Electrified Voices: Medial, Socio-Historical and Cultural Aspects of Voice Transfer

Ort
Konstanz
Veranstalter
Dmitri Zakharine, Universität Konstanz
Datum
16.06.2011 - 18.06.2011
Von
Folke Müller, Institut für Germanistik, Justus-Liebig-Universität Gießen

Mit dem Phänomen der „elektrifizierten Stimme“ aus medientechnischer, sozialhistorischer und kulturvergleichender Sicht beschäftigte sich eine Tagung, die vom 16. bis 18. Juni 2011 an der Universität Konstanz stattfand. Während lange Zeit das Interesse vor allem dem Visuellen galt, wird nun der Akustik zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt, wie die Schlagworte acoustic turn und sonification im medienwissenschaftlichen Diskurs, aber auch die Durchführung dieser Tagung zur elektronischen Stimmwiedergabe erkennen lassen. Die von der Fritz Thyssen Stiftung geförderte interdisziplinäre Tagung widmete sich der elektrifizierten Stimme in drei Themenschwerpunkten: der gesellschaftlichen Reflexion über Aufgaben der elektrischen Stimmübertragung, der Mediation von gender- und berufsspezifischen Stimmstereotypen in audio-(visuellen) Formaten und der Genese von Stimmstereotypen in nationalen Radio- und Filmkulturen. Die Auseinandersetzung mit den elektroakustischen Stimmmedien sollte außerdem die Entwicklung eines Untersuchungsinstrumentariums anstoßen, das der Analyse von Hörerfahrungen gerecht wird. Dieses Anliegen hob der Veranstalter Dmitri Zakharine (Konstanz) als besonders dringlich hervor, da unsere Hörerfahrung zunehmend der Manipulation durch elektroakustische Produktionsverfahren ausgesetzt ist. Historiker, Medienwissenschaftler, Philosophen, Philologen, aber auch Sounddesigner, Filmproduzenten und Musiker folgten der Einladung nach Konstanz und referierten zu Telefon, Radio, Fernsehen, Film und Videoclips, aber auch zu frühen akustischen Erfindungen der 1920er-Jahre oder zu Volksmusikinstrumenten wie dem serbischen Gusle, das sich bis heute der Elektrifizierung der Stimme widersetzt (TANJA ZIMMERMANN, Konstanz).

Der Einladung nach Konstanz waren auch der Filmdirektor DAVID SONNENSCHEIN (Los Angeles) und BARRY TRUAX (Vancouver) gefolgt, die zum Auftakt Kostproben sowohl ihrer künstlerischen als auch ihrer wissenschaftlichen Arbeit gaben. David Sonnenschein stellte sein psychoräumliches Modell „Soundspheres“ vor, das die menschliche Stimme und andere Töne in der realen Welt und in audiovisuellen Medien von innen nach außen zu lokalisieren versucht. Barry Truax zeigte anhand von Material des World Soundscape Projektes und eigener Kompositionen, wie Soundwelten simuliert werden können, in denen Stimmen, Musik und Environmental Sounds ineinander fließen.

Von stimmlichen Stereotypen vor allem im Film handelten die Beiträge von ROLF GIESEN (Berlin/Jilin, China) und DMITRI ZAKHARINE (Konstanz). Rolf Giesen beschäftigte sich mit der Frage, mit welchen Mitteln Monstern und Tieren bekannter Science Fiction- und Animationsfilme eine Stimme verliehen wird; er wies dabei sowohl auf die Vorteile moderner digitaler Technologien (hohe Verfügbarkeit und die damit einhergehende Demokratisierung), aber auch die Risiken der „entkörperlichten“ Stimme hin (Möglichkeit der Manipulation von Tönen und Bildern in Nachrichtenmedien, Rückgang von Kreativität). Dmitri Zakharine spannte in seinem Beitrag einen weiten Bogen von stimmlichen Stereotypen im Science Fiction Film – von der hellhäutigen Scream Queen bis zum dunklen, in tiefer Tonlage grölenden Monster – über die Bedeutung der Stimmlage bei Nachrichtensprechern der 1930er-Jahre – deren Stimmen die Macht ihrer jeweiligen Staaten Großbritannien, Drittes Reich und Sowjetunion symbolisieren sollten – bis zum heutigen Kult um die tiefe Stimme in Hard Rock und Heavy Metal.

