German Post-/Colonial History in a Global Age

Ort
Berlin
Veranstalter
Freie Universität Berlin, University of Cambridge
Datum
15.09.2011 - 17.09.2011
Von
Sebastian Gottschalk, Freie Universität Berlin

Geschichtswissenschaftliche Forschung zum deutschen Kolonialismus hat seit den 1990er-Jahren Konjunktur. Nach einer ersten Welle von Arbeiten, die vornehmlich von kulturwissenschaftlichen Ansätzen und den Theorien der postcolonial studies inspiriert waren, zeichnet sich in jüngster Zeit eine neuerliche Belebung des Forschungsfeldes durch Einflüsse der global history und der transnationalen Geschichte ab. Ziel der von der Thyssen Stiftung geförderten Tagung „German Post-/Colonial History in a Global Age“ war es, diese aktuellen Trends der deutschen Kolonialismusforschung zu diskutieren und die weitere Entwicklung des Forschungsfeldes zu erörtern. Die Mehrzahl der auf der Tagung präsentierten Forschungsvorhaben untersuchen Kolonialismus nicht mehr nur als überseeische Territorialherrschaft im engeren Sinne oder als Verflechtungs- und Austauschprozess zwischen dem deutschen Kolonialreich und „seiner“ Metropole, sondern betrachten die deutsche Kolonialvergangenheit in einem breiteren, die zeitlichen und geographischen Grenzen des unmittelbaren Kolonialreiches deutlich überschreitenden Kontext. So spielten Fragen nach globalen Verflechtungen des deutschen Reiches auch jenseits seiner Kolonien und nach dem Zusammenhang von früher Globalisierung und kolonialer Weltordnung ebenso eine wichtige Rolle wie längerfristige Kontinuitätslinien kolonialer Denk- und Handlungsmuster oder die Rolle zweier postkolonialer deutscher Staaten in einer sich dekolonisierenden Welt nach 1960. Neben der Erweiterung des Blickwinkels über das deutsche Kolonialreich hinaus griffen mehrere Beiträge auch die häufig geäußerte Forderung nach einer Berücksichtigung der agency der Kolonisierten auf und widmeten sich der Frage nach Handlungsspielräumen betroffener Bevölkerungen und der Herausbildung kolonialer Subjekte.

Eröffnet wurde die Tagung am Donnerstagabend von ANDREW ZIMMERMAN (Washington DC), der in seiner keynote speech einen breit angelegten Entwurf präsentierte koloniale Geschichte global einzubetten und im Kontext verschiedener, die Grenzen von Imperien und Kontinenten überschreitender Entwicklungen zu interpretieren. So verband er die Geschichte der Revolutionen des 19. Jahrhunderts und des Red and Black Atlantic mit der europäischen Kolonisierung Westafrikas und deutete letztere als Teil einer globalen, antimodernen Konterrevolution. In einem Bogen, der von der Haitianischen Revolution über die europäischen Revolutionen von 1848 und den amerikanischen Bürgerkrieg bis zur deutschen Kolonisierung Togos reichte, zeichnete er das Bild einer auf vielfältige Weise verbundenen, atlantischen Modernisierungsbewegung „von unten“, die nicht nur in Europa und Nordamerika, sondern auch in Westafrika neue und alternative Lebens- und Gesellschaftsentwürfe hervorbrachte und im europäisch-nordamerikanischen Konservatismus einen entschiedenen Gegner fand.

Stärker um Prozesse innerhalb einzelner kolonialer Territorien ging es im ersten Panel am Freitagvormittag. ULRIKE SCHAPER (Berlin) zeigte in ihrem Vortrag zu Gerichtsprozessen im kolonialen Kamerun, dass koloniale Gerichtsbarkeit nicht nur Repressionsinstrument war, sondern auch von Afrikanerinnen und Afrikanern für eigene Belange genutzt und zu einer Form des self-empowerment angeeignet werden konnte. Gleichzeitig betonte sie aber, dass mit der Inanspruchnahme der Gerichte durch Afrikaner/innen auch eine Übernahme kolonialer Logiken und Referenzrahmen verbunden war. MARIE MUSCHALEK (Ithaca/NY) untersuchte Identitätsbildungsprozesse innerhalb der kolonialen Polizeitruppe in Deutsch-Südwestafrika und arbeitete heraus, wie verschiedene Formen militärischer und männlicher Ehrvorstellungen zusammen mit gewalttätigen und bürokratischen Praktiken zur Herausbildung einer spezifischen kolonialen Gruppenidentität beitrugen, innerhalb derer allerdings eine deutliche Trennung zwischen afrikanischen und deutschen Angehörigen der Truppe aufrechterhalten wurde.

