Erasmus-Rezeption im 16. Jahrhundert

Ort
Marburg
Veranstalter
Christoph Galle / Tobias Sarx, Universität Marburg
Datum
12.08.2011
Von
Christoph Galle, Fachbereich Evangelische Theologie, Universität Marburg

Erasmus von Rotterdam wurde bereits von zahlreichen Zeitgenossen als ‚Humanistenfürst‘ oder als gelehrtester Mann des Zeitalters bezeichnet.[1] Sein Werk hat auf philologischem, theologischem, philosophischem und belletristischem Gebiet Generationen von Literaten und Denkern beeinflusst. Versuche, seine Bedeutung für die Geistesgeschichte Europas entsprechend zu würdigen, spiegeln sich wider in der Belehnung seines Namens durch die Universität Rotterdam oder das Studierendenaustauschprogramm europäischer Hochschulen. In der Forschung hingegen herrscht eine andere Situation: Das seit Jahrzehnten ausgesprochene Desiderat, es mangele an Untersuchungen zur Rezeption des Erasmus, wurde bislang noch nicht behoben. Vor über 25 Jahren ist der erste von drei beabsichtigten Bänden erschienen, der die volkssprachliche Rezeption des Erasmus von Rotterdam in der reformatorischen Öffentlichkeit von 1519-1536 darstellt.[2] Die beiden angekündigten Fortsetzungen sollten den Zeitraum der Rezeption ausweiten und eine Bibliographie aller Erasmusübersetzungen in deutscher Sprache bieten, was aber bislang nicht verwirklicht wurde. In anderen Ländern sind zwar zahlreiche Arbeiten zur Rezeption erasmischer Gedanken und Texte im seicento erschienen, doch befassen sich diese meist nur mit Teilaspekten oder der Wirkung einzelner, ausgewählter Texte des Erasmus auf die Geistesentwicklung einer Kultur.

Die interdisziplinäre Tagung hat sich zum Ziel gesetzt, die Frage der Erasmus-Rezeption im 16. Jahrhundert aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu erörtern. Verschiedene Formen des Kulturtransfers wurden dabei in den Blick genommen, ebenso wie die Vielfalt der Rezeptionswege. Es wurde bewusst eine Beschränkung auf das 16. Jahrhundert vorgenommen, da es nicht Ziel war, die großen Traditionslinien aufzuzeigen, sondern eine direkte Aufnahme und Weiterentwicklung erasmischer Gedanken aufzuzeigen. Die Hinwendung auf die noch zu Lebzeiten des Erasmus stattfindende sowie unmittelbar auf seinen Tod folgende Rezeption erfolgte auf zwei Wegen: Einerseits gab es eine Konzentration auf verschiedene Länder – hier wurden das Reich, Italien, Frankreich, England und Wales als Beispiele herangezogen –, was das Aufzeigen von individuellen wie auch gleichen Rezeptionsformen ermöglichte; andererseits gab es eine Konzentration auf ausgewählte Schriften, wodurch die tradierten Inhalte sowie deren praktische Umsetzung – wiederum im Vergleich zwischen einzelnen Ländern – verdeutlicht werden konnten.

In seinem Eröffnungsvortrag nahm WILHELM ERNST WINTERHAGER (Marburg) die Berühmtheit des Erasmus von Rotterdam vor dem Auftreten Luthers in den Blick. Dabei wurden folgende Fragen aufgeworfen, die auch im Verlauf der Tagung immer wieder zu Tage traten: Erasmus als Initiator der Reformation? Ausmaß und Grenzen seiner Berühmtheit vor 1518/19? Popularisierung des Humanismus und seiner Vertreter erst im Zuge der Reformation?

