stünden die Beziehung von Herrschenden und Beherrschten sowie ihr daraus resultierendes individuelles Handeln im Vordergrund. Zwar analysierten die Projekte den Alltag mit einem starken Fokus auf Subjektivierungen und das Feld des Privaten, es würde jedoch deutlich, dass derartige Untersuchungen stets den Referenzpunkt der Gesamtgesellschaft erfordern, um generalisierende Aussagen zu ermöglichen.

Im zweiten Panel wurde nach Repräsentationen, Inszenierungen und der performativen Dimension diktatorischer Herrschaft gefragt. RÜDIGER BERGIEN (Potsdam) charakterisierte den Dachbegriff Repräsentation in seinem Kommentar als „jedes Anschaulich-Machen von Herrschaft, von Ordnungsvorstellungen und Sinnsystemen". Es ist darauf ausgerichtet, "die Wirklichkeitsdeutungen von Rezipienten zu strukturieren“. Mehr oder weniger erfolgreiche Fallbeispiele derartiger Repräsentationen stellten CHRISTIAN BUNNENBERG (Köln) mit seinem Projekt zu den NS-Parteischulungen und deren performativen Praktiken zur Vermittlung des Leitbildes der NS-Volksgemeinschaft , CORNELIA KÜHN (Berlin) mit ihrer Geschichte des Scheiterns einer ideologisierten Inszenierung des Ostberliner Volksfestes „Stralauer Fischzug“ sowie CAROL MARMOR (München) mit ihrem Referat zur differenzierten staatssozialistischen Herrschaftsrepräsentation bei der Sommerolympiade 1980 in Moskau und Tallinn vor.

Die auf dem dritten Panel vorgestellten Forschungsprojekte erlaubten eine europäisch vergleichende Perspektive auf die Fragen nach den unterschiedlichen Handlungsstrategien, individuellen Einflussmöglichkeiten und eigensinnigen Aneignungsprozessen von politischen sowie kulturellen Eliten in Diktaturen. Diesen Fragestellungen näherten sich IRENE MARIA LEITNER (Wien) mit einer biographischen Studie über die Karriere und soziale Vernetzung eines Wiener Hochschuldekans im Nationalsozialismus, STANISLAVA KOLKOVÁ (Gießen) mit einem Projekt zur Rolle von Eliten in der Slowakei unter Jozef Tiso sowie AGNES KISS (Budapest) mit ihrem Referat zur Funktionsweise und Bedeutung der Zensur im kommunistischen Rumänien. Die Diskussion zeigte, wie lohnenswert es ist, die Grenzen von persönlichen Handlungsspielräumen sowie die Wandlungsprozesse von gesellschaftlich einflussreichen Personenkreisen, ihren Netzwerken und unterschiedlich starken ideologischen Durchdringungen zukünftig noch differenzierter zu analysieren.

Die Konstitution alternativer Diskurse in Diktaturen, ihre medialen Vermittlungsstrategien und -möglichkeiten sowie Kommunikationspraxen wurden auf dem vierten Panel diskutiert. BARBARA RUPFLIN (Münster) beschrieb die Handlungsstrategien und die „Vergemeinschaftung auf Distanz“ der von der argentinischen Militärdiktatur verfolgten Katholiken. Einer weiteren Form öffentlicher Artikulation von Teilgruppen in Diktaturen widmete sich ZSÓFIA LÓRÁND (Budapest) in ihrem Vortrag über staatlich unterstützte Massenmedien als Forum feministischer Interessenvertretung in Jugoslawien. GREGOR FEINDT (Bonn) stellte in seiner auf den ostmitteleuropäischen Samizdat gestützten Untersuchung die Frage nach dem Bedeutungswandel des Begriffs „Nation“ in der antikommunistischen Opposition Ostmitteleuropas. Die drei Vorträge machten die unterschiedlichen Ebenen von Öffentlichkeit in der Diktatur, deren Verhältnis zueinander und zum jeweiligen politischen System sehr anschaulich und analysierten präzise die öffentliche Artikulation von gesellschaftlichen Teilgruppen in ihren jeweiligen Kontexten. Insbesondere das Projekt von Barbara Rupflin hat deutlich gemacht, dass die Einbeziehung und Kontextualisierung außereuropäischer Forschungsgegenstände bei der Bearbeitung klassischer Fragestellungen von großem Erkenntniswert sein kann. Angeregt durch die Referate plädierte JAN C. BEHRENDS (Potsdam) in seinem Kommentar dafür, die Chronologie in der Erforschung von diktatorischen Gesellschaften neu zu begründen und über klassische Zäsuren hinaus zu denken.

Die Diskussionsstränge des Doktorandenforums wurden abschließend noch einmal aufgegriffen und in der Frage „Wie schreibt man Gesellschaftsgeschichte der Diktaturen des 20. Jahrhunderts?“ gebündelt. Ohne dass auf diese Leitfrage der Abschlussdiskussion erschöpfende Antworten hätten gegeben werden können, wurden wesentliche methodologische Fragen und Probleme aufgegriffen. Hervorgehoben wurde insbesondere der Wert des Vergleichs verschiedener politischer Systeme als wertvolles Analyseinstrument der Forschung. Um sich von einer bloßen normativen Gegenüberstellung von „Diktatur“ und „Demokratie“ zu lösen, seien an Semantiken und Begriffen orientierte Vergleiche zwischen politisch unterschiedlich verfassten Gesellschaften lohnenswert.