Im Panel „German Colonialism and Islam“ untersuchte SEBASTIAN GOTTSCHALK (Berlin) am Beispiel der nördlichen Provinzen der deutschen Kolonie Kamerun die Besonderheiten kolonialer Herrschaft im islamisch geprägten Westafrika. Dabei verwies er einerseits auf die Bedeutung ambivalenter europäischer Islamdiskurse für die lokale Kolonialpolitik und zeigte andererseits am Beispiel westafrikanischer Mekkapilger die Rückwirkungen globaler, mit dem Islam verbundener Verflechtungen auf die koloniale Herrschaftspraxis. Auch im anschließenden Vortrag ging es um das Verhältnis von Kolonialismus und Religion: ARMIN OWZAR (San Diego) untersuchte die Rückwirkungen der Auseinandersetzung katholischer und protestantischer Missionen mit dem Islam in den Kolonien auf die interkonfessionellen Konflikte und Auseinandersetzungen in der Metropole. Er konnte zeigen, wie die interkonfessionelle Konkurrenz, die zunächst in den Kolonien ihre Fortsetzung fand, durch die Auseinandersetzung mit dem Islam einer Kooperation zwischen Katholiken und Protestanten wich, die sich vor allem gegen die – in den Augen der Missionen allzu islamfreundliche – Politik der Kolonialregierungen richtete und zur Herausbildung einer konfessionsübergreifenden Front gegen den Islam führte, die zunehmend kolonialpolitisch argumentierte.

Um die Einordnung des deutschen Kolonialismus in die Entwicklung des Imperialismus als gesamteuropäisches Phänomen ging es im Vortrag von ULRIKE LINDNER (Bielefeld): Sie betonte dabei vor allem die zahlreichen Gemeinsamkeiten und den intensiven Austausch zwischen den Kolonialmächten, arbeitete aber auch einige Spezifika des deutschen Falles heraus: Namentlich das ausgeprägte Rassenregime in Deutsch-Südwestafrika, die hohe Regulierungsdichte im deutschen Kolonialreich und die besondere Brutalität der deutschen Kolonialkriege vor allem gegen die Herero und Nama. Einen konkreten Vergleich zwischen zwei Kolonien unternahm FELICITAS BECKER (Cambridge), indem sie ausgehend von den unterschiedlich verlaufenen postkolonialen Entwicklungen Tansanias und Kenias nach möglichen Ursachen im Unterschied zwischen deutscher und britischer Kolonialherrschaft fragte. Dabei kam sie zu dem Schluss, dass vor allem ein unterschiedlicher Umgang der Kolonialbeamten mit indigenen Intermediären und von einander abweichende Siedlungspolitiken die postkoloniale politische Landschaft beider Länder beeinflusst hätten. Einschränkend betonte sie aber, dass diese Effekte aufgrund des frühen Endes der deutschen Kolonialherrschaft nur sehr vermittelt und abgeschwächt wirksam geworden wären.

Gleich zwei Vorträge befassten sich mit deutscher Kolonial- und Expansionspolitik in Ostmitteleuropa und ihrem Verhältnis zum Kolonialismus in Afrika: DÖRTE LERP (Frankfurt/Oder) untersuchte die Entwicklung der zeitgenössischen deutschen Debatten um die Siedlungspolitik in den östlichen Provinzen Preußens und in Deutsch-Südwestafrika und zeigte in Auseinandersetzung mit verschiedenen Siedlungsmodellen die Herausbildung des Lebensraum-Gedankens auf, welcher zu Beginn des 20. Jahrhunderts für Polen nur diskutiert, in Südwestafrika nach dem Herero-Genozid jedoch faktisch Realität wurde. PATRICK BERNHARD (Freiburg) setzte sich in seinem Vortrag mit der Debatte um Kontinuitäten zwischen der deutschen Kolonialpolitik und den NS-Expansionsplänen für Osteuropa auseinander. Dabei konnte er anhand vieler Beispiele eindrucksvoll zeigen, dass die NS-Planer sich bei ihren Entwürfen gerade nicht an den deutschen Kolonialkonzepten der Kaiserzeit orientierten, sondern sich vielmehr in ausdrücklicher Abgrenzung von diesen die Kolonialpolitik des faschistischen Italien zum bewunderten Vorbild nahmen.

