Antiklassizistische Tendenzen im Cinquecento

Ort
Göttingen
Veranstalter
Susanne Friede, Georg-August-Universität Göttingen; Doris Pany, Graz
Datum
25.11.2011 - 26.11.2011
Von
Susanne Friede, Seminar für Romanische Philologie, Georg-August-Universität Göttingen; Doris Pany, Graz

Die italienische Renaissance kennt eine Reihe von literarischen Phänomen, die die Literaturgeschichtsschreibung mit Begriffen wie anticlassicismo (Antiklassizismus), contro-rinascimento (Gegenrenaissance) oder antirinascimento (Antirenaissance) belegt hat. Diese Kategorien beziehen sich auf ein ausdifferenziertes (oder auch heterogen zu nennendes) Textkorpus, für das sich zwar eine Reihe von verbindenden Elementen angeben lässt (etwa die zentrale Rolle von Satire und Parodie, die Opposition gegen den literarischen Höhenkamm oder die frühe Indexierung der Texte), dessen synthetisierende Erforschung aber noch aussteht.

In ihrer Einführung gaben die Veranstalterinnen Susanne Friede (Göttingen) und Doris Pany (Graz) einen kurzen Überblick über Ausgangspunkt, Zielsetzung und mögliche Perspektiven auf antiklassizistische Phänomene in der italienischen Literatur des Cinquecento (16. Jahrhundert). Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Antiklassizismus-Begriff sollte ebenso Gegenstand der Tagung werden wie eine möglichst umfassende Verortung der antiklassizistischen Texte im literarischen Diskurs.

MATTHIAS ROICK (Wolfenbüttel) zeigte auf, inwieweit die Grundlagen für antiklassizistische Tendenzen des Cinquecento bereits im Humanismus des Quattrocento (15. Jahrhundert) gelegt wurden. Innerhalb des Quattrocento ließe sich, so Roick, die Geschichte einer anderen Klassik erzählen, die bestimmte erotische und humoristische Elemente in den literarischen Diskurs des Cinquecento eingebracht hätten. Er skizzierte diese Geschichte an Hand von drei Episoden: eine frühe Polemik über petrarkistisches Dichten, die Anfang der 1390er-Jahre im Briefwechsel zwischen Coluccio Salutati und Pellegrino Zambeccari ausgetragen wird; die Auseinandersetzungen um Antonio Beccadellis Skandalwerk Hermaphroditus (1425); die Rezeption Lukians in Giovanni Pontanos Dialog Charon (ca. 1465). Besonderes Augenmerk legte Roick auf die politischen Valenzen dieser Texte und die diesbezügliche Reaktion des Primärpublikums.

ANNA TIPPEL nahm Cornelio Castaldis capitolo „Udite imitatori del Petrarca“ (postum 1757) zum Ausgangspunkt, um die Rolle der Imitatio-Kritik innerhalb der frühen antipetrarkistischen Programmatik zu beleuchten. Sie zeichnete im Detail nach, wie Castaldi in seiner Polemik gegen die Nachahmung Petrarcas nicht nur Argumentationsfiguren, sondern auch Metaphern und Wortmaterial einsetzt, wie es sich bereits in der Ciceronianismus-Kritik findet, die Angelo Poliziano in seiner Epistola al Cortese und Gianfrancesco Pico della Mirandola in der Epistola al Bembo formulieren. Indem Tippel zeigte, dass der Dissens sich nicht nur in beiden Fällen an der Einschränkung der Beredsamkeit durch die Fixierung auf ein einzelnes Vorbild entzündet, sondern auch in ähnlichen Wendungen vorgetragen wird, stellte sie den poetologisch-performativen Widerspruch heraus, in den Castaldis programmatische Imitatio-Polemik durch die enge Anlehnung an seine humanistischen Vorbilder gerät.

