Zwischen Rekonstruktion und Modernisierung: Öffentliche Debatten über historische Stadtkerne im 20. und 21. Jahrhundert

Ort
Tallinn (Estland)
Veranstalter
Stadtarchiv Tallinn; Universität Szczecin
Datum
15.09.2011 - 18.09.2011
Von
Eric Le Bourhis, École des hautes études en sciences sociales (EHESS), Paris

Das 8. Tallinner Symposium zur Geschichte und Kultur Nordosteuropas wurde vom Stadtarchiv Tallinn, der Universität Szczecin (DAAD Alfred Döblin-Professur für osteuropäische Geschichte), der Academia Baltica in Lübeck und der Aue-Stiftung in Helsinki in den Räumlichkeiten des Stadtarchivs Tallinn vom 15 bis 17. September 2011 veranstaltet.[1] Die von Jörg Hackmann konzipierte Themenstellung „Zwischen Rekonstruktion und Modernisierung: Öffentliche Debatten über historische Stadtkerne im 20. und 21. Jahrhundert“ umfasste etwa zwanzig Referate von Historikern, Architektur- und Kunsthistorikern sowie Kultur- und Sozialwissenschaftlern, die den vielfältigen Umgang mit historischen Stadtkernen nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs im Ostseeraum reflektierten. Gemeinsame Schlüsselfrage war die Herausbildung einer fachinternen und öffentlichen Debatte, und deren Entwicklung in politischer oder wirtschaftlicher Hinsicht.

Die von Winfried Nerdinger 2010 herausgegebene Publikation zur Ausstellung "Geschichte der Rekonstruktion – Konstruktion der Geschichte" in der Münchener Pinakothek der Moderne hat eine neue wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Deutungen der Rekonstruktion ausgelöst und wurde zum Anknüpfungspunkt verschiedener Vorträge. In dieser Perspektive betonte MAŁGORZATA OMILANOWSKA (Danzig) die weitreichende Ausstrahlung der Warschauer Erfahrung: Während die Rekonstruktion der Altstadt nach dem Krieg vor allem psychologisch durch das Ausmaß der Zerstörung motiviert war, begründete die Rekonstruktion des Schlosses nach 1970 eine im Ostseeraum folgenreiche Zäsur. Denn von nun an wurde die Frage der Originaltreue anders gestellt. Das gilt insbesondere für Projekte, zu denen nur wenige Dokumente über den alten Zustand vorhanden sind, wie etwa beim Schloss in Vilnius (ALFREDAS BUMBLAUSKAS / SALVIJUS KULEVIČIUS, Vilnius). Zu solchen Entwicklungen gehört auch die umstrittene Wiederherstellung des Berliner Stadtschlosses. JOHN V. MACIUIKA (New York) verwies für diesen Fall auf die Macht politischer und gesellschaftlicher Diskurse, in denen die Beseitigung des Palasts der Republik wichtiger war als die konkrete Gestaltung des Schlossneubaus. Die Rückkehr oder Aneignung historischer Topographien tritt nämlich heute oft in Projekten hervor, die sich mit der Vergangenheit nicht nur unter kunsthistorischen Fragestellungen auseinandersetzen, sondern mehr auf historische Grundstückstrukturen oder auch nur die Atmosphäre des Ortes achten. Das zeigen jeweils der Versuch, dem Lübecker Gründerviertel ein historisierendes Gesicht zu verleihen (MANFRED FINKE, Lübeck), sowie, besonders plastisch, das neue „Fischerdorf“ in Kaliningrad, für das ein postmoderner Hansastil entwickelt wurde (BERT HOPPE, Berlin).

