Industriekultur zwischen Lahn und Dill

Ort
Marburg
Veranstalter
Christian Kleinschmidt, Universität Marburg; Otto Volk, Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde Marburg
Datum
01.02.2012 - 02.02.2012
Von
Kevin Rick, Marburg

Obwohl in den vergangenen Jahren die Beschäftigung mit der Geschichte und Gegenwart hessischer Industrie nicht nur bei Historikern starken Aufschwung erfahren hat, bildet das industriekulturelle Erbe der Lahn-Dill-Region bisher ein eher randständiges Forschungsgebiet. Trotz zahlreicher Einzelinitiativen verschiedener Einrichtungen, Organisationen und Einzelpersonen sowie starker Vorbilder in Süd- und Nordhessen („Route der Industriekultur Rhein-Main“, „Netzwerk Industriekultur Nordhessen“) hat ein flächendeckender Austausch über das Potential der Erforschung und Gestaltung mittelhessischer Industriekultur offenbar bisher nicht stattgefunden. Eine gemeinsame Abstimmung und Vernetzung fehle bislang, so der Ausgangspunkt des zweitätigen Workshops in Marburg unter Leitung von Christian Kleinschmidt und Otto Volk.

Die Veranstaltung zielte deshalb darauf ab, die Verbindungen der Einzelakteure – pars pro toto stehen Museen, Archive, Vereine, Kommunalgesellschaften, Denkmalpflege, Landesamt für geschichtliche Landeskunde und Universität – untereinander zu intensivieren, um die bisher eher stiefmütterlich behandelte Industriekultur Mittelhessens in der Zukunft stärker in das (Geschichts-)Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken.

Im Eröffnungsvortrag stellte PETER SCHIRMBECK (Rüsselsheim) Planung, Konzeption und Umsetzung der „Route der Industriekultur Rhein-Main“ vor, die er vor etwa zehn Jahren initiiert hat. Bei seiner Präsentation schlug Schirmbeck den Bogen von kulturanthropologischen Überlegungen über das Verhältnis von Mensch, Technik und Arbeit hin zu Marketing- und Tourismus-Aspekten der Route, wobei er die scheinbare „Tendenz zur Selbstauslöschung“ industriellen Erbes ebenso ansprach wie die nötige Mitwirkung von Bürgerinitiativen und Politik zur Erhaltung alter Standorte und Objekte. Schirmbeck plädierte dafür, das Industriezeitalter nicht als abgeschlossene Epoche zu betrachten, sondern vielmehr neben der Vergangenheit auch den Fokus auf Gegenwart und Zukunft zu legen.

Die darauf folgende Diskussion kreiste vor allem um die Abgrenzungsproblematik des eher heuristisch zu gebrauchenden Begriffs der „Industriekultur“ sowie die vielfältigen Kategorisierungs- und Typisierungsproblematiken, die im Anschluss auch von KRISTIN SCHUBERT (Marburg) aufgegriffen wurden. Aus Sicht der Denkmalschutzbehörde stellte sie anhand einiger mittelhessischer Beispiele typische Vorgehensweisen und Probleme aus der Praxis der Industriedenkmalpflege vor. Die Probleme der Erhaltung von Industrieanlagen seien finanziell oft vergleichbar mit der von Schlössern oder Burgen; die Aufgabe der Denkmalpflege bestehe hier vor allem darin, mit den Eigentümern in Dialog zu treten. Gerade in Bezug auf Überreste der beginnenden Industrialisierung stehe hier das ästhetische Empfinden oftmals dem historischen Wert entgegen.

Mit einer anderen Art der Erhaltung und Überlieferung befasste sich im Anschluss ULRICH EISENBACH (Darmstadt), der in seiner Präsentation die Bestände des Hessischen Wirtschaftsarchivs in Darmstadt vorstellte. Die von den elf hessischen Industrie- und Handelskammern, dem Land Hessen und einigen Unternehmen getragene Institution sichert Unterlagen des hessischen Wirtschaftslebens, wobei neben den Beständen der Kammern auch Firmenbestände der Privatwirtschaft verwahrt werden.

