Sprachliche Konstruktionen sozial- und wirtschaftspolitischer „Krisen“ in der Bundesrepublik von 1973 bis heute

Ort
Trier
Veranstalter
DFG-Projekt „Sprachliche Konstruktionen sozial- und wirtschaftspolitischer ‚Krisen‘ in der Bundesrepublik von 1973 bis heute“
Datum
07.03.2012 - 09.03.2012
Von
Kristin Kuck / David Römer, FB Germanistik, Universität Trier

Im Rahmen des Forschungsprojektes „Sprachliche Konstruktionen sozial- und wirtschaftspolitischer ‚Krisen‘ in der Bundesrepublik von 1973 bis heute“, das von Martin Wengeler (Trier) und Alexander Ziem (Düsseldorf) geleitet[1] und seit Oktober 2010 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird, fand vom 7. bis 9. März eine interdisziplinäre und internationale Tagung zum Thema „Krisendiskurse in der BRD“ in Trier statt.[2] Mit dem Tagungsthema griffen die Veranstalter den diskursiven Konstruktionscharakter von „Wirtschaftskrisen“ auf[3] und befragten diesen aus verschiedenen disziplinären und innerfachlichen Perspektiven. Gegenstand der Tagung war die übergeordnete Frage, wie politische, soziale und wirtschaftliche „Krisen“ von 1973 bis heute in der Bundesrepublik Deutschland in der Öffentlichkeit hervorgebracht und verhandelt werden. Die meisten Beiträge eint eine kulturwissenschaftliche, weniger an harten Krisen-Fakten orientierte Haltung und die Grundthese, dass Sachverhalte wie „Wirtschaftskrisen“ in der Form, wie wir alle etwas über sie wissen, durch Massenmedien vermittelt und dabei vor allem sprachlich und bildlich konstruiert bzw. konstituiert und organisiert sind.

Die insgesamt 14 Vorträge von Referent/innen aus sechs verschiedenen Disziplinen wurden in vier Sektionen aufgeteilt. Zur historischen Einbettung und Kontextualisierung von „Wirtschaftskrisen“ in der Nachkriegszeit nahm der Wirtschafts- und Sozialhistoriker und Vorsitzende des deutschen Historikerverbandes WERNER PLUMPE (Frankfurt am Main) in seinem Vortrag die "Krise 1966/67 und das Ende des Wirtschaftswunders" in den Blick, die, so Plumpe, 1967 den Nachkriegsboom zwar nur kurzfristig beeinträchtigt, andererseits aber ein politisches Beben ausgelöst habe. So harmlos die erste „Krise“ der Geschichte der Bundesrepublik in ihren volkswirtschaftlichen Dimensionen auch gewesen sein mag, mit dem Verlust der Diskurshoheit der Bundesregierung um Ludwig Erhard und dem folgenden Wechsel zur großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger sei ein fundamentaler Wechsel in der Wirtschaftspolitik und ein Mentalitätswandel einhergegangen. Vor allem der neue Wirtschaftsminister und Ökonom Karl Schiller hätte im Zuge nachlassender Wachstumsdynamik und haushaltspolitischer Defizite seit 1965 und der sukzessiven Auflösung der „alten Denkweisen“ mit dem hergebrachten liberalen Konzept der „sozialen Marktwirtschaft“ gebrochen und habe es durch das antizyklisch angelegte keynesianische Modell der „Globalsteuerung“ ersetzt. In Anlehnung an Knut Borchardts Unterscheidung zwischen „Krisen an sich“ und „Krisen für sich“[4] resümierte Plumpe, dass alle gesamtwirtschaftlichen Störungen zwar „Krisen an sich“ darstellen würden, aber – und damit spannte er den Bogen seines an Krisen-Fakten und auf ökonomischen Datenreihen basierenden Vortrages zum Konstruktionscharakter von „Krisen“ – nicht alle würden auch als tiefgreifende Einschnitte, als „Krisen für sich“, wahrgenommen werden. Dass aus der schnell überwundenen wenig tiefen „Wachstumsdelle“ von 1966/67 eine dramatische „Krise“ geworden sei, hatte nach Werner Plumpe weniger mit gesamtwirtschaftlichen Phänomenen zu tun als mit dem Erschrecken über die Einsicht, dass der Konjunkturzyklus zurückgekehrt schien, dass also immerwährendes Wachstum eine brüchige Illusion sei. Plumpe wertete dies als Ausdruck eines „neuen Krisenbewusstseins“: dass man es nicht hätte wahrhaben wollen, dass „Krisen“ zum regulären Moment der kapitalistischen Wirtschaftsordnung gehören würden, weshalb die „Krise an sich“ erst in der Wahrnehmung und den (politischen) Reaktionen zu einer „Krise für sich“ eskaliert sei. Ein Blick auf die gesamtwirtschaftlichen Zyklen seit Mitte des 19. Jahrhunderts zeige, dass sich wirtschaftliche Abläufe zu keinem Zeitpunkt im Gleichgewicht befunden hätten. Strukturwandel vollziehe sich in Zyklen von „Krisen“ und Aufschwung, welche die Politik allenfalls moderieren könne. Das gegenwärtige politische und ökonomische Mainstream-Denken, durch Staatshandeln Einbrüche verhindern zu können, sei nach der „Weltwirtschaftskrise“ von 1929 geradezu zwingend erschienen und habe Diskurshoheit erlangt. Kann ein Einbruch nicht verhindert werden, wie der von 1966/67 oder die „Ölkrise“ von 1973/74 hat nach dieser Krisentheorie immer die Politik versagt – egal welche. Schließlich hätte der Staat Banken, statt sie zu retten, besser pleitegehen lassen sollen.

