Erziehung zum Krieg. Erziehung zum Frieden. Friedenspädagogik im 20. Jahrhundert

Ort
Oer-Erkenschwick
Veranstalter
Arbeitskreis Historische Friedensforschung; Archiv der Arbeiterjugendbewegung; Erziehungswissenschaftliches Institut, Ruhr-Universität Bochum; Fritz-Thyssen-Stiftung
Datum
04.11.2011 - 06.11.2011
Von
Christoph Alexander Michel, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Friedenspädagogik verfolgte während des gesamten 20. Jahrhunderts das Ziel, Konzepte für ein friedliches Miteinander zu erstellen und zu vermitteln. Trotz dieses wichtigen gesellschaftlichen Auftrags wurde sie aus historischer Perspektive häufig nur als Randphänomen wahrgenommen, was nicht zuletzt auch an der fehlenden Adaption durch die jeweiligen Bildungs- und Sozialisationsinstanzen lag. Auch in der Forschung wurde die Friedenspädagogik lange Zeit zwischen großen ideen- bzw. sozialgeschichtlichen Kontexten marginalisiert. Die diesjährige Jahrestagung des Arbeitskreises Historische Friedensforschung „Erziehung zum Krieg. Erziehung zum Frieden. Friedenspädagogik im 20. Jahrhundert“, die mit Unterstützung des Erziehungswissenschaftlichen Instituts der Ruhr-Universität Bochum und der Fritz-Thyssen-Stiftung vom 4.-6. November 2011 im Archiv der Arbeiterjugendbewegung in Oer-Erkenschwick stattfand, rückte daher dieses Thema in den Mittelpunkt. Ein besonderes Augenmerk lag auf der Darstellung von Lernorten, Lernformen und Lernzielen.

Einleitend stellte TILL KÖSSLER (Bochum) den Forschungsstand vor und plädierte zunächst für eine definitorische Trennung der Begriffe „Friedenspädagogik“ und „Friedenserziehung“: Während „Friedenspädagogik“ auf den reflexiven Umgang mit Friedenspraktiken in der Vermittlung abziele, stelle „Friedenserziehung“ den unmittelbaren praktischen Bezug der Friedensvermittlung her. In den Forschungsdiskursen konstatierte Kössler eine Konzentration auf biografisch geprägte Zugänge und die Orientierung an den Schriften von vergessenen Friedenspädagogen. So würden zwar zu Recht wichtige Traditionslinien aufgezeigt, die Heterogenität und auch historische Gebrochenheit der Bemühungen bleibe jedoch oft unterbelichtet. Er schlug daher eine Ausweitung der Studien in den Bereichen der Gesellschafts-, Wissenschafts-, Medien- und globalen Geschichte vor.

Im Anschluss an das Referat gliederte sich die Tagung in insgesamt vier Sektionen. Die erste Sektion trug den Titel „Friedenserziehung in drei Epochen deutscher Geschichte“ und öffnete damit gleichzeitig die Klammer für drei unterschiedliche politische Systeme: KARLHEINZ LIPP (Berlin) beleuchtete die Kaiserzeit und nahm Pioniere der Reformpädagogik wie Eduard Sack, Edmund Triebel und Ludwig Wagner in den Blick. Er kontrastierte damit die vorherrschende militaristisch ausgerichtete Erziehung durch drei Pädagogen, die sich der Friedenserziehung verschrieben hatten. Methodisch aufschlussreich war die Gegenüberstellung verschiedener Konzepte durch das Aufzeigen von Kritik und Alternativen. ANDREAS TIETZE und NICOLE VOGEL (Berlin) untersuchten den ambivalenten Umgang mit Frieden in der sozialistischen Erziehung der DDR. Im Gegensatz zur Kaiserzeit sei der Gedanke einer Friedenspädagogik politisiert und mit Sozialismus gleichgestellt worden. Der enge Konnex von Frieden und Sozialismus habe zu dem Ergebnis geführt, dass die Propagierung von Frieden zusammen mit der Erziehung zur Verteidigung der DDR habe bestehen können. ULI JÄGER (Tübingen) berichtete anhand von zehn Phasen von den Herausforderungen für die Friedenspädagogik zur Zeit des Kalten Krieges in der Bundesrepublik. So seien die Reeducation-Programme nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mit den tradierten friedenspädagogischen Ansätzen verknüpft worden. Im Gegenteil, erst 1958 fand die Friedenspädagogik durch die Gründung der Studiengesellschaft für Friedensforschung in München einen ersten institutionellen Rahmen, der Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre durch Großdemonstrationen gegen die Sicherheits- und Atompolitik auch massenwirksam wurde. Jäger betonte die marginalisierte Rolle der Friedenspädagogik in der Bundesrepublik insgesamt, auch weil diese nur kurzzeitig eine institutionelle Absicherung gehabt habe und ein Lehrstuhl für Friedenspädagogik nie eingerichtet worden sei. Zusammenfassend strich CHRISTIAN JANSEN (Berlin) heraus, dass in den drei Untersuchungen die Determinanten Wirkung, Erfolg und Misserfolg gemessen wurden mit dem Ergebnis, dass alle zugrunde gelegten pädagogischen Modelle unterkomplex waren, weil sie nicht der Wirklichkeit der jeweiligen Epoche Rechnung trugen.

