Emotionen und historisches Lernen revisited: geschichtsdidaktische und geschichtskulturelle Perspektiven

Ort
Berlin
Veranstalter
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin; Arbeitsbereich Didaktik der Geschichte, Freie Universität Berlin
Datum
06.07.2011 - 08.07.2011
Von
Simone Micek / Marcel Mierwald, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

„Von einem Konsens über die Legitimität, Reichweite und Funktion von Emotionen beim Umgang mit Geschichte“, so räumten die Veranstalter der ersten Tagung zum Thema „Emotionen und historisches Lernen“ 1991 in ihrem Fazit ein, könne „gegenwärtig noch keine Rede sein“.[1] Nun, 20 Jahre später sollte das Verhältnis von Emotionen und historischem Lernen in der vom 06. bis zum 08. Juli 2011 stattfindenden Tagung „Emotionen und historisches Lernen revisited: geschichtsdidaktische und geschichtskulturelle Perspektiven“ erneut aufgegriffen werden. Vertreter/innen aus Geschichtsdidaktik, Geschichtswissenschaft und Psychologie überdachten und diskutierten am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung die Potentiale von Emotionen für das Geschichtslernen.

Die Veranstalter Juliane Brauer vom Forschungsbereich Geschichte der Gefühle am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Martin Lücke vom Arbeitsbereich Didaktik der Geschichte an der Freien Universität Berlin setzten durch den Tagungsaufbau zwei Schwerpunkte. Zum einen stand das historische Lernen mit Emotionen im Mittelpunkt. Ziel sollte es sein, die Verortung von Emotionen in historischen Lernprozessen, ihr Beitrag zur Ausbildung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins, ihre Rolle bei der Konstituierung historischer Identität und ihr Nutzen bei der historischen Imagination von Vergangenheit anzusprechen. Zum anderen wurde das historische Lernen über Emotionen thematisiert, indem der Frage nachgegangen werden sollte, wie eine Geschichte der Emotionen an verschiedenen Inhalten und Zugängen selbst zum Thema von historischem Lernen werden kann.

BODO VON BORRIES (Hamburg) eröffnete die Tagung mit einem Vortrag, in dem er das Verhältnis von Emotionen und historischem Lernen bilanzierte und Ausblicke auf das Thema gab. Von Borries, der bereits an der Tagung von 1991 teilnahm, bezeichnete die strikte Trennung von Kognition und Emotion für hinfällig und betonte die historische Wandelbarkeit von Gefühlen. An ausgewählten Beispielen zeigte er, dass Gefühle in der Geschichte und Geschichtswissenschaft schon immer präsent waren. Abschließend plädierte er dafür Emotionen und Emotionalität im Geschichtsunterricht verstärkt in den Blick zu nehmen.

REINHARD PEKRUN (München) begann im ersten Panel „Lernen, Erinnern und Emotionen: Theoretische und empirische Einblicke in lernpsychologische und kulturwissenschaftliche Forschung“ mit einer empirischen Betrachtung von Emotionen in Schule und Studium. Seine Befunde zu Vorkommen, Strukturen, Funktionen und Bedingungen von Emotionen zeigten, dass diese einen wesentlichen Einfluss auf Lernprozesse und Leistungen nehmen. Pekrun berücksichtigte zwei Dimensionen von Emotionen: Valenz (positiv/negativ) und Aktivierung (aktivierend/deaktivierend). Er formulierte die These, dass positiv aktivierende Emotionen einen günstigen Einfluss auf die Lernleistung nehmen, während negativ deaktivierende Emotionen das Lernen behindern. JULIANE BRAUERs (Berlin) theoretisch angelegter Beitrag beschäftigte sich mit dem Zusammenhang von Erinnern/ Vergessen und Emotionen aus geschichtskulturellen Perspektiven. Sie verfolgte die Annahmen, dass Emotionen die Wahrnehmung und Erinnerung strukturieren, im Erinnerungsprozess entstehen und sich nicht nur ins Gedächtnis, sondern auch im menschlichen Körper einschreiben. Danach sei historisches Erinnern als emotionale Praktik wissender Körper zu verstehen. Der Empathie komme dabei eine Schlüsselposition im historischen Lernen zu, da historisches Erinnern eine besondere Form des sich Hineinversetzens benötige.

