Letzte Briefe. Neue Perspektiven auf das Ende von/der Kommunikation

Ort
Halberstadt
Veranstalter
Ute Pott, Gleimhaus Halberstadt; Arnd Beise, Universität Paderborn; Jochen Strobel, Philipps-Universität Marburg
Datum
30.06.2011 - 02.07.2011
Von
Cornelia Ilbrig, Brentano-Abteilung/Frankfurter Goethe-Museum, Freies Deutsches Hochstift

Mit der im Exposé zur Tagung „Letzte Briefe“ formulierten Fragestellung nach rhetorischen und alltagssprachlichen Strukturen letzter Briefe, deren Rezeption und den „Narrativen des ‚Endes‘“[1] verbinden sich verschiedene Erkenntnisinteressen. Vorausgesetzt wird: Letzte Briefe müssen als solche beabsichtigt sein, entstehen deshalb unter anderen, eher außergewöhnlichen Bedingungen, unterliegen anderen narrativen und kommunikativen Mustern als andere Briefe und werden auch anders wahrgenommen. Es wird erstens aus erzähltheoretischer Perspektive nach der narrativen Gestaltung von Abschied und Ende in letzten Briefen gefragt, zweitens wird die „kommunikative[] Konfiguration“[2] von Beziehungsgeflechten und Interaktionsmustern in letzten Briefen in den Blick genommen, und drittens deren kulturhistorische Verortung und – damit verbunden – die Rezeptionssteuerung durch Sammlung und Kontextualisierung von letzten Briefen, beispielsweise in Anthologien und Editionen.

Wenngleich ein Großteil der Beiträge Briefe des 18. Jahrhunderts untersuchte, zeigte deren Heterogenität die Komplexität der Fragestellung. Zur Debatte standen Probleme von Authentizität und Fiktionalität, Selbstdarstellung und Inszenierung, weiterhin die Gründe für letzte Briefe, die von Streit und Trennung bis hin zu Selbstmord, krankheits- oder altersbedingtem Tod, Hinrichtung und Krieg reichen. Ebenso vielfältig sind Anlass und Art der Korrespondenz, die durch die letzten Brief jeweils beendet wird. Um der Themenvielfalt der Tagung gerecht zu werden, richtet sich die Gliederung des hier vorgelegten Berichts nicht am chronologischen Verlauf der Tagung aus. Stattdessen werden die einzelnen Beiträge nach ihrer „vorgeschichtlichen Dynamik“ (Oesterle) geordnet dargestellt. Eine Ausnahme bilden Eröffnungs- und Abendvortrag, die in der Tagung der chronologischen Konzeption enthoben waren und im Folgenden kurz zusammengefasst werden.

JOCHEN STROBEL (Marburg) eröffnete die Tagung mit einem Beitrag über „Pathos und Banalität des Endes. Der Abschiedsbrief als Gedächtnismedium und als ästhetische Inszenierung in Anthologien des 20. und 21. Jahrhunderts“. Er griff die im Exposé formulierten Erkenntnisinteressen auf und deckte ihre Verzahnung in anschaulichen Analysen von Textbeispielen auf, die er als Zeugnisse eines sich über ein Jahrhundert hinweg wandelnden kollektiven Gedächtnisses verstand. Als Beispiele wählte er folgende Anthologien letzter Briefe: erstens Ilse Lindens 1919 veröffentlichte Sammlung „Der letzte Brief“, zweitens die Anthologie mit dem gleichen Titel von Friedrich Reck-Malleczewen, die 1941 erschienen war, weiterhin die „Letzten Briefe aus Stalingrad“, die, wie auch Sammlungen von Textzeugnissen aus dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus, 1945 in mehreren Auflagen herausgegeben worden waren, weiterhin die 1981 publizierte Briefanthologie von Selbstmördern mit dem Titel Todeszeichen, die von Katja Behrens 1987 veröffentlichte Sammlung „Abschiedsbriefe“ und zwei nach 2000 erschienene Anthologien mit Abschieds- und Trennungsbriefen von Sibylle Berg.