In der ersten Sektion "Zur Konstruktion von Wirtschaftskrisen aus ökonomischer, sozial- und politikwissenschaftlicher Perspektive" lag der inhaltliche Fokus auf grundlegenden Theorien über die gesellschaftliche Prägung von „Krisen“ oder „Krisen“-Aspekten, auf der Konstruktion von „Krisen“ in Expertendiskursen und auf den Grenzen öffentlich geführter Krisendebatten.

Der britische Ökonom, Soziologe und Politikwissenschaftler BOB JESSOP (Lancaster), der der „Lancaster-Schule“ einer kritischen Linguistik bzw. der Critical Discourse Analysis (CDA) um Norman Fairclough und Ruth Wodak nahe steht, eröffnete die erste Sektion. Zuerst stellte er seinen Ansatz der Cultural Political Economy (CPE) vor, der im Kern ein unter anderem in der marxistischen Philosophie beheimatetes Programm zur Analyse diskursiv-intersubjektiver Bedeutungskonstruktionen ist, die Jessop als Semiose bezeichnete. Im Akt der Semiose würden fundamentale Denkformen und Existenzweisen hervorgebracht und dabei soziale Beziehungen geformt, worin der Vortragende die Notwendigkeit einer Ideologie- und Herrschaftskritik begründet sah. Letztlich untersuchte er emergente Aspekte der Form, des Inhaltes und der Logik sozialer Beziehungen der politischen Ökonomie und ihrer Produktionen mit Blick auf die Struktur und Dynamik ökonomischer und ökonomisch relevanter oder durch die Ökonomie bedingter Aktivitäten, die so komplex seien, dass sie – wie jede „Realität“ – in simplifizierenden sozialen Imaginationen (Social Imaginaries) verständlich gemacht/reduziert werden müssten – „to deal with world“. An seine theoretischen Ausführungen anknüpfend präsentierte Jessop eine Periodisierung der „global financial crises“ (GFC) und der „eurozone crises“ (EC), denn Bedeutung von und Lösungsstrategien in „Krisen“ würden in verschiedenen zeitlichen Entwicklungsphasen konstruiert werden. Jessop zeigte, wie diese diskursiven Produktionen von bestimmten hegemonialen, während der Sozialisation aufgrund von Erfahrung erlernten Imaginationen als verdichtete Schemata der Bedeutungskonstruktion – „meaning-making schemes“ – innerhalb einer Gesellschaft abhängen.

Anhand der Funktionsweisen und Entwicklungstendenzen von Wirtschaftsforschungsinstituten, untersuchte der Soziologe JENS MAEßE (Mainz) Krisenkonstruktion im ökonomischen Expertendiskurs. Maeße stellte fest, dass eine „Krise“ durch wirtschaftswissenschaftliche Definitionsprozesse hervorgebracht werde. Aus machtsoziologischer Perspektive zeichnete er Entwicklungen im Gesamtfeld der ökonomischen Wissensproduktion und in ihren Teilbereichen seit der Jahrtausendwende nach. Mit Aufwertung des akademischen Feldes in der Öffentlichkeit und dessen Stärkung in der Politikberatung trete eine „neue Ökonomisierung“ des politischen Feldes ein, die wiederum auf das akademische Feld rückwirke. Eine Öffnung gesellschaftlicher Räume unter dem Einfluss der „amerikanischen Pragmatik des Regierens“ sei die Folge und es entstehe eine feldübergreifende Sphäre, in der Kapitalien aus verschiedenen Feldern konvertiert würden. Die abgeschlossene Welt, wie Pierre Bourdieu sie darstellte, funktioniere nicht mehr.[5] Maeße zog das Fazit, dass ausgehend von der Akademisierung von Politik und Öffentlichkeit sich eine Tendenz zur „Expertokratie“ feststellen lasse. In einer Wissenszirkulation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik festige sich ein Regierungswissen – auf der Makroebene der „Neu-Keynesianismus“, und „Behavioral Economics“ auf der Mikroebene –, das „Krisen regieren“ könne.