Die zweite Sektion „Ansätze zur Friedenserziehung in der Reformpädagogik“ untergliederte sich in einen milieuorientierten und einen biografisch orientierten Teil. WOLFGANG KEIM (Paderborn) betonte in seinem Vortrag zum Friedensengagement in der Reformpädagogik, dass auf Frieden ausgerichtete Modelle zwischen Kaiserreich und den 1960er-Jahren der Bundesrepublik die große Ausnahme bildeten und vor allem von Sozialisten getragen wurden[1]; Gründe waren im Wesentlichen eine militarisierte Gesellschaft in der Zeit der beiden Weltkriege sowie die unkritische Wiedereingliederung von NS-Funktionseliten in die Bundesrepublik nach 1945, die friedenspädagogische Konzepte ablehnten und Reformpädagogen für sich vereinnahmten. Im Gegensatz zu Keim analysierte REINHOLD LÜTGEMEIER-DAVIN (Kassel) für die bürgerliche Jugendbewegung eine Verbreitung von friedenspädagogischen Konzepten, schränkte aber ein, dass diese kein geschlossenes Konzept bildeten und auch nicht immun gegenüber Fehleinschätzungen der Nationalsozialisten waren. Der Hintergrund für diese Annahme war die Tatsache, dass sich einige jugendbewegte Aktivisten als NS-Funktionäre wiederfanden.
Im zweiten Teil der Sektion fragte MATTHIAS BLUM (Berlin) provokant: „Friedenspädagogik – kein Thema für die Reformpädagogik?“ und kam zu dem Ergebnis, dass Reformpädagogen im Kaiserreich vor allem die erzieherische Praxis kritisierten, aber keinen Zusammenhang zwischen nationalistischer Erziehung und Kriegsverherrlichung herstellten, was – so belegte Blum – mit grundsätzlichen national-hegemonialen Einstellungsmustern zusammenhing, die auch bei den Reformpädagogen verbreitet waren. Mit Friedrich-Wilhelm Foerster führte er jedoch einen prominenten Vorreiter ein, der sich Zeit seines Lebens für die Friedenspädagogik als „Methode und Stufe der staatsbürgerlichen Erziehung in Abgrenzung zur Wehrkrafterziehung“ (1918) einsetzte. Dagegen untersuchte DETLEF BALD (München) Friedenskonzepte im Militär am Beispiel des Grafen Wolf von Baudissin, der als Referatsleiter im Amt Blank ab 1951 maßgeblich am Aufbau der Bundeswehr beteiligt war: Als NS-unbelastetes „Feigenblatt“ forderte Baudissin einen „Staatsbürger in Uniform“, also einen vernünftig handelnden und selbstverwalteten Soldatentypus. Diskutiert wurde vor allem die Frage, inwieweit Baudissins Reformvorschläge tatsächlich als friedenspädagogische Bemühungen gesehen werden konnten.

„Friedenserziehung als internationaler Dialog“ - so lautete der Titel der dritten Sektion, die vor allem die Lernorte in den Vordergrund rückte. ALEXANDER J. SCHWITANSKI (Oer-Erkenschwick) beschrieb zunächst die friedenspädagogischen Konzeptionen der SPD-Politikerin Anna Siemsen in der Weimarer Republik, um daraufhin die Transformation dieser frühen Ideen im sozialdemokratischen Umfeld am Praxisbeispiel internationaler Zeltlager der Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde ab 1924 bzw. der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken ab 1951 herauszustellen. Dabei kam er zu dem Ergebnis, dass die Zeltlagerkonzepte von Lorenz Knorr nach 1945 zwar auf denen des Spiritus Rector der Weimarer Republik, Kurt Löwenstein, aufbauten, dessen Kulturoptimismus aber nicht widerspiegelten und den Teilnehmenden ein differenzierteres Weltbild vermittelten. Mit den Zeltlagern war auch der Gedanke an eine Gemeinschaft verbunden, die emphatisch Ideen von Frieden und Versöhnung nach außen transportierte. Besonders augenfällig wurde der Gemeinschaftsgedanke bei den anschließenden Vorträgen von CHRISTINE G. KRÜGER (Oldenburg), die sich der internationalen Workcampbewegung nach 1945 widmete und SONJA LEVSEN (Freiburg) mit ihrer Untersuchung zu deutsch-französischen Jugendreisen. Während bei Krüger das gemeinsame Arbeiten als Mittel zur Versöhnung im Vordergrund stand, wurden bei Levsen pädagogisch kontrollierte Kulturkontakte zwischen Jugendlichen als zielführend angesehen.