Besonders die Sammlungen von 1919 und 1941 stehen, so Strobel, im Zeichen „heroischer Gedächtnispolitik“. Dabei verlören die Briefe, geschrieben von Soldaten im Krieg, ihren Status als Einzelbriefe mit „unscheinbaren“, „alltäglichen“ Inhalten; der Kontext, in dem sie präsentiert würden, verliehe ihnen gleichsam einen übergeordneten Sinn. Anthologien letzter Briefe, die wie die hier vorgestellten aus dem 20. Jahrhundert dem „Pathos-Muster“ folgen, unterstützten den „Closure-Charakter“ letzter Briefe, wodurch dem Ende eine metaphysische Bedeutung zugeschrieben würde. Die paradoxe Verbindung von „Zukunftverweigerung“ und „Zukunftsprojektion“, „Ende“ und „Neuanfang“ in letzten Briefen verstärke sich mit diesem metaphysischen Anspruch. Diesem stellte Strobel einmal den „antiheroischen Kurs“ der Anthologie von Behrens entgegen, der von einem „kritischeren kollektiven Gedächtnis zeugt“, und letztlich Sammlungen aus dem 21. Jahrhundert wie jene von Sibylle Berg. Diese Anthologien präsentieren, so Strobel, die „Serialität des Anlasses“ – Trennung und Abschied – mit Distanz und Lakonie und könnten damit die Funktion eines „Handbuch[s] zur Regelung kleiner Katastrophen“ einnehmen.

Thematischen Anschluss fand Strobels Unterscheidung zwischen pathetischem und pragmatisch-lakonischem Abschiedsbriefstil mit dem Abendvortrag von GÜNTER OESTERLE (Gießen): „Der letzte Brief im Streit. Das Prekäre des Freundschaftsbruchs“. Oesterle führte die unterschiedlichen Formen von Abschiedsbriefen auf verschiedene Traditionen von in der Belletristik des 18. und 20. Jahrhunderts manifesten „Briefformen“ zurück. Dafür stellte er drei letzte Briefen aus der von der Kriminalgeschichte beeinflussten Belletristik bzw. des Films des 20. Jahrhunderts (Der letzte Sommer von Ricarda Huch, Teufel in Seide, einem Film von Rolf Hansen und Peter Handkes Der kurze Brief zum langen Abschied drei letzten Briefen aus der Literatur des 18. Jahrhunderts (Clarissas Brief an Morden in Samuel Richardsons Briefroman Clarissa, Julies letzten Brief in Rousseaus Die neue Heloise und Werthers Abschiedsbrief an Lotte) gegenüber. Heroische Pathosformeln der letzten Briefe, die in aussichtslosen Situationen wie der Schlacht bei Stalingrad entstanden, seien der literarischen Tradition des 18. Jahrhunderts mit seinem heroisch-empfindsamen Briefstil verpflichtet, der pragmatisch-lakonische Abschiedsbrief den eher nüchternen belletristischen Vorbildern des 20. Jahrhunderts.

Eine weitere Unterscheidung traf Oesterle hinsichtlich der „vorgeschichtlichen Dynamik“ letzter Briefe, von der schließlich auch der jeweilige Briefstil, die Art und Weise des Abschiednehmens, abhängt: Bedingten externe Faktoren das Ende der brieflichen Kommunikation oder eine interne Konfliktlage, die von den Briefpartnern in der Regel selbst hervorgerufen wurde oder zumindest beeinflussbar war? Bei den Freundschaftsscheidebriefen unterschied Oesterle zwischen jenen, in denen der Briefschreiber in klarer Opposition zum Adressaten steht, und solchen mit starker emotionaler Beteiligung, in denen der Bruch mit dem Freund nie endgültig vollzogen wird, da dieser auch ein gleichzeitig einen „partiale[n] Abschied eines eigenen Selbstentwurfs“ bedeutet. Letzten Endes sei letzten Briefen die noch im weiteren Verlauf der Tagung vielfach thematisierte Tendenz zur Öffentlichkeit eigen: „die letzten Briefe verändern ihren Briefcharakter – sie mutieren zum Manifest“.

