Vom Gegner lernen – Erfahrungstransfers während der europäischen Okkupationen

Ort
Berlin
Veranstalter
Centre Marc Bloch, Humboldt-Universität zu Berlin; Université Paris I/IRICE
Datum
30.06.2011
Von
Masha Cerovic, Centre Marc Bloch/Paris I; Sophie Schifferdecker, Centre Marc Bloch, Universität Greifswald

Der Workshop „Vom Gegner lernen – Erfahrungstransfers während der europäischen Okkupationen“, der am 30. Juni 2011 am Centre Marc Bloch in Berlin stattfand, bot jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Möglichkeit, Transfer- und Okkupationsgeschichte miteinander zu verbinden und sie wechselseitig zu bereichern. Entsprechend der langen Tradition des deutsch-französischen Dialogs am Centre Marc Bloch, aber auch aufgrund der überaus reichen Geschichte des Transfers von Okkupationserfahrungen, konzentrierte sich der Workshop auf Transfers zwischen Frankreich und Deutschland. Gleichzeitig aber wurde die Analyse auf Osteuropa und auch über den europäischen Kontinent hinaus ausgeweitet, widmete sich dem Einfließen kolonialer Diskurse und nahm verschiedene Besatzungssituationen und deren gegenseitige Verbindungen und Abhängigkeiten in den Blick. Organisiert wurde die Tagung von vier Nachwuchswissenschaftler/innen des Centre Marc Bloch: Aurélie Denoyer (Paris/Potsdam/Berlin), Masha Cerovic (Paris/Berlin), Sophie Schifferdecker (Greifswald/Berlin) und Régis Schlagdenhauffen (Paris/Berlin).

Nach der Begrüßung durch die Organisatoren, eröffnete Klaus-Peter Sick (Belfort/Berlin) den Workshop mit einführenden Worten. Das erste Panel wurde von Christina Kott (Paris) geleitet und beschäftigte sich mit dem diachronen Vergleich von Besatzungssituationen. STEPHAN LEHNSTAEDT (Warschau) trug zu Besatzungssituationen in Polen während des Ersten und Zweiten Weltkrieges vor. Er untersuchte die unterschiedlichen Perzeptionen des Warschauer Generalgouvernements zwischen 1915 und 1945 und zeigte, in welcher Form die dortigen Entwicklungen wahrgenommen und gedeutet wurden. Muster der gegenseitigen Bezugnahme aber auch das Fehlen von direktem voneinander Lernen wurden hier herausgearbeitet, was wiederum Aufschlüsse über die jeweilige Positionierung der Okkupationsregime erlaubte. Auch der Vortrag von JULIA WAMBACH (Potsdam) widmete sich Transfer- und Lernprozessen während zweier verschiedener Besatzungen bei Beibehaltung der Besatzungskonstellation. Sie untersuchte Kontinuitäten und Diskontinuitäten zwischen den französischen Besatzungen in Deutschland während und nach den beiden Weltkriegen und bezog im Vortrag beide Perspektiven, die der Besatzer und die der Besetzten, aufeinander. Über den Aspekt der politisch-verwaltungstechnischen Seite der Besatzung hinaus, stellte sie die Frage nach der wechselseitigen Wahrnehmung durch die Zeitgenossen und auch nach Erwartungen, die aus vorangegangenen Besatzungserfahrungen resultierten.

Der Frage nach Erwartungen, die sich aus einer vorherigen Besatzung ergaben, widmete sich auch CHAD DENTON (Seoul), der im zweiten, von Marcel Boldorf (Bochum) geleiteten Panel zu Metallrequisitionen in Frankreich während der beiden Weltkriege sprach. Er zeigte auf, wie sich das Vichy-Regime der deutschen Besatzungsmacht anbot, die Metallrequisitionen selbst zu übernehmen, um die schlechte Erinnerung der französischen Bevölkerung an den systematischen Metalldiebstahl der Deutschen während des ersten Weltkrieges nicht aufkommen zu lassen. Das Regime versuchte dadurch Unabhängigkeit zu bewahren und sich Legitimität gegenüber der französischen Bevölkerung zu verschaffen. Auch im zweiten Vortrag dieses Panels zum Thema Verwaltung stand die Frage nach Handlungsspielräumen von Besatzern oder Besetzten im Vordergrund. SEBASTIAN SCHLEGEL (Jena) widmete sich in seinem Referat dem Bezugsrahmen und den Erfahrungshorizonten sowjetischer Offiziere im besetzten Deutschland zwischen 1945 und 1949. Er zeigte, dass die sowjetischen Besatzer in der SBZ zunächst auf Besatzungserfahrungen in östlichen Gebieten zurückgreifen mussten und dort erlernte Handlungsmuster übernahmen. Am Beispiel des sowjetischen Entscheidungsträgers Ivan Kolesničenko zeigte Sebastian Schlegel, wie erstaunlich groß die Entscheidungsspielräume vor allem für die regionalen Vertreter der Besatzungsmacht bisweilen waren, weshalb es zu vielen Transfer- und Lernprozessen zwischen Besatzungsoffizieren und deutschen Vertretern von Verwaltung, Wirtschaft und Politik kommen konnte.

