Empirische Geschichtsunterrichtsforschung

Ort
Frankfurt am Main
Veranstalter
Arbeitskreis „Empirische Geschichtsunterrichtsforschung“
Datum
06.03.2012 - 07.03.2012
Von
Manuel Köster, Institut für Didaktk der Geschichte, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Die Zahl empirischer geschichtsdidaktischer Forschungsprojekte hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Der empirischen Geschichtsunterrichtsforschung fehlte bislang jedoch ein Forum, das es den Forscher/innen ermöglicht hätte, regelmäßigen Austausch zu pflegen und einander bei der Planung, Durchführung und Beurteilung empirischer Untersuchungen zu unterstützen. Daher konstituierte sich auf der letzten Tagung der Konferenz für Geschichtsdidaktik (KGD) unter der Leitung von Holger Thünemann und Meik Zülsdorf-Kersting der Arbeitskreis „Empirische Geschichtsunterrichtsforschung“, der am 06. und 07. März 2012 erstmals zu einer Arbeitstagung zusammenfand. Diese Arbeitstagung verfolgte das Ziel, den Status quo und die Perspektiven empirischer Geschichtsunterrichtsforschung zu diskutieren sowie die Teilnehmer im Modus eines Workshops mit ausgewählten qualitativen Auswertungsmethoden vertraut zu machen und diese aus geschichtsdidaktischer Perspektive zu diskutieren.

In seinem eine erste Diskussionsrunde zum Stand empirischer Geschichtsunterrichtsforschung einleitenden Vortrag betonte MEIK ZÜLSDORF-KERSTING (Osnabrück) den im Vergleich mit anderen geisteswissenschaftlichen Fachdidaktiken durchaus fortgeschrittenen Stand der geschichtsdidaktischen Empirie, unterstrich dabei gleichwohl die Notwendigkeit vermehrter Korrelations- und Wirkungsforschung. Dafür notwendige methodische Standards, gerade in Bezug auf quantifizierende Verfahren, seien in der Disziplin bislang jedoch noch kaum erreicht. Die Folgediskussion fokussierte vor allem die Frage, ob und inwiefern eine Kooperation mit Experten aus dem Bereich der Bildungsforschung gewinnbringend für die geschichtsdidaktische Unterrichtsforschung sein könnte. Dabei gelte es, komplexe Konzepte und Begriffe der geschichtsdidaktischen Theorie so zu formulieren, dass diese sich in messbaren Skalen abbilden lassen, ohne diese dabei freilich so stark zu vereinfachen, dass das domänenspezifische Erkenntnisinteresse bei der Messung verlorenginge.

Ein zentrales Anliegen der Arbeitstagung bestand in der Erprobung und Diskussion verschiedener qualitativer Verfahren durch die Teilnehmer. Zu diesem Zweck wurde ein Material, das Transkript einer Geschichtsunterrichtsstunde einer achten Realschulklasse, in zwei Methodenworkshops mithilfe verschiedener Auswertungsmethoden bearbeitet. In einem ersten Workshop führte CHRISTIAN MEHR (Frankfurt am Main) in zentrale Begriffe, Konzepte und Techniken der objektiven Hermeneutik nach Ulrich Oevermann ein.[1] Mehr präsentierte die Methode als eine Kunstlehre, bei der es unter anderem darum gehe, Sequenzen des zu interpretierenden Materials zunächst kontextunabhängig zu deuten, um verschiedene Lesarten der Sequenz nicht zu früh durch Kontextualisierungen einzuengen. Dieses Absehen vom Kontext charakterisierte Mehr als einen bewussten Verfremdungseffekt, der den Forscher für die spezifischen Bedeutungsnuancen, die Aussagen in ihrem Kontext erhalten, sensibilisieren könne. Erst in einem zweiten Schritt gehe es darum, das Material im bereits bekannten Kontext zu interpretieren. Ziel der objektiven Hermeneutik sei eine Fallrekonstruktion auf Grundlage des „objektiv Gesagten“, nicht des möglicherweise Gemeinten. Im Anschluss bearbeiteten die Teilnehmer einen Transkriptauszug nach den Verfahrensregeln der Objektiven Hermeneutik, um anhand des Materials zentrale Aspekte der Methode zu diskutieren. Gegenstand der Diskussion war neben den Prinzipien der Wörtlichkeit und Kontextfreiheit vor allem die Frage nach dem Potential der objektiven Hermeneutik für geschichtsdidaktische Fragestellungen. Mehr wies hier vor allem auf zwei Anwendungsfelder hin: Zum einen gebe die Fallrekonstruktion angehenden Lehrer/innen die Möglichkeit, Lehrerhandeln und dessen Folgen zu reflektieren, zum anderen sei gerade der Vergleich von Fallbeschreibungen mit theoretischen Konzepten dazu geeignet, derartige Konzepte bezüglich ersichtlicher Diskrepanzen zu überdenken. Die objektive Hermeneutik wurde zudem als Mittel der methodischen Selbstdisziplinierung und Selbstzurücknahme zur Vermeidung voreiliger Schlüsse diskutiert.

