La nación expuesta: Cultura visual y procesos de formación de la nación en América Latina

Ort
Eichstätt
Veranstalter
Professur für Geschichte Lateinamerikas, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Datum
27.01.2012 - 28.01.2012
Von
Sven Schuster/Johanna Umbach, Professur für Geschichte Lateinamerikas, KU Eichstätt-Ingolstadt

An dem von der Professur für Geschichte Lateinamerikas an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt organisierten Symposium "La nación expuesta" beteiligten sich Nachwuchswissenschaftler/innen und erfahrene Forscher/innen aus Europa, Lateinamerika, den USA und Israel. In allen Beiträgen ging es um die Rolle von Ausstellungen, Museen sowie visuellen Medien im Prozess des nation-building in Lateinamerika, wobei sowohl laufende Forschungsarbeiten als auch bereits abgeschlossene Projekte aus dem weitgefassten Bereich der Visual Culture Studies vorgestellt wurden. Ziel der von der Fritz-Thyssen-Stiftung organisierten Tagung war es, die Anwendbarkeit neuer methodischer und theoretischer Ansätze aus den Bereichen der Geschichte, der Literaturwissenschaft, der Kunstgeschichte und der Politikwissenschaft zur Erforschung des Zusammenhangs von politischer Ikonografie und Nationalismus zu diskutieren.

Nach Einführungsworten von Sven Schuster (Eichstätt) – dem Organisator der Tagung – ging HANS-JOACHIM KÖNIG (Eichstätt) in seinem Eröffnungsvortrag auf die konzeptuelle Unterscheidung zwischen materialen Bildern und verbal induzierten Vorstellungsbildern ein. Unter Bezugnahme auf die Unabhängigkeitsrevolutionen im nördlichen Andenraum legte König anhand zahlreicher Bild- und Textbeispiele dar, welch immense Rolle die von den Kreolen in Abgrenzung zur madre patria entworfenen Bilder vom "Eigenen" und "Anderen" im Prozess der Staats- und Nationswerdung spielten. Besonders häufig verwendeten die Kreolen demnach das Bild der india americana, um damit ihre eigene "amerikanische" Identität im Gegensatz zu den peninsulares zu unterstreichen. Insbesondere in Neu-Granada und Venezuela stützten sich die Kreolen weiterhin auf die Metapher von der "Familie", die unter anderem zur Rechtfertigung der Loslösung der nun mündig gewordenen "amerikanischen Kinder" von der verständnislosen "spanischen Mutter" bemüht wurde. Insgesamt stellte König mit seinen Ausführungen den theoretischen und thematischen Rahmen für die weiteren Vorträge zur Verfügung. Es wurde ferner klar, dass die Beschäftigung mit der politischen Ikonografie im Grenzbereich zwischen Geschichte, Politikwissenschaft, Kunstgeschichte und Kulturwissenschaft zu verorten ist.