Anhand öffentlicher Debatten über die Vor- und Nachteile stereotyper Frauen- und Männerstimmen im Rundfunk der 1920er- und frühen 1930er-Jahre, wie sie in den USA, in England, und in Deutschland geführt wurden, beschrieb KATE LACEY (Sussex) die Schwierigkeiten für Frauen, „eine Stimme zu finden“. Die Debatten darüber, welche Art von Stimmen in der Öffentlichkeit gehört werden sollten und welche nicht, zeigen ihrer Ansicht nach, dass auch dem Zuhören bei der freien politischen Meinungsäußerung eine wichtige Rolle zukam, die in der Politiktheorie stärker berücksichtigt werden sollte. Der Beitrag von STEPHEN LOVELL (London) konzentrierte sich auf die technischen Neuerungen in der sowjetischen Radiogeschichte und darauf, in welchem Grad diese geeignet waren, politische Botschaften an den Hörer zu bringen. So hatte das Sowjetregime in der Zwischenkriegszeit Schwierigkeiten, eine „sowjetische“ Radiosprache zu finden, um das Radio als Instrument des Agitprop nutzen zu können.

Mit stimmlichen Stereotypen beschäftigte sich auch der Sounddesigner PHILIP BROPHY (Tokio), der die theoretische Grundlage seines Projekts „Evaporated Music “ erläuterte. Auch er fragte nach weiblichen und männlichen Archetypen der biologischen Stimme, doch ging es ihm um das Spiel mit diesen Konventionen, indem z.B. die ursprünglichen Stimmen zum Verwischen von Identitäten durch neue Stimmen ersetzt werden, während das ursprüngliche Bildmaterial erhalten bleibt.

Nicht nur im Westen kam es in den 1920er-Jahren zu einer Blüte in der (Weiter-)Entwicklung von elektroakustischen Medien. LIUBOV PCHELKINA und ANDREY SMIRNOV (beide Moskau) berichteten von den Soundexperimenten der russischen Künstler und Philosophen Solomon Nikritin und Arseny Avraamov. Nikritin stellte eine Klassifikation menschlicher Stimmen (aber auch Emotionen, Farben und Bewegungen) auf der Grundlage biomechanischer, musikalischer und akustischer Kenntnisse auf, die bei der Schauspielausbildung des Projection Theatres in Moskau auch praktisch angewendet wurden und zu „menschlichen Maschinen der Zukunft“ führen sollten. Ähnlich futuristisch erscheinen uns die Überlegungen von Avraamov zu einer Vokalisierung von Lenins Reden und der Kreation einer neuen revolutionären sowjetischen Nationalhymne mithilfe synthetischer Stimmen. Es war das Anliegen Andrei Smirnovs zu zeigen, dass Avraamov tatsächlich die notwendigen Kenntnisse besaß, um seine Projekte zu realisieren. Zu einem akustischen Höhepunkt der Tagung wurde die Erfindung eines Zeitgenossen von Lenin. LYDIA KAVINA gab ein Konzert auf dem Theremin, benannt nach seinem Erfinder Lew Thermen. Das Theremin ist eines der ersten elektronischen Musikinstrumente, wird völlig ohne Berührung gespielt und ermöglicht große Tonhöhenvariationen.