Den zweiten Konferenztag eröffnete EMMA HUNTER (Cambridge) mit einer Präsentation über den deutschen Missionar und Linguisten Karl Röhl und sein Projekt einer neuen Swahili-Bibel für Ostafrika. Anhand der Kontroversen und Debatten, die über das Projekt auf verschiedenen lokalen, nationalen und auf internationaler Ebene geführt wurden, veranschaulichte Hunter nicht nur das Weiterwirken deutscher kolonialer Aktivitäten im Ostafrika der 1920er- und 1930er-Jahre, sondern demonstrierte auch die grenzüberschreitenden Verflechtungen intellektueller Diskurse um Religion, Sprache und Nation in der Zwischenkriegszeit.

BRITTA SCHILLING (London) präsentierte im Anschluss ihr Projekt zur privaten kolonialen Erinnerungskultur in Deutschland. Am Beispiel der Familien verschiedener prominenter Protagonisten des deutschen Kolonialismus und ihrer Familienarchive veranschaulichte sie, wie sich die private Erinnerung über mehrere Generationen veränderte, dabei auf unterschiedliche Weise mit den Entwicklungen und Brüchen in der kollektiven Erinnerung an die Kolonialzeit interagierte und zum Teil auch durch erneute Kontakte zwischen ehemaliger Kolonie und Metropole geformt wurde.

QUINN SLOBODIAN (Wellesley/MA) zeigte in seinem Vortrag zu internationalen Studierenden aus Asien und Afrika im geteilten Deutschland der 1960er-Jahre, wie die verschiedenen internationalen studentischen Vereinigungen, die sich zum Teil sogar über die deutsch-deutsche Grenze hinweg bildeten und sich im Geist von Bandung politisch engagierten, auf das Misstrauen beider deutscher Regierungen stießen. Hatten diese die Präsenz der Studierenden eigentlich als Beweis ihrer Weltoffenheit und Solidarität mit der Dritten Welt zu inszenieren beabsichtigt, so mussten sie schnell erkennen, dass die Vereinigungen auch politisch unbequeme Positionen – etwa Kritik am US-Interventionismus oder Sympathien für China – öffentlich vertraten, und versuchten dem Problem mit Maßnahmen wie dem Ausländergesetz von 1965 Herr zu werden. Um die Schwierigkeiten im Umgang mit der Präsenz von Menschen aus ehemals kolonialen Gebieten im Deutschland der Nachkriegszeit ging es auch im Vortrag von SUSANN LEWERENZ (Hamburg). Am Beispiel mehrerer Familien Schwarzer Zirkusdarsteller in der frühen DDR und der Diskussionen zwischen Zirkusbetreibern und DDR-Beamten um die Art der Präsentation ihrer Auftritte verdeutlichte sie die Bemühungen der jungen DDR um Selbstverortung in einer nicht nur postfaschistischen, sondern auch sich dekolonisierenden Welt: Neben der Abgrenzung gegen die faschistische und koloniale deutsche Vergangenheit spielten in den Debatten auch Positionierungen zu antikolonialen Bewegungen ebenso wie zu Rassismus und Bürgerrechtsbewegung in den USA eine wichtige Rolle.

Um die Repräsentation kolonialer Weltordnungen auf den Weltausstellungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ging es im Vortrag von CHRISTOF DEJUNG (Konstanz). Er untersuchte in diesem Zusammenhang das Zusammenspiel räumlicher und zeitlicher Ordnungssysteme zur Etablierung einer Weltordnung, in der sich nicht nur der „Westen“ gegen den „Rest“ abgrenzte, sondern auch verschiedene europäische Nationen ihren Platz in der westlichen Welt bestimmten. Anhand nationaler Gewerbeausstellungen in Deutschland und der Schweiz argumentierte Dejung, dass auch diese Länder, die auf Weltausstellungen keine kolonialen Bevölkerungen präsentierten, dies im nationalen Rahmen sehr wohl taten und sich somit ebenfalls innerhalb einer symbolischen Weltordnung verorteten, die von kolonialen Diskursen und Bildwelten geprägt war. Die Konferenz wurde durch vergleichende Kommentare von SEBASTIAN CONRAD (Berlin) und RICHARD EVANS (Cambridge) beschlossen, die die Befunde der Tagung in den Kontext der deutschen Geschichte einerseits, der globalen Geschichte des Kolonialismus andererseits einordneten.

