German Suffering/Deutsches Leid: Re(-)presentations

Ort
Ithaca, NY
Veranstalter
German Studies Departement, Cornell University
Datum
05.03.2004 - 06.03.2004
Von
Holger R. Stunz, Mainz/Zürich

In seinem vor wenigen Wochen erschienenen Roman ‚Landnahme' erzählt Christoph Hein die Geschichte eines Heimatvertriebenen in der DDR. Dieses Buch folgt einer Reihe weiterer Publikationen, die ‚deutsches Leid' aufrufen und repräsentieren. Eine mit 17 Wissenschaftlern international besetzte sowie explizit interdisziplinär ausgerichtete Konferenz an der Cornell University im State New York setzte sich das Ziel, nach Repräsentationen und Rezeptionen von ‚deutschem Leid' zu fragen. Also nach denjenigen Erfahrungen der deutschen Bevölkerung vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg, von denen es heißt, sie stünden im Schatten des Leids anderer. Auch hätten erst Dokumentationen wie Jörg Friedrichs ‚Der Brand' eine breite Diskussion in der deutschen Öffentlichkeit angestoßen und somit die Leidenserfahrungen von Ausgebombten, Evakuierten, Heimatvertriebenen und den Leidtragenden der Fliegerangriffe in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt. Die Debatte um ein ‚Zentrum gegen Vertreibungen' ist Teil eines Diskurses im Zuge der öffentlichen (Re-)Thematisierung von traumatischen und Verlusterfahrungen. Ausgehend vom aktuellen öffentlichen Interesse - vor allem in der Bundesrepublik - war es das Ziel der Tagung, in verschiedenen Disziplinen nach Repräsentationsmodi und -Inhalten zu fragen. In fünf Panels wurde der Frage nachgegangen, welche Formen Erinnerung, Fiktionalisierung, Aussagen von Zeitzeugen und Dokumentation annehmen und wie diese sich in Ost und West sowie nach 1989/90 verändert haben.

Den methodologischen und historiographischen Rahmen skizzierte Dominick LaCapra (Cornell University), der von seiner Beschäftigung mit traumatischen Erfahrungen und dem Umgang damit im Rahmen der Geschichtsschreibung ausging und den Wahrnehmungsprozess vom Ereignis zur Erfahrung in den Mittelpunkt stellte. Verlusterfahrungen und traumatische Erlebnisse seien dabei aber nicht nur auf die Erlebenden begrenzt, sondern als "secondary traumatization" auch in den Narrativen Nachgeborener zu finden - in der Historiographie ebenso wie im fiktionalen Bereich. Empathie, Identifikation und Projektion seien Formen der Selbstpositionierung, die es zu reflektieren gelte. LaCapras Kernaussage war: "History always has to be related to experience", um Narrative zu ermöglichen, die offene Optionen für die Zukunft beinhalten. Dies sei nur dadurch möglich, dass Historiker auch Quellen wie Tagebücher, Kunstwerke - eben solche Zeugnisse der Repräsentation aus denen das Erlebnis spricht - berücksichtigen.
Konferenzveranstalter Ole Frahm (Jan van Eyck Academie, Maastricht) und Yuliya Komska (Cornell University) lenkten in ihrer Einführung die Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit einer systematischen Auseinandersetzung mit verschiedenen Ebenen der Repräsentation von historischen Ereignissen. Deswegen eröffneten sie die Tagung mit der ikonologischen Analyse einer Kleinskulptur eines fliehenden sudetendeutschen Vertriebenen, der auf einem Kreuzweg gehend ein Bündel auf dem Rücken trägt. Bei Repräsentationen dieser Art gehe es weniger um historische Fakten, sondern um den Gestus des rhetorischen Fragens mittels künstlerischen Ausdrucks.