Im zweiten Panel „Emotionen und Grundbegriffe historischen Lernens“ ging CARLOS KÖLBL (Hannover) der Frage nach, ob die Verbindung von Emotionspsychologie und Geschichtsbewusstseinsforschung gewinnversprechend für das historische Lernen sei. Die Antwort darauf fiel positiv aus. Eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Facetten des Gefühlsbegriffs und einer Unterscheidung zwischen den Gefühlen als Eigenschaften des „Geschichtsbewusstseinsträgers“ sowie als Gegenstand des Geschichtsbewusstseins selbst könnten einem besseren Verständnis von und differenzierten Umgang mit Emotionen in historischen und geschichtskulturellen Kontexten dienlich sein. Überlegungen zum Verhältnis von historischen Identitäten, Emotionen und historischem Lernen stellte JOHANNES MEYER-HAMME (Hamburg) an. Er schlug vor, das Konzept des „Geschichtsbewusstseins in der Gesellschaft“ (K.-E. Jeismann) um Emotionen als vierte Dimension, neben Geschichtskultur, historischen Identitäten und den Kompetenzen historischen Denkens zu erweitern. In der zusätzlichen Emotionskategorie sieht er einerseits eine Chance, Lernprozesse anzustoßen, andererseits auch die Gefahr, den Unterricht von zu starken Emotionen leiten zu lassen. Wie emotional eine Auseinandersetzung mit historischen Themen im Unterricht verläuft, so Meyer-Hamme abschließend, ist von der Themenauswahl und den historischen Identitäten abhängig.

MICHELE BARRICELLI (Hannover) verdeutlichte im dritten Panel „Emotionen und Prinzipien historischen Lernens“, dass Geschichte als Erzählung abseits ihres rationalen, sinnvollen Aufbaus auch eine emotionale Dimension besitzen kann. So unternahm Barricelli den Versuch, konkrete Narrationsmodelle mit unterschiedlichen Emotionen anzureichern. Daran ansetzend ging er darauf ein, dass in historischen Erzählungen enthaltene Gefühle und der Umgang mit ihnen im Geschichtslernen angesprochen werden können. VADIM OSWALT (Gießen) fragte in seinem Tagungsvortrag nach der Rolle von Medien beim Umgang mit Emotionen im historischen Lernen. Hierbei unterschied er zwischen Medien zur Geschichte (Darstellung) und Medien aus der Geschichte (Quellen). Er zeigte anhand des Darstellungsteils eines Geschichtslehrbuches die problematische Verwendung von Emotionen etwa durch Verknappung, Dichotomisierung oder Stereotypisierung auf. Im nächsten Schritt erläuterte er an zwei exemplarischen Quellentypen, der Fotographie und dem Lied/der Musik, dass deren emotionaler Gehalt und Wirkung eine zusätzliche Thematisierung von Inhalt, Gattungsspezifik und Kontextualisierung im historischen Lernen notwendig macht.

Ein Höhepunkt der Tagung war der Abendvortrag von JÖRN RÜSEN (Witten/Herdecke) am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin. Rüsen sprach über das Thema „Historisch trauern – geschichtskulturelle Überlegungen zum ästhetisch-emotionalen Umgang mit dem Holocaust“. In Anknüpfung an seine früheren Arbeiten antwortete Rüsen auf die Fragen, was spezifisch historisches Trauern sei, wie der Holocaust sinnbildend wahrzunehmen sei und wie auf den Holocaust durch historisches Trauern und Leiden reagiert werden könne.

Im vierten Panel „Emotionsgeschichte als Thema historischen Lernens: Inhalte“ stellte BENNO GAMMERL (Berlin) seinen Werkstattbericht vor, der zu erklären versuchte, warum und wie sich ein Wandel emotionaler Muster und Praktiken vor dem Hintergrund der Homosexualitäten zwischen 1960 und 1990 vollzog. Anhand von exemplarischen Lebensgeschichten ländlicher Homosexueller zeigte Gammerl den Wandel des Sich-Verliebens (Übergang von der Plötzlichkeit zur Allmählichkeit) auf, den er sowohl auf generationelle Unterschiede als auch auf sozio-kulturelle Veränderungen zurückführte. Ausgehend von der Frage, wie aus diesem Inhalt individueller Sinn bzw. gesellschaftliche Bedeutung gewonnen werden kann, nahm MARTIN LÜCKE (Berlin) eine didaktische Konstruktion des Themas vor. Lücke argumentierte, dass durch die Thematisierung sich verändernder gleichgeschlechtlicher Gefühle einerseits die Geschichtsmächtigkeit und andererseits die Historizität von Emotionen im Geschichtsunterricht deutlich gemacht werden könne. Dieses Wissen um die Wandelbarkeit von Gefühlen spiele insbesondere bei der Konstruktion von Identität eine bedeutende Rolle. Mit Hilfe von Intersektionalitätsansätzen könnten heteronormative Denkmuster aufgebrochen und somit neue Identitätskonstrukte geschaffen werden.

