1968 und die ,68er‘ – Ereignisse, Wirkungen und Kontroversen in der Bundesrepublik

Ort
Würzburg
Veranstalter
Lehrstuhl für Neueste Geschichte, Universität Würzburg
Datum
14.10.2011 - 15.10.2011
Von
Gerrit Dworok, Lehrstuhl für Neueste Geschichte, Universität Würzburg

Die historiografische Analyse der 68er-Bewegung erlebt seit rund zehn Jahren, im Zuge der Überschreitung der 30-Jahres-Sperrfrist der Archive, einen Aufschwung. Bis dahin galt 1968 in Bezug auf die Entwicklung bundesrepublikanischer Kultur, Mentalität und Demokratiefähigkeit weithin als Schlüsseljahr des Fortschritts und der Aufklärung. Die „68er“ hätten mit ihrem Protest die autoritäre Ära Adenauer endgültig beendet und eine neue, offenere und liberalere Zeit eingeleitet.[1] Nicht zuletzt die Affäre um Joschka Fischer im Jahre 2001 hat diese zumeist von Akteuren der Protest-Bewegung etablierte Sichtweise erschüttert und eine kontroverse Debatte über die Rolle der 68er-Bewegung in der Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland in Gang gesetzt. Der Politologe Michael Schmidtke hat 2003 auf diesen Umstand hingewiesen und deutlich gemacht, dass für die Bewertung der langfristigen Folgen von 1968 zunächst eine umfassende Erforschung der Vorgeschichte, der Ideen und der Ereignisse dieses Jahres zu erfolgen habe.[2] Der Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg griff diese noch längst nicht erledigte Forderung auf und lud Nachwuchswissenschaftler, Zeitzeugen und ausgewiesene Fachleute am 14. und 15. Oktober 2011 zu einer geschichtswissenschaftlichen Tagung nach Würzburg. Unter Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstandes sollten ereignis-, struktur- und begriffsgeschichtliche Perspektivierungen unternommen werden, um die „Chiffre“[3] 1968 zu entschlüsseln. Dabei wurde bewusst eine dezidiert bundesrepublikanische Perspektive gewählt, um der besonderen Entwicklung der bundesdeutschen Protestbewegung in Hinblick auf marxistische und sozialistische Traditionen, die NS-Vergangenheit sowie die Sondersituation der deutschen Teilung Rechnung zu tragen. Konzeption und Organisation lagen in den Händen von Gerrit Dworok (Würzburg) und Christoph Weißmann (Würzburg). Moderiert wurde die Veranstaltung von Wolfgang Altgeld (Würzburg).

Die Tagung umfasste sieben jeweils anschließend diskutierte Vorträge und zwei aparte einstündige Gesprächsrunden:

GERRIT DWOROK (Würzburg) untersuchte in seinem Beitrag den Faschismusbegriff der „68er“. Dieser sei zu Beginn der Studentenbewegung noch differenziert betrachtet und diskutiert worden, habe sich aber mit der Radikalisierung der Proteste auf den marxistischen Theorien entnommenen Zusammenhang zwischen Faschismus und Kapitalismus verengt, was Dworok anhand von Textanalysen zu Johannes Agnoli und H.C.F. Mansilla belegte. Von großen Teilen der 68er-Bewegung sei der Faschismusbegriff vornehmlich als Kampfbegriff genutzt worden, um die Bundesrepublik und die USA als tendenziell faschistische, bürgerliche Herrschaften zu bezeichnen und öffentlich wirksam zu diskreditieren. In der Verwendung des marxistischen Faschismusbegriffs durch einen großen Teil der „68er“ sei demnach eine anti-bundesrepublikanische Einstellung offenbar geworden, die der 68er-Bewegung in weiten Teilen innewohnte.

KRISTOF NIESE (Bonn) fragte nach dem Einfluss, den das „Kursbuch“ 1968 auf die Außerparlamentarische Opposition genommen hat. Er verwies auf die zunehmende Politisierung der anspruchsvollen Zeitschrift, die mit einer Auflagensteigerung von 10.000 auf rund 50.000 Exemplare im Jahre 1968 eine weite Verbreitung fand. Ferner analysierte er die politischen Inhalte der Kursbuchbeiträge und kam zu dem Schluss, dass das „Kursbuch“ 1968 durchaus als eine der zentralen politischen Schriften der „68er“ zu gelten habe. Der Kursbuch-Herausgeber Hans Magnus Enzensberger habe durch Auswahl und Redaktion der Texte bewusst den Versuch unternommen, meinungsbildend wirksam zu werden. Die in einer Nachfrage aus dem Publikum unterstellte Schreibtischtäterschaft Enzensbergers in Bezug auf die Radikalisierung der Proteste wies Niese jedoch entschieden zurück und gab zu bedenken, dass Enzensbergers Engagement im „Kursbuch“ nicht auf 1968 zu beschränken, sondern immer in größere Zusammenhänge einzuordnen sei.

