De l’État-Nation à l'Europe. Histoire du ministère de la Défense et des armées en France et en Allemagne aux XIXe et XXe siècles

Ort
Paris
Veranstalter
Deutsches Historisches Institut Paris (DHIP); Militärgeschichtliches Forschungsamt (MGFA); Institut de Recherche Stratégique de l’École Militaire (IRSEM)
Datum
20.06.2011
Von
Marie-Christin Lux, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg / Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales; Philipp Schulte, Universität Potsdam / Sciences Po Paris Email

Die transnationale Perspektive stößt in den Geschichtswissenschaften auf immer größeres Interesse und gewinnt an Akzeptanz und Ansehen. Auch die Militärgeschichte greift diese Entwicklung auf und überwindet die traditionell nationalstaatliche Fokussierung auf das eigene Militär. Die europäische und transatlantische Kooperation des Militärs – man denke nur an das Eurokorps, die gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU und die Diskussion über eine Europaarmee – bilden den aktuellen sicherheitspolitischen Hintergrund für eine solche grenzübergreifende Militärgeschichte. Ein besonderes Beispiel bildet in diesem Rahmen die jährliche, binationale Veranstaltungsreihe „Rencontres franco-allemandes d’histoire militaire“ des Militärgeschichtlichen Forschungsamts (MGFA) und des französischen Institut de Recherche Stratégique de l’École Militaire (IRSEM, vormals Centre d’études d’histoire de la défense, CEHD), sowie des Deutschen Historischen Instituts Paris (DHIP).

In diesem Jahr kamen die langjährigen Partner bereits zum siebten Mal zusammen, um unter dem Titel „De l’État-nation à l’Europe. Histoire du ministère de la Défense et des armées en France et en Allemagne aux 19e et 20e siècles“ die Geschichte der Institutionalisierung des Militärs in Frankreich und Deutschland zu vergleichen und zu diskutieren.[1] Organisiert und geleitet wurde die Veranstaltung von Jörg Echternkamp (MGFA), Hervé Drévillon und Thierry Widemann (IRSEM) sowie Stefan Martens (DHIP). Das diesjährige Thema ergab sich aus den am MGFA und IRSEM laufenden Projekten zur Europäischen Militärgeschichte bzw. zur Geschichte des Verteidigungsministeriums. Die Referenten, neben Historikern auch Politikwissenschaftler sowie der ehemalige Chef des militärischen Stabes der EU, thematisierten in einem Längsschnitt von mehr als 200 Jahren zentrale Probleme der Interaktion von militärischer Institutionalisierung und Multinationalität. In methodischer Hinsicht ging es um Fragen der kulturellen Transferforschung und einer möglichen histoire croisée zwischen den europäischen Nationalstaaten am Beispiel der Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich.

Dieser Fokus auf Transnationalität und Interdisziplinarität wurde in den einleitenden Worten von STEFAN MARTENS und HERVÉ DRÉVILLON (beide Paris) nochmals unterstrichen. Das neu gegründete IRSEM, so Drévillon, solle die Forschung des vormaligen CEHD in interdisziplinärem Rahmen weiterführen und so neue Impulse in der militärgeschichtlichen Forschung setzen. Auch der binationale Vergleich werde hier nicht zu kurz kommen, um die Verflechtung militärischer und administrativer Strukturen zu untersuchen. Staat, Nation und Territorium seien die Untersuchungsebenen, die sich am besten im Sinne der histoire croisée erforschen ließen.

Daran anschließend setzte sich CHRISTINE LEBEAU (Paris) im ersten Beitrag mit der Rolle des Nationalstaats in Bezug auf die Konstitution einer Armee auseinander. Mit der Habsburgermonarchie präsentierte sie ein Beispiel, das vom gängigen Modell der Nationalarmee deutlich abweicht. Lebeau betonte die Notwendigkeit der Modifizierung des Modells, um die Struktur des Habsburgerreiches als eines Zusammenschlusses mehrerer Nationalstaaten mit eigenen Nationalarmeen erfassen zu können. So vervielfache sich etwa das Verwaltungshandeln, weil es sich immer auf mehrere Nationen beziehe. Insbesondere in Bezug auf das Militär könne daher nicht im nationalen Rahmen gedacht werden. Vielmehr stelle auch die Armee des Habsburgerreiches einen Zusammenschluss von Nationalarmeen dar. Die Administration dieser multinationalen Organisation wurde auf Reichsebene durch den Hofkriegsrat übernommen und verdrängte, so Lebeau, nationale Verwaltungsorgane. Die Konstituierung der Nationalarmee reichte somit im Fall der Habsburgermonarchie über die nationalstaatlichen Grenzen hinaus und vollzog sich in einem transnationalen Rahmen.

