Feminisierung vs. Maskulinisierung der Religion und Kirchen im 19. und 20. Jahrhundert?

Ort
Graz
Veranstalter
Michaela Sohn-Kronthaler, Universität Graz; Rajah Scheepers, Universität Marburg
Datum
13.11.2011 - 15.11.2011
Von
Rajah Scheepers, Universität Marburg

Die beschworene oder ersehnte, die gefürchtete „Feminisierung von Kirche und Theologie“ ist kein neues Thema: Bereits vor 25 Jahren schrieb der Journalist Franz Alt in dem von Heiner Geißler unter der Überschrift Abschied von der Männergesellschaft herausgegebenen Buch „eine Feminisierung der Kirche ist notwendig“. Weiter heißt es dort: „Die Zukunft und wahrscheinlich auch die Rettung der Kirche liegt in ihrer Feminisierung. Mehr Weiblichkeit in der Kirche würde mehr Menschlichkeit bedeuten.“ (S. 95.) In den letzten Jahrzehnten hat sich viel getan im Bereich der beiden großen Kirchen. So beschloss die Synode der EKD 1989, dass kirchliche Gremien paritätisch mit Männern und Frauen zu besetzen seien, mindestens sollte der Frauenanteil jedoch 40 Prozent betragen. Doch noch zu Beginn des Jahres 2011 konstatierte selbst der Ratsvorsitzende der EKD, dies sei noch lange nicht erreicht – und sprach sich für die Quote aus.

Bereits 1973 prägte die US-Historikerin Barbara Welter das Idiom von der „Feminisierung der Kirche“ im 19. Jahrhundert und respondierte damit auf eine Entwicklung, derzufolge Religion im 19. Jahrhundert für Frauen einen Bedeutungszuwachs, für Männer hingegen eine Bedeutungsminderung erhalten haben sollte. Ziel der Tagung war es, dem Etikett „Feminisierung“ historisch-kritisch nachzugehen. Anhand von neun Einzelstudien sollte gemeinsam erörtert werden, ob überhaupt von einer „Feminisierung“ gesprochen werden könne und wenn ja, in welchem Sinne. Die Form des internationalen Expert/innen-Workshops erlaubte eine konzise und länderübergreifende Auseinandersetzung mit dem Thema.

Den Auftakt der Veranstaltung unternahm der Kirchenhistoriker BERNHARD SCHNEIDER (Trier), der vor rund zehn Jahren mit seinem Beitrag zur „Feminisierung der Religion im 19. Jahrhundert. Perspektiven einer These im Kontext des deutschen Katholizismus“ in der Trierer theologischen Zeitschrift die Diskussion eröffnete. In Graz referierte er über nun mit Rückblick auf das vergangene Jahrzehnt über die Feminisierung und (Re-) Maskulinisierung im deutschsprachigen Katholizismus im langen 19. Jahrhundert und die damit verbundenen Chancen und Probleme einer These. Dabei zeigte er mit Blick auf die drei Bereiche Organisation/Repräsentation, Frömmigkeit und Personal auf, inwiefern überhaupt von einer Verschiebung der Geschlechterverhältnisse gesprochen werden könne. Besonderes Gewicht legte Schneider dabei auf die zu beobachtende (Re-)Maskulinisierung der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert, wie sie sich etwa in der Zuwendung der katholischen Pastoral zu Männern zeige und so auf die Differenz zwischen hegemonialer und marginalisierter Männlichkeit aufmerksam mache. Zusammenfassend würdigte er die Feminisierungsthese als wichtiges forschungsleitendes Instrument, das allerdings mit Vorsicht und äußerster historischer Präzision zu gebrauchen sei. Nötig seien stärkere Differenzierungen nach Konfessionen/Religionen, Ländern/Regionen, Stadt/Land und sozialen Schichten. Abschließend vertrat er ein Modell abgestufter Intensitätsgrade von Feminisierung, ausgehend vom Klerus als rein männlich bis zu den Kongregationen.

