Botengänge: Zur Geschlechtergeschichte von informellem Wissensaustausch (1500-1900) / Passing the Word: Gender and Informal Circulation of News and Knowledge, c. 1500-1900

Ort
Bochum
Veranstalter
Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte und Geschlechtergeschichte, Ruhr-Universität Bochum
Datum
01.07.2011 - 02.07.2011
Von
David Freis, Europäisches Hochschulinstitut, Florenz

Am 1. und 2. Juli 2011 fand an der Ruhr-Universität Bochum der vom Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte und Geschlechtergeschichte veranstaltete Workshop „Botengänge / Passing the Word“ statt. Einleitend betonten die Veranstalterinnen Xenia von Tippelskirch (Bochum) und Pernille Arenfeldt (Sharjah/Bochum) den Anspruch des Workshops, die Kategorien Geschlecht und Gender in die Kommunikationsgeschichte einzubringen, wobei jedoch nicht von einer vergleichsweise gut erforschten formellen, institutionalisierten Kommunikation, sondern von der bisher historisch nur unzureichend untersuchten informellen Kommunikation ausgegangen werden sollte. Trotz dieser Schwerpunktsetzung könne jedoch die Bedeutung des Institutionellen nicht geleugnet werden. Auch könnten viele der mit dem Begriff des Informellen impliziert einhergehenden Dichotomien nicht einfach übernommen werden – dies gelte für formell/informell, offiziell/inoffiziell oder schriftlich/mündlich ebenso wie für die in der Forschung wiederholt kritisierte Unterscheidung von Eliten- und Volkskultur. Zu fragen sei daher jeweils nach den gegenseitigen Beeinflussungen und Verflechtungen der Ebenen.

Die Kategorie Geschlecht, so betonten die Veranstalterinnen, vereinfache dabei die Analyse keineswegs, sondern biete vielmehr die Chance neuer Perspektiven. So helfe eine geschlechtergeschichtliche Perspektive auf die informelle Kommunikation dabei, die in der Kommunikationsgeschichtsschreibung verbreitete Dichotomie von privat/öffentlich zu problematisieren. Dabei sei hier auch nach Alternativen zum Konzept des Experten, bzw. der Expertin und der Expertise zu suchen, wenn es darum gehe, die Verwandlung von Wissen in Wahrheit – unter Berücksichtigung von informellen Kommunikationswegen – als dynamischen Prozess zu begreifen. Die durch gender, aber auch durch andere Kategorien wie Alter und Stand bestimmten Hierarchien der Wissensproduktion würden auf der Mikroebene des Informellen zwar keineswegs aufgelöst, aber verflüssigt und durchlässig gemacht.

REGINA SCHULTE (Bochum) plädierte im ersten Beitrag des Workshops am Beispiel eines Falls von Kindsmord in einer bäuerlich geprägten oberbayerischen Kleinstadt im ausgehenden 19. Jahrhundert für eine praxeologische Perspektive auf das Geschwätz: Anders als von Luce Irigaray suggeriert, sei das weibliche Sprechen in diesem Fall nicht randständig, sondern fest in den Alltag und die Arbeit eingebunden. Bereits die verschiedenen Bezeichnungen für das Geschwätz – das Gewäsch, der Klatsch – verweisen etymologisch auf ihre Verortung in den dörflichen Arbeitsprozessen. Das Sprechen der bäuerlichen Dienstbotinnen über Kindsmord, illegitime Schwangerschaften und Geburten im Ort sei dabei kein direktes Sprechen über den Körper, sondern nur in der Semantik der Arbeit zu erschließen, als Sprechen über die Unregelmäßigkeiten und Störungen der Arbeitsabläufe, über das Wegbleiben, über die Verunreinigungen der Kleidung. Zugleich seien im Spiegel der gerichtlichen Akten auch die komplexen Konkurrenzen und Hierarchien der beteiligten Frauen und der Redebühnen und Zuständigkeiten zu erkennen, die nur in bestimmten Fällen erlaubt hätten, dass das Geschwätz die Schwelle der gerichtlichen Verschriftlichung habe überschreiten können.

