Freundschaft. Eine politisch-soziale Beziehung in Deutschland und Frankreich 12.-19. Jahrhundert

Ort
Paris
Veranstalter
Bertrand Haan / Christian Kühner, Deutsches Historisches Institut Paris
Datum
03.07.2011 - 06.07.2011
Von
Oliver Mallick / Regina Schleuning, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Freundschaft als eine politisch-soziale Beziehung in Deutschland und Frankreich stand im Mittelpunkt des von Bertrand Haan und Christian Kühner am Deutschen Historischen Institut Paris organisierten 8. Sommerkurses, der vom 3. bis 6. Juli 2011 Nachwuchswissenschaftler mehrerer europäischer Länder zusammenführte. Die Bandbreite der Vorträge reichte von Klosternetzwerken des 12. bis hin zu Homosexualitätsskandalen des 19. Jahrhunderts, und bot in zehn thematischen Sektionen Einblick in Kontinuitäten und Brüche des abendländischen Freundschaftsverständnisses. Bereits in ihrer Einführung wiesen die Organisatoren auf die Vielgestaltigkeit des sozialen Phänomens Freundschaft hin, das je nach Epoche und sozialem Kontext differiert, und sich somit einer allgemeingültigen Definition entzieht. Dass ein vergleichender Blick dennoch lohnt, stellten die verschiedenen Beiträge durch die Offenlegung der Zeit und Raum übergreifenden Gemeinsamkeiten in Konzeption, Sprache und Praktiken der Freundschaft unter Beweis.

Den Auftakt der Tagung bildete unter der Leitung von Klaus van Eickels (Bamberg) die Auseinandersetzung mit Freundschaft in Briefen und literarischen Werken des Mittelalters.

MICOL LONG (Pisa) machte am Beispiel der Korrespondenz des Petrus Venerabilis, Abt von Cluny, die Bedeutung von Freundschaftsnetzwerken zwischen monastischen Zentren des 12. Jahrhunderts deutlich. Petrus' Briefe seien Zeugnisse von Freundschaftspraktiken und theoretischen Reflexionen darüber, die antikes Erbe mit christlichen Vorstellungen von Gleichheit und Barmherzigkeit verbanden. Freundschaft erscheine dabei als eine Beziehungsform, die Männer unterschiedlicher sozialer Herkunft religiös, politisch und affektiv miteinander verband, sie aber trotz der Nähe zur Liebessemantik nicht dem Homosexualitätsverdacht aussetzte.

VANESSA OBRY (Paris) beschäftige sich mit der sozialen und narrativen Funktion von Frauenfreundschaften in französischsprachigen Romanen des 13. Jahrhunderts. Sie stellte heraus, dass außer des in der mittelalterlichen Literatur vorherrschenden Topos der untrennbaren Freundschaft zwischen männlichen Helden entsprechende Beziehungen zwischen Frauen ebenfalls thematisiert wurden und einen erheblichen Beitrag zu weiblichem Heldentum leisteten.

Die zweite Sektion unter dem Vorsitz von Bénédicte Sère (Paris) und Stéphane Péquignot (Paris) widmete sich weiterhin dem Mittelalter, nahm aber mit „Freundschaft unter Fürsten und Kaufleuten“ andere soziale Dimensionen in den Blick.

In ihrem Vortrag über Händler im Marseille des 14. Jahrhunderts zeigte LAURE-HÉLÈNE GOUFFRAN (Marseille) an einem Fallbeispiel auf, welche Bedeutung Freundschaftsbeziehungen für die Konstruktion sozialer Identität hatten. Gleichzeitig wies sie auf grundlegende Untersuchungsprobleme hin wie die Quellenlage und die Überschneidung der Semantik verschiedener sozialer Beziehungen. Diese würfen die Frage nach Authentizität der schriftlich überlieferten Freundschaftssprache auf, die – wie die anschließende Diskussion zeigte – nicht überprüft werden kann. Somit könne auch nur die Untersuchung einer „réalité discursive“, deren Kontext und Funktion vorgenommen werden, wobei die Verwendung einer soziologischen Freundschaftsdefinition als Analysekategorie anachronistisch sei.

