Gefährdete Konnektivität – Piraterie im Mittelmeerraum / Endangered Connectivity – Piracy in the Mediterranean

Ort
Bochum
Veranstalter
Zentrum für Mittelmeerstudien, Ruhr-Universität Bochum
Datum
05.05.2011 - 07.05.2011
Von
Daniel Steinke, Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Piraterie, Kaperkrieg und Landrazzien haben in der Geschichte des Mittelmeerraums eine prägende Rolle gespielt und von der Antike bis ins 19. Jahrhundert teils beträchtlichen Niederschlag in den Quellen gefunden. Die verschiedenen Erscheinungsformen des Seeraubs standen im Fokus der interdisziplinären und epochenübergreifenden Tagung am 2009 neu gegründeten Zentrums für Mittelmeerstudien. Nicht nur Akteure, Ressourcen und Abwehrstrategien, sondern auch landschaftliche Prägungen, Wahrnehmungen und das Verhältnis von Seeraub und Herrschaft wurden in den Blick genommen. Der Mittelmeerraum wurde dabei nicht als homogener Raum, sondern vielmehr als Geflecht von in Beziehung stehenden Mikrogegenden verstanden, wie die Veranstalter Nikolas Jaspert (Bochum) und Sebastian Kolditz (Bochum) einleitend zur Tagung ausführten. Piraterie könne somit als Teil der Austauschbeziehungen verstanden werden, insbesondere als Versuch, Kontrolle über Konnektivität zu gewinnen. Zudem sollte die seit der Antike gebrauchte Kategorie der Piraterie grundlegend hinterfragt werden.

Die erste Sektion stand unter den Leitbegriffen „Mikrolandschaften, Seeraub und Herrschaft“. ALFONS ALVAREZ-OSSORIO RIVAS (Sevilla) zeigte am Beispiel der Kilikier im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr., inwiefern natürliche Gegebenheiten die Praxis des Seeraubs begünstigten. Da die Region nur über sehr geringe Ressourcen verfügt habe, sei Piraterie zu einem wichtigen ökonomischen Faktor geworden. Erfolgreiche Kapitäne hätten innerhalb der kilikischen Gesellschaft eine politische Führungsrolle gespielt und um den Seeraub habe sich eine protostaatliche Organisation entwickelt. Auf die politische Rolle von Piratenkapitänen ging auch ENRICO BASSO (Turin) ein. Auf Grundlage genuesischer Quellen illustrierte er, wie es den Kapitänen vom 12. bis 14. Jahrhundert gelang, durch maritime Erfolge in die politische Führungsschicht Genuas oder zu Machthabern in anderen Gebieten aufzusteigen. Piraterie sei ein wichtiger Faktor genuesischer Interessenpolitik gewesen und wurde befürwortet, wenn sie dem Machtzuwachs der Stadt diente. THERESA VANN (Collegeville MN) untersuchte, welche Interessen den Seeraubaktivitäten der Johanniter auf Rhodos und Malta zugrunde lagen. Diese seien im 15. und 16. Jahrhundert – entgegen der Selbstdarstellung der Ritter als Verteidiger des Christentums gegen den Islam – nicht religiös oder als Fortsetzung der Kreuzzüge, sondern als politisch motiviert anzusehen. Der Orden habe während seiner Zeit auf Rhodos mit päpstlichem Dispens wichtige Handelsbeziehungen sowohl mit den Mamluken als auch mit den Osmanen unterhalten. Angriffe auf muslimische Schiffe wertete Vann als Einzelaktionen oder Verteidigungsmaßnahmen, insbesondere wenn der Orden eine osmanische Invasion befürchtete. OLIVER JENS SCHMITT (Wien) lenkte den Blick auf die bisher wenig untersuchte Piraterie im östlichen Adriaraum vor der dalmatischen und albanischen Küste vom 14. bis 17. Jahrhundert. Schmitt vertrat die These, dass die Adria als geschlossenes Meer mit seiner großen Dichte von Herrschaft nur wenig Raum für Piraterie ließ. Nur im Kontext großer Kriege sei Seeraub zugelassen worden. Einzig Ulcinj habe dem Schema nicht ganz entsprochen, weil von dort aus zeitweise nordafrikanische Korsaren in der Adria operierten. Auf die rechtlichen Implikationen des Seeraubs ging CHRISTOPH KRAMPE (Bochum) ein. Er setzte antikes und modernes Seerecht in Bezug auf Seeraub und Lösegeld in Beziehung und zeigte, wie in den Digesten auf die ältere griechische Rechtstradition der Lex Rhodia de iactu zurückgegriffen wurde und Seeraub in den Kategorien einer großen Haverie behandelt wurde, eine Rechtskonstruktion die auch im modernen Seerecht Niederschlag gefunden habe.