Die Frage nach dem weiblichen „Geschwätz“ im Kontext von Schwangerschaften und Geburten stellte auch LISA MALICH (Berlin), wenn auch aus einer anderen Perspektive. Während bei Schulte die mikrohistorische Untersuchung der alltäglichen Praxis der Kommunikation bei der Arbeit im Fokus stand, befasste sich Malich mit den Strategien der Delegitimierung des informellen Wissensaustauschs über Schwangerschaft und Geburt durch Mediziner im 18. und 19. Jahrhundert. Anhand von Ratgeberliteratur und Lehrbüchern konnte Malich zeigen, dass mit der Professionalisierung und Verschriftlichung der Gynäkologie und Geburtshilfe zum Ende des 18. Jahrhunderts auch eine zunehmende Verdrängung und Marginalisierung von Hebammen einherging, die insbesondere durch die diskursive Delegitimierung des Hebammenwissens betrieben worden sei. Mit Bruno Latour handele es sich hierbei um die Reinigung moderner Wissensbestände durch die Abspaltung der Subjektivität und der Irrationalität, die dem Hebammen- und Frauenwissen zugeschrieben worden sei. Die Delegitimierung dieser Wissensbestände sei allerdings nicht nur durch den aufklärerischen Anspruch der Mediziner, durch ökonomische Konkurrenz oder die abgrenzende Konstitution der medizinischen Wissenschaft motiviert worden, vielmehr sei auch eine Konkurrenz um das Vertrauen der Schwangeren anzunehmen, die eine wesentliche Rolle bei der Herstellung eines Arzt-Patientinnen-Verhältnisses gespielt habe. Dieser Aspekt werde besonders deutlich in den Ratschlägen zur Arzt-Patientinnen-Kommunikation in den einschlägigen Publikationen.

XENIA VON TIPPELSKIRCH (Bochum) eröffnete die zweite Sektion des Workshops zu „Vermittlungen des Unsichtbaren“ mit einem Beitrag zur religiösen Devianz im frühneuzeitlichen Europa, der sich mit der Vermittlung von Leidenserfahrungen im Kontext der so genannten Seelenführung („direction spirituelle“) in der französischen Mystik des 17. Jahrhunderts befasste. Von Tippelskirch ging dabei insbesondere der Frage nach, wie im Bereich der Seelenführung Wissensvermittlung jenseits formalisierter Kanäle als informelle Kommunikation zu denken sei – und inwiefern diese Vermittlung den Verdacht heterodoxen Verhaltens erregen bzw. konterkarieren konnte. Dabei verwies sie insbesondere auf die geschlechtergeschichtliche Dimension der Kommunikation in der direction spirituelle. Der Ausschluss von Frauen aus dem institutionellen Diskurs der Theologie habe ihren Äußerungen zur Religion die Möglichkeit verliehen, konfessionelle Grenzen zu überschreiten.

Mit dem Unsichtbaren und dessen Vermittlung durch ein „Medium“ befasste sich der Beitrag von ESTHER FISCHER-HOMBERGER (Bern), in dem die Geschichte der „Seherin von Prevorst“ anhand des gleichnamigen Buches des Gelehrten, Arztes und Dichters Justinus Kerner auf vielschichtige Weise im kultur- und ideengeschichtlichen Kontext des historischen Geschehens und seiner Verschriftlichung verortet wurde. Es handelt sich bei Kerners Erzählung weniger um eine „Krankengeschichte“ im engeren Sinne, vielmehr begriff Kerner die „Seherin“ als ein vergeschlechtlichtes Medium, bzw. eine Mittlerin, im Rahmen seiner umfassenderen kosmologischen Vorstellungen. Fischer-Homberger konnte dabei die fließenden Grenzen zwischen Metaphysik und physikalischer Wissenschaft am Beginn des 19. Jahrhunderts, einer Phase des vielfältigen Umbruchs der Wissensordnungen, aber auch des Alltags, aufzeigen und die für Justinus Kerners metaphysische Weltdeutung wesentlichen Aspekte auf zahlreiche verschiedene persönliche Kontakte und ideengeschichtliche Einflüsse zurückführen, die sich vom Mesmerismus über die Schellingsche Naturphilosophie bis hin zu Newtons Optik nachvollziehen lassen.

SEBASTIAN KÜHN (Berlin) setzte sich am Beispiel der Memoiren der Fürstin Charlotte Luise von Schwerin und deren heimlicher Konversion zum Katholizismus mit der Rolle der Dienerschaft als Boten in einem aristokratischen Haushalt des 18. Jahrhunderts auseinander. Die zugrundeliegende Quelle verweist dabei bereits auf das für die historische Erforschung der Dienerschaft kennzeichnende Problem, dass nur wenige Quellen von dieser Gruppe überliefert sind, und daher vor allem auf indirekte Quellen aus der Perspektive der Herrschaft zurückgegriffen werden muss. In jüngerer Zeit sei, so beispielhaft bei Markus Krajewski, ein medienhistorisches Interesse an Dienern und Boten zu beobachten. Die Betonung der Handlungsmöglichkeiten der Diener, ihre Teilhabe an der Gestaltung der von ihnen übermittelten Botschaften und ihre Macht über die Herrschaften, dürfte jedoch aus sozialhistorischer Perspektive nicht dazu verleiten, die höfischen Machtstrukturen pauschal zugunsten der Subalternen umzudeuten. Stattdessen sei jeweils nach den Aushandlungen zwischen DienerInnen und Herrschaft und den damit einhergehenden Verteilungen von agency und Macht zu fragen. Im Rahmen triadischer Konfigurationen der Handelnden (so im Beispiel Gräfin – Gouvernante – König) ließen sich verschiedene Perspektiven auf die Dienerschaft nachzeichnen, die von einer Wahrnehmung der Subalternen als menschlichen Werkzeugen ohne eigene agency bis hin zu einer Verselbstständigung der Diener und einer Umkehrung der Akteursverhältnisse reichen könnten. Insbesondere im Laufe der Diskussion wurde auch auf die Notwendigkeit einer relationalen Definition des Dieners eingegangen – insbesondere im Rahmen des Lehnsrechts seien schließlich auch die Herrschaften der Diener ihrerseits Diener ihrer jeweiligen Lehnsherren.

