Galizien. Peripherie der Moderne – Moderne der Peripherie

Ort
Wien
Veranstalter
Doktoratskolleg „Das österreichische Galizien und sein multikulturelles Erbe“, Universität Wien
Datum
09.11.2011 - 11.11.2011
Von
Lyubomyr Borakovskyy / Elisabeth Haid, Doktoratskolleg Galizien, Institut für Slawistik, Universität Wien

Als Objekt wissenschaftlicher Forschung gewinnt Galizien zusehends an Bedeutung. Dabei steht der Name „Galizien“ nicht nur für das östlichste Kronland der Habsburger Monarchie selbst, sondern tritt auch im Kontext aktueller kultureller und soziopolitischer Erscheinungen in dieser Region auf, die ihre Verortung in literarischen und historiographischen Diskursen finden und bis heute als kulturelles Erbe Galiziens wahrgenommen werden.

Im Kontext des historischen Habsburger Reiches stand – wie Katharina Krčal in ihren einleitenden Worten betonte – Galizien beinahe synonym für die Verfasstheit der Peripherie. Als „rückständigstes“ Kronland wurde es bereits kurz nach seiner Annexion 1772 zum bevorzugten Experimentierfeld für die Reformen Josephs II. Im 19. Jahrhundert fanden aber auch jene Bewegungen, die gemeinhin als die großen Schwungräder der Moderne gelten – Industrialisierung und Nationalisierung – in Galizien ihre extremen Ausprägungen: Von den 1880er-Jahren bis 1909 war Österreich-Ungarn dank seines „galizischen Kaliforniens“ das weltweit drittgrößte Erdöl-Förderland hinter den USA und Russland. Gerade in dem stark multiethnisch geprägten Gebiet Galiziens barg aber auch der Prozess zunehmender Nationalisierung besonders explosives Potential.

Die von den DissertantInnen des Doktoratskollegs „Das österreichische Galizien und sein multikulturelles Erbe“ organisierte interdisziplinäre Konferenz setzte sich daher mit dem Verhältnis Galiziens, als einem durch Provinzialität gekennzeichneten Raum, zur Moderne auseinander. Die zentrale Frage zielte darauf, inwieweit das oft implizit als Peripherie definierte Galizien als Raum fungieren konnte, in dem Moderne ihre Realisierung fand. Dabei näherten sich die ReferentInnen in ihren Vorträgen dem Komplex Galizien/Moderne aus unterschiedlichen Richtungen und wissenschaftlichen Disziplinen wie Literatur-, Geschichts- und Kulturwissenschaften.

Die Moderne als Konstrukt, dem eine bestimmte Fragwürdigkeit und Widersprüchlichkeit eigen ist, schuf einen ansatzreichen Referenzrahmen für die Beiträge, diente aber auch einer inhaltlichen Schwerpunktlegung der Konferenz. Ob der Diversität an Themen, Disziplinen und Methoden waren so die Bedingungen gegeben, Galizien als komplexes, mehrschichtiges Kulturphänomen zu erfassen. Dabei wurde Moderne weder als Bündel von literarischen oder künstlerischen Strömungen noch als bloße historische Epochenbezeichnung verstanden, sondern erschien in den Vorträgen vielmehr häufig als Schlagwort, als ideologisch besetzter Kampfbegriff, in einem ganzen Arsenal von Abgrenzungsvokabular.

Im Einleitungsvortrag unterschied MORITZ CSÁKY (Wien) in seiner Definition von Moderne zwei inhaltliche Perspektiven: die Moderne als Prozess und die Moderne als Epoche. Die Moderne als Prozess schuf die Voraussetzungen für politische und nationale Pluralität in der Gesellschaft. Die Moderne als Epoche setzte ein, als Individuen begannen, die Fragmentierung der Gesellschaft bewusst oder unbewusst zu reflektieren und selbst ihre hybridisierten Identitäten wahrzunehmen.

BURKHARD WÖLLER (Wien) untersuchte in seinem Vortrag, welche Bedeutung polnische und ukrainische Historiker im zeitgenössischen Modernisierungsdiskurs spielten. Die Geschichtsschreibung bot eine Chance, die Vorstellung von der Rückständigkeit Galiziens im „Osten“ zu kompensieren und dieser die Fortschrittlichkeit und den „westlichen“ Charakter des Fürstentums Halyč-Volyn’ gegenüberzustellen. Die Möglichkeit einer Instrumentalisierung von Schlagwörtern wie „modern“ versus „rückständig“ wurde auch im Vortrag von ELISABETH HAID (Wien) zum Galizienbild im Ersten Weltkrieg in der Wiener Tagespresse gezeigt, wobei deutlich wurde, dass hier bei Bedarf auch Akzentverschiebungen stattfinden konnten, die das ursprünglich als das Andere markierte mehr in die Nähe des Eigenen rückten.