STELLA LANGE (Magdeburg) stellte Überlegungen zum Verhältnis von Antipetrarkismus und römischer Liebeselegik vor. Am Beispiel von Catull und Nicolò Franco hob sie vor allem den Einfluss der antiken Schmähdichtung für die Anlage und die Ridikülisierungsverfahren der rinascimentalen antiklassizistischen Dichtung hervor. Bezüglich der antiken Mythologie, die auch im antiklassizistischen Dichten als Referenzsystem diene, stellte Lange jedoch fest, dass ein direkter intertextueller Einfluss nicht nachzuweisen sei, und diskutierte vergleichend den Einsatz mythologischer Elemente. Vor dem Hintergrund des Gesagten schloss sie mit einem Ausblick auf möglicherweise antipetrakistisch vermittelte mikro-narrative Versatzstücke im Werk Marinos.

JÖRN STEIGERWALD (Bochum/Oxford) beschäftigte sich in seinem Vortrag mit Pietro Aretinos Ragionamenti (1536). Ausgehend von der Beobachtung, dass Aretinos Dialog explizit darauf angelegt sei, antiklassizistische Re-Lektüren von zeitgenössischen klassizistischen Konzepten zu bieten, ging er der Frage nach, welche (antiklassizistischen) Gegenentwürfe Aretino im Zuge seiner Umdeutungen entwickelt. Die Argumentation führte dabei über die Konturierung des Konzepts der ,äffischen Nachahmung‘ zur Auseinandersetzung mit Aretinos Kritik an einer klassizistischen Überformung moralisch problematischen Verhaltens und mündete in eine Diskussion von Aretinos Kunst- und Literaturkonzept, das – wie Steigerwald unterstrich – auf ,rilievo‘ und ,vivacità‘ als Mittel sinnlich-evidenter Präsentation abhebe. Sehr überzeugend wurde dabei eine Lesart der Ragionamenti entfaltet, nach der sich Aretinos Dialog zum einen als eine kritische Reflexion einer spezifisch klassizistisch-humanistischen Subjektmodellierung darstelle und zum anderen die Grundlage für eine neue klassizistische Kunstkritik schaffe, welche Lebhaftigkeit und sinnestäuschende Evidenz zu ihren Darstellungsidealen erhebe.

CATHARINA BUSJAN (München) thematisierte mit Lodovico Dolce und Annibal Caro exemplarisch zwei Autoren, die sich in Teilen ihres Werks den Prinzipien eines an Bembo orientierten Petrarkismus verpflichtet zeigen, dazu aber auch Texte vorlegen, die an den Verfahren und Motiven antiklassizistischen Dichtens teilhaben. Von dieser poetologischen Doppelung ausgehend, stellte Busjan eine eigentümliche chiastische Konstellation bei der jeweils getroffenen Gattungswahl heraus: Dolce folge in seinem Petrarca-Kommentar ganz den Vorgaben der klassizistischen Tradition und setze dagegen in seinen capitoli Topoi und Motive antiklassizistischen Dichtens um. Im Unterschied dazu unterwerfe sich Caro in seinen Rime klar den Prämissen und Konventionen einer platonisch grundierten Auseinandersetzung mit Petrarca, ohne jedoch – wie Dolce – die Tradition des Petrarca-Kommentars weiterzuführen. Stattdessen suche er über die Form des Kommentars Anschluss an den Antiklassizismus, indem er einen scherzhaften Kommentar zu einem capitolo des seinerseits sowohl petrarkistisch als auch antipetrarkistisch dichtenden Francesco Maria Molza verfasst. Diese Konstellation ließ Busjan zu dem Schluss gelangen, dass die behandelten Autoren zwar einerseits petrarkische und petrarkistische Leistungen im volgare nicht aus den Augen verloren, andererseits aber einer ans Kreatürliche gekoppelten Komik zu ihrem Recht verhalfen, wie sie der Petrarkismus bzw. Klassizismus gänzlich ausschließt.