Zur Frage der „vorgeschichtlichen Dynamik“ der „letzten Briefe“ gehört auch die Frage nach der kommunikativen Situation, an deren Ende sie stehen: Letzte Briefe können an Freunde gerichtet sein, ebenfalls an andere Schriftsteller, Gelehrte, Künstler; sie können am Ende eines Diskurses stehen oder aber vor einer Hinrichtung oder im Krieg an die Familie oder andere Nahestehende gerichtet sein; sie können in funktionaler oder (selbst)darstellerischer Intention in einen fiktionalen Rahmen eingebettet sein.

Das Ende einer freundschaftlichen Korrespondenz wiederum kann extern oder intern bedingt sein. Beispiele für extern bedingte letzte Briefe vor dem Tod beleuchtete ARNE KLAWITTER (Kyoto) unter der Überschrift: „‘Bald, o Freund, entschlüpf’ ich Dir / Schweigest Du noch länger mir‘. Korrespondenzen des Dichters und Freigeists Ludwig August Unzer‘“. Klawitter untersuchte die noch mit „Plänen“ und „Projekten“ ausgefüllten letzten Briefe des an Schwindsucht erkrankten Schriftstellers Ludwig August Unzer an seine Freunde Jakob Mauvillon und Leopold Friedrich Günther von Göckingk auf ihren „Dialogcharakter“ hin und interpretierte sie als „Schreiben gegen den herannahenden Tod, als bliebe dieser dadurch für die Zeit des Schreibens vorübergehend in der Schwebe“.

Ein weiteres Beispiel für einen letzten Brief vor dem Tod erläuterte ROBERT VELLUSIG (Graz) in seinem Beitrag „‘Ach, lieber Freund! diese Scene ist aus!‘ Lessings letzter Brief“ mit dem letzten Brief Lessings an Moses Mendelssohn. Vellusig leitete den Vortrag mit das Tagungsthema grundsätzlich betreffenden Überlegungen zum Status „letzter Brief“ ein, den freilich nicht jeder letzte Brief für sich beanspruchen könne. Als wichtige Bedingung nannte er, dass „der Brief den Charakter eines Vermächtnisses gewinnt“, indem „sich sein Verfasser darin zu einem für ihn und sein Werk zentralen Lebensthema äußert“. Weiterhin stellten letzte Briefe eine Form des Abschieds dar und insofern manifestiere und dokumentiere sich in ihnen etwas spezifisch Menschliches, ein anthropologisches Element: „Der letzte Brief ist die medienspezifische Variante eines die Trennung und das eigene Ende antizipierenden Bewusstseins.“ Lessings letzten Brief an Mendelssohn nun charakterisierte Vellusig als „Empfehlungsschreiben“ für einen Außenseiter (den Juden Alexander Daveson) und „Gelegenheitsbrief“, in dem der Abschied mit einer Bekundung des „‘gemeinschaftlichen Gefühl[s] sympathisierender Geister‘“ (Lessing, Ernst und Falk) verbunden war, und schließlich auch als Vermächtnis eines Schriftstellers mit starkem Bedürfnis nach „intellektueller Anregung und offenem Gedankenaustausch“ und einem „Lebensprogramm“, das darauf angelegt war, „leben zu lernen und ein Mensch zu werden“.

Einen extern, durch den bevorstehenden Tod bedingten letzten Brief führte auch TIM LÖRKE (Berlin) in seinem Vortrag „Richtungsstreit um letzte Dinge. Gottfried Benns letzte Karte an F.W. Oelze“ vor. Gegenstand des Beitrags ist Benns Abschiedsbillet an Friedrich Wilhelm Oelze, das folgenden Wortlaut hat: „‘Herrn Oelze / Jene Stunde .. wird keine / Schrecken haben, seien sie beruhigt, / wir werden nicht fallen wir werden / steigen – / Ihr B.‘“ Lörke diskutierte die Frage nach Benns Positionierung vor dem Hintergrund eines sich in Europa ausweitenden Nihilismus und der Suche nach „Möglichkeiten eines vom Menschen selbst gesetzten, gegen die Wissenschaften gerichteten Sinns“. Lörke setzte Carsten Dutts Deutung des Billets als nihilistisch eine positive Interpretation entgegen, indem er die konsolatorische Funktion der Worte an Oelze hervorhob. Er interpretiert Benns Karte als Krypto-Gedicht, in dem sich die sinnstiftende Funktion von Kunst manifestiere.