Galizien als „Projektions- und Ergänzungsraum“ – wie die Kommentatorin Anna-Veronika Wendland es ausdrückte – diente aber auch der Sehnsucht nach der vermeintlichen Archaik des Randständigen im Zuge rasanter Modernisierungsprozesse. So sprach STEPHANIE WEISMANN (Wien) über Leopold von Sacher-Masochs Position als Schriftsteller, welcher explizit eine „Poesie des Schmutzes“ thematisierte und Galizien ironisch als zeitgemäßen Raum für zivilisationskritische Hoffnungen von bäuerlicher Vitalität und unerschlossener ‚Wahrhaftigkeit‘ funktionalisierte.

Im Vortrag von LYUBOMYR BORAKOVSKYY (Wien/L’viv) wurden religiöse Konflikte im Werk von Ivan Franko und Sacher-Masoch als Auseinandersetzung zwischen Modernisierern und Konservativen aufgefasst. Dabei wurde gezeigt, dass die Religion, die ehemals als Kitt der Gesellschaft diente, im Zuge der Modernisierungsprozesse zunehmend in Frage gestellt wurde. Gerade im Falle Galiziens hatte die Auflehnung gegen religiöse Normen und Traditionen in einer nach wie vor traditionell geprägten Gesellschaft oft fatale Folgen für die Identitätsfindung der Einzelnen.

LESYA IVASYUK (Wien/Ivano-Frankivs'k) behandelte in ihrem Vortrag die rechtlich-politischen Diskurse rund um die polnische Revolution 1846 am Beispiel des Textes von Sacher-Masoch „Polnische Revolutionen. Erinnerungen aus Galizien”. Dabei wurde besonders auf die modernisierenden Elemente im Kontext der Revolution eingegangen. Der Modernisierung des multiethnischen habsburgischen Militärs und dessen Bedeutung für die galizische Gesellschaft war hingegen der Vortrag von SERHIY CHOLIY (Kiew) gewidmet. Es wurde der Frage nachgegangen, inwieweit militärische Innovationen auch Chancen für Peripherien bzw. deren Bevölkerung bargen.

Im Vortrag von KATHARINA KRČAL (Wien) kam zum Ausdruck, dass die Fragmentiertheit der Moderne nicht nur Beunruhigung verursachte oder als Bedrohung wahrgenommen wurde, sondern manchmal auch als Chance auftrat. Den Gegenstand des Vortrags bildete die literarisch-kritische Auseinandersetzung mit Galizien in Bezug auf die Wechselbeziehungen zwischen jüdischer religiöser Orthodoxie und Haskalah anhand von Moritz Rappaports epischem Gedicht „Bajazzo“. Der Bajazzo als polnisch-jüdische Figur des Zwischenraums war charakteristisch für die Moderne als Epoche, in der die Voraussetzungen für die Bildung von multiplen Identitäten geschaffen wurden. Die Frage der Identität kam auch im Vortrag von ANNA HOHMANN (Wien) über die in Galizien geborene und nach Amerika emigrierte Schauspielerin Helena Modrzejewska/Modjeska zur Sprache. So wurden die Phänomene der Modernisierung von der berühmten Schauspielerin möglicherweise benutzt, um sich mehrere Identitäten zu verschaffen und in der jeweiligen Region über einen „unique selling point“ zu verfügen. Diese Phänomene der Moderne erzeugten hier Synergieeffekte, die sich in der Öffentlichkeit im Transfer von Theatererlebnissen, in historischen Narrativen und in einer autobiografischen Strategie der berühmten Theaterschauspielerin am Ende des 19. Jahrhunderts manifestierten.

Die Reflexion der Moderne in Bezug auf die politischen Prozesse in Galizien bildete eine der zentralen Fragestellungen in den Vorträgen von BÖRRIES KUZMANY (Wien) und JULIETTE DÉSVEAUX (Paris). Kuzmany diskutierte die 1914 erfolgte Wahlrechtsreform für den Galizischen Landtag, bei der nicht nur die Wählerbasis verbreitert sondern durch die Einrichtung nationaler Kataster (ungewollt) das moderne Prinzip der Ethnisierung der Bevölkerung festgeschrieben wurde. Désveaux nahm am Beispiel des langjährigen Finanzministers Julian Ritter von Dunajewski den Polenklub in der Habsburgermonarchie in den Blick. Modernisierungsprozesse konnten sich, sowohl in Bezug auf die Handlungen einzelner Politiker wie Dunajewski als auch auf die offizielle Politik der Landesregierung auch als Produkt einer konservativen Politik erweisen.