MANUEL GUAY (Paris) behandelte Fürstenfreundschaften im 15. Jahrhundert und damit Freundschaftsrhetorik im Kontext politischer Beziehungen. Politische Freundschaft ergebe sich dabei häufig aus dem Gegensatz Freund-Feind und werde beeinflusst von der jeweiligen Macht eines Fürsten. Obwohl ein Großteil der Fürstenfreundschaften zwischen Männern bestand, konnten im höfischen Handlungsrahmen auch Fürstinnen zu Freundinnen werden. Dabei gingen sie vorrangig Freundschaften zu Geschlechtsgenossinnen der Adelsfamilie ein, in die sie einheirateten, wodurch sie die bereits bestehenden Verbindungen stärkten.

Die dritte Sektion setzte sich unter der Leitung von Bertrand Haan (Paris) mit „Ideal und Praxis“ von Freundschaft auseinander.

JUDITH SRIBNAI (Paris/Montréal) demonstrierte anhand utopischer Romane von Cyrano de Bergerac, wie dieser Freundschaft als Beziehung konzipiere, die auf Gleichheit der Seelen und Wahl beruhe. Dabei wende er sich gegen ein auf Austausch von Gütern und Diensten basierendes Freundschaftsverständnis, wie er es im politischen Raum vorfand, und setze dem eine ‚neue’, um eine körperliche Komponente erweiterte Politik entgegen, in der aus einer Sympathie der Seelen eine Sympathie der Körper und ein Austausch in Form einer „circulation vitale“ entstehen solle.

MARJORIE DENNEQUIN (Grenoble/Lyon) beschäftigte sich in ihrem Beitrag mit Freundschaftspraktiken innerhalb einer Frauenkongregation im Grenoble des 17. Jahrhunderts. Sie erbrachte einen weiteren Beleg für Frauenfreundschaften und zeigte auf, wie diese eine spezifische, nämlich spirituelle Dimension erhalten konnten. Freundschaft sei zunächst Schöpferin einer ‚unsichtbaren‘ Beziehung zu Gott, die dann in ihren Auswirkungen in der menschlichen Gemeinschaft ‚sichtbar‘ werde. Die so zwischen den Angehörigen des Konvents entstandene Freundschaft überwinde soziale Unterschiede und verbinde diese – insbesondere angesichts von Anfeindungen – zu einer ‚Solidargemeinschaft‘.

Die vierte Sektion befasste sich unter dem Vorsitz von Jean Boutier (Marseille) mit „Freundschaftsnetzwerken“.

ADELINE REGE (Paris) wies anhand der Aufzeichnungen des hugenottischen Architekten Simon-Louis Du Ry die Bedeutung sozialer Netzwerke auf Reisen im 18. Jahrhundert nach. Sie stellte heraus, dass verschiedene soziale Nahbeziehungen und die daraus bezogene Unterstützung für die Organisation und Durchführung einer Bildungsreise unerlässlich gewesen seien. Mehr noch, seien entsprechende Reisen nicht allein aufgrund der beruflichen Ausbildung, sondern in starkem Maße für den Aufbau und die Pflege sozialer Netzwerke unternommen worden.

MURIEL BASSOU (Grenoble) behandelte die Auswirkungen der Umdeutung und Idealisierung von Jugend und Freundschaft auf literarische Geselligkeitsformen um 1800. Dabei nahm sie nach der Revolution neu entstandene Erziehungseinrichtungen in den Blick und fragte nach den Auswirkungen dieser auf den Wandel vom ‚alten‘ Salon zum ‚neuen‘ literarischen Kreis. Am jungen Stendhal und der ihn umgebenden Freundesgruppe wies sie nach, dass die genannten Einrichtungen tatsächlich zur Herausbildung neuer männlicher Geselligkeitsformen beigetragen haben. Dadurch zeige sich, welche Relevanz dem jeweiligen Ort und Kontext von Freundschaftsschlüssen zukam und der Umbruchcharakter der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert.