Mit der Konstitution einer über das Gebiet des Nationalstaates hinausreichenden Armee beschäftigte sich auch TANJA BÜHRER (London). Sie problematisierte in ihren Ausführungen zur Funktion und Verwaltung der kolonialen „Schutztruppen“ des deutschen Kaiserreiches die Integration der im Zuge der kolonialen Erwerbungen Mitte der 1880er-Jahre neuformierten Truppen in das bestehende militärische und politische System. Aufgrund der einseitigen Konzentration der militärischen und politischen Ressourcen auf das Gebiet des Nationalstaates, die mit der notwendigen Sicherung der Position des Kaiserreiches in Europa begründet wurde, hätten die Schutztruppen nur eine Nebenrolle gespielt. Zudem nahmen diese institutionell eine Sonderstellung ein. Anders als die bestehende Armee unterstanden die Kolonialtruppen dem Reichsmarineamt und somit direkt dem Reichskanzler, was einen Bruch mit dem bisherigen Prinzip des preußischen Militarismus bedeutete. Neben der administrativen Diskrepanz zeigten sich laut Bührer vor allem in der Zusammensetzung der Truppen Unterschiede zur nationalen Armee des Kaiserreiches. Anders als diese versammelten die sogenannten Schutztruppen sowohl deutsche Soldaten als auch afrikanische Söldner. Ihre sowohl institutionelle als auch personelle Sonderstellung verloren sie erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als sie im Zuge vermehrter militärischer Interventionen auf kolonialem Territorium zunehmend in das deutsche Militär integriert worden seien.

PHILIPPE VIAL (Vincennes) griff in seinem Vortrag die Institutionalisierung der verschiedenen Truppengattungen des französischen Militärs am Beispiel der Marine auf. Da Frankreich als klassische Kontinentalmacht den Schwerpunkt auf seine Armee gelegt habe, sei die Marine politisch wie finanziell vernachlässigt worden. Darum habe sich die Marine selbst nicht als reine militärische Truppengattung verstanden, sondern versucht, als Handelsmarine ihr vermindertes militärisches Prestige auszugleichen. Für den französischen Merkantilismus („Colbertismus“) war sie hingegen sehr bedeutend. Auch der französische Weltmachtsanspruch, der bereits vor dem Kolonialzeitalter entstanden ist, war nur mit Hilfe der Marine sicherzustellen, die sich selbst als Avantgarde des französischen Militärs betrachtete. So sah sich die Marine als globaler Akteur der französischen Armee. Nach der Auflösung des französischen Kolonialreichs verlor die Marine ihren globalen Anspruch und ihre institutionelle Unabhängigkeit. In der Zwischenkriegszeit wurde sie schließlich auf ihre militärischen Funktionen – der Marineminister nannte sich Ministre de la marine militaire – beschränkt und in der Nachkriegszeit dem französischen Verteidigungsministerium untergegliedert. In Symbolen und Traditionen lebe aber, so Vial ihr nicht-militärischer Charakter und ihre Eigenständigkeit fort. Den Eingang der Offiziersschule der französischen Marine in Lanvéoc südlich von Brest schmückt noch heute eine Statue des Finanzministers Jean Baptiste Colbert.