Zu Beginn der zweiten Sektion zum Thema „Akteure und Ressourcen“ untersuchte AMIR GILAN (Tel Aviv) anhand von Quellen aus Ägypten, Zypern, Ugarit und Hattusa die ältesten schriftlichen und bildlichen Hinweise auf Formen der Piraterie und deren Abwehr im östlichen Mittelmeerraum in der späten Bronzezeit. Am Beispiel der Seefahrervölker machte Gilan insbesondere deutlich, dass diese sich nicht nur durch Raubzüge bereichern, sondern auch langfristig neue Siedlungsgebiete erschließen wollten. Der Frage, ob sich für den Zeitraum vom 6. bis 15. Jahrhundert eine Typologie von Piratenschiffen und deren Besatzung erstellen ließe, ging RUTHY GERTWAGEN (Haifa) nach. Sie kam zu der Schlussfolgerung, dass sich in Bezug auf die Zusammensetzung der Mannschaften, auf die verwendeten Schiffe sowie auf die Bewaffnung und Kampftaktik kaum Unterschiede zwischen Piraten, Handels- und Kriegsmarine finden ließen. Große Unterschiede stellte allerdings ROSER SALICRU I LLUCH (Barcelona) bezüglich der Beutepraxis christlicher Piraten im Mittelalter fest. Während sie nämlich bei christlichen Opfern nur die materiellen Güter raubten, wurden muslimische Besatzungsmitglieder selbst zum Teil der Beute. Ihre Versklavung sei „de bona guerra“ erlaubt gewesen und insbesondere die Praxis von Landrazzien ließ erkennen, dass das Ziel der christlichen Piraten die Versklavung der muslimischen Bevölkerung und deren Rück- oder Weiterverkauf war. Die Beute Mensch, so Salicru i Lluch, war im Mittelalter ein typisch christlich-muslimisches Phänomen. Auch MICHAEL KEMPE (Konstanz) zeigte anhand der Deutungsmuster religiöser Selbst- und Fremdwahrung aus dem 17. und 18. Jahrhundert die Relevanz von Religion im mediterranen Kaperkrieg auf. Während man stets die Anderen als Piraten beschrieb, habe man sich selbst als heilige Krieger bzw. als Kämpfer des Djihad dargestellt. Die grenzüberschreitenden Austauschbeziehungen zwischen Christentum und Islam seien aber durchlässiger gewesen als es die Quellen suggerierten. WOLFGANG KAISER (Paris) ging in seinen Ausführungen zum Gefangenenloskauf im frühneuzeitlichen Mittelmeerraum noch einen Schritt weiter und plädierte dafür, ganz auf den Begriff „Pirat“ zu verzichten, da er keine analytische Differenz zwischen den verschiedenen Gewaltakteuren böte. Schließlich hätten alle kleinen und großen mediterranen Seemächte Kaperei und Landrazzien betrieben. Außerdem habe es noch keine „maritime Polizey“ gegeben, die eine klare Klassifizierung erlaubt hätte. Jemanden als Pirat zu bezeichnen, sei vielmehr Teil von De- bzw. Legitimationsstrategien gewesen.