Meistererzählungen, die in solchen Prozessen kultureller Aneignung des städtischen Raumes zum Vorschein kommen, betonen die kulturellen Trennlinien der Gesellschaft. So bringt die moderne Fragestellung zu Altstädten kulturelle oder nationale Bilder mit sich, wie in Vilnius, wo vier kulturelle Bilder der Stadt gegen- oder nacheinander antreten (ALVYDAS NIKŽENTAITIS, Vilnius). Dass die (Re-)Nationalisierung von Denkmalpflege und Wiederaufbau auf nationale Konfliktlagen zurückzuführen ist, legte ARNOLD BARTETZKY (Leipzig) an Beispielen aus Deutschland und Ostmitteleuropa nuanciert dar. Solche Deutungen verdichten sich in den Hauptstädten, wie JERZY KOCHANOWSKI (Warschau) für Warschau nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte. Interessanterweise hilft die Analyse des polnischen Wiederaufbaus, die städtische Rekonstruktion der frühen Francozeit in Spanien zu verstehen, da der nationale Diskurs im autoritären politischen Kontext zur Konkretisierung ähnlicher Auferstehungsrhetoriken führte (JOSÉ M. FARALDO und CAROLINA RODRIGUEZ-LOPEZ, Madrid). In Breslau, so GREGOR THUM (Seattle), wurden erste allumfassende Deutungen mittlerweile durch multiple „Narrative“ ersetzt, die eine zentrale Rolle in der Wiederaufwertung des historischen Stadtkerns seit 1990 spielen. Der Fall Wyborg (PETRI NEUVONEN, Helsinki) zeigt seinerseits, dass neue Deutungen auch mit Grenzen überschreitender Kooperation einhergehen können.

Darüber hinaus sollen diese Diskurse über Altstädte im Rahmen praktischer Fragestellungen analysiert werden. Die Schlussbemerkungen des Symposiums betonten, dass letztlich in jeder Stadt lokale und wechselnde Kompromisse zwischen Modernisierung und Erhaltung anzutreffen sind. Dies ist natürlich mit der Entwicklung des Städtebaus der Vorkriegszeit verbunden, wie es parallele Arbeiten über Stettin jeweils vor und nach dem Krieg zeigen (KATJA BERNHARDT, Berlin, und SZYMON PIOTR KUBIAK, Stettin). In Danzig konnte der Wiederaufbau nach 1948 beispielhaft gleichzeitig historische und modernistische Utopien befriedigen (JACEK FRIEDRICH, Danzig). Die Historisierung der Diskurse nach 1945 zeigt auch, wie präsent Wunschbilder einer modernen Transformation waren, selbst für die früh als wertvoll anerkannte Altstadt Tallinn (EPP LANKOTS, Tallinn). Parallel dazu entwickelte sich in Tallinn nach 1965 eine Denkmalpflege, die zu einem Muster der Altstadtpflege in der Sowjetunion wurde (RIIN ALATALU, Tallinn). Darauf weisen die Verflechtungen im Denkmalschutzes und der Stadtplanung hin, wie ERIC LE BOURHIS (Paris) für Riga herausarbeitete. Solche Diskussionen waren aber kein Privileg von Fachleuten. GEORG WAGNER-KYORA (Berlin) hat am Beispiel des Nikolaikirchenviertels in Hamburg in der Nachkriegszeit die sozialen Mechanismen für eine Aufwertung der Bausubstanz analysiert und die Kommunikation zwischen Politikern, Fachleuten, Investoren und Einwohnern hervorgehoben. Eine Analyse des Immobilienmarktes in Stockholm lässt ein Übernehmen von Werten erkennen, die von der Denkmalpflege entwickelt wurden (HÅKAN FORSELL, Örebro). MART KALM (Tallinn) betonte dagegen, dass in der Sowjetunion bzw. den staatssozialistischen Systemen die Beziehung zwischen Entscheidungsträgern und Gesellschaft eine deutlich andere war als im Westen. Nichtsdestotrotz sind heute selbst in Sankt Petersburg Aktionen der Zivilgesellschaft gegenüber ambitiösen Modernisierungsprojekten möglich (LJUBOV’ KUDRJAVCEVA, Sankt-Petersburg). Letztere Beispiele ermutigen, so MARC SCHALENBERG (Berlin), den Fokus der Forschung von den jeweils als gegeben angenommenen Rahmen der einzelnen Städte auf eine vergleichende Analyse der örtlichen Akteure wie auf transnationale Dimensionen der Debatten (zum Beispiel das UNESCO-Welterbe) zu lenken.