Die fünfte Sektion war „Freundschaft und religiöse Leidenschaft“ gewidmet und wurde geleitet von Nicolas Le Roux (Lyon).

CLARISSE ROCHE (Paris) demonstrierte über einen prominenten Einzelfall wie im 16. Jahrhundert die Freundschaft zwischen den jesuitischen Mitbrüdern Paulus Florenius und Christian Francken medial aufbereitet in der religiösen Polemik zwischen Katholizismus und Protestantismus genutzt worden war. Im Mittelpunkt der publizistischen Debatte stand eine Freundschaft, die Anlass für Konversion und deren Bruch Grund für den Widerruf derselben gewesen war. Beides sei von den Konfessionen jeweils als Beleg für die Glaub- bzw. Unglaubwürdigkeit des religiösen Engagements der beiden Freunde instrumentalisiert worden.

YANN RODIER (Paris) beschäftigte sich mit dem Zusammenhang von Freundschaftskonzeptionen und soziopolitischer Lage Frankreichs im 17. Jahrhundert. Im Fokus zeitgenössischer theoretischer Abhandlungen stand Freundschaft als Medium der Wiederherstellung und Bewahrung der Harmonie nach den Religionskriegen. Gleichzeitig schlugen sich in ihr neue Anforderungen an eine auf nationalen Gefühlen beruhende ‚amitié politique’ nieder, in der sich als ‚Bon François‘ erwies, wer den König liebte, und alles, was ihm entgegenstand, hasste.

Die sechste Sitzung, unter der Leitung von François-Joseph Ruggiu (Paris), befasste sich mit dem Thema „Freundschaft und konfessionelle Koexistenz“.

JÉRÉMIE FOA (Lyon) sprach über die pactes d’amitié zur Zeit der Religionskriege in Frankreich. Diese seien, so Foa, erst in jüngster Zeit verstärkt als Quellen für die Untersuchung der Überwindung religiöser Konfliktsituationen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts herangezogen worden und würden eine Möglichkeit konfessioneller Koexistenz belegen. In seinen Ausführungen wies er darauf hin, dass die in diesen „Pakten“ verwendete Freundschaftsrhetorik primär dazu diente, Vertrauen zu schaffen. Gemäß dem Verständnis des damit einhergehenden Freundschaftsbegriffs wurde eine Zweiteilung vorgenommen: Die den Pakt schließenden Parteien waren Freunde, alle anderen wurden als Feinde angesehen. Zu diesen Feinden, deren Religionszugehörigkeit dabei meist irrelevant war, zählten z.B. Diebe, Soldaten oder Ortsfremde.

Im Anschluss daran zeigte AURÉLIE PRÉVOST (Nancy) anhand von politischen und religiösen Diskursen auf, welchem Verständnis Freundschaften zwischen Protestanten und Katholiken im Frankreich des 17. Jahrhunderts folgten. Aus religiöser Sicht waren solche Freundschaften nicht grundsätzlich verboten, es wurde aber erwartet, die Verpflichtungen vor Gott nicht außer Acht zu lassen und ihnen oberste Priorität einzuräumen. Aus politischer Sicht wurde, so schon bei Michel de l’Hospital, die politisch-staatsbürgerliche Zugehörigkeit der religiösen übergeordnet. Letztlich sollte ein Freund daher vor allem ein zweites Selbst sein: Freundschaft war abhängig von der Tugend der Personen und die Konfession spielte eine untergeordnete Rolle. Und ähnlich wie beim Freundschaftspakt im 16. Jahrhundert musste die Freundschaft öffentlich gezeigt werden, um ihre Aufrichtigkeit zu unterstreichen.