In der ersten Sektion versuchten die Referenten zunächst, ein anderes Bündel aufzuschnüren - nämlich das Thema der Erinnerungen und Repräsentationen der Luftangriffe. Heinz-Peter Preußer (Universität Bremen) ging der Ambivalenz und Problematik der Repräsentation der Bilder in Jörg Friedrichs ‚Brandstätten' nach und fragte nach Pathos und Kontexten der als zutiefst schockierend wahrgenommenen Bilder. Während Stephan Jaeger (University of. Colorado at Boulder) nach den fiktionalen Repräsentations- und Erzähltechniken des Romanautors Marcel Beyer und des Historikers Sven Lindquist fragte, versuchte Nicholas Martin (University of California at Long Beach) ausgehend von den Motiven der alliierten Luftangriffe und dem Scheitern ihrer psychologischen Intentionen einen summarischen Überblick über das Thema ‚Bombennächte'. Hierbei ging er von W.G. Sebald aus, der postulierte, bis auf wenige Ausnahmen seien ihm keine literarischen Verarbeitungen der Wirkungen des Luftkriegs bekannt gewesen. Martin konnte eine Liste mit Dutzenden, zum Teil breit rezipierten Gegenbeispielen vorlegen, die zeigen, dass das Thema während der vergangenen Dekaden im lokalen wie nationalen Rahmen durchaus angeschnitten wurde. Odilie Jansen (Universität Amsterdam) gab in der Diskussion zu bedenken, dass sich Sebald in seinem letzten Lebensjahr von diesem Text distanziert hatte, dennoch wurde er in der öffentlichen Auseinandersetzung immer wieder als Kronzeuge aufgerufen. Die Beispiele der Argumentation von Gilad Margalit (Universität Haifa) stammten nicht aus dem Bereich der Literatur, sondern er fragte anhand von Denkmälern in Hamburg und Dresden nach den Formen offiziellen Gedenkens an die "gefallenen" Bombenopfer, womit er augenfällig Unterschiede in der Erinnerungskonzeption von DDR und BRD aufzeigen konnte. Während die Gedenkveranstaltungen in Hamburg im Laufe der Aufbaujahre wenig wahrnehmbar gewesen seien und das Denkmal auf dem Friedhof placiert wurde, werden die Opfer des Faschismus und der Bomben in Dresden in einer Denkmalsanlage gleichsam achsensymmetrisch gewürdigt. Teil der offiziellen Politik der DDR sei es gewesen, die Luftangriffe der "kapitalistischen Alliierten" für Propagandaziele des Kalten Krieges einzuspannen und das Leid auf den Klassenfeind zu projizieren.

Im zweiten Panel fragte Helmut Schmitz (University of Warwick) nach den "cultures of empathy" in Ulla Hahns ‚Unscharfe Bilder', Uwe Timms ‚Am Beispiel meines Bruders' und Stephan Wackwitz' ‚Ein unsichtbares Land'. Schmitz konstatierte höchst unterschiedliche Vorgehensweisen sentimentaler und naiver Einfühlung und fragte nach Grenzen, Legitimität und Strategien des verstehenden Erzählens. Die Begriffe ‚Scham' und ‚Mitleid' stellte der Historiker Karl Wilds (University of Nottingham) ins Zentrum seines Vortrags. Kritisch fragte er nach einem Gestus der Scham, ein "proud to be ashamed", wie er es unter anderem bei Jürgen Habermas festmacht und zeigte, wie wenig diese Wege des Sich-Schämens mit den Formen von Mitleidsäußerungen vereinbar waren, die mithalfen, das deutsche Selbstbewusstsein zu konstituieren. Beide Vorträge hatten gemeinsam, dass hier nach offenbaren und unterschwelligen Rolle von Emotionen im Feld des ‚deutschen Leids' gefragt wurde und danach, wie diese zu Integration, Abgrenzung und Verständnis genutzt werden. Joanna Kedzierska Stimmel (Columbia University/Middelbury College) ging der Frage nach, inwiefern Thomas Harlan in seinem Roman ‚Rosa', als Sohn von Veit Harlan durch die Fiktionalisierung von Fakten einen Ausweg aus dem Verlust der Sprachfähigkeit und der Traumatisierung der zweiten Generation im Sinne LaCapras zu finden versucht. In einer detaillierten Textuntersuchung ging sie Mustern von "doublebind" und "transgenerationellem Trauma" nach. Wenn auch einer anderen Sektion angegliedert, so sondierte Hans-Peter Söder (Ludwig-Maximilians-Universität München/Wayne State University) die Beziehung zwischen Vater, ‚Ersatzvater' und Sohn - am Beispiel Werner Sombart, Carl Schmitt und Nicolaus Sombart. Impuls für Nicolaus Sombart war das Ungenügen des eigenen Vaters, welcher ihn zu einem Anhänger und späteren Biographen Carl Schmitts werden ließ. Seine weitere Entwicklung als "Soziologe d'amour" erklärt Söder als Reaktion auf die Leidenserfahrung des eigenen Vaters, des Nestors der deutschen Volkswirtschaftslehre. Söder führte den Begriff der Vaterliteratur ein, der ein vielversprechendes Feld umriss, um so transgenerationelle Erfahrungen von Leid und Verlust zu definieren.