Die reflexive Betrachtung von Kriegsschilderungen wurde in der vierten Sektion „Medien als Vermittler von Friedenserziehung“ behandelt. CHRISTIAN BUNNENBERG (Duisburg-Essen) untersuchte die Fröschweiler-Chronik des elsässischen Pfarrers Karl Klein als „Anti-Kriegsschilderung“. Diese autobiografische Narration der Schlacht von Fröschweiler während des deutsch-französischen Kriegs 1870/71 sei von zeitgenössischen und modernen Rezipienten als brutale Darstellung der Geschehnisse interpretiert worden, die nur den Schluss zuließe, Krieg zu verhindern. Bunnenberg warf jedoch die Frage auf, inwieweit die Fröschweiler-Chronik auch vom zeitgenössischen Leserkreis in dieser Richtung verstanden wurde. ROMAIN FAURE (Braunschweig) nahm sich die Revision von Schulbüchern vor und untersuchte die Debatten im Europa der 1950er-Jahre. So kritisierte der französische Historiker und Marxist Pierre Vilar kriegsverherrlichende Darstellungen in Geschichtsbüchern und setzte sich an die Speerspitze einer internationalen Neuverortung von didaktisch reduzierten Inhalten. Allerdings wurde in der anschließenden Diskussion ebenso deutlich, dass die politische Einstellung Vilars auch maßgeblich die Debatte beherrschte.

In einem zusammenfassenden Plädoyer für eine Fortführung historisch-politischer Bildungsarbeit setzte sich WOLFRAM WETTE (Freiburg) mit friedenspolitischen Lernprozessen vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart auseinander. Er sah nach Jahren der Kriegserziehung in den Bildungseinrichtungen bis nach Beendigung des 2. Weltkrieges eine „historische Last“, derer sich die Bundesrepublik annahm. Anschließend hätten sich die Strukturen fortwährend in eine immer größer werdende Anerkennung von Friedenspädagogik entwickelt. Kontrovers wurde der Vortrag, als Wette die These von Albert Einstein hervorhob, dass die Menschheit grundsätzlich friedfertig sei und erst durch systematische Militärerziehung zur Kriegstreiberei gebracht werde.

Dass dieses Thema nicht nur historisch beleuchtet werden kann, sondern auch von hoher politischer Relevanz ist, belegte die öffentliche Podiumsdiskussion zum Thema „Aktuelle Herausforderungen und Strategien von Friedenserziehung“. Unter der Moderation von JOST DÜLFFER (Köln) diskutierten Hauptmann JENS WAGNER (Münster), CORINNA HAUSWEDELL (Bonn) und LENA SACHS (Freiburg) über verstärkte Kampagnen der Bundeswehr in Schulen nach Aufhebung der Allgemeinen Wehrpflicht. Die bereits von Uli Jäger konstatierte Verbreitung friedenspädagogischen Engagements in den Jugendverbänden der Bundesrepublik wurde anschließend durch ein aktuelles Praxisbeispiel aus Hannover konkretisiert. Die SJD – Die Falken waren hier Organisatoren eines internationalen Projekts mit Schülern aus (Nord-)Irland, Israel, Palästina, Zypern und Deutschland.

Zum Abschluss der Tagung griff HOLGER NEHRING (Sheffield) die verbindenden Diskussionen der einzelnen Sektionen auf. Er stellte eine starke Abhängigkeit der friedenspädagogischen Diskussionen von allgemeinen Entwicklungen der Pädagogik fest, die dann normativ auf den Begriff Frieden bezogen worden seien. Vor diesem Hintergrund sei die Geschichte der Friedenspädagogik eventuell neu zu strukturieren und der Begriff des Friedens zu kontextualisieren. Diese sei oft eine Leerstelle geblieben und nur durch die Abgrenzung zur Gewalt fassbar. Möglich sei aber auch ein immanentes Selbstverständnis der Friedenserziehung als Antizipation des Friedens, weswegen eine Definition von Frieden nicht nötig gewesen sei. Damit korrespondierten die hinter vielen friedenspädagogischen Ideen verborgenen Gemeinschaftsvorstellungen als friedliches Gegenbild zur Gesellschaft als Ort rationaler und reglementierter Konfliktaustragung. Um die Praxis der Friedenserziehung besser erfassen zu können, schlug Nehring vor, den Blick auf die Medien der Friedenserziehung zu lenken, wobei der Begriff der Medien von dem der Massenmedien zu unterscheiden sei und die Lernorte umfassen sollte.