MATTHIAS STANGEL (Köln) hob hervor, dass der Begriff des Nationalen in der bundesrepublikanischen Neuen Linken, besonders aber im Sozialistischen Deutschen Studentenbund, kaum eine Rolle spielte und darüber hinaus als antiquiert und reaktionär galt. Jedoch gab es dabei prominente Ausnahmen: so etwa Rudi Dutschke. Dieser, so konnte Stangel anhand eines spektakulären neuen Quellenfundes zeigen, hatte zwar durchaus ein ambivalentes, aber eben auch ein von Patriotismus, Romantik und Pathos geprägtes Verhältnis zu Deutschland, das er sich als vereinigten sozialistischen Staat zwischen den Machtblöcken des Kalten Krieges vorstellte. Vor allem aus taktischen Gründen habe Dutschke diese Position in den 1960er-Jahren nicht öffentlich vertreten, weil sie im Sozialistischen Deutschen Studentenbund nicht mehrheitsfähig war und überdies ein Reizthema darstellte. In einem Ausblick verwies Stangel ferner auf die Hinwendung stalinistisch-maoistischer Splitter-Organisationen zum (befreiungs)nationalen Kommunismus im Nachgang von 1968.

MATTHIAS STICKLER (Würzburg) ordnete die studentischen Verbindungen der Bundesrepublik in die bundesdeutsche Studierendenschaft der 1960er-Jahre ein und fragte nach der Rolle, die den Verbindungen in den Jahren des 68er-Protests zukam. Stickler konnte zeigen, dass sich die Selbstwahrnehmung der Corps, Burschenschaften und katholischen Korporationen im Zuge des Protests veränderte. Denn die korporierten Studenten, die, trotz prominenter Ausnahmen wie Rezzo Schlauch, in der Regel nicht den „68ern“ angehörten, mussten im Zuge der 68er-Bewegung erkennen, dass sie ihre im 19. Jahrhundert erworbene Position als revolutionäres Zugpferd der Studentenschaft endgültig verloren hatten und eine Art Randgruppe bildeten, die auf aktuelle Orientierungen der Zeit kaum Einfluss ausüben konnte. Jedoch sei es vereinzelt zu Beeinflussungen der Verbindungen durch die „68er“ gekommen. So wurde etwa in einigen wenigen Verbindungen die Aufnahme von Frauen diskutiert und viele korporierte Studenten stimmten mit den „68ern“ in der Ablehnung der Notstandsgesetze überein.

GERD LANGGUTH (Bonn) vertrat die These, dass die 68er-Bewegung weiter historisiert werden müsse, um die noch fortwährende Hegemonie politisch motivierter Darstellungen des Ereignisses zu durchbrechen. Nicht bloß die langfristigen Wirkungen, sondern die konkreten politischen Ziele, die Aktionen und die Ideenwelt von 1968 gelte es zu untersuchen. Schon in den 1950er- und frühen 1960er-Jahren sei es zu bahnbrechenden gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in der Bundesrepublik gekommen und deshalb sei die These zu verwerfen, erst die „68er“ hätten mit ihrem Protest die Bundesrepublik liberalisiert und demokratisiert. Anhand des Gewaltbegriffs und -gebrauchs führender Vertreter der Bewegung, besonders also anhand der fragwürdigen, weil nicht sauber voneinander zu trennenden Unterscheidung von Gewalt gegen Sachen und Gewalt gegen Menschen, illustrierte Langguth das anti-pluralistische Denken und Handeln vieler „68er“. Die Tatsache, dass viele Akteure von damals heute in wichtigen politischen Ämtern der Republik sitzen, wertete er als Zeichen für die politische Integrationskraft des bundesrepublikanischen Staates!

PHILIPP GASSERT (Augsburg) analysierte den Begriff Antiamerikanismus als doppelbödiges Phänomen. So verwies er zum einen auf die sowohl sozialistisch-kommunistische als auch konservative Ablehnung des „American Way of Life“, also auf eine Kapitalismus- sowie Kulturkritik, wie sie in Deutschland schon seit dem frühen 20. Jahrhundert in Teilen der Gesellschaft Tradition hat. Zum andern konnte er zeigen, dass der deutsche Antiamerikanismus auch immer als Suche nach eigener Identität funktioniert hat. Beide Ebenen haben im Antiamerikanismus der „68er“ eine Rolle gespielt. Ferner machte Gassert anschaulich, dass der Antiamerikanismus-Begriff für ein Paradoxon steht: Denn in ihm treffen sich in einem seltsamen Wechselverhältnis Bewunderung und Ablehnung der amerikanischen Lebensauffassung. In Bezug auf die „68er“ trennte Gassert bewusst scharf zwischen irrationalen Ressentiments gegen US-amerikanische Lebensweisen und berechtigter Kritik an der US-amerikanischen Außenpolitik der späten 1960er-Jahre.