Speziell dem Erfassen deutscher Radioästhetik und deren Geschichte widmeten sich gleich drei Beiträge. HANS-ULRICH WAGNER (Hamburg) versuchte der Radioästhetik vergangener Zeiten am Beispiel der 1960er-Jahre auf die Spur zu kommen, da die sozialen Veränderungen der 1960er-Jahre, so seine Hypothese, auch mit einer veränderten Radioästhetik einhergingen, weil mit der Tradition nationalsozialistischer Radiokultur gebrochen werden und das westdeutsche Radio eine neue „Stimme“ im Umgang mit den Zuschauern finden musste, um akzeptiert zu werden. Sein Analysemodell machte deutlich, dass die heutige Perzeption eines historischen Tondokuments nicht mit derjenigen der Zeitgenossen identisch ist, da sich Speicherung und Wiedergabe, aber auch unsere Hörroutinen entscheidend verändert haben. Weniger um den historischen Vergleich als vielmehr um ästhetische Unterschiede zwischen heutigen Radiostationen ging es im Beitrag von GOLO FOELLMER (Halle-Wittenberg). Er nahm an, dass neben dem Verhältnis von Musik und gesprochenem Wort, dem journalistischen Stil und einer bevorzugten Musikrichtung auch Tonelemente und mikrostrukturelle qualitative Elemente (das sog. Broadcast Sounddesign) eine wichtige Rolle bei der Identitätskonstruktion eines Radiosenders spielen. Die von ihm vorgestellten komparativen radioästhetischen Analysemethoden lassen sich aber auch auf andere Medien sowie historisch und in internationalen Vergleichen anwenden. Methodische Aspekte standen auch im Beitrag von CHRISTOFER JOST (Basel) im Vordergrund, der ein Analyseprogramm für audiovisuelle Medien am Beispiel des Videoclips vorstellte. Das Programm, das am Institut für Medienwissenschaft der Universität Basel entwickelt wird, soll in Zukunft die gleichzeitige Analyse von Bild, Text und Musik/Ton ermöglichen. Auf einen bisher kaum beachteten Aspekt der deutschen Radiogeschichte kam INGE MARSZOLEK (Bremen) in ihrem Beitrag zu sprechen: Anhand historischer Tondokumente aus den 1970er- und frühen 1980er-Jahren von Radio Zebra aus Bremen ging sie auf die spezifische Ästhetik „freier“ Amateurradios ein, die sich durch einfache Technik und ungeschulte Radiosprecher auszeichneten und als wichtiges Kommunikationsmittel zur Organisation des linken Widerstandes und der Koordination von Demonstrationen dienten. Politisch wie klangästhetisch stellten sie einen Gegenentwurf zu etablierten, professionellen und legalen Radiosendern wie Radio Bremen dar. Dass Stimmen und Sounds von Radiosendern bewusst eingesetzt werden, um ein bestimmtes Publikum zu erreichen und sich politisch zu positionieren, belegte auch der Vortrag von JASON LOVIGLIO (Maryland). Er zeigte am Beispiel des US-amerikanischen Radiosenders National Public Radio, wie stimmliche Stereotypen von Radiosprechern und -sprecherinnen (z.B. Stimmen, die mit verschiedenen sozialen Minderheiten identifiziert werden) zielgerichtet eingesetzt werden, um eine demokratische, liberale, sozial bewusste Zuhörerschaft anzusprechen.

Eine Reihe von Beiträgen beschäftigte sich speziell mit dem Verhältnis von Stimme und Emotion, indem der Frage nachgegangen wurde, durch welche Art von Stimme dem Zuschauer bestimmte Emotionen wie Angst oder Beklemmung vermittelt werden und wie die Erfahrung von Ausnahmesituationen stimmlich intensiviert werden kann. Dies traf vor allem bei den Vorträgen zu, die sich mit Genres wie dem Horrorfilm, Kriegsfilm oder Science-Fiction Film auseinandersetzten. In Kriegsfilmen gelingt dies durch besonders ausdrucksstarke Stimmen und Schreie, wie NILS MEISE (Konstanz) an ausgewählten Beispielen vorführte. Durch elektroakustisch verfremdete Stimmen wird der Fremdheit von Außerirdischen in Science Fiction Filmen Ausdruck verliehen (PHILIP PREUSS, Braunschweig), ebenso wie durch das Zusammenspiel von menschlichen und elektrischen Stimmen (KONSTANTIN KAMINSKIJ, Konstanz). Auch die elektrifizierten Stimmen, die durch ein Telefon im Horrorfilm zum Hörer gelangen, haben ein besonderes affektives Potential (STEFAN HÖLTGEN, Berlin). Das besondere Talent Elizabeth Taylors, mit ihrer Stimme Leid darzustellen und Emotionen hervorzurufen, stellte SUSAN SMITH (Sunderland) heraus. NATASCHA DRUBEK-MEYER (Regensburg) zeigte hingegen anhand eines historischen Dokumentarfilms über das KZ Theresienstadt, wie der Einsatz einer besonders harmlos klingenden Stimme aus dem Voice Off und eine Unterlegung mit Musik das Leben im Konzentrationslager beschönigen und eine emotionale Reaktion des Zuschauers dämpfen sollte. Aber nicht nur im Film, sondern auch auf dem Gebiet der Popmusik wird durch technische Hilfsmittel wie das Mikrofon Einfluss auf die Empfindungen des Zuhörers genommen, um bei ihm die Illusion hervorzurufen, Zutritt zu den innersten Gefühlen und Gedanken des Performers zu haben (NICOLA DIBBEN, Sheffield).