BODO VON BORRIES (Hamburg) beschloss den ersten Tagungstag mit einem forschungsgeschichtlich ausgerichteten Vortrag zu „drei Generationen von Unterrichtsprotokollen“. Mit einem vergleichenden Zugriff, der jeweils zwei Protokolle aus jeder der drei Generationen (erste Generation bis ca. 1972, Merkmal „Stofforientierung“; zweite Generation ca. 1972 bis ca. 1995, Merkmal „Problemorientierung“; dritte Generation seit ca. 1995, Merkmal „Kompetenzorientierung“) einander gegenüberstellte, wies von Borries auf die bei aller Ritualisierung und Standardisierung von Unterricht vorhandenen Freiheiten der Lehrpersonen bei der Ausgestaltung von Geschichtsunterricht hin. Zugleich sprach sich von Borries für „ganzheitlichere“, globalere Zugriffe auf Unterrichtsprotokolle aus: Neben kleinschrittigen qualitativen Analyseverfahren müssten vermehrt auch solche Methoden treten, die die Unterrichtsstunde als Ganze im Blick behielten, um die Domänenspezifika des Historischen nicht in einer Analyse der vor allem allgemeindidaktischen bzw. institutionalisierten Strukturen von Unterricht aus dem Blick zu verlieren. Der Referent plädierte daher auch dafür, bereits erhobene Unterrichtstranskripte zu sammeln und für die weitere Forschung zugänglich zu machen. Die anschließende Diskussion befasst sich vor allem mit der Frage, inwiefern ein Vergleich verschiedener, mit unterschiedlichen methodischen Standards und unterschiedlicher Absicht (als Vorbildstunde oder als Forschungsmaterial) erstellter Protokolle, wie ihn von Borries im Rahmen seines Vortrages unternahm und wie er auch aus dem von ihm geforderten Transkriptpool resultieren würde, zulässig sei und verlässliche Aussagen ermögliche. Von Borries betonte dabei, dass ein derartiger Vergleich nur mit eher klassisch hermeneutischem Blick möglich sei, dass sich eher kleinschrittige Auswertungsverfahren hier jedoch nicht anböten.

MATTHIAS MARTENS (Frankfurt am Main) eröffnete den zweiten Tagungstag mit einem Workshop zur dokumentarischen Methode.[2] In seinem Einführungsvortrag stellte Martens neben allgemeinen Prinzipien qualitativer Forschung wie der Passung von Forschungsgegenstand, metatheoretischer Rahmung und Erhebungs- sowie Auswertungsmethode die Prämissen und Vorgehensweise der dokumentarischen Methode als „formalisiertes Verfahren methodisch kontrollierten Fremdverstehens“ dar. Gegenstand der dokumentarischen Methode ist laut Martens vor allem möglichst alltägliche Kommunikation. Dabei solle aus der Kommunikationsstruktur auf dahinter liegende alltägliche Sinnorientierungen geschlossen werden, um so handlungsleitende Wissensbestände zu rekonstruieren. Die dokumentarische Methode unterscheide dabei im Sinne Karl Mannheims zwischen dem für das Individuum aktiv verfügbaren kommunikativen und dem habitualisierten konjunktiven Wissen.[3] Dabei vollzieht die dokumentarische Methode laut Martens einen methodisch kontrollierten Wechsel der Analyseeinstellung vom „Was“ zum „Wie“: Wie äußern sich die Beforschten, und welche Orientierungsmuster lassen sich aus ihren Äußerungen rekonstruieren? Dieser Wechsel spiegelt sich im methodischen Vorgehen der dokumentarischen Methode, die nach einer formulierenden Interpretation, die die Sprache der Beforschten in die Sprache der Forscher übersetzt, eine reflektierende Interpretation vornimmt, die unter besonderer Berücksichtigung der Diskursorganisation die Aussagen der Beforschten im Licht der Fragestellung reflektiert. Schließlich werde anhand der in einer Forschergruppe diskutierten Interpretation nach weiteren Fällen, die als Vergleichshorizont dienen können, gesucht. Die Teilnehmer diskutierten die Potentiale und Grenzen der Methode anhand einer durch Martens angefertigten Interpretation desselben Materials, das am Vortag zur Erprobung der objektiven Hermeneutik herangezogen worden war. Im Rahmen der Diskussion – hier dominierten zunächst grundsätzliche Aspekte wie die Frage nach den Gütekriterien qualitativer Forschung (Plausibilität, Triftigkeit, intersubjektive Nachvollziehbarkeit) − wurde die dokumentarische Methode einerseits historischen Methoden sowie andererseits quantifizierenden Verfahren gegenübergestellt. Darüber hinaus wurde jedoch vor allem die Frage thematisiert, inwiefern die ursprünglich der Soziologie entstammende dokumentarische Methode zur Erforschung historischen Denkens geeignet sei. Martens vertrat hier den Standpunkt, die Methode sei vor allem dazu geeignet, den Zusammenhang zwischen sozialisatorischen Faktoren und historischem Lernen transparent zu machen.