Zu den extern bedingten Abschiedsbriefen zählen auch Briefe vor der Hinrichtung. „Günter Weissenborns Arbeit an den ‚Zeugnissen der letzten Stunde‘“ war der Titel von HELMUT PEITSCHs (Potsdam) Vortrag, in dem Peitsch letzte Briefe von Hingerichteten aus dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus auswertete. „Abschiedsbriefe zum Tode verurteilter Revolutionäre aus den Jahren 1848 und 1849“ waren Thema des Vortrags von Olaf Briese (Berlin). Briese untersuchte die letzten Briefe zum Tode Verurteilter an nahestehende Hinterbliebene hinsichtlich ihrer Gattungsgeschichte und ihrer Strukturen. Als strukturelle Gemeinsamkeit analysierte er „Selbstlegitimierungs-, [...] Heroisierungsstrategien“, Identifikationsstrategien mit christlichen Märtyrern, abstrakte Verweise auf die Pflicht, auf die Unsterblichkeit und „direkte[] Nationalisierungen und Politisierungen“. „Opfer- und Fortschrittspathos“ gehe einher mit einer „gewollte[n] Nicht-Endgültigkeit des Todes“ und dem „Überlebenwollen“. In einer gattungsgeschichtlichen Metareflexion betrachtete Briese das institutionalisierte „Recht auf den letzten Brief“ als „Verschleierung“, als „scheinbares Recht“ gegen „elementares und unumkehrbar[es]“ Unrecht, „fiktives Nachleben im Brief gegen Auslöschung des Lebens“.

Einen intern bedingten Abschied analysierte FRANK BAUDACH (Eutin) in seinem Beitrag „‘Also kein mündliches Lebewohl...‘ Das Ende der Freundschaft zwischen Johann Heinrich Voß und Friedrich Leopold Graf zu Stolberg“. Baudach deutete Voß’ Verweigerung eines mündlichen Abschieds vom langjährigen Freund nach dessen Konversion zum Katholizismus vor dem Hintergrund des Toleranzdiskurses; Stolbergs Konversion sei für Voß eine Aufkündigung des Toleranzgedankens gewesen, die einem Vertrauensbruch gleichkam. Versucht man rückblickend den Freundschaftsbruch zwischen Voß und Stolberg in das von Oesterle vorgeschlagene Schema einzuordnen, könnte man vielleicht von einer potenzierten emotionalen Beteiligung sprechen, die sich im Fehlen eines eigentlichen Abschiedsbriefes und in der Verweigerung des mündlichen Abschieds seitens Voß manifestiert. Voß’ Frau Ernestine verfasste die letzten Zeilen an Stolberg, in denen Stolberg das „‘mündliche[] Lebewohl‘“ versagt wurde; gleichzeitig trat in Voß’ letzten Worten auf dem Abschiedsbillet, „Voß. getröstet durch Erinnerung u Hoffnung“, jene paradoxe Dialektik von „Zukunftsverweigerung“ und „Zukunftsprojektion“ zutage, die Strobel schon im Hinblick auf den „Closure-Charakter“ letzter Briefe festgestellt hatte.

