Visualisierungen des Umbruchs

Ort
Jena
Veranstalter
Imre Kertész Kolleg Jena; DFG-Graduiertenkolleg 1412 "Kulturelle Orientierungen und gesellschaftliche Ordnungsstrukturen in Südosteuropa", Jena
Datum
02.06.2011 - 03.06.2011
Von
Gundel Große, Graduiertenkolleg 1412 "Kulturelle Orientierungen und gesellschaftliche Ordnungsstrukturen in Südosteuropa", Friedrich-Schiller-Universität Jena

Vom 2.6. bis 3.6. 2011 fand in der Thüringer Landesvertretung in Berlin der Workshop „Visualisierungen des Umbruchs“ statt, den das Imre Kertész Kolleg Jena und das Jenaer Graduiertenkolleg 1412 „Kulturelle Orientierungen und gesellschaftliche Ordnungsstrukturen in Südosteuropa“ organisierten. ANA KARAMINOVA und MARTIN JUNG, beide Doktoranden im Graduiertenkolleg 1412 Jena, leiteten den Workshop.

Im Jahre 2009 wurde in Ost-und Südosteuropa der 20. Jahrestag des politischen Umbruchs 1989 gefeiert. In diesem Zusammenhang gab es eine Flut von visuellen Darstellungen zum Umbruchgeschehen. Die visuellen Darstellungen sind gleichermaßen historische Quelle und kunsthistorisches Objekt: Sie reaktivierten zum einen die geschichtlichen Ereignisse, zum anderen bildeten sich nach 1989 recht rasch bestimmte Ikonen heraus. Die Möglichkeiten, aber auch Probleme, Schwierigkeiten und Grenzen visueller Darstellungen des Umbruchgeschehens 1989 waren Thema des Workshops „Visualisierungen des Umbruchs“. Mit Ana Karaminova und Martin Jung trafen die hier zentralen Fachbereiche von Kunstgeschichte und Geschichtswissenschaft in idealer Weise zusammen.

GERHARD PAUL (Flensburg) führte zunächst in die Visual History ein, die sich in den letzten Jahren als ein eigenes Forschungsfeld etabliert hat. Er legte dar, dass der „iconic turn“ inzwischen auch die deutsche Geisteswissenschaft und hier insbesondere die Geschichtswissenschaft erreicht habe. Ausgangspunkt der Visual History sei die Erkenntnis, dass Bilder nicht mehr nur als Abbilder verstanden werden, sondern als aktive Kräfte, die den abgebildeten Gegenstand im Akt der Repräsentation verändern, Bedeutung transportieren und generieren. Über die visualisierte Ereignisgeschichte lege sich somit eine Bildgeschichte, woraus ein heuristisches Problem resultiere, denn das Bild erzeuge erst den zu untersuchenden Gegenstand. In Anlehnung an den von Horst Bredekamp eingeführten Begriff des „Bildaktes“ ging Paul zur Analyse von Umbrüchen als schöpferische Bildakte über und stellte fest, dass die Bilder von 1989 bisher noch viel zu wenig analysiert worden seien. Als ganz starkes Umbruchzeichen nannte er in diesem Zusammenhang beispielsweise den Solidarność-Schriftzug, der überhaupt erst in der spezifischen politischen Situation Polens in den 1980er-Jahren geschaffen worden war. Abschließend ging Paul auf Medien-Ikonen von Umbrüchen ein. Als ein markantes Beispiel nannte er das Bildcluster der tanzenden Menschen auf der Berliner Mauer. Unter Berücksichtigung der inneren Bildordnung wies er an diesem Beispiel nach, wie stark visuelle Medien bereits in der Umbruchzeit zu Akteuren wurden. In der Diskussion wurde kritisch erörtert, ob Bilder bzw. visuelle Darstellungen ohne Berücksichtigung des historischen Kontextes ihrer Entstehung wirklich ausreichend erschließbar sind. Außerdem machte Paul deutlich, dass bisher nur die kollektive Rezeption untersucht wird. Die wichtige Frage der Distribution - man denke zum Beispiel an die Auswahlkriterien von Agenturen bezüglich des visuellen Materials, insbesondere im Zuge ihrer Digitalisierung - sei bisher noch überhaupt nicht untersucht. Die Vielschichtigkeit der Visual History werde zudem sichtbar an der „Sound History“, die sich nach Paul gerade zu etablieren beginne.