Im folgenden Vortrag wurden ergänzend einige Archivalien aus den Beständen des Hinterlandmuseums Schloss Biedenkopf von GERALD BAMBERGER (Biedenkopf) vorgestellt. Bamberger erläuterte daran auch die einst hohe ökonomische wie soziale Bedeutung der Hinterländer Montanindustrie und hob bedauernd hervor, dass weder diese noch die ebenfalls bedeutsamen Textil- oder Tabakindustrien Schwerpunkte in der lokalen Historiographie bildeten. Zeugnisse der Blütezeit der Eisenindustrie rund um Biedenkopf machen den Schwerpunkt des Museumsfundus aus. Eine sozialhistorisch ausgerichtete Dauerausstellung befasst sich mit den Beschäftigten und Produkten der Eisenindustrie. In der anschließenden Diskussion wurde noch einmal hervorgehoben, dass die Erforschung der Industriekultur nicht bei den Produktionsstätten stehen bleiben dürfe, sondern dass vielmehr neben den Produkten auch der immateriellen Dimension der Industrie Rechnung getragen werden müsse: Arbeit, Arbeiter, Arbeitsverhältnisse sowie deren Resonanzen in Familie und Alltag gehörten ebenfalls zur Industriekultur, so der Konsens.

Zum Abschluss der ersten Sektion des Workshops stellte OTTO VOLK (Marburg) vom Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde einige Module des Landesgeschichtlichen Informationssystems LAGIS (www.lagis-hessen.de) vor. Neben dem „Historischen Ortslexikon“, dem Modul „Historische Bilddokumente“ und der „Topografie des Nationalsozialismus in Hessen“ führte Volk in das neue Projekt „Industriekultur zwischen Lahn und Dill“ ein. Die Datenbank solle zukünftig der Erfassung und Dokumentation von Standorten und Objekten hessischer Industriegeschichte dienen und als Internetangebot für jedermann frei zugänglich zu sein. Jedes Objekt werde historisch, kartographisch und medial aufbereitet, wobei die Verzeichnung in der Datenbank explizit nicht an die Existenz von dinglichen Überresten geknüpft sei. Es sei ein Defizit für Hessen, dass keine geschlossene Darstellung von Objekten der Industriekultur existiere – Kenntnis sei aber die erste Bedingung für ihren Schutz.

Während es am ersten Tag um weniger spezifische, eher übergreifende Themen ging, lag der Fokus am zweiten Tag des Workshops auf konkreten Einzelthemen und detaillierten Schilderungen der hessischen Industriekultur. JOHANNES LAUBACH (Frankfurt am Main) eröffnete diese Sektion mit der Vorstellung der touristisch-historischen Erschließung des Kerkerbachtals in der Nähe von Limburg, das vor allem durch die Dichte und Vielfalt seines industriekulturellen Erbes hervorsteche. Entlang der stillgelegten Kerkerbachbahn – vorbei beispielsweise an der 1901 von Krupp erworbenen Christianshütte und dem größten Abbaugebiet des Lahnmarmors in Schupbach – werde Freizeit mit Geschichtsbewusstsein zusammengebracht und gestaltet. Für den Historiker dränge sich aber doch die Schwierigkeit auf, die sich oftmals in schlechtem Zustand befindlichen Überreste von Anlagen genau zu deuten und zu datieren. Laubach ging außerdem auf das Spannungsfeld von Natur- und Industriedenkmalschutz ein und vermittelte damit einen Einblick in die vielfältigen Probleme eines solchen Projektes, die sich auch bei einer umfassenden mittelhessischen Industriekultur-Route zeigen dürften.

CHRISTOPH BARTELS (Bochum) gab anschließend einen Überblick über die Geschichte des Dachschieferbergbaus in den ehemaligen nassauischen Gebieten des Rheinischen Schiefergebirges. Neben den Entwicklungen in den Betriebsformen und Abbauverfahren ging Bartels auf Spezifika des hessischen Bergrechts in Bezug auf den Schieferabbau sowie die Verwendung des Schiefers im Wandel der Zeit ein. Nach den Wohn- und Arbeitsverhältnissen skizzierte er Einschätzungen zu Denkmälern des Schieferabbaus: Zwar seien Stadt- und Ortsbilder immer noch stark geprägt durch Schieferdeckung, bis auf Halden-Landschaften sei aber von den Stätten der Schiefergewinnung selbst kaum noch etwas erhalten, es drohe der Totalverlust. Nichtsdestotrotz bildeten gerade die Schieferhalden die Möglichkeit, ganz besondere Flora und Fauna anzusiedeln und damit Industriekultur mit dem Ökologie-Gedanken stärker zu verweben. Natur- und Denkmalschutz seien oft konträr und oft nicht miteinander zu vereinen, gerade in solchen Fällen wie der Schieferhalden böte sich aber diese besondere Gelegenheit.