Unter dem Vorsitz von Lucien Bély (Paris) ging es in der siebenten Sitzung um „Freundschaft unter fürstlichen und adligen Frauen“ am Beispiel von zwei Königinnen aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Anhand des Briefwechsels von Katharina von Medici mit anderen Frauen, der dabei verwendeten Formulierungen und des Inhalts stellte MATTHIEU GELLARD (Paris) die Frage, ob auch eine Königin von Frankreich Freundinnen haben konnte. Diese Frage lässt sich bejahen. In den privaten und semi-offiziellen Briefen bediente sich die Königin einer vordergründig affektiven Sprache, um die zum Teil langjährigen Beziehungen zur jeweiligen Adressantin hervorzuheben und weiterhin zu pflegen. Zugleich sollte der Kontakt zu verschiedenen Frauen aber auch als Ausgangspunkt dienen, mit deren Ehemännern oder Verwandten in Verbindung zu treten. Das heißt, die Freundinnen der Königin waren ihr nicht nur durch Zuneigung verbunden, sondern erfüllten mitunter wichtige Mittlerfunktionen in den politischen und konfessionellen Krisenzeiten.

OLIVER MALLICK (Freiburg/Paris) hat wiederum mittels des Briefwechsels von Anna von Österreich ein Beispiel für eine fürstliche Freundin im Frankreich des 17. Jahrhunderts beigebracht. Zum einen belegte die Analyse ihrer Korrespondenz, dass eine affektive Rhetorik und standardisierte Redewendungen auch hier typische Kennzeichen waren, um Freundschaften zu pflegen, Unterstützung einzufordern und Gunstbeweise zu versprechen. Zum anderen waren die Freundschaften der Königin immer auch Bestandteil eines Patron-Klient-Verhältnisses, da eine Trennung dieser beiden Ebenen aufgrund ihres Ranges so nicht zu vollziehen war: Sie konnte folglich Patronin sein, ohne Freundin zu sein, aber sie war nie Freundin, ohne zugleich Patronin zu sein. Der tatsächliche Grad der Zuneigung – zumindest bei Personen, die nicht oder nur selten am Hofe verkehrten – war daher sekundär.

In der achten Sitzung unter der Leitung von Christian Kühner (Florenz) wurde der Blick von fürstlicher Freundschaft auf „Freundschaft am Hof“ und „Freundschaft zwischen Höfen“ ausgeweitet.

REGINA SCHLEUNING (Freiburg) betrachtete in ihren Ausführungen Freundschaften von Frauen am Hofe Ludwigs XIV. Dabei zeigte sich, dass Freundschaften zwischen Frauen nicht nur von einer affektiven Rhetorik in Briefen gekennzeichnet waren, sondern aufgrund ihrer häufigen bis ständigen Präsenz am Hofe durch gemeinsame Aktivitäten, den Austausch von Geschenken und gegenseitiger Unterstützung zusätzlich gestärkt wurden. Zudem nutzten die Frauen diese Nahbeziehungen zum Aufbau und zur Vergrößerung ihrer Kontaktnetze, zur Informationsbeschaffung und als Mittel der Klientelpolitik. Zugleich eröffnete sich dadurch die Möglichkeit von Freundschaften zwischen Männern und Frauen, ohne dass sich hierbei prägnante Unterschiede zur reinen Frauen- oder Männerfreundschaft feststellen ließen. Tatsächlich lag am Hofe eine geschlechtsunspezifische Auffassung von Freundschaft vor.

Anschließend erläuterte TILMAN HAUG (Bern) die Ausprägungen von Freundschaft in den diplomatischen Beziehungen Frankreichs und des Heiligen Römischen Reiches zwischen den Friedensschlüssen von Westfalen und Nimwegen (1648-1679). In dieser Zeit verdichtete sich die Verwendung des Freundschaftsbegriffs (amitié), in die allerdings oftmals die „Normen von Patron-Klient-Beziehungen“ mit hineinspielten. Ein wichtiges Merkmal der diplomatischen Freundschaft war dabei der Informationsaustausch. Zwar waren die freundschaftlichen Beziehungen zwischen verschiedenen Ländern oft situationsbedingt und konnten dementsprechend verschiedene Ausformungen annehmen. Aber unabhängig davon, lässt sich eine gewisse Konventionalisierung der Freundschaftsrhetorik in der diplomatischen Korrespondenz nachweisen, die unabhängig von Allianzen für alle Staaten konstitutiv war.