Einen äußerst interessanten Beitrag zur Visualisierung von Umbrüchen lieferte KATARZYNA RUCHEL-STOCKMANS (Leuven) mit ihrem Beitrag über den rumänischen Film „Videogramme einer Revolution“. Die Wahl dieses Thema war insofern passgenau, als dass über diesen Film sowohl die historischen Ereignisse als auch die Rolle ihrer Visualisierungen reflektiert werden konnten. Aus der Fülle sowohl von Fernsehaufnahmen als auch privaten Videos mit einer Gesamtlänge von 120 Stunden schufen die Regisseure Harun Farocki und Andrei Ujica 1992 einen zweistündigen Dokumentarfilm mit narrativer Struktur, der die Ereignisse zwischen 21.12. und 26.12.1989 in Rumänien thematisiert. In ihrer überzeugenden Filmanalyse ging Ruchel-Stockmans zunächst der Narration und Struktur der filmischen Konstruktion nach. Über die Verwendung des Revolutionsbegriffs im rumänischen Umbruchgeschehen stellte sie sehr interessante Parallelen zum Film „Oktober“ von Sergej Eisenstein heraus, der von diesem 1927 als Auftragswerk aus Anlass des 10.Jahrestags der Oktoberrevolution angefertigt wurde. Im Zentrum des Vortrags von Ruchel-Stockmans stand jedoch die fast philosophische Frage nach Geschichte und ihrer Visualisierung, ausgehend von Jean Baudrillard, der in der mediatisierten Revolution als quasi irrealem Ereignis in Rumänien 1989 das bedeutendste Beispiel für die Auflösung des Sinns von Geschichte sah. Wichtiger aber für Farocki und Ujica war Ruchel-Stockmans zufolge die Theorie Vilém Flussers, auf die sie sich explizit beziehen. Flusser sah Medienbilder als ein Instrument für einen radikalen Wechsel des kulturellen Paradigmas an. Bilder prägen die Art, in der wir die Welt und damit auch Geschichte wahrnehmen. Entsprechend zeige der rumänische Fall, dass Kameras nicht nur aufnehmen, sondern fundamental die Revolutionsrealität herbeiführen und gestalten. Das zu fassen ist ein sehr komplexes Unterfangen und in diesem Vorhaben erweisen sich die „Videogramme“ zugleich als ein Nachdenken über Geschichte an sich. Sehr deutlich wurde, dass die künstlerische Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen und ihren Abbildungen einen bedeutenden, neuen Zugang zum Verständnis von Geschichte liefert.

PETRA MAYRHOFER (Wien) untersuchte die Darstellungen vom 20. Jahrestag des Mauerfalls in österreichischen, deutschen, französischen, tschechischen und ungarischen Zeitungen sowie in den übernationalen Printmedien „Herald Tribune“ und „Neue Züricher Zeitung“ und kam anhand verschiedener Topoi zu recht interessanten Ergebnissen. So zeigten beispielsweise etwa 50% aller Cover Bilder vom Fall der Berliner Mauer, wobei die ungarischen und die tschechischen Zeitungen von vornherein deutlich weniger Fotos beinhalteten und zudem kaum den Topos „Menschen auf der Mauer“ zeigten. Diskutiert wurde im Anschluss, dass der Mauerfall letztlich doch als ganz spezifisches Bild für das deutsche Wendegeschehen steht und demnach in Polen und Tschechien weniger signifikant als Visualisierung des Umbruchs verstanden und aufgegriffen wird. Außerdem wurde zu bedenken gegeben, dass Polen und Russland in diese Untersuchung nicht Eingang gefunden haben, obwohl sie als Vorreiter des Umbruchgeschehens eine ganz wichtige Funktion erfüllten.