Die Konferenz war die zweite in einer Reihe von vier Tagungen zur deutschen Geschichte im Zeitalter der Globalisierung, die halbjährlich im Rahmen einer Kooperation der Universitäten Cambridge, Berlin (Freie Universität), Konstanz, Freiburg und Sheffield abwechselnd in Deutschland und Großbritannien stattfinden. Eine erste Konferenz mit dem Titel „Migration, Mobility and Movement in Modern German History“ fand bereits im März dieses Jahres in Cambridge statt. Fortgesetzt wird die Reihe im März 2012 mit einer Tagung zu „Germany and World Religions in the 19th and 20th Centuries“ wiederum in Cambridge.

Konferenzübersicht

Keynote Speech:
Andrew Zimmerman (George Washington University): The German Empire, the Atlantic Revolutions of the Nineteenth Century, and the Colonial Construction of the Precolonial

Introduction
Sebastian Conrad (Freie Universität Berlin)

Panel I: Colonial Subjects and Identities

Ulrike Schaper (Freie Universität Berlin): Colonial subjectification at court? Trials as a means to become a colonial subject in Cameroon 1884-1916

Marie Anna Muschalek (Cornell University): Honor and Bureaucracy: Formations of Violent Identities in the Colonial Police Force of German Southwest Africa

Chair: Sebastian Conrad (Freie Universität Berlin)

Panel II: German Colonialism and Islam

Sebastian Gottschalk (Freie Universität Berlin): Colonial Rule and Islam in West Africa: The Case of German North Cameroon

Armin Owzar (University of California, San Diego): From Interdenominational to Interreligious Competition: Protestantism, Catholicism, and Islam in Colonial Africa, Germany and Europe, 1890-1920

Chair: Sebastian Conrad (Freie Universität Berlin)

Panel III: German Colonialism compared – European and African Dimensions

Ulrike Lindner (Universität Bielefeld): German colonialism within the development of European imperialism. Common features – exceptional aspects

Felicitas Becker (University of Cambridge): Kenya and Tanzania: is there a discernible 'German heritage' in the latter (even if indirect)?

Chair: Jürgen Osterhammel (Universität Konstanz)

Panel IV: From Africa to Poland? German Colonialism in Eastern Europe

Dörte Lerp (Europa-Universität Viadrina): Farmers to the Frontier. Settler Colonialism in the Eastern Prussian Provinces and German Southwest Africa

Patrick Bernhard (Freiburg Institute for Advanced Studies): From Libya to the Generalgouvernement. Italian colonialism as a model for the German planning in Eastern Europe

Chair: Jürgen Osterhammel (Universität Konstanz)

Panel V: Postcolonial Germany and the Memory of Colonialism

Emma Hunter (University of Cambridge): Language, empire and the world: Karl Röhl and the entangled history of the Swahili Bible in East Africa

Britta Schilling (University College London): Imperial Heirlooms: the Private Memory of Colonialism in Germany

Quinn Slobodian (Wellesley College): Bandung in Germany: Postcolonial Education Migrations in East and West

Chair: Richard Evans (University of Cambridge)

Panel VI: Exhibiting World Orders – Colonial and Postcolonial

Christof Dejung (Universität Konstanz): Time travels through the world. Temporal and spatial orders on world fairs in the colonial period

Susann Lewerenz (Universität Hamburg): Negotiating past and present: Black circus artists in the early GDR

Chair: Barbara Könczöl (University of Cambridge)

Concluding Remarks:

Sebastian Conrad (Freie Universität Berlin)

Richard Evans (University of Cambridge)

Zitation
Tagungsbericht: German Post-/Colonial History in a Global Age, 15.09.2011 – 17.09.2011 Berlin, in: H-Soz-Kult, 04.11.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3876>.