In der neunten Sitzung, die Gilles Pécout (Paris) leitete, wurde die Frage nach „Neuen politischen Freundschaften an der Wende zum 20. Jahrhundert“ aufgeworfen.

CHRISTOPHE PORTALEZ (Avignon) untersuchte die Ausdrucksmöglichkeiten und den Praxisgehalt von Freundschaft am Fallbeispiel eines politischen Klientelnetzwerkes im Département Vaucluse (1885-1891). Als Ausgangspunkt diente die politische Korrespondenz des Abgeordneten Alfred Michel. Die Gesuche, die er erhielt, und sein Umgang damit stehen zum Teil in der Tradition der schon im Ancien Régime üblichen Verquickung von Patron-Klient-Verhältnissen und Freundschaftsbeziehungen. Gleichwohl war der Briefwechsel zwischen dem Volksvertreter Michel und seinen Wählern stark emotional gefärbt und führte nicht selten zur Ausbildung von Loyalitätsbindungen, die den Charakter einer Freundschaft annehmen konnten. Es ging also nicht zuletzt um die persönliche Beziehung des Wählers, der seinen „Freund“, den Abgeordneten, gewählt hat, und dafür nun Unterstützung bei seinem Anliegen erwartete.

NORMAN DOMEIER (Stuttgart) wies am Beispiel des Eulenburg-Skandals auf die „Grenzverschiebung von der Freundschaft zur Sexualität am Ende des langen 19. Jahrhunderts“ hin. Eulenburg, ein enger Freund und Berater Kaiser Wilhelms II., sah sich dem Vorwurf der Homosexualität ausgesetzt, was ein großes mediales Interesse nach sich zog, die Frage nach der „Grenze zwischen Männerfreundschaft und Männerliebe“ aufwarf und ein entsprechendes Umdenken bewirkte.

Angeregt von Gilles Pécout, wurde in der anschließenden Diskussion dieses Umdenken und der bedeutende Zäsurcharakter, den der Skandal entfaltete, noch einmal aufgegriffen. Denn obwohl schon die Dreyfus-Affäre eine Verbindung von Männerfreundschaft und Homosexualität kannte, gab es noch keine entsprechende Berichterstattung in der Presse. Im Gegensatz dazu führte die breite mediale Verarbeitung des Eulenburg-Skandals zu erheblichen sozialen Folgewirkungen. Denn nun setzte eine Abkehr vom aristokratischen hin zu einem demokratischeren Freundschaftsverständnis und damit eine Neudefinition des Freundschaftsbegriffs ein, wozu besonders die Einbeziehung und „Popularisierung sexualwissenschaftlicher Erkenntnisse“ beigetragen hat: Nahbeziehungen zwischen Männern wollte man nun weniger freundschaftlich-individuell als vielmehr kameradschaftlich-kollektiv verstanden wissen – eine Entwicklung, die sich besonders in den 1920er und 1930er Jahren manifestieren sollte.

Die zehnte und letzte Sitzung unter dem Vorsitz von Kenneth Loiselle (San Antonio) thematisierte die „Verbindung der Gegensätze“ in Freundschaftsbeziehungen.

SILVIA RICHTER (Heidelberg) widmete sich in ihren Ausführungen den konfessionellen Gegensätzen am Beispiel der Freundschaft zwischen Christen und Juden im Preußen des 18. Jahrhunderts. Trotz der insgesamt eher benachteiligten sozialen Stellung der Juden kam es besonders im Intellektuellenmilieu immer wieder zu überkonfessionellen Freundschaftsbeziehungen (z.B. Moses Mendelssohn und Gotthold E. Lessing), bei denen auch die Geschlechterfrage offenbar keine Rolle spielte (z.B. Wilhelm von Humboldt und Henriette Herz). Die Motivationen und Ausformungen der Freundschaften hingen oft von den jeweiligen historischen Umständen ab. In jedem Fall erleichterte der Besuch intellektueller Zirkel das Knüpfen freundschaftlicher Beziehungen, die teilweise auch Einfluss auf das künstlerische Schaffen der Beteiligten entfalten konnten.

