Revolutionen, Parteigründungen, Politikergeburtstage – Gibt es eine liberale Erinnerungskultur?

Ort
Frankfurt am Main
Veranstalter
Archiv des Liberalismus, Gummersbach; Regionalbüro Wiesbaden der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit
Datum
18.11.2011
Von
Jürgen Frölich, Archiv des Liberalismus, Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Die 150. Wiederkehr des Datums, an dem die nach landläufiger Meinung erste moderne deutsche Partei, die Deutsche Fortschrittspartei, in Berlin gegründet worden war, bildete den Anlass, das diesjährige Kolloquium zur Liberalismus-Forschung der liberalen Erinnerungskultur zu widmen. Veranstaltet wurde es im Gästehaus der Universität Frankfurt am Main gemeinsam vom Archiv des Liberalismus und dem Regionalbüro Wiesbaden. EWALD GROTHE, Leiter des Gummersbacher Archivs des Liberalismus, machte in seiner Begrüßung darauf aufmerksam, dass die Diskussion um die „Erinnerung der Liberalen“ seit längerem ein Thema des liberalen Archivs sei. Nach einem Grußwort der früheren hessischen Wissenschaftsministerin Ruth Wagner debattierte ein erstes, von Jürgen Frölich (Gummersbach) geleitetes Podium die Erinnerung an markante Daten aus der liberalen Parteigeschichte. CHRISTIAN JANSEN (Berlin/Bochum) skizzierte dabei Entstehung und Geschichte der Deutschen Fortschrittspartei und wies auf den eigentümlichen Umstand hin, dass die Partei durch ihre schnellen Wahlerfolge im September 1862 fast vor dem vollständigen Durchbruch ihrer liberal-nationalen Zielsetzungen gestanden habe, dann aber einen langen und letztlich „erfolglosen Kampf“ gegen Bismarck führen musste. Ihre Gründung sei sicherlich ein Wendepunkt in der politischen Entwicklung Deutschlands gewesen, aber heute weitgehend vergessen, weil die Geschichtsschreibung traditionell im Schatten Bismarcks gestanden habe, dem die Fortschrittsliberalen keine ähnlich bekannte Führungspersönlichkeit entgegen stellen konnten. Jansen legte nahe, die liberale Tradition solle weniger an der Parteigründung selbst als vielmehr am „Fortschritts“-Begriff anknüpfen; dessen politische Verwendung sei allerdings nicht auf den Liberalismus beschränkt.

Mit der Erinnerung an die Gründung der FDP als Bundespartei 1948 in Heppenheim befasste sich DIETER HEIN (Frankfurt/M.). Er wies nach, dass die Auswahl des scheinbaren „Traditionsortes von 1848“ zunächst eher eine zufällige, den Verkehrsverbindungen geschuldete war und dass diejenigen FDP-Gründer, die an die Tradition von 1848 anknüpfen wollten, bei der Gründungsversammlung in der Minderheit waren. Das Treffen selbst verdeckte nur mühsam die innerliberalen Konflikte und wurde keinesfalls als kraftvoller Neustart empfunden. Da zudem die Überlieferung zum Gründungsakt sehr dünn war und ist, sprach also vieles gegen einen liberalen Traditionsort Heppenheim. Dennoch wurde er gewissermaßen in den 1970er-Jahren im Zuge der Debatte um die Freiburger Thesen wiederentdeckt, als nach einer historischen Fundierung des deutschen Liberalismus gesucht wurde. Seit 1978 wird der FDP-Gründung regelmäßig in Heppenheim gedacht und zunehmend auch die Verbindung zur ersten Heppenheimer Versammlung von 1847 hergestellt. Heppenheim zeige, so Hein, dass Erinnerungskultur in gewisser Weise „machbar“ sei.

„Liberale Symbolfiguren und deren Nachleben“ lautete die Überschrift des zweiten Panels, das von Hans-Heinrich Jansen (Koblenz) geleitet wurde. Hier untersuchte FRANK MÖLLER (Greifswald) in einem eher allgemeinen Kontext die Erinnerung an Heinrich von Gagern, den liberalen Präsidenten der Frankfurter Paulskirchen-Versammlung. Diese setzte eigentlich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein und erfuhr im späten Kaiserreich, in der Weimarer Republik und sogar im Nationalsozialismus eine je eigene Ausprägung. Während in der frühen Bundesrepublik ein eher positives Gagern-Bild vorherrschte, wurde dieses durch die unter anderem von Bundespräsident Gustav Heinemann angestoßene Aufwertung der (radikal-)demokratischen Kräfte in der deutschen Geschichte verdüstert: Gagern sei demzufolge eher den Fürsten als dem Volk verpflichtet gewesen. Noch 1998 im Jubiläumsjahr der Paulskirche sei das Projekt eines Gagern-Denkmals in Frankfurt gescheitert. Seitdem habe es zu verschiedenen, eher abgelegenen Lebensstationen von Gagern eine ansehnliche lokale Erinnerungskultur um den ersten Präsidenten eines gesamtdeutschen Parlaments gegeben, die aber zu einer Entpolitisierung und Idyllisierung des Gagern-Bildes geführt habe.