DANIELA REINHARDT (Göttingen) ging in ihrem Vortrag der Frage nach, wie sich die Lyrik Vittoria Colonnas, die allgemein als „weiblicher Petrarkismus“ aufgefasst wird, tatsächlich zum petrarkistischen System verhalte. Sie erörterte wesentliche Abweichungen vom petrarkistischen Dichten: die dem narrativen Substrat zugrunde liegende Ehesituation, die veränderte Funktion der Schmerzliebe und deren Bezug zum Schreibanlass. Reinhardt legte dar, wie der im petrarkistischen System geforderte Konfliktstoff von der Ehesituation auf den neuplatonisch kontextualisierten Zwiespalt zwischen Jenseits und Diesseits verlagert wurde und welche Rolle weibliche Geschlechterstereotypen und die Darstellung des männlichen Körpers spielten. Ihre Beobachtungen führten in der sich anschließenden Diskussion zu einer Verständigung darüber, dass Colonnas Dichtung sich gerade durch die dem Prinzip der aemulatio gehorchenden Transformationen durchaus im petrarkistischen System verorten lasse.

ANGELA OSTER (München) behandelte die 1545 in Mantua erschienenen Cicalamenti del Grappa intorno al sonetto „Poi che mia speme è lunga a venir troppo“, einen sich als gelehrten Kommentar zum 88. Sonett von Petrarcas Canzoniere ausgebenden Text von nicht geklärter Urheberschaft, der allerdings nach Osters Dafürhalten am ehesten der Autorschaft Antonfrancesco Grazzinis (‚Il Lasca‘) zuzurechnen ist. Ausgehend von einer sorgsamen thematischen, stilistischen und diskursanalytischen Analyse des Fallbeispiels beleuchtete Oster exemplarisch, welche Faktoren sich als konstitutiv für das Verhältnis von Antiklassizismus und (anti)petrarkistischer Doxographie erweisen können.

DORIS PANY (Graz) betrachtete in ihrem Vortrag die Rezeptionsgeschichte von Benvenuto Cellinis – zwischen 1558 und 1566 entstandener – Vita im Zusammenhang mit dem Antiklassizisimus-Begriff als literaturhistorischer Kategorie. Sie stellte zwei in der Forschungsgeschichte zur Vita elementare Interpretationsmuster dar, in denen ihrer Ansicht nach Erkenntnisansprüche wirken, die sich auch in grundlegender Weise mit dem Antiklassizismus-Konzept verbinden: Eine – auf das 19. Jahrhundert zurückgehende – Interpretationslinie ordne die Vita dem Antiklassizismus mit dem Argument zu, dass Cellinis Text aufgrund einer besonderen Spontaneität und Authentizität in Opposition zur elaborierten Literarizität und Stilisierung der klassizistisch-höfischen Literatur stehe. Eine andere Interpretationslinie betone hingegen die prononcierte Intertextualität der Vita, wobei Cellinis Antiklassizismus mit der Vielfalt der Textreferenzen begründet werde, die im Gegensatz zur Exklusivität der klassizistischen bzw. petrarkistischen Imitatio stünden. Während der Fokus im ersten Fall auf dem Weltverhältnis des Autors bzw. dem sozialen und historischen Kontext liege, dominiere im zweiten Fall eine literaturimmanente Perspektive. Dieses Spannungsverhältnis bestimmt nach Panys Ansicht auch den literaturwissenschaftlichen Gebrauch des Antiklassizismus-Konzepts, wie etwa Gegenbegriffe wie „classicismo aristocratico“ (Petronio) erkennen lassen. Sie plädierte daher dafür, die genannten Perspektiven bei einer Begriffsreflexion stets im Blick zu behalten. Anhand einer Episode aus der Vita unternahm sie schließlich den Versuch, Möglichkeiten einer Integration beider Ansätze aufzuzeigen.