Bei der von MARION KAISER (Bochum) behandelten Thematik trat diese typische Schwierigkeit der Erhaltung von Industrieanlagen unter Naturschutzaspekten klar zu Tage. In ihrem Dissertationsvorhaben, das sie in einem Werkstattbericht vorstellte, beschäftigt sich Kaiser mit der Geschichte des Lahnmarmor-Abbaus im 17. und 18. Jahrhundert, der bis in die 1970er-Jahre betrieben wurde. Die Steinbrüche seien oftmals ohne Beachtung ihres historischen Werts renaturiert und verfüllt worden, teilweise aber – bei Einzelfällen – auch als Geotop touristisch und historisch erschlossen. In ihrer Dissertation soll besonders der Konflikt der Lahnmarmor-Fabrik im Zuchthaus Diez mit der Privatwirtschaft einen thematischen Schwerpunkt bilden, wobei Kaiser ebenfalls auf die funktionelle Differenzierung einzelner Tätigkeitsbereiche beim Marmorabbau, auf die Ausbildung, Organisation und Zahl der Arbeiter sowie die Verbreitung und Beförderung der Produkte einzugehen plant.

In der folgenden, die drei ersten Vorträge des Tages resümierenden Diskussion stand die Frage im Mittelpunkt, welche Objekte aus den genannten Gebieten für eine etwaige „Route der Industriekultur Mittelhessen“ genutzt werden könnten. Dabei müsse auf das Spannungsfeld von Denkmalschutz und Naturschutz ebenso geachtet werden wie auf die Schwierigkeiten, die mit dem Design einer Corporate Identity einer politisch wie kulturell keineswegs homogenen Sammlung von Ortschaften, Städten und Kommunen einhergehen. Erster Schritt müsse aber in jedem Fall die flächendeckende Erfassung und Dokumentation der Objekte sein, die für eine solche Route in Frage kämen.

Nach diesem ersten Sammeln von Anregungen, Ideen und zu erwartenden Problemen betonten DÖRTE LENZ und SONJA KUNZE (beide Kassel) in ihrem Vortrag neben der Wichtigkeit der Erfassung auch die Erschließung der Objekte, beispielsweise durch Beschriftungen und Tafeln, durch die Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern vor Ort und die Veranstaltung spezieller Events. Sie schilderten ihre Erfahrungen mit der Rezeption von Industriekultur abseits des genuin wissenschaftlichen Publikums, stellten Planungsentwürfe und die Organisation ihres Projektes „nino“ – „Netzwerk Industriekultur Nordhessen“ – vor und zogen eine kritische Bilanz ihrer Vernetzung und Zusammenarbeit mit den beteiligten Organisationen, Einrichtungen und Einzelstandorten.

Den Schwerpunkt des folgenden Vortrages von FRITZ BRINKMANN-FRISCH (Stadtallendorf) bildete die Ansiedlung der Industrie in Stadtallendorf unter den Nationalsozialisten, insbesondere die der Westfälisch-Anhaltischen Sprengstoff-AG (WASAG) und der Dynamit Aktiengesellschaft (DAG) und deren Verquickung mit der Entwicklungsgeschichte der Stadt. Neben den Produktions- und Betriebsstrukturen ging Brinkmann-Frisch auf den Einsatz von Zwangsarbeitern während des Nationalsozialismus und deren Unterbringung in Lagern sowie deren Bedeutung für die Bevölkerungsentwicklung der Nachkriegszeit ein. Auf dem Gelände von WASAG und DAG wurden nach der Befreiung durch die Alliierten sämtliche Munitions- und Sprengreste aus Hessen gesammelt und delaboriert. Die Anlagen wurden später komplett demontiert und in großen Teilen gesprengt, heute befindet sich dort ein großes Industriegebiet, dessen Entwicklung allerdings noch nicht erschöpfend in industriekultureller Hinsicht aufgearbeitet wurde. Im Wege stünden oft auch Einstellungen und Entscheidungen der heute dort angesiedelten Unternehmen. Nichtsdestotrotz bilde die umfassende Aufarbeitung der Vergangenheit des Geländes als Standort bedeutender Rüstungsindustrie – obzwar Spezialfall der Industriekultur – eine Aufgabe, mit der sich beschäftigt werden müsse.