Einen weiteren zivilen Aspekt der transnationalen Militärgeschichtsschreibung beleuchtete CHRISTIANE WIENAND (London) in der Präsentation ihres neuen Forschungsprojekts zur Versöhnungsarbeit transnational agierender Veteranenverbände wie Aktion Sühnezeichen, Pax Christi oder das Maximilian-Kolbe-Werk. Wienand stellte drei empirische Beispiele aus ihrer laufenden Forschung vor, in der sie vor allem das soziale Milieu der Veteranen sowie Versöhnungspraktiken und deren Ausdrucksformen untersucht. Während sich die beiden ersten Beispiele mit der auf Selbstinitiation gründenden Versöhnungsarbeit eines deutschen Veteranen im Verband der Heimkehrer sowie mit einem Treffen der Conféderation Européenne des Anciens Combattants 1962 in München beschäftigen, beleuchtete Wienand abschließend die Versöhnungspraktiken des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK). Die Arbeit des VDKs, so Wienand, zeichne sich im Vergleich zu den vorgenannten durch einen deutlichen Qualitätsunterschied aus. Durch die gezielte Ansprache von Generationen, deren Angehörige den Krieg nicht mehr selbst miterlebt haben, entwickele sich die Versöhnungsarbeit von einer „Versöhnung als Entlastung“ wie beim Verband der Heimkehrer zu einer „Arbeit mit der Vergangenheit“. Die Vergangenheit werde gezielt reflektiert, sodass die Versöhnungsbestrebungen sich auch auf die Zukunft richteten und auf diese Weise als Beitrag zur Kriegsverhinderung und zur europäischen Einigung zu verstehen seien.

Einen anderen Aspekt der europäischen Einigung behandelte der ehemalige französische General und Chef des Militärischen Stabs der Europäischen Union, JEAN-PAUL PERRUCHE (Paris). Er verglich den Aufbau der Bundeswehr und deren Integration in das westliche Verteidigungsbündnis mit der Entwicklung der französischen Armee nach dem Zweiten Weltkrieg. Trotz der grundverschiedenen Ausgangspositionen sei die strukturelle Entwicklung der beiden Armeen durchaus zu vergleichen. Während sich der Aufbau der Bundeswehr zwischen der Schaffung eines Bollwerks gegen einen Angriff aus dem Osten und der Verhinderung eines Wiederauflebens des preußisch-deutschen Militarismus bewegte, sei das Ziel der französischen Armee in erster Linie die Wiedererlangung des Prestiges gewesen. Dieses sollte vor allem durch die Sicherung des Kolonialreichs geschehen. Dadurch war die französische Armee im Gegensatz zur Bundeswehr weitaus mehr auf Auslandseinsätze ausgerichtet. Nach dem Fall der Mauer sei die Entwicklung in beiden Armeen parallel verlaufen: Reduzierung der Truppen, weiterer Ausbau der Fähigkeiten für Auslandeinsätze und Abschaffung der Wehrpflicht. Die Rolle der Bundeswehr sei bei Auslandseinsätzen im Vergleich zu Frankreich allerdings immer noch verhalten. In diesem Zusammenhang stellte Perruche als möglichen Grund den Unterschied zwischen der Bundeswehr als Parlamentsarmee und dem französischen Militär als vom Staatspräsidenten befehligte Armee heraus. Perruche fasste zusammen, dass nach seinen persönlichen Erfahrungen eine militärische Kooperation beider Staaten weitgehend problemlos sei. Allerdings fehle oft der ausreichend bestimmte politische Wille und die Entschlusskraft.

Der deutsch-französische Vergleich der jüngsten Sicherheitspolitik stand auch im Mittelpunkt des Beitrags von SYBILLE REINKE DE BUITRAGO (Hamburg/Lüneburg). Anhand der sicherheitspolitischen Ansätze beider Länder wies sie auf wesentliche Differenzen zwischen den Sicherheitskonzepten hin. Zwar seien diese grundsätzlich im Rahmen der Richtlinien der Europäischen Union aufeinander abgestimmt, jedoch bestünden insbesondere seit den 1990er-Jahren deutliche Kontraste zwischen deutschen und französischen Interessen. Einen Grund für diese Unterschiede sah Buitrago insbesondere in nationalen Entwicklungen und Narrativen sowie in den deutlich differierenden Kriegserfahrungen im 20. Jahrhundert. Obwohl diese nationalen Unterschiede toleriert werden müssten, bestünde auch die Notwendigkeit einer Verstärkung der Kooperation beider Länder. Daran anschließend bilanzierte Buitrago, dass die Überwindung nationalstaatlicher Differenzen in Bezug auf sicherheitspolitische Entscheidungen trotz transnationaler militärischer Kooperationen weiterhin ein Desiderat bleibe.