Im letzten Panel „Emotionsgeschichte als Thema historischen Lernens: Zugänge“ beschäftigte sich BERIT PLEITNER (Oldenburg) mit emotionalen Geschichtsdarstellungen als Bestandteil von Reenactment und musealen Präsentationen. Pleitner zeigte anhand zahlreicher Beispiele, dass bei emotionalen Herangehensweisen das Miterleben und sich Hineinversetzen in eine vergangene Welt im Mittelpunkt stehen. Es ergebe sich durch Reenactment die Gefahr, dass eine emotionale Überwältigung provoziert und ein vermeintlich direkter Zugang zur Geschichte suggeriert werde. Die Annahme, man könnte die Vergangenheit unter modernen Rahmenbedingungen verstehen, führe zu dem Trugschluss, Emotionen seien ahistorisch. Einen anderen Zugang zur Emotionsgeschichte als Thema des historischen Lernens stellte CHRISTINE GUNDERMANN (Berlin) vor. Sie argumentierte für den Einsatz von Comics als Medium historischen Lernens. Da Comics selber nicht erzählen, aber einen kohärenten Rahmen für Narrationen liefern, können sie die narrative Kompetenz fördern unter der Voraussetzung einer eingehenden Reflexion der angebotenen Inhalte. Die codierte Darstellung von Emotionen in Comics mache darüber hinaus ein hohes Maß an Medien- und Methodenkompetenz notwendig.

Emotionen und historisches Lernen revisited: Wie bereits vor 20 Jahren wurde erneut eine Antwort auf die Frage gesucht, die Jörn Rüsen bereits zu Beginn der Tagung so prägnant formulierte: „Was wollen wir mit Emotionen im historischen Lernprozess?“

Die Forschungsbeiträge, die aus sehr verschiedenen Arbeitszusammenhängen stammten, widmeten sich dieser Frage auf ganz unterschiedliche Weise. Ebenso wie 1991 ergab sich daraus ein bunter „Blumenstrauß“ an Ideen, Vorschlägen, Ansätzen und Herangehensweisen zu diesem Thema.[2] Allerdings – und das ist entscheidend – wurde hier nicht mehr wie damals von einer „Emotionalitätsproblematik“ gesprochen. Ob es nun hieß, historisches Lernen mit Emotionen oder historisches Lernen über Emotionen, der allgemeine Konsens bestand in der Auffassung, dass Emotionen (unabhängig von der davor stehenden Präposition) im Geschichtsunterricht legitim seien. Einigkeit bestand ebenfalls darin, dass ratio und cognitio als gleichwertige und nicht zu trennende Werkzeuge historischen Lernens zu betrachten seien.

Heftig diskutiert wurde hingegen über die Frage, wie Emotionen zu bewerten seien, welchen Stellenwert sie im historischen Lernprozess einnehmen und vor allem – hier befinden wir uns weiterhin auf dem Stand von 1991 – was Emotionen überhaupt ausmachen. Gibt es einen anthropologischen Kern von Emotionen? Meinen Affekte, Emotionen und Gefühle das gleiche? Worin besteht das verbindende Element aller dem Begriff Emotion zugrunde liegenden Definitionen?

In der Abschlussdiskussion wurde der „methodische Tourismus“ der bisherigen Forschungsarbeiten kritisiert. Die Geschichtsdidaktik, so ein häufiger Einwand, müsse sich dem methodischen Reservoir anderer Disziplinen – insbesondere der Sozialwissenschaft – weiter öffnen. Neben der geforderten Interdisziplinarität, sowohl im Hinblick auf die Methodik als auch auf die Erkenntnisse vor allem der neurobiologischen Forschung, wurde zudem eine Internationalisierung der Perspektive auf das historisches Lernen im Zusammenhang mit Emotionen gefordert.