KARL-HEINRICH POHL (Kiel) zeigte, wie Gustav Stresemann nach 1945 für recht unterschiedliche politische Ziele instrumentalisiert worden ist, allerdings eher von den politischen Konkurrenten der Liberalen. Er fragte danach, warum die Liberalen so wenig aus der überaus positiven Erinnerung an den einzigen bisherigen Kanzler aus ihren Reihen, der zudem als Träger des Friedensnobelpreises auch international ungeheure Anerkennung erfahren habe, gemacht hätten, während Konrad Adenauer und Willy Brandt sich Stresemanns durchaus bedient hätten. So gäbe es zwar zahlreiche mit dessen Namen verbundene Initiativen und Erinnerungsorte, aber keine genuin liberalen Anknüpfungspunkte.

Am Schluss des eigentlichen Kolloquiums sprach unter der Moderation von Jochen Merkle (Stuttgart) ROLF-ULRICH KUNZE (Karlsruhe) über die Grundlagen einer liberalen Erinnerungskultur bei den niederländischen Nachbarn. Diese ließen sich kaum an Ereignissen oder Personen festmachen, als vielmehr an allgemeinen Tendenzen und Phänomenen der jüngeren niederländischen Geschichte. Dazu zählte Kunze die calvinistische Prägung des Landes, seine umfassende Verstädterung seit dem „Goldenen Zeitalter“, die soziale Partizipation als zentraler Bestandteil der politischen Kultur in den Niederlanden und schließlich die Widerstands-Tradition der Niederländer, die sich als vergleichsweise kleines Volk Jahrhunderte lang gegen mächtigere Nachbarn behaupten mussten. Angesichts dieses Hintergrunds würde man bei der Suche nach einer genuin liberalen Erinnerungskultur im Nachbarland kaum fündig; vielmehr sei die gesamte politische Kultur von starken liberalen Traditionselementen bestimmt, nicht ungefähr gelte Amsterdam seit jeher als ein „El Dorado für Nonkonformisten“.

Dem Kolloquium im engeren Sinne schloss sich eine Podiumsdiskussion an. Diese wurde eröffnet mit einem sehr reflektierten Vortrag von ECKART CONZE (Marburg) über „Erinnerte Freiheit. Brauchen wir eine liberale Erinnerungskultur?“ Ausgehend von der Prämisse, dass Erinnerung immer eine Orientierung für die jeweilige Gegenwart bedeute, speziell in Zeiten der Krise, plädierte er zunächst dafür, sich für eine liberale Erinnerungskultur in dem Sinne einzusetzen, dass damit ein pluralistisches Gegengewicht zu allen Versuchen, Erinnerungen verbindlich per Ukas festzuschreiben, geschaffen werde. Conze wandte sich dagegen, eine liberale Erinnerungskultur auf einen oberflächlichen „anti-totalitären“ Konsens aufzubauen oder aber vermeintliche liberale Symbolfiguren zu „monumentalisieren“. Stattdessen müsse sich eine liberale Erinnerungskultur eher diskursiv an politisch-sozialen „Spannungsverhältnissen“ in Bezug auf die Freiheit konstituieren. Dazu zählten die komplexen Zusammenhänge zwischen „Freiheit und Macht“, „Freiheit und Gleichheit“ und „Freiheit und Sicherheit“. Unter Rückbesinnung etwa auf Kants weltbürgerliche Postulate, Dahrendorfs Verständnis vom Liberalismus als „Erweiterung der Lebenschancen“ oder der Gedankenwelt des Ordoliberalismus ließe sich ein liberaler Erinnerungsdiskurs entwickeln, der Hinweise zu(r) liberalen Interpretation(en) der Gegenwart liefern könne.