Im ersten Panel zum Thema "Exposiciones" ging MARGARIDA DE SOUZA NEVES (Rio de Janeiro) in ihrem Vortrag zunächst der Frage nach, inwieweit es den brasilianischen Eliten aus Politik, Wirtschaft und Kultur im 19. Jahrhundert gelang, über die Beteiligung an internationalen Ausstellungen das Bild einer "modernen Nation" zu vermitteln. Anhand verschiedener Bildbeispiele aus der Entstehungsphase des brasilianischen Exhibitionary Complex zeigte sie auf, wie der Modernisierungsdiskurs der Eliten mit sozioökonomischen Realitäten wie der Sklaverei oder der fortbestehenden Dominanz des Agrar-Export-Sektors kollidierte. Die Ausstellungen waren somit "Schaufenster", in denen sich die ganze Widersprüchlichkeit des brasilianischen Fortschritts- und Zivilisationsdiskurses widerspiegelte. Daran anschließend beschäftigte sich SVEN SCHUSTER (Eichstätt) mit einem speziellen Aspekt des brasilianischen Ausstellungswesens, nämlich der anthropometrischen Fotografie. Er zeigte er auf, welche soziale Funktion den Fotografien von Afro-Brasilianern auf den National- und Weltausstellungen der 1860er-Jahre zukam. Im Kern ging es dabei um die Frage, warum bestimmte Bilder als Bestandteil eines rassistischen Diskurses zwar im Inland, aber nicht im Ausland gezeigt werden durften. Im dritten Vortrag des Panels ging ALEJANDRA USLENGHI (Chicago) auf die bislang recht unzureichend erforschte architektonische Dimension der Pavillons auf den Weltausstellungen ein. Am Beispiel der mexikanischen und argentinischen Pavillons auf der Pariser Universalausstellung von 1889 demonstrierte sie, wie sehr die lateinamerikanischen Ausstellungsmacher auf den Einsatz moderner Materialen setzten, obwohl die Fassaden der Pavillons oftmals in historistischer oder im Falle Mexikos in "neo-aztekischer" Weise gestaltet waren. Aus den Aushandlungsprozessen der auf Modernität bedachten lateinamerikanischen Planer und den europäischen Erbauern der Pavillons zog Uslenghi schließlich Rückschlüsse auf den hybriden Charakter der lateinamerikanischen Moderne an sich. Im vierten und letzten Referat des Panels beschäftigte sich schließlich SYLVIA DÜMMER SCHEEL (Berlin) mit Chiles Beteiligung an der Exposición Iberoamericana de Sevilla im Jahre 1929 im Kontext des Hispanismus. Ihr Beitrag konzentrierte sich im Wesentlichen auf das Vorhaben der Ausstellungsmacher, bei der Inszenierung der chilenischen Nation im Ausland von einer bloßen Imitation europäischer Stile Abstand zu nehmen und stattdessen einer betont autochthonen Darstellungsweise den Vorzug zu geben. Die neue Wertschätzung des Eigenen, die sich unter anderem durch die Zurschaustellung ethnografischer Exponate oder die Betonung der "Rasse" äußerte, war jedoch nicht unumstritten.

Im zweiten Panel zum Thema "Arte, monumentos y museos" erörterte zunächst MARCO PAMPLONA (Rio de Janeiro) auf der Grundlage verschiedener Historiengemälde des 19. Jahrhunderts, wie und warum bestimmte historische Ereignisse als "national" erkannt, visualisiert und in durchaus ähnlicher Form in Argentinien, Brasilien und Chile in Erscheinung traten. Darauf folgend legte GEORG WINK (Berlin) dar, wie nach dem Sturz der brasilianischen Monarchie die neue republikanische Machtelite versuchte mit dem ikonografischen Erbe des Kaiserreichs zu brechen. Anhand zahlreicher Beispiele zeigte er, dass die von den Eliten erwünschte Re-Interpretation "öffentlicher Bilder" oft misslang und es aufgrund inkohärenter nationalistischer Diskurse und der allzu offenkundig herrschaftslegitimierenden Funktion vieler Standbilder häufig zu Kontroversen oder sogar populären Umdeutungen kam. Daneben regte Wink für zukünftige Forschungen an, auch eine Reihe niemals realisierter Monumente in den Blick zu nehmen, da in solchen Fällen oftmals die heftigsten Kontroversen vorausgegangen seien. Im letzten Referat des Panels gab THOMAS FISCHER (Eichstätt) schließlich einen Überblick über die Kontroverse, wie mit dem historischen Erbe des 1993 von der Polizei getöteten kolumbianischen Drogenbosses Pablo Escobar umzugehen sei. So erörterte er, warum es für die Kolumbianer noch immer so schwierig sei, die in der zum Mythos verklärten Figur Escobars konvergierenden Vorstellungsbilder als Teil der nationalen Geschichte zu akzeptieren. Diese Schwierigkeit zeige sich – so Fischer – besonders deutlich an der über Jahre in Ruinen liegenden Hacienda Nápoles, dem einstigen Luxus-Domizil des Mafioso. Den gegenwärtigen Wiederaufbau des Domizils als Mischung aus Museum und Erlebnispark analysierte Fischer im Hinblick auf dessen Funktion als (un)möglicher nationaler Erinnerungsort.