Die Fachtagung diente vor allem als ein Anlauf, um friedenspädagogische Ansätze im „langen“ 20. Jahrhundert eingehender zu beleuchten und sowohl im Lichte einzelner Pioniere und Verbände als auch im Wechselspiel mit den jeweiligen politischen Systemen zu betrachten. Damit lieferte sie einen wichtigen Beitrag zur Friedensforschung, die – wie eingangs angemerkt – noch Desiderate in der Übertragbarkeit auf andere historische Sparten aufweist.

Konferenzübersicht:

Alexander J. Schwitanski (Oer-Erkenschwick): Einführung

Till Kössler (Bochum): Chancen und Perspektiven einer Geschichte von Friedenspädagogik und Friedenserziehung im 19. und 20. Jahrhundert

I. Friedenserziehung in drei Epochen deutscher Geschichte

Karlheinz Lipp (Berlin): Friedenspädagogik im Kaiserreich

Andreas Tietze/Nicole Vogel (Berlin): Liebe zum Frieden als gesamtgesellschaftlicher Anspruch – Besonderheiten, theoretische Begründung und Praxis der Friedenserziehung in der DDR

Uli Jäger (Tübingen): Friedenspädagogik in Zeiten des Kalten Krieges (1945-1989) – Herausforderung, Entwicklungen, Erfahrungen

Kommentar und Diskussion: Christian Jansen (Berlin)

II. Ansätze zur Friedenserziehung in der Reformpädagogik

Wolfgang Keim (Paderborn): Friedensengagement in der Reformpädagogik: gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Vernetzungen, Konzepte, Praxisfelder

Reinhold Lütgemeier-Davin (Kassel): Aufbruch in eine „neue Zeit“? Friedenspädagogik im Fokus von Friedens- und bürgerlicher Jugendbewegung

Detlef Bald (München): Friedenserziehung und der Staatsbürger in Uniform bei Graf Baudissin

Matthias Blum (Berlin): Friedenspädagogik – kein Thema der Reformpädagogik?

Kommentar und Diskussion: Karl Holl (Bremen)

III. Friedenserziehung als internationaler Dialog

Alexander J. Schwitanski (Oer-Erkenschwick): Zwischen Marx und Europa: Internationalismus in sozialistischen Ansätzen zur Friedenserziehung in Weimar und der frühen Bundesrepublik

Christine G. Krüger (Oldenburg): Friedenspädagogik der Workcampbewegung

Sonja Levsen (Freiburg): Kontrollierte Grenzüberschreitungen: Jugendreisen als Friedenserziehung nach 1945 – Konzepte und Ambivalenzen in deutsch-französischer Perspektive

Kommentar und Diskussion: Bünyamin Aslan (Bochum)

Podiumsdiskussion
„Aktuelle Herausforderungen und Strategien von Friedenserziehung“ mit Hauptmann Jens Wagner (Münster), Corinna Hauswedell (Bonn) und Lena Sachs (Freiburg), Moderation: Jost Dülffer (Köln)

Öffentliche Projektvorstellung
Frieden in Nordirland und im Nahen Osten

IV. Medien als Vermittler von Friedenserziehung

Christian Bunnenberg (Duisburg-Essen): Die „Fröschweiler Chronik“ des elsässischen Pfarrers Karl Klein (1838-1898) als „Anti-Kriegsbuch“ des deutschen Kaiserreichs?

Romain Faure (Braunschweig): Was ist und wozu betreibt man Schulbuchrevision? Eine Debatte im Europa der 1950er-Jahre

Kommentar und Diskussion: Benjamin Ziemann (Sheffield)

V. Perspektiven

Wolfram Wette (Freiburg): Abschied von der Kriegskultur. Friedenspolitische Lernprozesse in Deutschland nach 1945

Kommentar und Diskussion: Holger Nehring (Sheffield)

Anmerkung:
[1] Vgl. Bund Entschiedener Schulreformer und der Weltbund für Erneuerung der Erziehung.

Zitation
Tagungsbericht: Erziehung zum Krieg. Erziehung zum Frieden. Friedenspädagogik im 20. Jahrhundert, 04.11.2011 – 06.11.2011 Oer-Erkenschwick, in: H-Soz-Kult, 05.01.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3978>.