NADJA WECK (Wien/Berlin) zeigte, wie sich die Bedeutung der Eisenbahn für Galizien in der feierlichen Eröffnungszeremonie des neuen Bahnhofs manifestierte. Die ausführliche Berichterstattung über dieses Ereignis in Lemberger Tageszeitungen gibt einen Hinweis auf die reiche Entfaltung des Zeitungs- und Zeitschriftenmarktes, was Ausdruck für das Entstehen einer publizistischen Öffentlichkeit und gleichzeitig Kennzeichen moderner gesellschaftlicher Entwicklung ist. Ein Nebenaspekt ihres Vortrags war dem Phänomen gewidmet, wie sich im Zuge der Etablierung der Eisenbahn das Gefüge von Städten änderte.

Die Darstellung und kritische Auseinandersetzung mit der „jüdischen Frage“ in den Arbeiten galizischer Intellektueller und in Zeitungsberichten galizischer Bauern wurde zum Thema des Vortrags von ANNA KRAČKOVS’KA (Wien/L’viv). Die Referentin konzentrierte sich auf Textquellen, die am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschienen – in der Zeitperiode, als die Ideologie des Antisemitismus sich auszuformen begann und die Moderne als Epoche anbrach. Dabei versuchte sie hinter die Kulissen von verschiedenen „-ismen“ zu schauen und die komplexen ukrainisch-polnisch-jüdischen Beziehungen in der galizischen „Peripherie“ darzustellen. Das jüdische Galizien war auch Thema des Vortrags von MARIANNE WINDSPERGER (Wien) über literarische Auseinandersetzungen mit Schtetl und Migration in den Werken von Dara Horn und Rebecca Goldstein, wobei sie als erste Referentin die zeitlichen Grenzen der Habsburgermonarchie überschritt. An literarischen Beispielen wurde die gegenwärtige Bedeutung Galiziens für Rekonstruktionen der verschwundenen jüdischen Welt Osteuropas gezeigt. In diesem Kontext tritt Galizien als imaginärer Raum auf, in dem jüdische Autorinnen und Autoren die Spuren ihrer Vergangenheit finden wollen und mit deren Hilfe sie ihr eigenes Leben zu reflektieren versuchen. Mit der Erinnerung bzw. dem Erbe Galiziens beschäftigte sich auch ANNA SUSAK (Warschau/L’viv) in ihrem Vortrag zur Darstellung und Instrumentalisierung Galiziens in der gegenwärtigen Presse in der Ukraine und in Polen. Anhand einer vergleichenden Analyse publizistischer Quellen im Internet wurde der jeweilige Umgang von Polen und Ukrainern mit dem Begriff Galicija/Halyčyna analysiert und auf unterschiedliche Assoziationsräume und Reflexionsstrategien hingewiesen.

Gut in das Programm fügten sich auch die beiden Abendveranstaltungen ein: Börries Kuzmany präsentierte sein Buch „Brody. Eine galizische Grenzstadt im langen 19. Jahrhundert“ (Wien 2011), in dem er die Entwicklungsgeschichte dieser Stadt behandelt und erörtert, wie aus einem wichtigen kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum Galiziens eine wirtschaftlich rückständige Provinzstadt wurde. Oskar Ansull rezitierte mit musikalischer Unterstützung von Theo Jörgensmann den berühmten Roman des jüdisch-deutschen Schriftstellers Karl-Emil Franzos „Der Pojaz“.

Im abschließenden Podiumsgespräch diskutierten, nach einem Resümee von Katharina Krčal zu den Vorträgen und den darin angesprochenen Bezügen zur Moderne, Harald Binder, Börries Kuzmany und Alexandra Strohmaier die Ergebnisse der Konferenz. Dabei wurde die Frage aufgeworfen, inwieweit Galizien als Verortungsraum der Moderne betrachtet werden kann und in welchem Verhältnis Peripherie und Moderne zueinander stehen. Damit wurde auch die Frage nach dem peripheren Charakter Galiziens angesprochen und angeregt, die innere Heterogenität Galiziens und seiner soziokulturellen Prozesse stärker in den Blick zu nehmen. In der Diskussion wurde auch nochmals auf die bereits von Csáky angesprochene Notwendigkeit einer Differenzierung des vielgestaltigen Begriffs „Moderne“ aber auch der Modernisierung hingewiesen. Als Ausblick auf weitere Forschungsperspektiven stellte sich Galizien insbesondere als mögliches Objekt vergleichender Regionalstudien dar.