Auch das Vordringen auf die Ebene gesellschaftlicher Akteure und somit in das Tiefengewebe der Gesellschaft innerhalb von Diktaturen stellt viele forschungspraktische Aufgaben und Probleme, wie die Berücksichtigung der sozialen Ausdifferenzierung und geschlechtsspezifischer Fragestellungen.

Eine der zentralen Hürden für eine so verstandene Gesellschaftsgeschichte ist freilich die Zugänglichkeit und der analytische Zugriff auf Quellen, die Aussagen in Bezug auf das Subjekt und seine Lebenswelt erlauben. Hier wurde einerseits das Potential von Ego-Dokumenten unterstrichen, andererseits aber auch ihre Kontextualisierung mit anderen geeigneten Quellen eingefordert, um über singuläre zeitgenössische Perspektiven hinaus auch generalisierende Aussagen zu ermöglichen.

Die äußerst anregende Abschlussdiskussion sowie das Doktorandenforum im Ganzen haben beispielhaft gezeigt, wie ältere Fragestellungen der Historiographie mit neuen methodisch pluralistischen Zugängen aufzugreifen sind. „Wirklich bemerkenswert ist, dass das Subjekt eine solche Kraft besitzt, dass es Zäsuren sprengt und zwischen das 'oben und das unten' fährt.“ Dieser Kommentar von Rebecca Menzel zum Abschluss der Veranstaltung beschreibt pointiert einen zentralen Erkenntnisgewinn des diesjährigen Potsdamer Doktorandenforums.

Konferenzübersicht:

Martin Sabrow (Potsdam): Begrüßung

Sven Reichardt (Konstanz): Eröffnungsvortrag

I. Alltagspraxen zwischen Aneignung und Konflikt
(Moderation: Rebecca Menzel, Potsdam)

Janosch Steuwer (Bochum): Die individuelle Herausforderung des Nationalsozialismus. Überlegungen zur Gesellschaftsgeschichte der Etablierung des Nationalsozialismus 1933 bis 1939

Christian Meier (Berlin): Export des Stalinismus. Sowjetische Herrschaftspraxis und Alltag in Lemberg (Lwów, L'viv) 1939- 1941".

Uta Karstein (Leipzig): Konflikt um die symbolische Ordnung der Gesellschaft. Positionierungen im religiös-weltanschaulichen Feld der DDR

Nicole Kramer (Potsdam): Kommentar

II. Performanz und Repräsentation von Herrschaft
(Moderation: Uwe Sonnenberg, Potsdam)

Christian Bunnenberg (Köln): „Jede Weltanschauung ist immer so stark, wie der Wille ihrer Träger, sie zu verteidigen!“ – NS-Schulungen 1933 bis 1945

Cornelia Kühn (Berlin): Volksfeste als Instrument ideologischer Einflussnahme. Der Stralauer Fischzug in Berlin zwischen 1954 und 1962

Carol Marmor (München): Diktat des Zentrums versus Interessen der Peripherie. Die Sommerolympiade 1980 in Moskau und in Tallinn als ein Groß-Projekt des spätsozialistischen „identity building“

Rüdiger Bergien (Potsdam): Kommentar

II. Handlungsstrategien und Spielräume von politischen und kulturellen Eliten
(Moderation: Alena Maklak, Potsdam)

Irene Maria Leitner (Wien): Handlungsspielräume an der nationalsozialistischen „Führeruniversität“ am Beispiel des Wiener Dekans Viktor Christian

Stanislava Kolková (Gießen): Partizipation, Akzeptanz, Repression und Widerstand. Die Eliten und das politische System in der Slowakei 1938 bis 1945

Agnes Kiss (Budapest): Coordination and control mechanisms within the system of censorship. Comparing everyday censorship practices in communist Romania with and without the Censors`Office

Rüdiger Hachtmann (Potsdam): Kommentar

IV. Alternative Diskurse und Öffentlichkeiten
(Moderation: Thomas Großmann, Potsdam)

Dr. Barbara Rupflin (Münster): Zwischen „katholischer Nation“ und „authentischem Christentum“ – Gegendiskurse und Handlungsstrategien verfolgter Katholiken unter der argentinischen Militärdiktatur 1976 bis 1983

Zsófia Lóránd (Budapest): State-supported mass media as a forum for feminist counterdiscourse? The Yugoslav case

Gregor Feindt (Bonn): Zwischen Menschenrechten und Patriotismus - Die Nation im politischen Denken der demokratischen Opposition in Ostmitteleuropa

Jan C. Behrends (Potsdam): Kommentar

Abschlussdiskussion: Wie schreibt man Gesellschaftsgeschichte der Diktaturen des 20. Jahrhunderts?
(Moderation: Florian Peters, Potsdam)

Anmerkung:
[1] Vgl.: Alf Lüdtke (Hrsg.): Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebensweisen, Frankfurt am Main u. a. 1989 sowie Ders. (Hrsg.): Herrschaft als soziale Praxis. Historische und sozialanthropologische Studien, Göttingen 1991.

Zitation
Tagungsbericht: Gesellschaften in Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Kulturen, Alltagspraxen, Semantiken. 9. Potsdamer Doktorandenforum zur Zeitgeschichte, 13.05.2011 – 14.05.2011 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 03.08.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3757>.
Redaktion
Veröffentlicht am
03.08.2011