„Umgang mit Piraterie: Gefahrenabwehr und Diplomatie“ war das Thema der dritten Sektion. VINCENT GABRIELSEN (Kopenhagen) betonte, dass Seeraub ein zentraler Bestandteil des politischen und wirtschaftlichen Gefüges im östlichen Mittelmeerraum zwischen 700 bis 31 v. Chr. war und der Beutezug als ehrenhaft galt. Entgegen gängiger Darstellungen sei er nicht primär durch Armut, soziale Ausgrenzung oder Unterdrückung motiviert gewesen. Vielmehr sei die Frage, wer, wann und zu welchem Ziel auf Beutefahrt gehen durfte, je nach Staatsform anders zu beantworten. Während es in „oligopolistischen Staaten“ allen Mitgliedern der Oberschicht zustand, auf Beutezug zu gehen, bedurfte es in „monopolistischen Staaten“, wie beispielsweise Athen, einer offiziellen Erlaubnis. Seeraub, so das Fazit, war also weder ein Phänomen von Vorstaatlichkeit, noch habe er bestehende Handelswege zerstört. GEORG CHRIST (Heidelberg) gab einen Überblick über verschiedene Institutionen, die sich im Spätmittelalter dem Loskauf von Gefangenen widmeten. Er wies auf Phänomene der Professionalisierung des Loskaufs hin und betonte, dass er sich zu einem eigenständigen Wirtschaftsbereich entwickelte, in welchem hohe Geldsummen zwischen den Mittelmeerländern transferiert wurden und unterstrich die politische Bedeutung solcher Gefangenen im Kontext von diplomatischen Verhandlungen. MARIE-LUISE FAVREAU-LILIE (Berlin) beschrieb, wie die italienischen Seestädte ab dem Ende des 12. Jahrhunderts, Seeraubaktivitäten von Piraten gegen Konkurrenten unterstützt und gefördert haben. Der daraus resultierende Schaden für den Handel und die Unsicherheit der Seewege seien allerdings zum Problem geworden und so bemühten sich ab dem 13. Jahrhundert diejenigen italienischen Seestädte, die intensiv Seehandel betrieben, durch bilaterale oder multilaterale Verhandlungen und Friedensverträge jede Form von Piraterie zu verbieten. CORNEL ZWIERLEIN (Bochum) und MAGNUS RESSEL (Bochum) erweiterten die mediterrane Perspektive der Tagung, indem sie den Blick auf die Beziehungen lenkten, die im ausgehenden 16. und 17. Jahrhundert vom Mittelmeerraum über den Atlantik bis hin zur Nordsee reichten. Nordeuropäische Händler hätten sich in der Zeit Zugang zu den mediterranen Märkten verschafft. Dabei wurden auch ihre Schiffe Opfer muslimischer Korsaren und der Loskauf gefangener Seeleute zum gesellschaftlichen Problem. Zwierlein und Ressel zeichneten in einer vergleichenden Perspektive die verschiedenen Versuche nach, wie man in England, den Niederlanden und den deutschen Hansestädten den Loskauf organisierte. DANIEL PANZAC (Aix-en-Provence) ging auf die Beziehungen zwischen den nördlichen und südlichen Mittelmeerländern im 18. Jahrhundert ein, in dem sich nach dem goldenen Zeitalter des Korsarenkriegs im 16. und 17. Jahrhundert ein deutlicher Wandel vollzogen habe. Zwar gab es weiterhin Kaperungen und Konflikte, aber insgesamt schlossen die muslimischen und christlichen Länder immer mehr Handels- und Friedensverträge. Panzac warf zudem einen interessanten Blick auf die muslimische Praxis des Loskaufs und zeigte, dass auch in muslimischen Ländern fromme Stiftungen zum Zweck des Sklavenloskaufs gegründet wurden.

„Wahrnehmungen und Deutungen“ standen im Fokus der letzten Sektion. BERNHARD LINKE (Bochum) zeichnete den langen Weg nach, auf dem das Römische Reich vom 2. Jahrhundert v. Chr. bis hin zu Kaiser Augustus seine Herrschaft über das gesamte Mittelmeer ausdehnte. Dabei habe es sich auf eine Vielzahl kleinerer und größerer Seemächte gestützt, die bereits bestimmte Gegenden und Routen beherrschten. Seemächte aber, die sich den römischen Interessen widersetzten, seien in den Quellen als Piraten disqualifiziert worden. VASSILIOS CHRISTIDES (Athen) untersuchte auf Grundlage von hagiographischen Erzählungen des 9. und 10. Jahrhundert aus dem Byzantinischen Reich die Darstellung muslimischer Seeraubaktivitäten im östlichen Mittelmeerraum. Er beklagte, dass auch in heutigen wissenschaftlichen Publikationen, der Begriff „Piraterie“ unkritisch benutzt würde, um die Seeaktivitäten der muslimischen Seemächte jener Zeit zu beschreiben, obwohl schon in den byzantinischen Quellen weniger die Rede von Piraten als von Feinden zur See sei. Die muslimische Wahrnehmung des mediterranen Seeraubs zeigte MOHAMED CHERIF (Tétouan) auf Grundlage maghrebinischer Heiligenerzählungen aus dem Mittelalter auf. Anhand zahlreicher Textbeispiele illustrierte er, wie der historisch nachweisbare Anstieg der christlichen Überfälle auf Nordafrika ab dem 13. Jahrhundert in frommen Heiligenerzählungen Niederschlag gefunden hat. Weiteren literarischen Gattungen widmete sich der Vortrag von MANFRED SCHNEIDER (Bochum). Mit dem Ende des realen Problems von Seeraub und Piraterie im Mittelmeerraum habe die positiv konnotierte Figur des Piraten in Literatur, Musik und Theater Einzug erhalten. Die von George Bryons erschaffene Figur des Korsaren in dem Bestseller „The Corsair“ aus dem Jahre 1814 habe die Hochphase der romantischen Freibeuterliteratur eingeleitet. In Novellen, Dramen und Opern sei der Freibeuter, einst gefürchteter Feind aller, zur geliebten transnationalen Figur geworden.