GALINA LARDEVA (Plovdiv) beleuchtete in ihrem Vortrag die bulgarische Kunstszene zwischen 1989 und 1994 mit Blick auf die Frage, ob der Umbruch 1989 für die Kunst entscheidend gewesen sei. Interessanterweise nehme die bulgarische Kunst in den 1980er Jahren Entwicklungen vorweg, die erst 1989 ihren politischen Niederschlag fänden. So würden im Laufe der 1980er-Jahre die konventionellen künstlerischen Formen aufgebrochen, es entwickele sich eine größere künstlerische Autonomie, die in ästhetischer Provokation münde. Die mit 1989 einsetzenden politischen Veränderungen treffen somit auf eine Kunstszene, die sich ihrer neuen Möglichkeiten bereits bewusst geworden ist. Installationskunst, Performances, Happenings, aber auch LandArt und konzeptuelle Kunst erweisen sich als geeignete Ausdrucksformen, die sich vollziehenden Umbruchprozesse künstlerisch zu verarbeiten. Prozesshaftigkeit und Öffentlichkeit sind dabei wesentliche Merkmale dieser neuen Kunst, was Lardeva anhand von Fotos unterschiedlicher Kunstaktionen sehr anschaulich nachwies.

Jugoslawien erlebte ein grundlegend anderes Umbruchgeschehen als die bisher thematisierten Länder. So reflektierte MARIJANA ERSTIĆ (Siegen) die künstlerische Visualisierung des Krieges im Videoclip „Miss Sarajevo“ von der Rockband „U2“ unter theoretischem Bezug auf die „Ästhetik des Schreckens“ von Karl Heinz Bohrer. Nach Erstić sah Bohrer im Krieg eine Form der Potenzierung von Energie und Intensität mit Auswirkung auf eine Aktivierung der Sinne, die sich wiederum künstlerisch entäußerten. Vor der Fragestellung nach einer „Ästhetisierung des Schreckens“ analysierte Erstić den im Jahr 1995 von der Band U2 und Luciano Pavarotti inszenierten Videoclip in seiner beeindruckenden Vielschichtigkeit. Die lebhafte Diskussion über die Interpretation einzelner Filmszenen ließ erkennen, wie bedeutungsoffen Kunst letztlich ist. Die Ästhetisierung des Schreckens aber als übergeordnetes Ordnungsprinzip aktiviert in ihrer Eindringlichkeit eine grundlegend humanistische Botschaft.

Mit einem anderen Aspekt des jugoslawischen Zerfalls beschäftigte sich KLAUDIJA SABO (Wien) in ihrem Beitrag. Sie fokussierte insbesondere auf den Tito-Kult, der immer schon ein visueller Kult insofern gewesen sei, als dass Tito visuelle Medien, insbesondere Bilder, gezielt in seiner Politik eingesetzt habe. Sabo bezeichnete Tito als „Gesicht und Ikone des sozialistischen Jugoslawiens“. Nach dem Zerfall Jugoslawiens habe es mindestens zwei Pole in der Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit Titos gegeben, die mit „Kultfigur versus Kriegsauslöser“ auf eine griffige Formel gebracht werden können. Sabo benannte drei Brüche in der Tito-Rezeption: Ein erster Bruch entstehe mit dem Tod Titos als jugoslawischer Symbolfigur 1980. Der zweite Bruch vollziehe sich 1991 mit dem Zusammenbruch Jugoslawiens, in dessen Folge die Rückbesinnung auf Tito unterdrückt wurde. Ein dritter Wendepunkt sei mit dem Ende des Krieges zu beobachten. Sabo wies die anhaltende Tito-Verehrung anhand von Merchandising-Produkten nach, die insbesondere nach 2004 einen großen Aufschwung gefunden hätten. Somit seien gegenwärtig im ex-jugoslawischen Raum neben nationalistischen zugleich stark nostalgische Tendenzen zu finden, die sich am visuellen Tito-Kult abarbeiten bzw. diesen aufgreifen würden. Kritisch diskutiert wurde die Bedeutung von Merchandising-Produkten in Bezug auf die Kontexte, in denen sie verkauft werden. Generell stellte sich die Frage nach der wissenschaftlichen Untersuchung von Massenkitsch, zu denen auch T-Shirts mit Tito-Bild usw. zu zählen sind.