SUSANNE FRIEDE (Göttingen) stellte grundlegende Überlegungen zur Bestimmung des Antiklassizismus im Cinquecento zur Diskussion. Sie nahm zunächst das Verhältnis von Petrarkismus und Antipetrarkismus in den Blick und legte mit Bezug auf neuere Forschungsbeiträge dar, welche zum Teil konkurrierenden Vorstellungen diesbezüglich bestehen und welche zusätzlichen Kategorisierungen (etwa die eines „petrarchismo plurale“) einbezogen werden. Friede plädierte in diesem Zusammenhang dafür, Petrarkismus und Antipetrarkismus als Teil eines Systems mit dem ‚Nukleus Petrarca‘ aufzufassen. Vor diesem Hintergrund sei der Antiklassizismus als deutlich umfassenderes Phänomen als der Antipetrarkismus anzusehen, wobei auch hier anhand der kritischen Musterung einiger literaturgeschichtlicher Darstellungen unterschiedliche Möglichkeiten der Modellierung des Verhältnisses von Antipetrarkismus und Antiklassizismus vorgestellt und diskutiert wurden. Gerade angesichts der sich abzeichnenden Unsicherheit bezüglich der Behandlung antiklassizistischer Phänomene sprach sich Friede dafür aus, den Antiklassizismus als eigenständiges System anzusehen und, ausgehend von bereits vorliegenden Einzeluntersuchungen, konsistente operationalisierbare Merkmale für die Bestimmung und Beschreibung antiklassizistischer Texte zu entwickeln. Zentral sei in diesem Zusammenhang die Frage nach der Relation des Antiklassizismus zum ausdifferenzierten Gattungssystem des Cinquecento, wobei hier noch Grundlagenarbeit zu leisten sei.

Die lebhafte Schlussdiskussion brachte zum Ausdruck, dass die auf der Tagung vorgestellten und gemeinsam erörterten Perspektiven auf den Antiklassizismus im Cinquecento zur Klärung des im Allgemeinen nur unzureichend, zum Teil auch widersprüchlich bestimmten Phänomens beigetragen haben. Die in den Blick genommene Unbestimmtheit des Antiklassizismus wäre im Folgenden heuristisch auszunutzen, um Referenzpunkte, wie sie in den einzelnen Beiträgen aufgezeigt wurden, in einem größeren Zusammenhang zu erproben und systematisch darzustellen. Dabei müssten literatursoziologischen und sozialhistorischen Perspektiven verstärkt Rechnung getragen werden. Überdies sind kulturtopographische Differenzierungen und vergleichend auch die Herangehensweise anderer Fächer wie der Kunstgeschichte einzubeziehen. Aus der Schlussdiskussion gingen daher erste Überlegungen zur Planung eines DFG-Netzwerks hervor, das unter Beteiligung weiterer Forscher, auch anderer Disziplinen, konzipiert werden soll.

Konferenzübersicht:

Susanne Friede (Göttingen), Doris Pany (Graz): Einführendes

Jörn Steigerwald (Bochum/Oxford): Äffische Nachahmung – Pietro Aretinos Ragionamenti

Catharina Busjan (München): „Che non può dirsi Petrarchevolmente“ – Strukturen antiklassizistischen Schreibens bei Lodovico Dolce und Annibal Caro

Anna Tippel (Berlin): Zur Rolle Angelo Polizianos und Gianfrancesco Pico della Mirandolas für Cornelio Castaldis „Udite imitatori del Petrarca“

Stella Lange (Magedeburg): Die Rezeption der römischen Liebeslyrik im antiklassizistischen Dichten

Matthias Roick (Wolfenbüttel): Ein hübsches Gesicht, ein Hermaphrodit, ein Fährmann in der Unterwelt. Die andere Klassik im lateinischen Humanismus des Quattrocento

Doris Pany (Graz): Benvenuto Cellinis Vita und der Antiklassizismus

Angela Oster (München): „lodi delle donne et del mal francioso“ – Kehrtwendungen petrark(ist)ischer Doxographie in den Cicalamenti del Grappa

Susanne Friede (Göttingen): Überlegungen zur Relation von Antiklassizismus und Gattungssystem

Daniela Reinhardt (Göttingen): Schreibanlass und Ehekonzeption in den petrarkistischen Gedichten Vittoria Colonnas

Zitation
Tagungsbericht: Antiklassizistische Tendenzen im Cinquecento, 25.11.2011 – 26.11.2011 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 24.01.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4070>.
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Veröffentlicht am
24.01.2012
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