Ganz anders sind die Voraussetzungen für die „Abschiedsszenarien“ (Eygptien) zwischen Korrespondenzpartnern im Fin de siècle, die von JÖRG SCHUSTER (Marburg) und JÜRGEN EGYPTIEN (Aachen) untersucht wurden. Egyptien sprach in seinem Vortrag „Letzte Worte des Meisters. Abschiede als Rituale im George-Kreis“ von einer „Aufhebung der Trennung von Kunst und Leben“, die ihren Ausdruck in einem regen Briefverkehr fand, einer „Interaktionsform[]“, „die den ästhetischen Ritualen der dichterischen Existenz“ entsprach. Als Gemeinsamkeit der unterschiedlich gelagerten Korrespondenzen von Hugo von Hofmannsthal und Rudolf Borchardt, von Rainer Maria Rilke und Marina Zwetajewa stellte Schuster in seinem Vortrag „Imagination und Proklamation. Letzte Briefe um 1900“ fest, dass es den Autoren „weniger um persönliche Kommunikation als um das Herstellen eines autonomen Raums der Schrift“ ging. „Ästhetische Lebensform“ und „die Brief-Sucht der Zeit“ seien, so Schuster, „miteinander eng verbunden“. Das bedeutete im Gegenzug auch, dass „künstlerisch fruchtlos[e]“ Beziehungen, so Egyptien, kompromisslos aufgekündigt wurden. Egyptien analysierte zwei letzte Briefe von Stefan George: den ersten an Ida Auerbach, den zweiten an Hugo von Hofmannsthal, beide aus gleichermaßen ästhetischen wie narzisstischen Gründen und – greift man auf Oesterles Schema zurück – in radikaler Opposition zum Briefpartner verfasst, dem damit auch absolute „Kontaktsperre“ auferlegt wurde. Einen allerletzten Brief an Hofmannsthal, der eine Antwort auf eine Einladung zu einer publizistischen Aktion darstellte, schrieb George zwar, schickte ihn aber nicht ab: „Der Brief statuiert Georges Abschied von Hofmannsthal sozusagen einseitig. Er bedarf nicht mehr der Übermittlung.“ Das Fehlen des letzten Briefes stellt ein Ende der Kommunikation dar, das in der Rubrik „Freundschaftsabschiedsbriefe“ am äußersten Ende der Skala, den emotional nie ganz vollzogenen Abschieden (wie dem Bruch zwischen Voß und Stolberg) entgegengesetzt, rangiert.

Zu dieser Kategorie zählt auch der nie geschriebene „letzte Brief“ von Ernst Jünger an den Übersetzer seiner Texte ins Französische, Henri Plard. WOJCIECH KUNICKI (Breslau) analysierte in seinem Vortrag „Ernst Jünger und Henri Plard. Die letzten Briefe“ das Ende der Arbeitsbeziehung zwischen Jünger und Plard, der den Ansprüchen Jüngers, als Übersetzer dessen weltanschaulich-politische Ansichten teilen zu müssen, nicht gerecht werden konnte. Jüngers Antwort auf Plards letzten Brief fehlt – eine Art Sinnbild für das Ende einer Kommunikation, wobei gleichzeitig in Frage steht, ob ein solcher „letzter Brief“ möglicherweise die Gattungsgrenzen überschreitet.

Den wiederholten Aufschub des letzten Briefs thematisierte hingegen SIBYLLE SCHÖNBORN (Düsseldorf) in ihrem Vortrag „Facit/Fazit. Von Schreibblockaden, abgebrochenen und nicht zugestellten Briefen – Ingeborg Bachmanns Briefpoetik des Aufschubs“. Schönborn problematiserte das Zusammenfallen der Blockade beim Briefeschreiben einerseits, die Bachmann durch Auslassen des Briefdatums verdrängte, mit der Ablehnung des von Paul Celan vehement geführten Opferdiskurses andererseits. Die Art des Diskurses – Celans Opferrolle – machte einen Kommunikationsabbruch, so Schönborn, für Bachmann ebenso notwendig wie unmöglich und habe damit den Aufschub des letzten Briefes erzwungen.

Eine bisher nicht thematisierte Form von letzten Briefen stellte TOMAS SOMMADOSSI in seinem Vortrag „Letzte ‚Zwischenbriefe‘ in der Korrespondenz zwischen Johann Jakob Bodmer und Pietro di Calepio. Anmerkungen zum Brief-Wechsel von der Natur des poetischen Geschmackes (1736)“ vor. Sommadossi präsentierte eine Gelehrtenkorrespondenz über „den Geschmacksbegriff und den Ursprung des literarischen Ergötzens“, die bei den Schweizer Literaturtheoretikern die „Wende vom wolffianisch geprägten Rationalismus [...] zu einer Sinnliches aufwertenden Auffassung“ einleitete und schließlich in einem Konsens endete, der gleichsam das Ende der Korrespondenz zu diesem Thema darstellte. Nicht Streit, sondern Konsens ist hier die Bedingung der letzten Briefe, und die „letzten Briefe“ sind daher auch lediglich „Letzte Zwischenbriefe“.