Die folgende Diskussion stand unter der Leitung von Jörg Brehmer (Winnenden) und drehte sich vor allem um die verschiedenen Aggregationsebenen für eine liberale Erinnerungskultur. Staatssekretär HANS-JOACHIM OTTO MdB (Berlin/Frankfurt am Main) hielt eine liberale Sinnstiftung durch Erinnerung für möglich und erachtete konkrete Ansatzpunkte für ein liberales Erinnern sogar für nötig, denn nur so könnte auch die Selbstvergewisserung für die Liberalen geleistet werden, die heute so notwendig sei wie kaum je zuvor. Staatsministerin a. D. RUTH WAGNER (Darmstadt) stellte heraus, dass historische Orientierung sein müsse. Allerdings müsse diese ein ausgewogenes Verhältnis zwischen „Heroisierung“ und „Monumentalisierung“ einerseits und In-Frage-Stellen andererseits anstreben. Aus liberaler Sicht sei es dabei essentiell wichtig, dass Freiheit nicht als etwas Bedrohliches wahrgenommen werde. Eckart Conze unterstrich noch einmal, dass seines Erachtens nach eine zu konkrete Erinnerungskultur für den liberalen Anspruch zu kurz greife; stattdessen sollte sich der liberale Diskurs auf die zentralen Fragen der Moderne konzentrieren. Dann könne er auch im Wettbewerb der verschiedenen Erinnerungskulturen bestehen.

Am Ende der Veranstaltung wurde schließlich der „Wolf-Erich-Kellner-Preis“ für wissenschaftliche Arbeiten zu „Grundlagen, Geschichte und Politik des Liberalismus“ verliehen. 2011 wurde damit Volker Stalmann (Berlin) für sein Werk „Bernhard Falk (1867-1944). Erinnerungen eines liberalen Politikers“ ausgezeichnet. Stalmann habe damit, wie in der Laudatio hervorgehoben wurde, nicht nur die Erinnerungen dieses liberalen Kommunal- und Landtagsabgeordneten in wissenschaftlich überzeugender Weise der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, sondern darüber hinaus mit einer umfassenden Einleitung einen fundierten Einblick in das Wirken und Denken dieses jüdischen Liberalen gegeben und quasi eine Biographie Falks vorgelegt, worin sich die große Tragik des deutsch-jüdischen Bürgertums exemplarisch widerspiegele.[1]

Konferenzübersicht:

Begrüßung: Ewald Grothe, Archiv des Liberalismus

1. Podium „Meilensteine der liberalen Parlaments- und Parteigeschichte und deren Nachleben“
Moderation: Jürgen Frölich, Archiv des Liberalismus

Ralf Roth (Frankfurt am Main): Die Eröffnung der deutschen Nationalversammlung 19.5.1848

Christian Jansen (Berlin): Die Gründung der Deutschen Fortschrittspartei 6.6.1861

Dieter Hein (Frankfurt am Main): Die Gründung der Freien Demokratischen Partei 11.12.1948

2. Podium „Liberale Symbolfiguren und deren Nachleben“
Moderation: Hans-Heinrich Jansen, Koblenz/St. Augustin

Frank Möller (Greifswald): Heinrich von Gagern 1799-1880

K. H. Pohl (Kiel): Gustav Stresemann 1878-1929

Ines Soldwisch (Aachen): Theodor Heuss 1884-1963

3. Podium „Die liberale Erinnerungskultur in anderen Ländern“
Moderation: Jochen Merkle, Stuttgart/Tübingen

Philippe Alexandre (Nancy): „Zu den großen Jubiläen der Französischen Revolution, 1898 und 1989: Liberale Gesichtspunkte in Frankreich und Deutschland“

Rolf-Ulrich Kunze (Karlsruhe): Niederlande

Eckart Conze (Marburg): Festvortrag: Erinnerte Freiheit. Brauchen wir eine liberale Erinnerungskultur?

Podiumsdiskussion:
Moderation: Jörg Bremer, Winneden
Eckart Conze, Marburg
Dirk Hansen, Vizepräsident der BpB a. D, Lüneburg
StS Hans-Joachim Otto, MdB, Berlin/Frankfurt,
Ruth Wagner, Staatsministerin a. D, Darmstadt

Anmerkung:
[1] Die Referate des Kolloquiums sollen 2012 im „Jahrbuch zur Liberalismus-Forschung“ veröffentlich werden.

Zitation
Tagungsbericht: Revolutionen, Parteigründungen, Politikergeburtstage – Gibt es eine liberale Erinnerungskultur?, 18.11.2011 Frankfurt am Main, in: H-Soz-Kult, 12.01.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3991>.