Das von Dominik Rigoll (Jena) geleitete dritte Panel widmete sich Transferprozessen die von Akteuren angestoßen werden, die sich außerhalb ihres eigenen Landes bewegen. SOPHIE SCHIFFERDECKER (Greifswald) stellte in ihrem Vortrag die Frage, wie und warum es möglich war, dass deutsche Widerstandskämpfer Eingang in die Reihen der französischen Résistance fanden, obwohl sie Vertreter der Feindnation waren. Sie erläuterte, welche spezifischen Kompetenzen der deutschen Widerstandskämpfer sich die Résistance nutzbar machte, um ihre eigene Schlagkraft zu erhöhen. Eine weitere Facette des Widerstandes in fremdem Land beleuchtete anschließend DIEGO GASPAR CELAYA (Saragossa). Er besprach den Weg von republikanischen Spaniern, die sich nach ihrem Engagement in der französischen Fremdenlegion dem französischen Widerstand innerhalb der Forces Françaises Libres anschlossen. Er warf die Frage auf, welchen Einfluss die Tradierung dieser Kampferfahrung auf das kollektive Gedächtnis des spanischen Exils hatte. Das Panel abschließend frage ANNE PEITER (Ile de la Réunion) in ihrem Referat nach Kontinuitäten zwischen den Nubafotographien Leni Riefenstahls und ihren Propagandafilmen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Anne Peiter machte deutlich, dass sich Riefenstahl als feministische und antikoloniale Kritikerin stilisierte, welche gerade noch rechtzeitig vor der muslimischen Okkupation der Nuba-Dörfer einer vom Untergang bedrohten Kultur fotographisch ein Denkmal gesetzt hatte. Riefenstahl versuchte so, ihre Arbeit im weit entfernten Afrika zu nutzen, um auch ihren Wehrmachtspropagandafilmen im Nachhinein den Anschein von purer, ungeschichtlicher und unpolitischer Schönheit zu geben.

Das vierte und letzte Panel, welches von Fabrice Virgili (Paris) geleitet wurde, rundete den Workshop durch eine Fokussierung auf die Frage der Transfers im humanitären Kontext ab. JULIA TORRIE (Fredericton) analysierte die Wechselwirkungen zwischen dem französischen Secours Populaire und der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt in Bezug auf Struktur und Praxis von Evakuierungen. Deutlich wurde, dass die beiden Hilfsorganisationen schon vor dem Krieg pragmatisch zusammengearbeitet hatten und dass sich damit zusammengehende Lernprozesse in der Zeit der Okkupation, trotz starker politischer Dissonanzen, noch verstärkten. Durch organisatorisches Miteinander und das Ausfechten von Rivalitäten kam es zu einer Homogenisierung der Hilfsstrukturen, die die Evakuierungspraxis maßgeblich prägte. An diesen Vortrag anschließend sprach JULIA MASPERO (Paris) zu den displaced persons in den französischen Besatzungszonen Deutschlands und Österreichs. Sie ging hierbei besonders auf die Besonderheit des Positionswechsels zwischen Besatzern und Besetzten unter völlig veränderten Herrschaftsauffassungen ein und verdeutlichte, wie vorsichtig Handelnde mit Transfermöglichkeiten umgehen, wenn sie sich als lernende Akteure von den ursprünglichen Produzenten des Wissens ausdrücklich abgrenzen wollen.