In einer abschließend zu nennenden Kategorie letzter Briefe findet auf verschiedene Weise eine Grenzüberschreitung zwischen Realität und Fiktion statt. So stellte ISABEL SCHLINZIG in ihrem Vortrag „Ermahnung, Erbauung und Freundschaft über den Tod hinaus: Elizabeth Singer Rowes Abschiedsbriefe“ die fiktionalen als auch realen Abschiedsbriefe der 1737 verstorbenen englischen Schriftstellerin vor. Schlinzig charakterisierte sowohl die realen als auch fiktionalen Abschiedsbriefe, letztere veröffentlicht in den zwischen 1729 und 1732 erschienenen drei Bänden Letters Moral and Entertaining, als „Musterbeispiele eines letzten Schreibens vor dem Tod, das im 18. Jahrhundert als exemplarisch, d.h. als im religiös-sittlichen Sinne als vorbildlich und damit als anleitend, erbaulich und tröstlich wahrgenommen wurde“.

Eine andere Form von Grenzüberschreitung, die hinsichtlich der Gattung Brief zu diskutieren wäre, liegt mit den von KATJA KAUER (Magdeburg) vorgestellten Tagebuchbriefen vor. Kauer deutete diese in ihrem Vortrag „‘Mein Alter verbietet mir die Hoffnung auf der dauernden glücklichen Existens mit dem Geliebten‘ – Das Liebesade der Fürstin Louise von Anhalt-Dessau (1750-1811) an Aloys Hirt (1759-1837), hinterlegt als ‚letzter Brief‘ in ihrem Originaltagebuch“ als „Selbstentwurf“ und „Liebesbekenntnisse, in eine Art Briefform gefasst, Zeugnisse von Identitätsbrüchen und von Unrealisierbarkeit“. Der „letzte Brief“ in diesem Zusammenhang sei schließlich die Konsequenz der „Unrealisierbarkeit“ des romantischen Selbstentwurfs – ein „imaginäre[r] Abschied“, durch den es Fürstin Louise gelang, „eine Liebesgeschichte in ihrer Lebensbeschreibung entstehen zu lassen“.

Eine besondere Form bewusster epistolarer Inszenierungs- und Fiktionalisierungsstrategien stellte WOLFGANG BUNZEL (Frankfurt) in seinem Vortrag „Post für die Zukunft. Bettine von Arnims ‚letzte Briefe‘“ vor. Im Mittelpunkt seiner Analyse standen das erste und das letzte Briefbuch Bettine von Arnims: Goethe’s Briefwechsel mit einem Kinde (1835) und Ilius Pamphilius und die Ambrosia (1848). Durch ihren „freie[n] Umgang mit der Chronologie“ und die Vermischung von realen und fiktiven Schreiben in Goethe’s Briefwechsel mit einem Kinde habe Bettine von Arnim die Wirklichkeit in ein „Spannungsverhältnis zur Welt des Möglichen“ gesetzt, während sie mit Ilius Pamphilius und die Ambrosia eine Rollenspiel-Korrespondenz mit Philipp Nathusius veröffentlichte. „Letzte Briefe“ sind, Bunzel zufolge, „zentrale Strukturelemente aller Briefbücher Bettine von Arnims“, zugleich führten die Briefbücher auch „Funktion und Leistung der Kategorie des ‚letzten Briefs‘“ als „epistolares Strukturierungselement“ vor Augen.