Konferenzübersicht:

Einleitungsvortrag: Moritz Csáky (Wien): „Mehrdeutigkeiten? Zentraleuropas komplexe Kommunikationsräume”

Panel I „Geokulturelle Verortungen von Modernität – in Historiographie, Literatur und Kriegsberichterstattung
Moderation: Andreas Kappeler

Burkhard Wöller (Wien): Modernisierung = Europäisierung? „Fortschritt“ und „Rückständigkeit“ als diskursive Strategien galizischer Historiker

Stephanie Weismann (Wien): Leopold von Sacher-Masochs „Poesie des Ostens“ – ein Bedürfnis der Moderne

Elisabeth Haid (Wien): Galizien: Östliche Peripherie oder Bollwerk des Westens? Darstellungen von Rückständigkeit und Modernität im Ersten Weltkrieg

Kommentar: Anna Veronika Wendland

Buchpräsentation
Börries Kuzmany: „Brody. Eine galizische Grenzstadt im langen 19. Jahrhundert“ (Wien 2011)

Panel II „Modernität und Traditionalismus. Wechselnde literarische Grenzziehungen“
Moderation: Marianne Windsperger

Katharina Krčal (Wien): Bajazzo. Randgestalt zwischen jüdischer Moderne und traditioneller Orthodoxie

Lyubomyr Borakovskyy (Wien/L’viv): Konservativ vs. modern: Die Darstellung interreligiöser Konflikte in der Literatur Galiziens

Kommentar: Alois Woldan

Panel III „Modernisierung durch Militär und Revolution“
Moderation: Burkhard Wöller

Serhiy Choliy (Kiew): The Modernization of the Armed Forces – A Chance for the Galician Population? The Personal Development of the Recruits, 1868-1914

Lesya Ivasyuk (Wien/Ivano-Frankivs'k): Die Stadt und die Revolution. Darstellungen Lembergs im Rahmen der polnischen Revolution 1846 in Leopold von Sacher-Masochs „Polnische Revolutionen. Erinnerungen aus Galizien“. Eine historisch-literarische Fallstudie

Kommentar: Thomas Wünsch

Panel IV „Metropole: Gesellschaft, Architektur und Theater im Wandel“
Moderation: Börries Kuzmany

Nadja Weck (Wien/Berlin): Bahnhof als Bühne. Die Eröffnung des neuen Lemberger Bahnhofs im Jahr 1904

Anna Hohmann (Wien): Helena Modjeska – eine Schauspielerin im Zeichen der Moderne

Kommentar: Philipp Ther

Abendveranstaltung
„Der Pojaz oder Lessings Nathan buchstabieren“
Rezitationsabend mit Musik: Oskar Ansull mit dem Klarinettisten Theo Jörgensmann

Panel V „Moderne politische Konzepte“
Moderation: Harald Binder

Juliette Désveaux (Paris): Die polnischen politischen Akteure in der Habsburgermonarchie – moderne Konservative?

Anna Kračkovs’ka (Wien/L’viv): Imagining Jewry: Peasant and Intellectual Discourse on Eastern Galician Jews in the Late 19th - Early 20th Century.

Börries Kuzmany (Wien): Der Galizische Ausgleich als Beispiel moderner Nationalitätenpolitik

Kommentar: Pieter Judson

Panel VI „POST-Galicia: Das Erbe der Moderne in identitätsstiftenden Projekten und literarischen Darstellungen“
Moderation: Katharina Krčal

Anna Susak (Warschau/L’viv): Galicia in New Millennium: Debates on (Post)Modern Identity Projects in Poland and Ukraine

Marianne Windsperger (Wien): Das jiddische Galizien: Literarische Auseinandersetzungen mit Schtetl und Migration in den Werken von Dara Horn und Rebecca Goldstein

Kommentar: Jurko Prochasko

Abschlussdiskussion
Katharina Krčal, Börries Kuzmany, Harald Binder, Alexandra Strohmaier

Zitation
Tagungsbericht: Galizien. Peripherie der Moderne – Moderne der Peripherie, 09.11.2011 – 11.11.2011 Wien, in: H-Soz-Kult, 03.01.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3977>.