Als zentrale Problemstellung der Konferenz kristallisierten sich konkurrierende Bemühungen um den Opferstatus heraus, die mal offen durch Vergleiche, mal weniger sichtbar provoziert wurden. Gregory Schroeder (St. John's University) schilderte illustrativ, wie sich ein Konkurrenzverhältnis zwischen Ausgebombten und Evakuierten in Westdeutschland mit den Heimatvertriebenen und deren Organisationen entwickelte. Er konnte anhand einer Analyse von Briefdokumenten zeigen, dass die weitgehend marginalisierten Evakuierten sogar Argumentationsmuster und Ausdruckformen der Vertriebenen benutzten, um sich Gehör zu verschaffen. Ihnen habe es weitgehend an "visibility" gefehlt, und auch die zahlreichen juristischen Klassifikationen, die Schroeder anführte, gewährleisteten es nicht, den "ersten deutschen Heimatvertriebenen" und ihren analog zu den Vertriebenen angelegten Organisationen den Resonanzraum und die juristische, materielle und emotionale Anerkennung zu geben, die sie bis in die späten 1950er Jahre einklagten.

Nachdem bislang Fotografien, Denkmäler sowie vor allem literarische Texte im Zentrum der Tagung standen, stellten die Veranstalter in der dritten Abteilung den Film in den Mittelpunkt des Interesses: Frank Wisbar stellt in einer von Stefanie Diekmann (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder) skizzierten Typologie von Filmregisseurskarrieren gleichsam eine eigene Kategorie dar. Der Regisseur von bekannten Filmen wie ‚Hunde wollt ihr ewig leben', ‚Kleine Fische' und ‚Nacht über Gotenhafen' entwickelte einen konsistenten Heldentypus, der im Umgang mit der inszenierten Vergangenheit ein eigenes Erfahrungsset entwickelte. Dieckmann warf auch einen Blick auf die Funktion der Liebesgeschichten in Wisbars Filmen und darauf wie diese beim Umgang mit Vergangenheit und Gegenwart fungieren. Mark A. Wolfgram (Carleton University, Kanada) stellte eine neue Gruppe von Leidtragenden vor und erweiterte das Spektrum der Gruppen von "deutschen Opfern", das in dieser Konferenz differenziert aufgefächert wurde: die Opfer der deutsch-deutschen Grenze und deren Darstellung in Filmen wie ‚Himmel ohne Sterne'. Die Stereotypen über die Flüchtlinge aus der DDR und die als Kapitalisten apostrophierten Westdeutschen wurden in den Rahmen ideologischer Auseinandersetzung gespannt und auf diese Art und Weise wurde mit dem Leid der jeweils anderen Deutschen gespielt und jenes inszeniert. In der anschließenden von Leslie Adelson (Cornell University) moderierten Diskussion fiel besonders auf, dass die Leidtragenden aus der DDR oft weiblich konnotiert werden, als schutzbedürftig erscheinen und hier eine eindeutige gender-Disposition von Macht und Opferzuschreibung aufgerufen wird.

In der vierten Sektion kamen im Feld der literarischen Repräsentation neue Gruppen im komplexen Emotionsgefüge ‚deutsches Leid' in den Blick: Gregor Streim (Freie Universität Berlin) analysierte Schlüsseltexte einer "anderen Lager-Literatur" aus den alliierten Internierungscamps für Deutsche. Texte von Hans Venatier, Ernst von Salomon und Franz Tummler, letztere bereits im Nationalsozialismus schriftstellerisch aktiv, werfen einen Blick auf re-education und die Besatzer, denen eine Figur Venatiers nachsagt, sie seien "zu den Germans gegangen, damit sie Menschen aus ihnen machen". Das Selbstbild transportiert automatisch Abgrenzung mit. Ein besonderes sensibles und ebenso fruchtbareres Thema hatte sich Hajo Hahn vom Gerhart Hauptmann Haus (Jelenia Gora, Polen) vorgenommen: Wie passt das Bild vom "guten Deutschen", das zwischen 1945 und 1955 zum literarischen Topos avancierte, in das Feld der Verdrängung und Interpretation des Holocaust? Hahn stellte erstaunliche, in literarischen Texten greifbare, Parallelen zwischen der Konstruktion des Deutschen Opferstatus und perpetuierten Klischees vom ‚ewigen Juden' fest, der den deutschen Ruf geschadet habe. Hier würden die Leidenserfahrungen und der grauenhafte Massenmord an der jüdischen Bevölkerung benutzt, um das eigene Leid und die eigene Identität mit einem Leiden am Holocaust aufzuladen. Hahn lieferte ein kondensierendes Zitat zu dieser Umdeutung, einen literarischen Ausspruch eines Deutschen gegenüber einem Juden nach dem Zweiten Weltkrieg: "Ich liebe dich, aber ich hasse dich". Konstruktion und Widerspiegelung von Identität, Bilder von Verfolgung und Vertreibung in der DDR stellte Odilie Jansen (Universität Amsterdam) ins Zentrum ihrer Untersuchung und beschrieb die DDR als Integrationsmaschine. Christa Wolfs Texte, in denen Vertreibung thematisiert wurde, dienten als Sonden, um die Begriffe Identifikation, Übertreibung, Idealisierung und Ideologisierung in ihrem Bezug auf identitätsstiftende Texte und deren Erzählstrategien gegeneinander abzugrenzen.