Die Tagung fand ihren Abschluss in einer von Daniel Schönpflug (Berlin) geleiteten Diskussion, die sich vor allem dem Vergleich der verschiedenen Untersuchungen widmete und Parallelen zwischen Transfers während der Okkupationssituationen in Ost- und Westeuropa zutage förderte. Die verschiedenen Vorträge hatten die üblichen Kategorien von Freund und Feind sowie von Widerstand und Kollaboration in Frage gestellt und so empfahl die Diskussion, diese gemeinhin als selbsterklärend empfundenen Kategorien grundsätzlich zu überdenken.

Die Frage nach Transfers während kriegerischer Auseinandersetzungen wurde im Laufe des Workshops auf Gebiete wie Wirtschaft, Verwaltung, Mobilisierung der Bevölkerung sowie auf soziale und humanitäre Hilfe erweitert. Dabei ist deutlich geworden, wie häufig Erfahrungsübertragungen gerade in hochpolarisierenden Besatzungszeiten auf all diesen Ebenen stattfinden. Besonders reizvoll war der Schwerpunkt vieler Teilnehmer auf die mikrohistorische Analyse, in der Transfers in geschlossenen, eng definierten Orten oder innerhalb individueller Lebenswege analysiert wurden. Gerade dieser Zugang, der methodologisch sehr unterschiedlich verwirklicht wurde, ermöglichte es den Teilnehmern, fruchtbare Vergleiche zwischen den verschiedenen untersuchten Situationen zu ziehen.

Schließlich war es besonders interessant festzustellen, mit welcher Intensität diese Erfahrungsübertragungen gerade im Kontext von Krieg und Besatzung stattfinden und wie sehr die scheinbar unüberwindbaren Barrieren zwischen Freund und Feind abgebaut wurden, wenn es um nutznießerische Transferprozesse ging. Lernprozesse werden durch Kriegssituationen beschleunigt, auch wenn immer wieder festgestellt wurde, dass die Akteure diese Verflechtungen häufig leugnen. Die Tagung machte deutlich, dass Transferforschung ein besonders fruchtbarer Weg sein kann, um die Opposition zwischen Freund und Feind sowie die üblichen Kategorien von Widerstand und Kollaboration weiter zu entwickeln.

Konferenzübersicht:

Accueil des participants par les organisateurs

Ouverture: Klaus-Peter Sick (Centre Marc Bloch)

Panel I - Expériences croisées
Modération: Christina Kott, (Université Paris II)

Stephan Lehnstaedt (DHI Warschau): Das Generalgouvernement Warschau als Referenz für Besatzung in Polen (1915-1945)

Julia Wambach (ZZF Potsdam): Occupations croisées: Französische Besatzungen in Deutschland nach den beiden Weltkriegen

Panel II - Administrations en guerre
Modération: Marcel Boldorf (Ruhr Universität Bochum)

Chad Denton (Yonsei University): Metal Requisitions and Total War in Europe (1914-1945)

Sebastian Schlegel (Friedrich-Schiller-Universität Jena): Erfahrungshorizonte sowjetischer Offiziere im besetzten Deutschland (1945-1949)

Panel III - Etranges étrangers en terrains occupés
Modération: Dominik Rigoll (Friedrich-Schiller-Universität Jena)

Sophie Schifferdecker (Universität Greifswald / Centre Marc Bloch): Erfahrungstransfers zwischen deutschen Widerstandskämpfern und der französischen Résistance (1940-1945)

Diego Celaya G. (Universitad de Zaragossa): Portrait d'un oubli. Espagnols dans les Forces Françaises Libres (1940-1945)

Anne Peiter (Université de la Réunion): Eroberung der Bilder. Die Filmemacherin und Fotografin Leni Riefenstahl zwischen Wehrmachtspropaganda und Afrikainszenierung 15h00 - 16h00:

Panel IV - Déplacements de populations
Modération: Fabrice Virgili (CNRS/IRICE)

Julia Torrie (St.Thomas University): Cultural Transfer and civilian evacuations in Germany und occupied France (1940-1944)

Julia Maspero (Université Paris I): Les personnes déplacées dans les zones d’occupation françaises en Autriche et en Allemagne, 1945-1949

Conclusion et discussion générale: Daniel Schönpflug (Centre Marc Bloch)

Zitation
Tagungsbericht: Vom Gegner lernen – Erfahrungstransfers während der europäischen Okkupationen, 30.06.2011 Berlin, in: H-Soz-Kult, 08.03.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4124>.
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Veröffentlicht am
08.03.2012
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