Abschließend lässt sich trotz der manchmal diffus verlaufenden Diskussionen eine doch sehr ermunternde und hoffnungsvolle Erkenntnis formulieren: Nicht nur Geschichtsdidaktiker/innen und Fachwissenschaftler/innen beschäftigen sich mit der Thematik, sondern auch Lehrer/innen bzw. angehende Lehrkräfte, Vertreter von Museen und Gedenkstätten sowie Schüler/innen zeigten durch ihre – manchmal sehr geduldige – Präsenz und Diskussionsbeiträge, dass sie sich der Bedeutung von Emotionen in Verbindung mit historischem Lernen durchaus bewusst sind. Das Thema „Emotionen und historisches Lernen“ ist aktuell, bleibt brisant und wird noch Gegenstand zahlreicher Forschungsbeiträge, Tagungen und Unterrichtsversuche sein.

Konferenzübersicht:

Ute Frevert (Berlin): Begrüßung

Juliane Brauer (Berlin), Martin Lücke (Berlin): Einführung

Keynote:

Bodo von Borries (Hamburg): Emotionen und historisches Lernen – Bilanzen und Ausblicke

Panel 1: Lernen, Erinnern und Emotionen: Theoretische und empirische Einblicke in lernpsychologische und kulturwissenschaftliche Forschung
Vorsitz: Laura Martignon (Ludwigsburg)

Reinhard Pekrun (München): Die Bedeutung von Emotionen für Lernen und Leistung

Juliane Brauer (Berlin): Erinnern, Vergessen und Emotionen. Geschichtskulturelle Perspektiven

Kommentar: Susanne Popp (Augsburg)

Panel 2: Emotionen und Grundbegriffe historischen Lernens
Vorsitz: Anne Schmidt (Berlin)

Carlos Kölbl (Hannover): Emotionspsychologie und Geschichtsbewusstseinsforschung - eine fruchtbare Kontaktperspektive?

Johannes Meyer-Hamme (Hamburg): Historische Identitäten, Emotionen und historisches Lernen

Kommentar: Wolfgang Hasberg (Köln)

Panel 3: Emotionen und Prinzipien historischen Lernens
Vorsitz: Christina Brüning (Berlin)

Michele Barricelli (Hannover): Historisches Erzählen und narrative Emotion – ein unwiderstehliches Verhältnis, geschichtsdidaktisch betrachtet

Vadim Oswalt (Gießen): Multiliteracies, Emotionen und Historische Imagination

Kommentar: Bärbel Völkel (Ludwigsburg)

Abendvortrag
Vorsitz: Juliane Brauer (Berlin) und Martin Lücke (Berlin)

Jörn Rüsen (Witten/Herdecke): Historisch trauern – geschichtskulturelle Überlegungen zum ästhetisch-emotionalen Umgang mit dem Holocaust

Panel 4: Emotionengeschichte als Thema historischen Lernens: Inhalte
Vorsitz: Bea Lundt (Flensburg)

Benno Gammerl (Berlin): Homosexualität und Emotion in der Bundesrepublik Deutschland

Didaktische Konstruktion: Martin Lücke (Berlin)

Panel 5: Emotionengeschichte als Thema historischen Lernens: Zugänge
Vorsitz: Irmgard Zündorf (Berlin)

Berit Pleitner (Oldenburg): Angeregt - mitgerissen - überwältigt? Emotionen als Element von Re-enactment und musealen Präsentationen

Christine Gundermann (Berlin): Emotionale Codierung historischer Fakten? Comics als Medium historischen Lernens

Kommentar: Alfons Kenkmann (Leipzig)

Abschlussplenum

Anmerkungen:
[1] Mütter, Bernd/ Uffelmann, Uwe: Die Emotionalitätsprobelmatik in der Geschichtsdidaktik. Tagungsfazit und Forschungsperspektiven, in: Dies. (Hg.): Emotionen und historisches Lernen. Forschung – Vermittlung – Rezeption, Frankfurt am Main 1992, S. 367.
[2] Vgl. Ebd., S. 367.

Zitation
Tagungsbericht: Emotionen und historisches Lernen revisited: geschichtsdidaktische und geschichtskulturelle Perspektiven, 06.07.2011 – 08.07.2011 Berlin, in: H-Soz-Kult, 29.08.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3776>.