Alte und neue Erinnerungen standen im Mittelpunkt der letzten von Michael Steinberg (Cornell University) geleiteten Sektion. Kevin Cramer (Indiana University, Indianapolis) analysierte die Rezeption des Dreißigjährigen Krieges im 19. Jahrhundert unter den Vorzeichen einer konfessionell geprägten Historiographie zwischen Reichsgründung und Kulturkampf. Cramer zog die Perspektive aber noch weiter bis zur Zäsur 1945 und dokumentierte Deutungsrahmen der Zeitgenossen mit Blick auf den Referenzpunkt Dreißigjähriger Krieg. Auch hier ließen sich Muster der Repräsentation von ‚deutschem Leid' ausmachen. Ähnliche Mechanismen mögen es sein, welche die Einwohner des ehemaligen sudetendeutschen Dorfes Maiersgrün (Vysokà) Ereignisse aus dem Jahr ihrer Vertreibung 1946 ins Jahr 1919 zurückverlegen oder typologisch vorstrukturieren lässt. Holger Stunz (Johannes Gutenberg-Universität Mainz) widmete diesem Dorf eine auf familiären Interviews gestützte Fallstudie, in welcher er die Erinnerung der Geschichte des Dorfes aus dem Blickwinkel der Vertriebenen schilderte. Gleichzeitig analysierte er das Anliegen einiger Bewohner Maiersgrüns, die Kirchenruine des im ehemaligen deutsch-tschechoslowakischen Grenzgebiet befindlichen nunmehr zerfallenen Dorfes, als Erinnerungsstätte gemeinsam mit Tschechen zu rekonstruieren und sowohl zum Angedenken, Gottesdiensten und Austausch - für gelebte Repräsentation - zu nutzen.

Die Schlussdebatte ging von diesem Fallbeispiel aus und stellte den problematisierten Begriff der Authentizität von Erinnerungsorten, Berichten und Literatur ins Zentrum. Leslie Adelson gab zu bedenken, dass der Authentizitätsbegriff keine analytische Funktion haben könne, sondern jener vielmehr höchst ambivalent und deutungsabhängig sei. Ein Ergebnis der Tagung könne sein, dass eine Unterscheidung von wahren und falschen Erinnerungen, legitimen und illegitimen nicht mehr Referenzpunkt des Diskurses sein könne und müsse. Mitveranstalter der Tagung, Ole Frahm, betonte, dass auch jeglicher Gestus des Vergleichs von Leid problematische Implikationen in sich trage, besonders dann, wenn entweder argumentativ oder narrativ deutsche Leidensgeschichten mit dem Holocaust enggeführt werden. Nach einer Bilanz über die vielfältigen Modi der Repräsentation von Leid der zahlreichen auf der Tagung vorgestellten Gruppen und (prototypischen) Individuen stellte sich die Frage nach der Reproduktion der Leidenserfahrungen für den Historiker oder auch für den Autor fiktiver Texte. Gibt es ein "post-memory", das den Modi von Präsenz und Absenz, Präsentation und Inszenierung in einer offeneren Virtualität des Erinnerns auch mit neuen medialen Formen einen neuen Rahmen gibt? Im Sinne der Argumentation Dominik LaCapras müsste nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der Öffentlichkeit an einer Pluralisierung, Differenzierung und Veränderung der Leidensgeschichten hin zu einer Öffnung gelegen sein, denn die Arbeit am Leid - das zunächst nicht spezifisch deutsches, sondern menschliches Leid ist - ist auch eine Arbeit am Trauma sowie am Mythos der eigenen Leidensvorstellung sowie ihrer Reproduktion und Festschreibung.

Zitation
Tagungsbericht: German Suffering/Deutsches Leid: Re(-)presentations, 05.03.2004 – 06.03.2004 Ithaca, NY, in: H-Soz-Kult, 21.04.2004, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-419>.
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Veröffentlicht am
21.04.2004
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