NADIR WEBER (Bern) erörterte in seinem Beitrag die Freundschaftssemantiken der französisch-preußischen Beziehungen im 18. Jahrhundert. Die Übergänge bei den Freundschaftsbeziehungen zwischen Herrschern und Staaten blieben in dieser Zeit weiterhin recht fließend. Und trotz aller Konventionen war die Wortwahl der diplomatischen Korrespondenz ein wichtiger Indikator für diese Beziehungen. Daher verzichtete man in Konfliktsituationen eher auf jegliche Kommunikation, als durch negative Aussagen die Beziehungen dauerhaft zu gefährden. Eine solche Gefährdung konnte z.B. eintreten, wenn die Freundschaft nur auf rhetorischen Floskeln und nicht auf konkreten Leistungen (Geschenke, finanzielle oder militärische Unterstützung) beruhte. Entscheidend waren die kommunikativen Anschlusshandlungen, d.h. die praktische Umsetzung der in den Briefen gemachten Versprechen.

In den Schlussbemerkungen skizzierte RONALD G. ASCH (Freiburg) dann noch einmal die wesentlichen Eckpunkte zur Entwicklung und zum Verständnis von Freundschaft und fasste die aus den Vorträgen und Diskussionsrunden gewonnenen Ergebnisse zusammen. Dabei wies er unter anderem darauf hin, dass Freundschaft bzw. Freundschaftsrhetorik besonders in hierarchischen Nahbeziehungen die sozialen und gesellschaftlichen Unterschiede abschwächen.

Einerseits ist es im Rahmen der Tagung gelungen, Umbruchzeiten hinsichtlich der Auffassung und Definition von Freundschaft stärker herauszuarbeiten. Andererseits konnten aber auch, über die thematischen Grenzen hinweg, Gemeinsamkeiten in den Freundschaftsbeziehungen vom 12. bis zum 19. Jahrhundert nachgewiesen werden. Dies betrifft beispielsweise den Briefwechsel. Rhetorische Wendungen der Freundschaft und Zuneigung waren ein wichtiges Mittel, um Nahbeziehungen, besonders bei häufiger oder ständiger Abwesenheit, aufrechtzuerhalten – dabei spielte, wie Asch ebenfalls betont hatte, die tatsächliche Zuneigung eine eher untergeordnete Rolle. Des Weiteren waren Freundschaften lange Zeit eng mit den Normen der Patronagepolitik verknüpft. Von einem Freund wurden ebenfalls Hilfe und Unterstützung erwartet, allerdings sollte die Bezeichnung „Freund“ dem Ganzen zusätzliches Gewicht verleihen und die gegenseitige Loyalität stärken. Dies war nicht nur konstitutiv für Adel und Bürgertum, sondern spielte auch im zwischenstaatlichen, diplomatischen Bereich eine wichtige Rolle. Erst im 18. Jahrhundert setzte im Zuge der Aufklärung ein nachhaltiger Wandel des Freundschaftsbegriffs ein. Die Folge war eine stärkere Betonung des Aspektes der Zuneigung, die Zurückstellung von Eigeninteressen und spätestens seit dem 19. Jahrhundert auch eine deutlichere Differenzierung zwischen Herrscherfreundschaft und zwischenstaatlichen Beziehungen. Eine letzte bedeutende Zäsur bildete in diesem Kontext schließlich die sich entwickelnde Sexualwissenschaft im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, die vor allem im Hinblick auf Männerfreundschaften ein Umdenken nach sich zog und den historischen Umständen geschuldeten Veränderungen des Freundschaftsverständnisses Rechnung trug.