Dass die Stimme auch ganz andere soziale Funktionen haben kann, zeigte zum Abschluss der Tagung BERND BRABEC DE MORI (Graz), der von der Bedeutung der (Gesangs-)Stimme bei einem Indianervolk in Peru berichtete. Das Singen wird als eine ernste Angelegenheit betrachtet, das der Kommunikation mit Geistern dient, über Heilungskräfte und Magie verfügt, aber auch zur Disziplinierung des Verhaltens in der Gemeinschaft eingesetzt wird.

Die Stärke der Konferenz lag eindeutig in der Vielzahl der Ansätze, in der historischen und nationalen Breite und in der Einbindung der verschiedenen akustischen Medien. Dadurch wurden Parallelen, aber auch aufschlussreiche Unterschiede zwischen einzelnen Medien und den verschiedenen nationalen Kulturen sicht- bzw. hörbar. Es bleibt zu hoffen, dass die vergleichende Perspektive im geplanten gleichnamigen Sammelband, in dem die Vorträge der Konferenz und weitere Beiträge veröffentlicht werden sollen, auf der Grundlage der intensiven Diskussionen noch stärker konturiert wird.

Konferenzübersicht:

Dmitri Zakharine (Konstanz): Welcome and Introduction of participants

David Sonnenschein (Los Angeles): Sound spheres and the human voice

Barry Truax (Vancouver): Voices in the Soundscape: From Cellphones to Soundscape Composition

Rolf Giesen (Berlin, Jilin / China): The monster speaks…

Dmitrij Zakharine (Konstanz): Voice – E-voice-design – E-voice community: Early public debates about the emotional quality of radio and TV announcers’ voices

Philip Brophy (Tokio): Evaporated Music 1: Revoicing & Gendered Vocalization

Kate Lacey (Sussex): Speaking Up and Listening Out: Media technologies and the re-sounding of the public sphere

Jason Loviglio (Maryland): U.S. Public Radio, Social Change, and the Gendered Voice

Martha Brech (Berlin): Inventions in Understanding: The History of Early Voice Electrification (ausgefallen)

Liubov Pchelkina (Moskau): The Biomechanics of Voice and Movement in the Solomon Nikritin’s Projection Theatre (1920s)

Andrey Smirnov (Moskau): Synthesized Voices of the Revolutionary Utopia: Early Attempts to Synthesize Speaking and Singing Voice in Post-Revolutionary Russia (1920s)

Hans-Ulrich Wagner (Hamburg): Sounds like the Sixties: Approaches to Analyze Radio Aesthetic in the Past

Inge Marszolek (Bremen): Amateur Radio and the Concept of Counter Public Sphere in the 1970s and 1980s in Germany: Radio Zebra in Bremen

Golo Foellmer (Halle-Wittenberg): The Voice in Broadcast Sound Design

Konstantin Kaminskij (Konstanz): The Voice of Electricity in Early Soviet and East-European Science Fiction Movies

Natascha Drubek-Meyer (Regensburg): A Voice-Over for Theresienstadt: Mixing Sound for a Concentration Camp Film in 1945

Susan Smith (Sunderland): Elizabeth Taylor: A Voice To Reckon With

Stefan Höltgen (Berlin): The Uncanny Third Space: The Telephone as a Narrative Element in Horror Movies

Nils Meise (Konstanz): Seven-six-two millimeter: Full, metal, jacket: Voice Acting in Popular Late 20th Century War Movies

Philip Preuss (Braunschweig): Alien Voices: The Sonic Construction of Foreignness in Science Fiction

Nicola Dibben (Sheffield): The Intimate Singing Voice: Auditory Spatial Perception and the Performance and Perception of Emotion in Pop Recordings

Friederike Wissmann (Berlin): About the Generation of Affects in Serial Musics (ausgefallen)

Christofer Jost (Basel): Computer-based Analysis of Audiovisual Material

Bernd Brabec de Mori (Graz): The Voice as a Medium of Magical Power: Human and Non-Human Music in the Western Amazon

Tanja Zimmermann (Konstanz): The Folk Instrument Gusle and its Resistance Against Electrification

Stephen Lovell (London): In Search of Sovietspeak: The Development of Broadcasting Style in the USSR, 1920s-1960s

General Discussion

Zitation
Tagungsbericht: Electrified Voices: Medial, Socio-Historical and Cultural Aspects of Voice Transfer, 16.06.2011 – 18.06.2011 Konstanz, in: H-Soz-Kult, 05.08.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3758>.
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Veröffentlicht am
05.08.2011
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