So unterschiedlich die Fragestellungen der Beiträge und die jeweiligen Perspektiven auf die Thematik waren, so breit ist auch das Spektrum von weiterführenden Fragen und Anregungen, die nochmals durch die Abschlussdiskussion vor Augen geführt wurden. Abschließend sei deshalb das fächerübergreifende Interessenspektrum hervorgehoben, das von der germanistischen Forschung bis zu Kommunikations- und Kulturwissenschaften reicht und das die Tagung in ihrer Gesamtkonzeption sowie die einzelnen Beiträge als solche bedienten. Weiterführende Anregungen, nochmals deutlich expliziert in der konstruktiven und ideenbringenden Abschlussdiskussion, erstrecken sich von gattungstheoretischen Überlegungen hinsichtlich der Grenzen und möglichen Grenzüberschreitungen der Gattung Brief über die Problematik der Fiktionalitäts- und Stilisierungsgrade selbst nicht-fiktionalen Schreibens, die besonders im Hinblick auf den metaphysisch aufgeladenen Closure-Charakter virulent wird, sowie der rhetorischen Formeln, die Authentizität bzw. Fiktionalität der Briefe unterstreichen (sollen), bis hin zur Frage, ob mit dem Brief nicht ein auf Serialität angelegtes Medium zur Kommunikation vorliegt, das die Geste des Abschiedsbriefs selbst als Abbruch von Kommunikation von vornherein als paradox erscheinen lässt.

Konferenzübersicht:

Jochen Strobel: „Pathos und Banalität des Endes. Der Abschiedsbrief als Gedächtnismedium und als ästhetische Inszenierung in Anthologien des 20. und 21. Jahrhunderts“

Isabel Schlinzig: „Ermahnung, Erbauung und Freundschaft über den Tod hinaus: Elizabeth Singer Rowes Abschiedsbriefe“

Tomas Sommadossi: „Letzte ‚Zwischenbriefe‘ in der Korrespondenz zwischen Johann Jakob Bodmer und Pietro di Calepio. Anmerkungen zum Brief-Wechsel von der Natur des poetischen Geschmackes (1736)“

Günter Oesterle: „Der letzte Brief im Streit. Das Prekäre des Freundschaftsbruchs“

Robert Vellusig: „‘Ach, lieber Freund! diese Scene ist aus!‘ Lessings letzter Brief“

Arne Klawitter: „‘Bald, o Freund, entschlüpf’ ich Dir / Schweigest Du noch länger mir‘. Korrespondenzen des Dichters und Freigeists Ludwig August Unzer‘“

Katja Kauer: „‘Mein Alter verbietet mir die Hoffnung auf der dauernden glücklichen Existens mit dem Geliebten‘ – Das Liebesade der Fürstin Louise von Anhalt-Dessau (1750-1811) an Aloys Hirt (1759-1837), hinterlegt als ‚letzter Brief‘ in ihrem Originaltagebuch“

Frank Baudach: „‘Also kein mündliches Lebewohl...‘ Das Ende der Freundschaft zwischen Johann Heinrich Voß und Friedrich Leopold Graf zu Stolberg“

Wolfgang Bunzel: Post für die Zukunft. Bettine von Arnims ‚letzte Briefe‘“

Olaf Briese: „Abschiedsbriefe zum Tode verurteilter Revolutionäre aus den Jahren 1848 und 1849“

Jörg Schuster: „Imagination und Proklamation. Letzte Briefe um 1900“

Jürgen Egyptien: „Letzte Worte des Meisters. Abschiede als Rituale im George-Kreis“

Tim Lörke: „Richtungsstreit um letzte Dinge. Gottfried Benns letzte Karte an F.W. Oelze“

Wojciech Kunicki: „Ernst Jünger und Henri Plard. Die letzten Briefe“

Sibylle Schönborn: „Facit/Fazit. Von Schreibblockaden, abgebrochenen und nicht zugestellten Briefen – Ingeborg Bachmanns Briefpoetik des Aufschubs“

Helmut Peitsch: „Günter Weissenborns Arbeit an den ‚Zeugnissen der letzten Stunde‘“

Anmerkungen:
[1] Vgl. das Exposé zur Tagung <http://www.germanistik-im-netz.de/wer-was-wo/17679> (12.10.2011)
[2] Ebd.

Zitation
Tagungsbericht: Letzte Briefe. Neue Perspektiven auf das Ende von/der Kommunikation, 30.06.2011 – 02.07.2011 Halberstadt, in: H-Soz-Kult, 13.10.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3863>.