Konferenzübersicht:

1. Freundschaft in den Briefen und der Literatur des Mittelalters

Micol Long: Le réseau d’amitié entre centres monastiques au XIIe siècle à travers le recueil de lettres de Pierre le Vénérable de Cluny

Vanessa Obry: Amitiés de femmes, ordre social et ordre narratif dans les romans français en vers du XIIIe siècle

2. Freundschaft unter Fürsten und Kaufleuten im Mittelalter

Laure-Hélène Gouffran: « Yau vos regracii vostra amor ». Amitiés marchandes à Marseille à la fin du XIVe siècle

Manuel Guay: De l’amitié diplomatique à l’amitié formelle : princes et princesses en France au XVe siècle

3. Ideal und Praxis

Judith Sribnai: « Cette céleste maladie » : amitié, sympathie des corps et vengeance sociale chez Cyrano de Bergerac

Marjorie Dennequin: D’amitié, d’amour et d’affection. Les dévotes grenobloises entre elles (XVIIe siècle)

4. Freundschaftsnetzwerke

Adeline Rege: Amitié, réseaux de sociabilité et voyage : les voyages de Simon-Louis Du Ry

Muriel Bassou: Nouvelles sociabilités littéraires à l’école : quand les jeunes têtes veulent devenir poètes

5. Freundschaft und religiöse Leidenschaft

Clarisse Roche: Les amis terribles du collège jésuite de Vienne : Usages et mises en scène de l’amitié et de sa rupture entre Paulus Florenius et Christian Francken dans les polémiques religieuses (1578-1590)

Yann Rodier: Le combat d’Eros et d’Anteros ou la quête de l’amitié raisonnable contre les passions haineuses dans le premier XVIIe siècle en France (1610-1659)

6. Freundschaft und konfessionelle Koexistenz

Jérémie Foa: « La liaison n’est pas nouée ». Les pactes d’amitié entre protestants et catholiques au temps des guerres de religion

Aurélie Prévost: Discours religieux, discours politique et cas pratique : l’amitié entre protestant et catholique au XVIIe siècle ?

7. Freundschaft unter fürstlichen und adligen Frauen

Matthieu Gellard: Une reine de France peut-elle avoir des amies ? La correspondance féminine de Catherine de Médicis

Oliver Mallick: Protectrice et amie : Anne d’Autriche d’après sa correspondance

8. Freundschaft am Hof, Freundschaft zwischen Höfen

Regina Schleuning: Freundinnen am Hof Ludwigs XIV.? oder Können Frauen Freunde sein?

Tilman Haug: « Plus d’amitié et de confiance que jamais ». Dimensionen der Freundschaft in den Beziehungen Frankreichs zum Heiligen Römischen Reich zwischen den Friedensschlüssen von Westfalen und Nimwegen (1648-1679)

9. Neue politische Freundschaften an der Wende zum 20. Jahrhundert?

Christophe Portalez: Les usages et les expressions de l’amitié dans un réseau de clientèle politique en Vaucluse (1885-1891)

Norman Domeier: Auf dem Weg ins »Eiserne Zeitalter«. Die Grenzverschiebung von der Freundschaft zur Sexualität am Ende des langen 19. Jahrhunderts

10. Die Verbindung der Gegensätze

Silvia Richter: Amitié entre Juifs et Chrétiens à l’époque des Lumières – Entre sensibilité poétique et calcul politique

Nadir Weber: Gute Miene zum bösen Spiel? Freundschaftssemantiken in den französisch-preußischen Beziehungen des 18. Jahrhunderts

Schlussbemerkungen: Ronald G. Asch

Zitation
Tagungsbericht: Freundschaft. Eine politisch-soziale Beziehung in Deutschland und Frankreich 12.-19. Jahrhundert, 03.07.2011 – 06.07.2011 Paris, in: H-Soz-Kult, 14.11.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3907>.