Das dritte Panel der Tagung war dem Thema "Fotografía" gewidmet. Zunächst ging dabei HINNERK ONKEN (Köln) auf Bildpostkarten ein, die gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwischen Deutschland und Südamerika zirkulierten. Diese zumeist von europäischen Fotografen für europäische Konsumenten angefertigten Ansichten Südamerikas bieten dabei auf den ersten Blick eine recht geringe motivische Bandbreite. Wie im Titel seines Vortrags "Indígenas y ferrocarriles, ruinas y metrópolis: tarjetas postales de Sudamérica a fines del siglo XIX y comienzos del siglo XX" bereits anklingt, zeigte Onken anhand zahlreicher Beispiele, wie die Postkarten bekannte Dichotomien wie etwa den Topos "Zivilisation vs. Barbarei" zu bestätigen scheinen. Bei einer genaueren Analyse löse sich eine solch binäre Betrachtungsweise jedoch zugunsten einer differenzierteren Sicht auf und der hybride Charakter des Dargestellten komme zum Vorschein. Im zweiten Vortrag erörterte JOHANNA UMBACH (Eichstätt) die Vielschichtigkeit der Missionsfotografie am Beispiel der bayerischen Kapuziner aus den Jahren 1896–1920. So wiederholten die von ihr untersuchten Bilder den gängigen zeitgenössischen Diskurs von "Zivilisation und Barbarei" und ließen klassische Fortschrittsikonen erkennen. Trotzdem zeigte sie, dass der Bilddiskurs der Kapuziner sich nicht auf die bloße Wiederholung dieses Diskurses beschränke, sondern einen eigenen, respektvolleren Blick auf die indigenen Missionszugehörigen biete, die als selbstständiges und wertvolles Volk eigener Kultur und Tradition erscheinen. Besonders häufig werden Frauen von den Missionaren als Trägerinnen und Sicherungen ihrer Kultur dargestellt. Am Ende des Panels referierte schließlich BEATRIZ GONZÁLEZ-STEPHAN (Houston) über die auf zahlreichen cartes de visite aus dem Venezuela des 19. Jahrhunderts zu sehenden expliziten oder impliziten rassischen Distinktionsmerkmale und deren soziale Funktion. So wurden etwa mulattische oder schwarze Ammen bewusst durch das Bedecken mit Tüchern "unsichtbar" gemacht, während sich in zahlreichen Selbstporträts mulattischer oder mestizischer Venezolaner der Prozess der "Aufweißung" zeige. Ziel dieser Pionierarbeit sei die Einordung solcher Fotografien in komplexe zeitgenössische Rassediskurse sowie deren Analyse auf der Grundlage eines seriell-ikonografischen Ansatzes.

Im vierten und letzten Panel der Tagung ging es abschließend um Briefmarken, kollektive nationale Vorstellungsbilder im transnationalen Raum sowie um die Rolle des Kinos im Prozess der Nationsbildung ("Estampillas, iconografía política y cine"). In diesem Zusammenhang stellte zunächst HENIO HOYO (Florenz) seine Arbeit über die Zirkulation von Briefmarken im postrevolutionären Mexiko vor. Dabei zeigte er in chronologischen Querschnitten, warum zu bestimmten Zeiten in Korrelation mit bestimmten Diskursen den Motiven der Marken eine jeweils spezifische politische Funktion zukam. Danach beschäftigte sich ORI PREUSS (Tel Aviv) mit zwischen 1902 und 1912 von der argentinischen und brasilianischen illustrierten Presse entworfenen nationalen Stereotypen des jeweils "Anderen", die sich abwechselnd zwischen Bewunderung, Verständnis und Angst bewegten. Er ging weiterhin auf den jeweiligen politischen Kontext der Bilder – etwa den oftmals als bedrohlich empfunden Expansionismus Brasiliens – ein und versuchte auch, die mögliche Breitenwirkung sowie die Auftraggeber dieser "Bilder der Macht" zu ermitteln. Im letzten Vortrag des Panels referierte CHRISTIAN WEHR (Eichstätt) schließlich über einen populären mexikanischen Spielfilm aus dem Jahre 2001, Y tu mamá también von Alfonso Cuarón. Er zeigte auf, wie der Film in vielschichtiger Weise Verbindungen zu der politischen und gesellschaftlichen Situation Mexikos im Kontext der Abwahl der "ewigen" Regierungspartei PRI herstelle. Was als banale Teenagerkomödie US-amerikanischer Machart beginne, erweise sich bald als anspielungsreiches, doppelbödiges und kritisches Gesellschaftsporträt, das die ambivalente Stimmung, gleichsam den "Zustand der Nation" zwischen Aufbruch und Krise in allegorischer Weise spiegele.