Die Rolle der höfischen Dienerschaft in der frühen Neuzeit stand auch im Fokus des Beitrags von STEPHANIE MARRA (Dortmund), die sich am Beispiel von Ehekonflikten der Grafen von Bentheim-Tecklenburg im Westfalen des 17. Jahrhunderts mit dem Wissenstransfer unter dem Dienstpersonal und dessen Loyalitäten befasste. Wie auch im Beitrag von Kühn kam dabei dem konfessionellen Konflikt eine bedeutende Rolle zu. Das spezifische Wissen der Bediensteten, das sich bis in die privaten Gemächer der Herrschaften erstreckte, habe diese in den Ehekonflikten des Adels zu Berichterstattern, Zuträgern, zu Akteuren gemacht, aber insbesondere auch zu wesentlichen Zeugen bei der standesöffentlichen Verhandlung der Konflikte vor Adelsgerichten. Im Spiegel der entsprechenden gerichtlichen Bestände erweise sich die Dienerschaft als eingebunden in ein komplexes Gefüge von Loyalitäten. Einerseits, so Marra, hätten sich die Bediensteten in ihren Wert- und Moralvorstellungen mit ihren Herrschaften identifiziert, andererseits habe sich das intime Wissen auch als ein soziales Kapital einsetzen lassen, um am Hof eigene Vorteile erreichen zu können.

Auf die geschlechtergeschichtliche Dimension der Produktion frühneuzeitlicher Wissensbestände verwies PERNILLE ARENFELDT (Sharjah/Bochum) am Beispiel der Kurfürstin Anna von Sachsen. Anhand des Austausches und der Kompilierung von agrarischem und medizinischem Wissen in den Korrespondenzen der Fürstin zeigte Arenfeldt auf, welchen Anteil gesellschaftlich hochstehende Frauen an der Entstehung des in Büchern gesammelten verbindlichen Wissens ihrer Epoche haben konnten. Wiederholt ließe sich beobachten, dass Anna von Sachsen unter sehr spezifischen und kenntnisreichen Vorgaben die Anfertigung entsprechender Bücher in Auftrag gegeben habe. Zwar seien diese Bücher zumeist von männlichen Gelehrten erstellt worden, die als Diener an den Hof angegliedert waren. Eine historische Perspektive, die deren Autorschaft und die gedruckten Quellen in Bibliotheken als Ausgangspunkt der Untersuchung der Entstehung frühneuzeitlicher Wissensbestände nehme, verkenne jedoch die komplexen Entstehungsbedingungen dieses Wissens und übersehe die weibliche Teilhabe daran. Die Frage, wodurch die Entstehung und Verschriftlichung des Wissens veranlasst worden sei, eröffne hingegen neue Perspektiven auf das Geschlechterverhältnis in der Generierung wissenschaftlichen Wissens.

Nachrichten und Wissenszirkulation in Briefnetzwerken waren auch der Gegenstand des Beitrags von ULRIKE GLEIXNER (Wolfenbüttel), die erste Ergebnisse einer Auswertung von Korrespondenzen der protestantischen Indienmission des 18. Jahrhunderts vorstellen konnte. Kennzeichnend für die Kommunikation innerhalb des untersuchten Netzwerks, das sich aus den Subskribenten der in Halle herausgegebenen Missionszeitschrift zusammengesetzt habe, sei neben der Frömmigkeit und der globalen Dimension des Aktivismus vor allem die Verbindung von Zeitschrift und Briefen als zentralen Medien des Netzwerks sowie die Gleichzeitigkeit formeller und informeller Aspekte der Kommunikation in Briefen gewesen. Etwa 17 Prozent der Mitglieder waren weiblich, darunter vor allem Frauen aus bürgerlichen und adeligen gesellschaftlichen Eliten – deren Briefe insbesondere mit Blick auf die Verschriftlichung der religiösen Reflexion von Frauen interessante Quellen seien. Die Beteiligung von Männern und Frauen scheine ein Charakteristikum von religiösen Netzwerken zu sein, in denen Exklusion und Inklusion vornehmlich über Stand und Status, weniger über das Geschlecht erfolgt sei. Geschlecht sei als Ordnungskategorie nicht abwesend, werde jedoch zunächst zurückgestellt. Mit dem Bedeutungsverlust der elitären Exklusion im Laufe des 18. Jahrhunderts habe zugleich auch die Kategorie Geschlecht wieder an Bedeutung gewonnen.