Die Historikerin YVONNE MARIA WERNER von der Universität Lund, Schweden, weitete den Blick auf die nordischen Länder und eine dort zu beobachtende Feminisierung und Re-maskulinisierung im langen 19. Jahrhundert. Dabei konnte sie auf zahlreiche von ihr geleitete und durchgeführte Forschungsprojekte verweisen, die auf eine Re-Vitalisierung von Religion einerseits und eine wachsende Vergeschlechtlichung religiöser Symbole und Praktiken andererseits hindeuten. Sie prägte in diesem Kontext den Begriff von der „Männlich-Machung“, d.h. die Maskulinisierung von religiösen Ausdrucksformen. Als Beispiel wählte sie die Heilsarmee, deren höchste Ämter auch Frauen offen standen, woraus eine bipolare Geschlechterkonstruktion in dieser Institution zu folgen schien. Resümierend betonte sie die große Rolle der konfessionellen Kulturen für die Präfiguration von Geschlecht.

Die alt-katholische Priesterin und Kirchenhistorikerin ANGELA BERLIS (Bern) fragte nach dem „Einbruch in männliche Sphären“. Es gelang ihr überzeugend, den Aufbruch alt-katholischer Frauen im 19. und 20. Jahrhundert zu rekonstruieren. Dabei verwies sie zunächst auf die Bedeutung von Laien für die alt-katholische Kirche im 19. Jahrhundert, wie sie sich etwa an den Katholikentagen oder den Alt-Katholiken-Kongressen ablesen lasse. Irritierend sei im Nachhinein die Tatsache, dass zwar die Mitwirkung aller Laien gefordert wurde, de facto aber Frauen aufgrund ihrer bürgerlichen Stellung von den Ämtern und der vollen Ausübung der Laienrechte ausgeschlossen gewesen worden seien. Somit sei „Laie“ historisch ein gegenderter Begriff, der je nach Geschlecht andere Rechte und Pflichten impliziert habe. So habe es zunächst eine „gebrechliche Gleichberechtigung“ gegeben, die erst im Laufe des 20. Jahrhunderts einer tatsächlichen Gleichberechtigung im Raum der alt-katholischen Kirche gewichen sei. Demzufolge sei auch die Feminisierungsthese für den frühen Alt-Katholizismus schwierig, so Berlis, für das 20. Jahrhundert, insbesondere in seiner zweiten Hälfte, aber durchaus tragfähig, da hier der Schritt von einer Nachordnung der Frauen zu einer Gleichordnung geglückt sei. Zu sprechen sei allerdings nicht von einer „Feminisierung“, sondern von Geschlechtergerechtigkeit.

Gastgeberin MICHAELA SOHN-KRONTHALER (Graz) stellte mit Hilfe empirischen Materials die Frage nach einer Feminisierung des kirchlichen Personals. Sie trug Beobachtungen und Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert anhand ausgewählter deutschsprachiger Diözesen vor. Dabei unternahm sie den langen Blick von 1850 bis zum Jahr 2000 und bemühte sich um terminologische Differenzierungen. Zunächst ging sie auf den Aufschwung im Ordenswesen im 19. Jahrhundert ein, der, wie an den Zahlen ablesbar, tatsächlich in erster Linie neu gegründeten Frauenkongregationen und eintretenden Frauen zu verdanken gewesen sei – wie Relinde Meiwes bereits mit dem von ihr geprägten Terminus „Frauenkongregations-Frühling“ deutlich gemacht hatte. Sohn-Kronthaler konnte überzeugend den religiösen Aufschwung im 19. Jahrhundert nachweisen, verbunden mit einer Re-Vitalisierung des religiösen Lebens in zahlreichen Ländern. Die Zeit nach 1945 habe eine Zäsur für das Geschlechterverhältns im Raum der römisch-katholischen Kirche bedeutet, da hier der Frauenanteil wieder rapide gesunken sei. Abschließend wies sie daraufhin, dass Ordensfrauen mitnichten zum Klerus gezählt, sondern im Kirchenrecht zu den Laien gerechnet würden. Von einer Feminisierung der Kirche sei nicht schon in dem Moment zu reden, so Sohn-Kronthaler, sobald Frauen zu einem neuen Amt zugelassen werden. Der Höhepunkt in der Beteiligung von Frauen sei um das Jahr 1930 auszumachen – auch dies ein Umstand, der Forschungsfragen aufwirft. Insgesamt brauche es mehr regionale, quantitative Studien, so die Referentin, um die Frage nach dem Geschlechterverhältnis und den damit verbundenen Konstruktionen historisch präzise zu verorten.