Die Perspektivenvielfalt der Vorträge über unterschiedliche Epochen des Mittelmeerraums haben aufschlussreiche Erkenntnisse über Akteure, Räume, Techniken und Bedingungen des Seeraubs gegeben, wenngleich, wie in der abschließenden Diskussion angemerkt wurde, die Dimension der Austauschbeziehungen, der Konnektivität, noch stärker hätte beleuchtet werden können. Die Einbeziehung osmanischer und nordafrikanischer Quellen, die noch immer wenig erforscht sind, wurde begrüßt. Insgesamt wurde deutlich, dass der Begriff „Piraterie“, auf Grund seiner häufig propagandistischen Verwendung in den Quellen – meist als Abwertung eines feindlichen Anderen –, eher als semantisches Feld, denn als ein klar abgrenzbarer Begriff zu verstehen ist und sich „Seeraub“ weit besser zur wissenschaftlichen Beschreibung der Phänomene eignet.

Konferenzübersicht:

Nils Metzler-Nolte (Prorektor Ruhr-Universität Bochum) / Salvatore Bono (Rom), Nikolas Jaspert (Bochum), Sebastian Kolditz (Bochum): Eröffnung und Einführung

Sektion 1: Mikrolandschaften, Seeraub und Herrschaft
Moderation: Raimund Schulz (Bielefeld)

Alfonso Álvarez-Ossorio Rivas (Sevilla): Piracy in Cilicia during Ancient Times: landscape as a piracy practice factor for native and foreign pirates

Enrico Basso (Turin): Pirateria, politica, ceti dirigenti: alcuni esempi genovesi del Tardo Medioevo

Theresa Vann (Collegeville MN): Hospitallers and Piracy on Malta and Rhodes, 15th-16th centuries

Oliver Jens Schmitt (Wien): Die östliche Adria in Spätmittelalter und Früher Neuzeit als Aktions- und Herrschaftsraum von Piraten/Korsaren

Christoph Krampe (Bochum): Seeraub und Lösegeld aus rechtshistorischer Sicht

Sektion 2: Akteure und Ressourcen
Moderation: Maria Teresa Ferrer i Mallol (Barcelona)

Amir Gilan (Tel Aviv): Pirates – A view from the Bronze Age

Ruthy Gertwagen (Haifa): Is there a typology of piratic crews and ships across the Byzantine and Medieval Mediterranean?

Roser Salicru i Lluch (Barcelona): Luck and contingency: piracy and human trade in the Medieval Mediterranean

Michael Kempe (Konstanz): Piraterie, Sklaverei, Konversion. Akteure und Ressourcen im mediterranen Kaperkrieg der frühen Neuzeit

Wolfgang Kaiser (Paris): Kulturelle und wirtschaftliche Vermittler des Loskaufs von Gefangenen im frühneuzeitlichen Mittelmeerraum

Sektion 3: Umgang mit Piraterie: Gefahrenabwehr und Diplomatie
Moderation: Mounir Fendri (Tunis)

Vincent Gabrielsen (Kopenhagen): Warfare, Statehood and Piracy in the Greek World, c. 700-31 BCE

Georg Christ (Heidelberg): Einrichtungen zur Gefangenenbefreiung und zur Bewältigung anderer Folgen der Piraterie im spätmittelalterlichen Mittelmeerraum

Marie-Luise Favreau-Lilie (Berlin): Strategien der mittelalterlichen italienischen Seerepubliken im Kampf gegen den Seeraub: zur Bedeutung von Diplomatie und Rechtsbildung

Cornel Zwierlein / Magnus Ressel (Bochum): The institutionalization of North-European ransoming. Hanseatic "Sklavenkassen" and English "Algiers-Duty" compared. (avec résumé français / con riassunto italiano)

Daniel Panzac (Aix-en-Provence): Les relations Nord-Sud en Méditerranée: le cas de Tunis avec Venise dans la seconde moitié du XVIIIe siècle

Sektion 4: Wahrnehmungen und Deutungen
Moderation: Salvatore Bono (Rom)

Bernhard Linke (Bochum): Die Politisierung des Kampfes gegen Piraten in der späten römischen Republik

Vassilios Christides (Athen): The Perception of Muslim Piracy during the 9th and 10th centuries in the Byzantine historical and hagiographical sources and Byzantine illuminations

Mohamed Cherif (Tétouan): La piraterie en Méditerranée d'après les sources hagiographiques maghrébines

Manfred Schneider (Bochum): Poesie der Piraterie. Lord Byrons "The Corsair" und die Folgen

Michel Balard (Paris): Conclusions

Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Gefährdete Konnektivität – Piraterie im Mittelmeerraum / Endangered Connectivity – Piracy in the Mediterranean, 05.05.2011 – 07.05.2011 Bochum, in: H-Soz-Kult, 04.10.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3831>.