Während in den zwei Tagen des Workshops ein weites Spektrum an unterschiedlichen Gegenständen und Perspektiven des Themenkomplexes „Informelle Kommunikation“ vorgestellt und diskutiert wurde, ließ die abschließende Diskussion eine Reihe von zusammenfassenden Überlegungen zu den Ergebnissen und Desideraten zu. So wurde insbesondere die Möglichkeit betont, durch eine Mikrogeschichte der (informellen) Kommunikation eine prozesshafte Perspektive auf die Entstehung autorativen Wissens zu gewinnen, die dieses in der Dynamik seiner Entstehung begreifen könne und dabei auch die Deutungsmacht und Interventionsmöglichkeiten der AkteurInnen einbeziehen könne. Diese würden nicht nur durch die Kategorie Geschlecht bestimmt, obwohl diese eine wesentliche strukturierende Rolle spiele. In der informellen Kommunikation sei Geschlecht letztlich jedoch relativ, zu fragen sei daher, durch welche intersektionellen Kategorien (Stand, Alter, hierarchische Position der Boten) diese Relativierung jeweils erfolge. Dies werfe zugleich auch weitere Fragen hinsichtlich der Bedingungen von Wissensproduktion auf, so insbesondere die Frage, wie das Wissen vom Gerücht zur Wahrheit werde. Auch die bei diesem Prozess beteiligten Filter seien vor dem Hintergrund ihrer Intersektionalität zu betrachten.

Zwar könne und solle die Geschichte der Institutionen und der institutionellen Kommunikation weder ignoriert noch ausgeblendet werden, doch schon die Unklarheit der Grenze formell/informell und die dadurch entstehende Unordnung zeige deutlich, dass in diesem Feld noch wesentliche Desiderate für eine Geschichte der Kommunikation vorhanden sind. Die Kategorie Geschlecht erweise sich in diesem Zusammenhang als ein wertvolles Werkzeug. Eine geschlechtergeschichtliche Perspektive auf die informelle Kommunikation biete nicht nur die Möglichkeit neuer Einsichten in die geschlechtsspezifischen Dimensionen der informellen Wissenszirkulation und des Wissensaustauschs, sondern könne darüber hinaus auch allgemeineren analytischen Zwecken dienen.

Konferenzübersicht:

Pernille Arenfeldt, Xenia von Tippelskirch: Einleitung

I. Sektion: Gossip

Regina Schulte (Bochum): Geschwätz im Dorf / in der Stadt

Lisa Malich (Berlin): „Dummes Geschwätz alberner Frauen“ – Delegitimierungsstrategien informellen Wissensaustausches in geburtshilflicher und gynäkologischer Literatur (1790-1900)

II. Sektion: Vermittlungen des Unsichtbaren

Xenia von Tippelskirch (Bochum): Vermittlung von Leidenserfahrungen über konfessionelle Grenzen hinweg (um 1700)

Esther Fischer-Homberger (Bern): Seherinnen, Medien, Hysterikerinnen: Go-betweens zwischen den Welten

III. Sektion: Diener und Adlige

Sebastian Kühn (Berlin): Die Gräfin, die Gouvernante und der König. DienerInnen als VermittlerInnen in einem aristokratischen Haushalt des 18. Jahrhunderts?

Stephanie Marra (Dortmund): Herrschaftswissen. Wissenstransfer und Loyalitätsbeziehungen von Dienstpersonal im Grafenhaus Bentheim-Tecklenburg in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts

IV. Sektion: Briefnetzwerke

Pernille Arenfeldt (Sharjah/Bochum): The Significance of the (seemingly) Insignificant: Exchanges between Elite Women in the Sixteenth-Century

Ulrike Gleixner (Wolfenbüttel): Religiöses Netzwerk und Geschlecht. Nachrichten und Wissenszirkulation im Briefnetzwerk der Indienmission (18. Jahrhundert)

Zitation
Tagungsbericht: Botengänge: Zur Geschlechtergeschichte von informellem Wissensaustausch (1500-1900) / Passing the Word: Gender and Informal Circulation of News and Knowledge, c. 1500-1900, 01.07.2011 – 02.07.2011 Bochum, in: H-Soz-Kult, 24.09.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3827>.