Diese Untersuchung nationaler und transnationaler Interessen der einzelnen Staaten und Institutionen sowie deren Entwicklung im europäischen Rahmen stellte denn auch OLIVIER FORCADE (Paris) in seiner Schlussbetrachtung als eine der wichtigsten Fragen der künftigen militärgeschichtlichen Forschung heraus. Dabei müsse insbesondere auf Unterschiede in der kollektiven Erinnerung sowie die Beziehung zwischen Militär und Politik geachtet werden, die damit häufig in Verbindung stehe. Auf der Tagung hätten, so bilanzierte Forcade, vor allem drei wegweisende Aspekte im Vordergrund gestanden. Erstens gehe es um die Konstitution von „Räumen“, in denen militärische Entscheidungen getroffen würden; Forcade erinnerte hier an die einleitend angeführten Untersuchungsebenen des Staates, der Nation und des Territoriums, die alle in die Überlegungen einbezogen werden müssten. Zweitens habe die Tagung in transnationaler Perspektive die innere Logik der Institutionen innerhalb des Nationalstaates thematisiert. Drittens sei immer wieder deutlich geworden, welchen Einfluss das Verhältnis zwischen dem Militär und der zivilen Gesellschaft – sozialen Gruppen und politischen Institution – auf die militärgeschichtliche Entwicklung gehabt habe. So hätte auch die siebte Veranstaltung der Reihe „Rencontres franco-allemandes d’histoire militaire“ anregende Anstöße für die militärgeschichtliche Forschung gegeben, deren Zukunft, so lautete Forcade abschließende Prognose, in der Erweiterung durch transnationale Perspektiven und interdisziplinäre Ansätze und liege.

Konferenzübersicht:

Erste Sitzung

Christine Lebeau (Université de Paris I Panthéon-Sorbonne, Paris):

Guerre et savoirs d'État dans la monarchie Habsbourg à la fin du XVIIIe siècle

Tanja Bührer (University of London, School of Oriental and African Studies, London):

De l’État-Nation à l`Outre-mer: Les institutions militaires de l’Empire allemande et les missions transatlantiques

Zweite Sitzung

Philippe Vial (Service historique de la défense, Vincennes):

Les armées françaises face aux logiques d'interarmisation au XXe siècle: l'exemple de la marine

Christiane Wienand (University College London, London):

Après la Seconde Guerre mondiale: Les Anciens combattants et leurs efforts pour la réconciliation en Europe (présentation de projet)

Dritte Sitzung

Jean-Paul Perruche (ehemalige französische General und Chef des Militärischen Stabs der Europäischen Union, Paris):

Comparaison des politiques et organisations de défense allemandes et françaises post-guerre froide

Sybille Reinke de Buitrago (Institut für Sicherheits- und Präventionsforschung/Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg, Leuphana Universität Lüneburg, Hamburg/Lüneburg):

Conceptions de la sécurité: Les approches allemandes et françaises de la politique de sécurité au sein de l'Union européenne

Abschluss/Zusammenfassung

Olivier Forcade (Université Paris IV Panthéon-Sorbonne, Paris)

Anmerkung:
[1] Vgl. die jüngsten Publikationen der Ergebnisse vorheriger Veranstaltungen: Militär in Deutschland und Frankreich 1870-2010. Vergleich, Verflechtung und Wahrnehmung zwischen Konflikt und Kooperation. Im Auftrag des Deutschen Historischen Instituts Paris und des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, Potsdam, hrsg. von Jörg Echternkamp und Stefan Martens, Paderborn 2011; Les relations franco-allemandes en matière d’armement au XXe siècle: de la rivalité à la coopération. Troisième rencontre franco-allemande d’histoire militaire, éd. par Jörg Echternkamp, Stefan Martens, Jean-Christophe Romer, Vincennes 2008 (Les Cahiers du CEHD, 33).

Zitation
Tagungsbericht: De l’État-Nation à l'Europe. Histoire du ministère de la Défense et des armées en France et en Allemagne aux XIXe et XXe siècles, 20.06.2011 Paris, in: H-Soz-Kult, 22.10.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3855>.