Schließlich gewährte ROLF STOLZ (Köln) an den Beispielen Köln und Tübingen Einblicke in das Innenleben des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), der in der Außerparlamentarischen Opposition eine führende und koordinierende Rolle einnahm. Der SDS sei ob seiner basisdemokratischen Grundausrichtung höchst zerstritten gewesen, wobei in den Traditionalisten, einer dem orthodoxen Marxismus zugeneigten Gruppierung, und den Antiautoritären, einer undogmatischen und weitestgehend unorganisierten Gruppierung, die Hauptströmungen des Studentenbundes zu erkennen waren. In Bezug auf zwölf relevante Themen der „68er“, darunter etwa der Faschismusbegriff, die Gewaltfrage und die sexuelle Befreiung, vertrat Stolz Positionen, wie sie damals im SDS vorherrschten, ohne dabei auf die politischen Einstellungen seiner Zuhörer zu achten und sich fortwährend zu rechtfertigen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass sein Vortrag in eine lange und sehr ertragreiche Diskussion mündete.

Die Würzburger Tagung war geprägt durch verschiedene historische Perspektiven und die sich daraus entwickelnden kontroversen Diskussionen. Während Dworok, Stangel und Gassert begriffsgeschichtliche Ansätze verfolgten, richteten Stickler, Niese und Stolz ihren Fokus auf die Strukturgeschichte von 1968. Langguth verband beides mit einer genaueren Darstellung der Ereignisgeschichte. Ein wichtiges Ergebnis der Tagung ist in der zeitlichen und personellen Zuschreibung von 1968 zu sehen. So stimmten alle Vortragenden darin überein, dass, erstens, die Chiffre 1968 eigentlich für den Zeitraum 1967 bis 1969 steht und dass, zweitens, von den „68ern“ nicht ohne weiteres gesprochen werden kann. Denn hinter dieser Sammelbezeichnung versteckt sich eine heterogene Bewegung, die historisch nur vage zu fassen ist. Deshalb muss der Begriff der „68er“ sich immer auf zentrale Aussagen, Texte und Aktionen führender Akteure der Bewegung beziehen und kann nur in solchen Fällen für große Gruppen stehen, in denen diese quellenmäßig erfassbar werden. Ferner wurden viele Argumente für die Ansicht geliefert, dass 1968 als Kulminationspunkt und Verstärker von verschiedensten Veränderungen, nicht aber als Ausgangspunkt gesellschaftlichen Wandels oder gar als zweite Gründung der Bundesrepublik zu gelten hat.

In den kontroversen aber stets sachlichen Diskussionen taten sich zwei Problemkreise auf, die es zukünftig näher zu erforschen gilt. Erstens muss danach gefragt werden, welchen Einfluss protest-nahe Zeitschriften wie beispielsweise die „neue kritik“, „Das Argument“ und eben auch das „Kursbuch“ konkret auf die Akteure ausübten, in welchem Verhältnis also die rapide ansteigende Anzahl von Publikationen, einschlägigen Verlagsreihen und neuen Verlagen zu den politischen Geschehnissen dieser Zeit stand. Zweitens muss vermehrt auf konkrete Ereignisse der Jahre 1967 bis 1969 Bezug genommen werden. Das heißt, die Quellenarbeit zur 68er-Bewegung muss intensiviert und regionale Aspekte der Bewegung müssen näher beschrieben werden, so dass in einigen Jahren ein tiefenschärferes Gesamtbild der Bewegung zu zeichnen ist, das weniger auf Erzählungen von Zeitzeugen beruht, als auf der Zusammenführung quellenbasierter Darstellungen der 68er-Bewegung in der Bundesrepublik Deutschland.

Konferenzübersicht:

Gerrit Dworok (Würzburg): Faschismusbegriffe- und Deutungen der „68er“ zwischen Wissenschaft und Klassenkampf

Kristof Niese (Bonn): Das Kursbuch 1968

Matthias Stangel (Köln): Positionen der „68er“ zur nationalen Frage in Deutschland

Diskussion

Matthias Stickler (Würzburg): Das studentische Verbindungswesen und die Proteste des Jahres 1968 an den deutschen Hochschulen

Gerd Langguth (Bonn): Die 68er-Bewegung und gesellschaftlicher Wandel in der Bundesrepublik – Motor, Katalysator oder Profiteur?

Philipp Gassert (Augsburg): Antiamerikanismus und Antiimperialismus um 1968: Proteste gegen die US-Außenpolitik

Rolf Stolz (Köln): Der SDS und 1968 – Innensicht(en)

Schlussdiskussion

Anmerkungen:
[1] Vgl. Thomas Etzemüller, 1968 – Ein Riss in der Geschichte? Konstanz 2005, S.8.
[2] Vgl. Michael Schmidtke, Der Aufbruch der Intelligenz. Die 68er Jahre in der Bundesrepublik und den USA, Frankfurt am Main/New York 2003, S.26f.
[3] Wolfgang Kraushaar, 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur, Hamburg 2000.

Zitation
Tagungsbericht: 1968 und die ,68er‘ – Ereignisse, Wirkungen und Kontroversen in der Bundesrepublik, 14.10.2011 – 15.10.2011 Würzburg, in: H-Soz-Kult, 14.11.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3889>.