Die Abschlussdiskussion wurde von SVEN SCHUSTER (Eichstätt) geleitet. Für zukünftige Tagungen, die zwischen 2012 und 2014 in Form eintägiger Workshops in Eichstätt, Köln und Berlin stattfinden sollen, wurde dabei angeregt, methodische Aspekte stärker in den Vordergrund zu rücken. So vermittelten die meisten Vorträge zwar einen guten Eindruck über das keineswegs ausgeschöpfte Potenzial der Visual Culture Studies, doch methodische Überlegungen etwa zur Analyse materialer Bilder als Teil zeitgenössischer Diskurse waren häufig nur implizit vorhanden. Schuster und andere Tagungsteilnehmer regten daher an, in Zukunft noch stärker auf Interdisziplinarität zu setzen und etwa den Methoden der Kunstgeschichte mehr Beachtung zu schenken. Insgesamt wurden die Ergebnisse der Tagung, die gegen Ende des Jahres in Form eines Sammelbandes veröffentlicht werden sollen, jedoch von allen Beteiligten außerordentlich positiv bewertet.

Konferenzübersicht:

Sven Schuster (KU Eichstätt-Ingolstadt): Bienvenida

Hans-Joachim König (KU Eichstätt-Ingolstadt): La función de la imagen en la construcción de las naciones latinoamericanas

Mesa 1: Exposiciones

Margarida de Souza Neves (PUC-Rio de Janeiro): Los escaparates del progreso: Brasil en las Exposiciones Universales del siglo XIX

Sven Schuster (KU Eichstätt-Ingolstadt): Tipos africanos: fotografía y discurso racial en las exposiciones del imperio brasileño

Alejandra Uslenghi (Northwestern University, Chicago): Resabios del futuro imaginado: Latinoamérica en la Exposición Universal de París, 1889

Sylvia Dümmer Scheel (FU Berlin): Sin tropicalismos ni exageraciones: la representación de Chile en la Exposición Iberoamericana de Sevilla en 1929

Mesa 2: Arte, monumentos y museos

Marco Pamplona (PUC-Rio de Janeiro): Retratando la nación en la pintura y los símbolos patrios

Georg Wink (FU Berlin): Monumentos como alegorías de la nación en la Primera República de Brasil

Thomas Fischer (KU Eichstätt-Ingolstadt): El narcotráfico en el museo: un tema nacional que duele a las naciones

Mesa 3: Fotografía

Hinnerk Onken (Universität zu Köln): Indígenas y ferrocarriles, ruinas y metrópolis: tarjetas postales de Sudamérica a fines del siglo XIX y comienzos del siglo XX

Johanna Umbach (KU Eichstätt-Ingolstadt): La fotografía misional de los padres capuchinos bávaros en Chile: ¿testimonio de la integración de los bárbaros a la nación o acercamiento a una cultura ideal?

Beatriz González-Stephan (Rice University, Houston): Las tarjetas de visita: racialidad y disciplinamientos de ciudadanías blancas en la pardocracia venezolana

Mesa 4: Estampillas, iconografía política y cine

Henio Hoyo (European University Institute): Estereotipos etnoculturales en estampillas posrevolucionarias en México

Ori Preuss (Tel Aviv University): "Um gigante cheio de bonomia": la figura de Brasil en el discurso visual de las relaciones internacionales sudamericanas, 1902–1912

Christian Wehr (KU Eichstätt-Ingolstadt): Realidad, mito y alegoría de la nación: Y tu mamá también de Alfonso Cuarón

Sven Schuster (KU Eichstätt-Ingolstadt): Resumen y reflexión crítica

Zitation
Tagungsbericht: La nación expuesta: Cultura visual y procesos de formación de la nación en América Latina, 27.01.2012 – 28.01.2012 Eichstätt, in: H-Soz-Kult, 01.03.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4094>.