Ein erster Überblick über die Rezeption des Erasmus im 16. Jahrhundert wurde anhand volkssprachlicher Übersetzungen gewonnen. CHRISTOPH GALLE (Marburg) hatte dafür alle greifbaren Übertragungen eines erasmischen Textes in die deutsche sowie die englische Sprache zusammengetragen und konnte somit im Vergleich Unterschiede und Parallelen der Rezeption aufzeigen. Eine wesentliche Erkenntnis war in diesem Zusammenhang, dass im Reich volkssprachliche Übersetzungen nicht nur deutlich früher einsetzten, sondern überwiegend auch theologisch-kirchenreformerischen Inhalts waren. In England hingegen erschienen in der zweiten Jahrhunderthälfte deutlich mehr Übersetzungen und hier standen die humanistischen Texte des Erasmus im Zentrum der Rezeption.

Über Gestalt und Nähe der Übersetzungen zum lateinischen ‚Original‘ sprach MONIKA RENER (Marburg) und verdeutlichte dies anhand einer von Reinhard Lorich erarbeiteten volkssprachlichen Übertragung von De civilitate morum. Dabei wurden einmal mehr die verschiedenen Teilöffentlichkeiten deutlich, die aufgrund der Sprachwahl eines Autors die Leserschaft begrenzten. In diesem Fall war die Intention des Übersetzers, einen in seinen Augen hilfreichen und lehrreichen Text einem breiteren – nicht des Lateinischen kundigen – Lesepublikum zugänglich zu machen.

Dass durch volkssprachliche Übertragungen Erasmus dieser Teilöffentlichkeit nicht zwangsläufig ein Begriff sein musste, hob REGINA TOEPFER (Frankfurt am Main) exemplarisch an einer von Heinrich von Eppendorf arrangierten volkssprachlichen Version hervor. Die von ihm zur Übersetzung ausgewählten Apophthegmata deuteten nicht auf die Verfasserschaft des Rotterdamers hin. Aufgrund persönlicher Missstimmungen wurde nicht – wie etwa im Fall Lorichs – auf die lateinische Schrift des Erasmus verwiesen, sondern der volkssprachliche Text als allein von Eppendorf verfasst dargestellt. Hier zeigte sich die Schwierigkeit, alle möglichen Rezeptionswege aufzeigen zu wollen, da manche auf dunklen Wegen erfolgten.

ERICH POPPE (Marburg) legte am Beispiel Wales dar, welche Verbreitung Erasmus und seine Texte im 16. Jahrhundert erfuhren. Dass Erasmus hier beispielsweise mit den selben Lobesworten und Titulaturen belehnt wurde, die auch seit 1514 im Reich zahlreich erscheinen, verdeutliche einerseits die Berühmtheit des Erasmus, andererseits aber auch die Ausdehnung des humanistischen Netzwerkes. Neben diesen frappierenden Parallelen treten aber auch deutliche Unterschiede zu Tage, sodass etwa kaum mehr eine Rezeption des Erasmus in Wales gegen Mitte des Jahrhunderts nachweisbar sei, während sie für den gleichen Zeitraum in England besonders deutlich zu beobachten sei.

Während sich spätestens nach dem Streit zwischen Luther und Erasmus in der Frage nach dem freien Willen des Menschen im Reich zahlreiche kirchenreformerische Anhänger vom Rotterdamer lossagten und sich entschieden nur Luther anschlossen, ist eine vergleichbare Exklusivität in Frankreich nicht zu beobachten. TOBIAS SARX (Marburg) legte am Beispiel des reformierten Protestantismus dar, dass es im Frankreich des 16. Jahrhunderts kein Widerspruch darstellte, Humanist und Erasmus-Anhänger und daneben reformiert-protestantischen Glaubens zu sein.

Da der Vortag von Hans Schneider (Marburg) zur Verbreitung von Luther-Schriften in Italien, die unter dem Namen des Erasmus erschienen, entfallen musste, beschloss STEFANIA SALVADORI (Mainz) die Tagung. Am Beispiel der Concio de immensa misericordia Dei wurde ein weiterer Rezeptionsweg in Italien aufgezeigt. Auch hier wurden die Unterschiede zwischen der lateinfähigen und der volkssprachlichen Teilöffentlichkeit wieder sichtbar. Obwohl in Italien zeitgleich mit De libero arbitrio in lateinischer Sprache veröffentlicht, wurde nur die wesentlich weniger bekannte Concio in die Volkssprache übertragen. Die hier von Erasmus leicht verständliche und im Vergleich zu De libero arbitrio deutlich gemäßigtere Wortwahl war für ein volkssprachliches Publikum nach Ansicht der Übersetzer besser geeignet.