Ausgangspunkt des letzten Vortrags im Rahmen des Workshops war für SUSANN NEUENFELDT (Berlin) ein Plakat, das am 4.11.1989 bei der größten Protestaktion der DDR auf dem Berliner Alexanderplatz gezeigt wurde und Egon Krenz in Wolfspose in das Märchen von Rotkäppchen situierte. Neuenfeldt fragte, in welchem kulturellen Zusammenhang Wölfe zum Umbruch stehen, welche Bilder, Narrative und Mythen von Wölfen, die einst in der kommunistischen Ideologie auf unterschiedliche Weise als Widerpart instrumentalisiert worden waren, in den Umbruchsituationen hergestellt werden. Die Aussage des Plakates blieb für Neuenfeldt allerdings offen. In der kritischen Diskussion wurde darauf verwiesen, dass die Berücksichtigung sowohl des historischen Kontextes als auch des Märchenmotivs zur Entschlüsselung der Plakataussage maßgeblich beigetragen hätte.

Der Workshop ging der Frage nach den politischen Umbruchsituationen von 1989 in ihrer Bedeutung für ihre Visualisierungen nach. An dieses Thema hielten sich nicht alle Beiträge konsequent, wobei aber alle Beitragenden interessante Aspekte zutage förderten. In der thematischen Vielfalt der Beiträge aus den Bereichen der bildenden Kunst, TV-Medien, Print- und Musikmedien wurde der interdisziplinäre Aspekt des Workshops deutlich. Die erweiterten Dimensionen der Visual History geben sowohl der Geschichtsschreibung als auch der Kunst große Impulse für ein vertieftes Verständnis der Vielschichtigkeit historischer Prozesse. Immer wieder wurde im Verlauf des Workshops sichtbar, dass Ereignisse durch die Prozesse ihrer Visualisierung einen Bedeutungszuwachs erhalten. Unter methodischen Gesichtspunkten erwies sich der Brückenschlag zwischen Historikern und Nichthistorikern als Herausforderung. Das wurde beispielsweise bei detaillierten Beschreibungen der Kunstobjekte ohne hinreichende Beachtung ihrer Rückwirkung in die Gesellschaft offensichtlich.

Den Organisatoren wurde mehrfach explizit gedankt für ihre Idee, das spezifische Thema von Visualisierungen des Umbruchs von 1989 aufgegriffen und mit dem Workshop ein Forum für den notwendigen interdisziplinären Austausch darüber geschaffen zu haben. Dass mit der Veranstaltung des Workshops eine Erforschung und Analyse von „Visualisierungen des Umbruchs“ - und sei es nur mit Blick auf das Jahr 1989 - längst nicht abgeschlossen ist, dafür aber viele bereichernde und neue Erkenntnisse erwarten lässt, wurde bereits dadurch deutlich, dass einige Länder Ost-und Südosteuropas, wie beispielsweise Ungarn, Polen und Tschechien, nur am Rande oder noch überhaupt nicht thematisiert wurden. In diesem Sinne bleibt für die Zukunft zu hoffen, dass sich auch weitere interdisziplinär ausgerichtete Veranstaltungen mit dem Thema „Visualisierungen“ befassen. Im Laufe des Workshops trat klar zutage, wie ergiebig und spannend, aber auch wie vielfältig anknüpfungsfähig die Frage nach „Visualisierungen“ ist.

Konferenzübersicht:

Gerhard Paul, Flensburg: Bild und Umbruch. Gedanken aus der Perspektive der ‚Visual History‘

I. Panel moderiert von Joachim von Puttkamer, Jena

Katarzyna Ruchel-Stockmans, Leuven: Televised image in /as history. Contemporary art practices and the case of the 1989 revolution in Romania.

Petra Mayrhofer, Wien: Die Verortung der Ereignisikone „Fall der Berliner Mauer“ in der (trans)nationalen Erinnerungskultur

Galina Lardeva, Plovdiv: The art of Transition. From the Dragon to the Chameleon.

II. Panel moderiert von Andrea Meyer-Fraatz, Jena

Marijana Erstić, Siegen: Ästhetisierung des Krieges? Der Musikclip „Miss Sarajevo“ (U2, Luciano Pavarotti)

Klaudija Sabo, Wien: Bewegte Nationen- bewegende Bilder. Die filmische Visualisierung der Transformationsprozesse im postjugoslawischen Raum.

Susann Neuenfeldt, Berlin: Mit den Wölfen heulen- Animalisierte Phantasien des Umbruchs.

Zitation
Tagungsbericht: Visualisierungen des Umbruchs, 02.06.2011 – 03.06.2011 Jena, in: H-Soz-Kult, 09.08.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3761>.
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Veröffentlicht am
09.08.2011
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