Zum Schluss des ersten Workshops zur „Industriekultur zwischen Lahn und Dill“ wurde noch einmal die geringe Distanz zwischen politischer Zeitgeschichte und Industriekultur verdeutlicht. Erinnerungskultur und Geschichtsbewusstsein sind klar mit der Geschichte der industriellen Entwicklungen verbunden und der wirtschafts- und technikhistorische Blick allein wäre mindestens als reduktionistisch zu bezeichnen – der politischen Geschichte und deren aktueller Rezeption muss bei der sozial- und wirtschaftshistorischen Beschäftigung mit einem bestimmten Gebiet ebenfalls Rechnung getragen werden.

Wie schwierig und gleichzeitig wichtig es ist, die Kultur der Industrie zu Geltung zu bringen, haben die Beiträge des Workshops eindrucksvoll belegt. Obgleich die lückenhafte historiographische Erschließung prima facie etwas anderes impliziert, existiert eine recht solide Quellenbasis, mit deren Hilfe sich in Zukunft zumindest einige Desiderate der Forschung befriedigen lassen dürften. Eine solche Beschäftigung kann sich dabei, so auch der Konsens der Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer, nicht nur auf noch bestehende, kulturell oder ästhetisch erhaltenswerte Standorte und Objekte beschränken. Vielmehr muss sich genauso umfassend mit den Arbeitern, den Produkten und den Facetten der Industriekultur beschäftigt werden, von denen keine dinglichen Zeugnisse mehr vorhanden sind. Die mittelhessische Industriekultur muss dazu letztlich unter wissenschaftlicher Koordination thematisiert werden, sodass der oftmals lokal und regional stark begrenzte Blick durch vergleichende und übergreifende Untersuchungen und Projekte erweitert werden kann. Nur durch profunde Kenntnis kann für die Sicherung von Industriedenkmälern und Industriekultur eingestanden werden. Für Ende des Jahres 2012 sind dazu eine Ausstellung zum Thema „Industriekultur an Lahn und Dill“ in der Universitätsbibliothek der Philipps-Universität sowie eine Publikation in Kooperation mit dem Hessischen Wirtschaftsarchiv geplant. Die nächste Tagung zu diesem Thema soll zeitlich mit dem Termin der Ausstellung zusammenfallen.

Konferenzübersicht:

Christian Kleinschmidt (Marburg) – Begrüßung und Einführung

Peter Schirmbeck (Rüsselsheim) – Die Route Industriekultur Rhein-Main. Entwicklungen und Erfahrungen

Kristin Schubert (Marburg) – Aufgabengebiete des Landesamts für Denkmalpflege Hessen im Bereich Industriedenkmale/ technische Denkmale

Ulrich Eisenbach (Darmstadt) – Das Hessische Wirtschaftsarchiv und seine mittelhessischen Archivbestände

Gerald Bamberger (Biedenkopf) – Montanindustrie im ehemaligen Kreis Biedenkopf – ihre Dokumentation und Erforschung

Otto Volk (Marburg) – Das Projekt „Industriekultur an Lahn und Dill“ und das Modul „Industriekultur in Hessen“ im Landesgeschichtlichen Informationssystem Hessen (LAGIS)

Johannes Laubach (Frankfurt am Main) – Das Kerkerbachtal: Von der Industrie- und Arbeitsstätte zum Freizeit- und Erholungsgebiet

Christoph Bartels (Bochum) – Zur Geschichte des Dachschieferbergbaus in den ehemaligen Nassauischen Territorien im Rheinischen Schiefergebirge

Marion Kaiser (Bochum) – Die Gewinnung und Verarbeitung von Kalkstein als Marmor in der Lahnregion im 18. und 19. Jahrhundert

Dörte Lenz / Sonja Kunze (Kassel) – Das Netzwerk Industriekultur (nino) und der Blaue Sonntag in Nordhessen

Fritz Brinkmann-Frisch (Stadtallendorf) – Der Industriestandort Allendorf von der NS-Zeit bis in die Nachkriegsjahre

Zitation
Tagungsbericht: Industriekultur zwischen Lahn und Dill, 01.02.2012 – 02.02.2012 Marburg, in: H-Soz-Kult, 28.03.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4170>.