Im Verlauf der Tagung wurde deutlich, dass die Schriften des Erasmus nicht nur im Vergleich zwischen Ländern höchst unterschiedliche Rezeption erfuhren, sondern auch im Reich selbst verschiedene Rezeptionswege erkennbar sind. Während sich die Intentionen von verschiedenen Übersetzern wie auch die volkssprachlichen Übertragungen teilweise fundamental voneinander unterschieden, wurden dennoch überraschende Ähnlichkeiten zwischen den Rezeptionswegen in mehreren Ländern sichtbar. Angesichts der Breite des erasmischen Oeuvres können die – wenngleich wichtigen – Erkenntnisse der Tagung nur als Anfang zur lange geforderten Frage der Rezeption des Erasmus gewertet werden.

Konferenzübersicht:

Wilhelm Ernst Winterhager (Marburg): Wie breit war die Erasmus-Rezeption bis 1518/19? Zur sozialpsychologischen Wirkung des Humanismus vor der Reformation.

Christoph Galle (Marburg): Erasmus-Rezeption im Reich und in England: Ein diachroner Vergleich volkssprachlicher Übersetzungen.

Monika Rener (Marburg): Ich werde Euch mores lehren! Reinhard Lorichius, Höfliche und züchtige Sitten auss dem hochberümbten Erasmo Roterodamo, de Civilitte Morum, gezogen in kurtze Fragstuck verfasset.

Regina Toepfer (Frankfurt am Main): Verschwiegene Erasmus-Rezeption. Heinrich von Eppendorfs deutsche Übersetzung der ‚Apophthegmata‘.

Erich Poppe (Marburg): Erasmus-Rezeption in Wales im 16. Jahrhundert.

Tobias Sarx (Marburg): Rezeption des Erasmus im reformierten Protestantismus im Frankreich des 16. Jahrhunderts.

Stefania Salvadori (Mainz): Rezeption des Erasmus von Rotterdam im Italien des 16. Jahrhunderts am Beispiel der ‚Concio de immensa misericordia Dei‘.

Hans Schneider (Marburg): Lutheri libri sub titulo Erasmi. Zur Verbreitung von Luther-Schriften in Italien.

Anmerkungen:
[1] In der Korrespondenz finden sich über Jahrzehnte hinweg Titulaturen wie folgende: Erasme omnium doctissimorum doctissime (Basellius an Erasmus; Hirsau, ca. Febr. 1516; vgl.: Opus Epistolarum Des. Erasmi Roterodami, denuo recognitum et auctum per Percy Stafford Allen, tom II: 1514-1517, Oxford 1910, Nr. 391); optimus maximus literarum praeses (Melanchthon an Geraeander; Tübingen, vor März 1516; vgl.: Melanchthons Briefwechsel, bearb. von Richard Wetzel, Band I: 1514-1522, Stuttgart-Bad Cannstatt 1991, Nr. 7); Erasmus eruditissimus (Luther an Spalatin; Wittenberg, ca. 6. Mai 1517; vgl.: WA, Briefe I: 1501-1520, Nr. 39); Erasmum quasi lampadem totius orbis christiani (J. Faber an Rhenanus; , 07. April 1522; vgl.: Briefwechsel des Beatus Rhenanus, ges. und hrsg. von Adalbert Horawitz u. Karl Hartfelder, Hildesheim 1966, Nr. 221).
[2] Heinz Holeczek: Erasmus deutsch, Stuttgart 1983.

Zitation
Tagungsbericht: Erasmus-Rezeption im 16. Jahrhundert, 12.08.2011 Marburg, in: H-Soz-Kult, 13.09.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3806>.