Die historische Entwicklung in Belgien wurde von TINE VAN OSSELAER (Leuven) gezeigt. Ihr Fokus lag auf der Rolle der Männer im rituellen Raum und der damit verbundenen Konstruktion katholischer Männlichkeit. Mit Hilfe von Bildern zeigte sie auf, wie die Geschlechter in der Kirche separiert wurden, das heißt für welches Geschlecht welcher Zugang und welcher Platz vorgesehen war. Im Hintergrund wirkten dabei Vorstellungen von Schicklichkeit und sexueller Versuchung mit. An der Bedeutung des Raumes konnte van Osselaer die Funktionen von Segregation und Hierarchie eindrücklich demonstrieren. Bis in die Frage der Kopfbedeckung hinein spielte das Geschlecht eine Rolle, wie auch aktuelle Diskussionen um den Schleier zeigen. Doch auch die Männermode wurde im Raum der Kirche im 19. Jahrhundert intensiv diskutiert, wie die Referentin an zeitgenössischen Berichterstattungen und Ratgebern aufzeigen konnte.

Einen Ausschnitt aus ihrer jüngst eingereichten und verteidigten Dissertationsschrift präsentierte NINA KOGLER (Graz). Unter der Überschrift „Viriliter agite!” wies sie Männlichkeitskonstruktionen in der katholischen Kirche Österreichs in den 1930er-Jahren nach. Aufgezeigt wurde die “Katholische Aktion” als prägendes Konzept der Laienorganisation in Österreich. Zentral waren dabei die Stärkung der klerikalen Führungsposition und die Unterordnung der Laien und Laiinnen. Da Religion als weiblich codierter Bereich galt, war es umso wichtiger, die Invisibilisierung des religiösen Handelns von Männern aufzubrechen. Dafür wurde im Zuge einer Maskulinisierung der Religion die Akzeptanz hegemonialer Männlichkeit zum Ausdruck gebracht. Kogler verwies abschließend auf die Forschungsdesiderata im Bereich der Selbstzeugnisse.

Die Kirchenhistorikerin GISELA MUSCHIOL (Bonn) stellte mit Blick auf Dienste, Ämter und das Geschlecht Anfragen an die Feminisierungsthese aus katholischer Perspektive. Zu Beginn ihres Vortrages verwies Muschiol auf den Feminisierungsbegriff und seinen Gebrauch, sowie die damit verbundenen historisch-soziologischen Zusammenhänge und Ambivalenzen, etwa hinsichtlich von Wertungen und Präjudikationen. Zugleich mahnte sie die Kontextualisierung in wirtschaftshistorische Entwicklungen ein, das heißt etwa die Fragen nach dem Zusammenhang von Gehalt und Wert eines Berufes. In ihrem Vortrag wendete sie sich insbesondere den Frauenkongregationen im 19. Jahrhundert zu und der damit einhergehenden Professionalisierung zahlreicher Tätigkeitsfelder. Insgesamt ging sie aufgrund der terminologischen Unschärfe des Begriffs auf Distanz zur „Feminisierung“.

Der Vortrag von RAJAH SCHEEPERS (Marburg) problematisierte die Rede von der „Feminisierung des Protestantismus“ aus kirchengeschichtlicher Perspektive, ausgehend vom Beispiel der Diakonissen über die Diskussion um die Zölibatsklausel bis zum „Fall“ Margot Käßmann. Aufgezeigt wurde für die kirchliche Zeitgeschichte anhand von diesen historischen Beispielen, wie der Protestantismus in Bezug auf die Feminisierung der Gesellschaft erstens die Rolle eines Motors – nämlich mit Blick auf die Berufstätigkeit von Frauen – und zweitens die eines Hemmschuhs hatte – und zwar mit Blick auf die Ermöglichung eines Lebens als verheiratete, berufstätige Frau. Drittens sprach Scheepers über die sogenannte „Spitze“ der Feminisierung – nämlich über den Fall der ersten weiblichen Ratsvorsitzenden der EKD – und schließlich darüber, ob eine Feminisierung des Protestantismus überhaupt wünschenswert sei. Abschließend erfolgte eine Auseinandersetzung mit der von Friedrich-Wilhelm Graf angestoßenen Debatte.