Konferenzübersicht:

Jörg Hackmann (Universität Szczecin): Einführung in das Tagungsthema

Sektion 1: Altstädte zwischen Erhaltung und Modernisierung

John V. Maciuika (CUNY): Castles in the Sand: The Politics of Architecture at the Heart of Berlin

Georg Wagner-Kyora (TU Berlin): Mahnmal, Autotrasse und späte Nostalgie: Die Ruine der St. Nikolaikirche in Hamburg und ihre Nachbarstraßen im Wiederaufbau 1943 – 1990

Epp Lankots (Art University, Tallinn): Historic and Modern City in Tallinn

Öffentlicher Abendvortrag:
Małgorzata Omilanowska (Universität Gdańsk): Rekonstruktion und Modernisierung in Mittel- und Osteuropa

Sektion 2: Erblasten und Aneignungen. Öffentliche Debatten über historische Stadtkerne

Alvydas Nikžentaitis (Institut für Geschichte, Vilnius): Vilnius als symbolische Hauptstadt von vier Nationen: Ewige litauische Hauptstadt, Hauptstadt der Kresy, Jerusalem des Nordens und weißrussisches Mekka

Gregor Thum (University of Washington, Seattle): Wrocław's Multiplying Narratives. The Cultural Appropriation of Urban Spaces after the End of Polonocentrism

Riin Alatalu (City of Tallinn): Reconstruction, Modernization or Lacuna? Conflicts of Memory, Planning and Re-Establishment in Tallinn

Ljubov’ Kudrjavceva (St. Petersburg): St. Petersburg Architectural Legacy: Challenges and Opportunities

Petri Neuvonen (Helsinki): Vyborg: A Finnish Perspective

Sektion 3: Moderne Überformungen

Katja Bernhardt (Humboldt-Universität zu Berlin): Die "Gesundung der Altstadt". Ein Programm zur Restrukturierung der "Gauhauptstadt" Stettin

Szymon Piotr Kubiak (Nationalmuseum, Szczecin): Piotr Zarembas Vision vom Wiederaufbau Stettins

Eric Le Bourhis (EHESS, Paris): Die Abgrenzung des "historischen Zentrums" in Riga

Andres Toode (Stadtmuseum Narva): Narva

Håkan Forsell (Örebro University): The Value of Urban Heritage. Public Debate, Assessment Criteria and Redevelopment of Cultural Property in Stockholm

Sektion 4: Rekonstruktionen und die Wiederkehr historischer Topographien

Jerzy Kochanowski (Universität Warszawa): Warschau

Jacek Friedrich (Universität Gdańsk): Danzig

Alfredas Bumblauskas / Salvijus Kulevičius (Universität Vilnius): The Lower Castle in Vilnius

Bert Hoppe (Berlin): Kaliningrad

Manfred Finke, Lübeck Das Gründerviertel in Lübeck

Sektion 5: Nationen (re)konstruktieren

José M. Faraldo / Carolina Rodriguez-Lopez (Universidad Complutense de Madrid): Nationalism and Reconstruction in Dictatorships: Franco’s Spain and Socialist Poland in Comparison (1939/1945-1956)

Arnold Bartetzky (Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas, Leipzig): Geschichte bauen. Rekonstruktion und Nationsbildung im 19.-21. Jahrhundert

Schlussdiskussion

Einleitende Statements: Mart Kalm (Art University, Tallinn), Marc Schalenberg (TU Berlin)

Anmerkung:
[1] Dieser Bericht ist in einer ersten Fassung erschienen in: Informationen zur modernen Stadtgeschichte, (2011), 2, S. 122–124.

Zitation
Tagungsbericht: Zwischen Rekonstruktion und Modernisierung: Öffentliche Debatten über historische Stadtkerne im 20. und 21. Jahrhundert, 15.09.2011 – 18.09.2011 Tallinn (Estland), in: H-Soz-Kult, 13.03.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4152>.
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Veröffentlicht am
13.03.2012
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