In einer abschließenden Diskussion unter der Leitung von HOLGER THÜNEMANN (Münster) wurden neben einer Bilanzierung der Arbeitstagung vor allem Perspektiven empirischer Geschichtsunterrichtsforschung im allgemeinen sowie Perspektiven des Arbeitskreises im Besonderen verhandelt. Hier wurde erneut der Bedarf nach vermehrter Interventionsforschung und die damit zusammenhängende Notwendigkeit interdisziplinärer Kooperation markiert. Darüber hinaus seien neben zahlreichen Studien explorativer Natur auch Syntheseanstrengungen zur Zusammenführung disparater Befunde notwendig. Bevor jedoch Metanalysen im Stile John Hatties[4] erfolgen könnten, die einzelne Faktoren isolieren und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit beschreiben könnten, müsste zunächst überhaupt einmal geschichtsdidaktische Wirksamkeitsforschung betrieben werden. Dagegen könne bereits jetzt eine Bibliographie in Form einer Datenbank bestehende empirische Arbeiten sammeln und systematisieren. Wolfgang Hasberg (Köln) und Markus Bernhardt (Essen-Duisburg) kündigten an, eine Struktur für eine derartige Bibliographie zu entwerfen.

Die nächste Tagung des Arbeitskreises „Empirische Geschichtsunterrichtsforschung“ wird im September 2012 in Essen stattfinden. Sie wird sich vor allem mit quantitativen Analyseverfahren auseinandersetzen. Geplant sind Workshops zur Clusteranalyse unter Leitung von Christian Schendera (Luzern) sowie zur systematischen Videoanalyse unter Leitung von Jan Hodel und Monika Waldis (Aarau).

Konferenzübersicht:

Meik Zülsdorf-Kersting (Osnabrück): Austausch “Status quo geschichtsdidaktischer Unterrichtsforschung”

Christian Mehr (Frankfurt): Workshop Objektive Hermeneutik in der Unterrichtsforschung

Bodo von Borries (Hamburg): Qualitativ empirische Forschungen zum Geschichtsunterricht – Bemerkungen zu drei Generationen von Unterrichtsprotokollen

Matthias Martens (Frankfurt): Workshop: Die dokumentarische Methode in der Unterrichtsforschung

Holger Thünemann (Münster): Rückschau und Ausblick – „Perspektiven geschichtsdidaktischer Unterrichtsforschung“

Anmerkungen:
[1] Vgl. Ulrich Oevermann, Die Methode der Fallrekonstruktion in der Grundlagenforschung sowie der klinischen und pädagogischen Praxis, in: Klaus Kraimer (Hrsg.), Die Fallrekonstruktion, Frankfurt am Main 2000, S. 58-156.
[2] Vgl. Ralf Bohnsack / Iris Nentwig-Gesemann / Arnd-Michael Nohl (Hrsg.), Die dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis. Grundlagen qualitativer Sozialforschung, 2., erweiterte u. aktualisierte Aufl. Wiesbaden 2007.
[3] Vgl. Karl Mannheim, Strukturen des Denkens. Hrsg. von David Kettler, Volker Meja u. Nico Stehr, Frankfurt am Main 1980, S. 155ff.
[4] Vgl. John Hattie, Visible Learning. A synthesis of over 800 meta-analyses relating to achievement, London 2009.

Zitation
Tagungsbericht: Empirische Geschichtsunterrichtsforschung, 06.03.2012 – 07.03.2012 Frankfurt am Main, in: H-Soz-Kult, 29.03.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4186>.
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Veröffentlicht am
29.03.2012
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