Für den interreligiösen und transatlantischen Dialog konnte die renommierte Historikerin PAMELA NADELL (Washington) gewonnen werden. Ihr gelang es überzeugend, die Entwicklung des jüdischen Feminismus in den USA zu rekonstruieren. Ausgehend von den ersten jüdischen Menschen in den USA, 1654, der 1. Synagoge in der Neuen Welt, 1763, rekonstruierte sie die Rolle von Frauen im amerikanischen Judentum und deren Bedeutung. Die Gründung des Kongresses Jüdischer Frauen im Jahr 1893 konnte dabei als Meilenstein gewertet werden, ebenso der Anteil jüdischer Frauen an der Arbeiterbewegung. Insgesamt konstatierte sie einen historischen Bedeutungszuwachs von Frauen, wie er sich etwa in der Ausweitung religiöser Praktiken auch auf weibliche Lebenszusammenhänge zeige.

Die Abschlussdiskussion trug die Forschungsdesiderata und Perspektiven zusammen: Im Gegensatz zu der inzwischen vielfach infrage gestellten Säkularisierungsthese von Max Weber befand sich im 19. Jahrhundert Religion nicht auf dem Rückzug, sondern erlebte – zum Beispiel mit Blick auf Kongregationen und das Diakonissenwesen – eine ungeahnte Blüte. Religion entfaltete hier dank der Frauen eine ungeahnte Vitalität. Es kam mithin zu einer Neuordnung von Religiösem und Säkularem, nicht aber zu einer Säkularisierung im umfassenden Sinne. Für das 20. Jahrhundert bedeutet „Feminisierung der Kirchen“ ein dreifacher Prozess: erstens das Ergreifen von bis dato ausschließlich von Männern ausgeübten Berufen, z.B. Pfarrer oder Diakon, zweitens eine Veränderung der Theologie hinsichtlich des Geschlechts der Lehrenden, der Lernenden und des Inhalts – Stichwort Feministische Theologie – und drittens schließlich die Rezeption dieser Entwicklungen an der sogenannten kirchlichen Basis, etwa in Form einer Auseinandersetzung mit feministischen Themen im Gemeindealltag. Weitere Erforschung verdienen die Frage nach Konvergenzen und Divergenzen zwischen den Konfessionen und Religionen sowie die Überlegung, welche Rolle der jeweilige Kontext, mithin die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen spielen.

Von großer Bedeutung scheint auch der „lange Blick“ auf die Zeit vor 1800, ihm soll eine Folgekonferenz gewidmet werden.

Konferenzübersicht:

Bernhard Schneider: Feminisierung und (Re)-Maskulinisierung im deutschsprachigen Katholizismus im langen 19. Jahrhundert. Chancen und Probleme einer These

Yvonne Maria Werner: Feminisierung und Remaskulinisierung im nordischen Raum im langen 19. Jahrhundert

Angela Berlis: Einbruch in männliche Sphären? Der Aufbruch altkatholischer Frauen im langen 19. Jahrhundert

Michaela Sohn-Kronthaler: Feminisierung des kirchlichen Personals im 19. und 20. Jahrhundert? Entwicklungen – Beobachtungen - Anfragen

Tine van Osselaer: Men in Church. Ritual, Space and the Construction of Catholic Masculiniti

Gisela Muschiol: Dienste, Ämter und das Geschlecht. Anfragen an die Feminisierungsthese aus katholischer Perspektive

Rajah Scheepers: Feminisierung des Protestantism. Ein kirchengeschichtlicher Blick von der Diakonisse über die Zölibatsklausel zu Margot Käßmann

Pamela Nadell: The Constullation Jewish Feminism

Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Feminisierung vs. Maskulinisierung der Religion und Kirchen im 19. und 20. Jahrhundert?, 13.11.2011 – 15.11.2011 Graz, in: H-Soz-Kult, 27.02.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4085>.
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Veröffentlicht am
27.02.2012
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