In der zweiten Sektion "Zur Konstruktion von Wirtschaftskrisen aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive" wurden Krisendiskurse aus filmsoziologischem und gesprächsanalytischem Blickwinkel betrachtet.

In der dritten Sektion näherten sich die Beiträger/innen dem Tagungsthema aus diskurskritischer und diskurshistorischer Perspektive:

In seinem Vortrag stellte der Literatur- und Medienwissenschaftler ROLF PARR (Duisburg-Essen) in Anlehnung an die von Jürgen Link entwickelten Konzepte Normalismus, Spezial- und Interdiskurs und Kollektivsymbol[6] ein Modell vor, in dem er semantisch-funktionale Parallelitäten und Differenzierungen – Analogierelationen auf der Ebene von Metaphern und Kollektivsymbolen – von „Krise“ und „Katastrophe“ als diskursiv konstruierte soziale Gegenstände betrachtete. Normalismustheoretisch besehen erfolge die Konstruktion von „Krisen“ und „Katastrophen“ in einem Narrativ aus sechs kollektivsymbolisch kodierten Stadien, die als Elemente der Vermittlung fungierten. Die semantische Logik von „Krise“ beinhalte in ihrer spezifischen Kollektivsymbolik, dass die Möglichkeit zur Re-Normalisierung – Auswege und Möglichkeiten – stets vorhanden sei. In einer „Katastrophe“ dagegen, so Parr, sei die Möglichkeit zur Re-Normalisierung nicht mehr da, weswegen mit den Mitteln der Kollektivsymbolik eine Irreversibilität geschaffen werde. Die semantisch-funktionale Vernetzung von „Krisen“ und „Katastrophen“ in Spezial- und Interdiskursen, etwa durch Zusammenführung ihrer je eigenen lexikalischen Einheiten, führe schließlich zu Missdeutungen und Wirrungen.

Die Sprachwissenschaftler DAVID RÖMER und MARTIN WENGELER (beide Trier) präsentierten in ihrem Vortrag "'Wirtschaftskrisen' begründen/mit 'Wirtschaftskrisen' legitimieren. Ein diskurshistorischer Vergleich" Teil-Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt, in dessen Rahmen die Tagung stattfand. Die Textgrundlage für eine Topos-Analyse[7], die sie am Beispiel zweier Argumentationsmuster kurz vorstellten, bildete eine begründete Auswahl aus dem Krisen-Korpus (KriKo), das mehr als 10.000 Pressetexte aus BILD, FAZ, SPIEGEL und ZEIT über einen Zeitraum von 1973 bis 2009 umfasst. Anschließend zeigten Römer/Wengeler am Beispiel der „Öl“- und „Finanzkrise“, welcher Stellenwert und welche argumentative Funktion den einzelnen Topoi im Rahmen einer Topologie der Krisendiskurse von 1973 bis heute – die sie topologische Diskursformation nannten – zukomme und analysierten innerhalb dieses Schemas diachrone Regelmäßigkeiten und Wandlungen von Argumentationsmustern in den Diskursen zur „Ölkrise“ und zur „Finanzkrise“. Römer/Wengeler stellten fest, dass jene Krisen-Konstruktionen, die die wesentlichen Prämissen der Argumentationen in Krisenzeiten lieferten – etwa der Topos düstere Zukunft – iterativ-wiederkehrend seien. Ein Unterschied zwischen den beiden Krisendiskursen liege beispielsweise darin, dass in der „Ölkrise“ marktwirtschaftliche Maximen angeführt würden, deren Einhaltung zur Bewältigung der „Krise“ führten und nicht die oftmals als dirigistisch abgewerteten und damit semantisch in die Nähe zum negativ konnotierten Sozialismus/Kommunismus gerückten staatlichen Maßnahmen. In der „Finanzkrise“ dagegen gelte das in der „Ölkrise“ heilbringende Prinzip des „laissez faire“ als ursächlich, weil es, so die argumentative Logik, zu Maßlosigkeit, Gier und Vertrauensbrüchen führen würde. Abschließend warfen Römer/Wengeler die Frage auf, ob durch die „Finanzkrise“ tatsächlich ein Mentalitätswandel und Paradigmenwechsel stattgefunden habe von der neoklassischen Theorie und dem politischen Projekt des Neoliberalismus zurück zum in der „Ölkrise“ diskreditierten keynesianischen Denken und wirtschaftspolitischen Handeln.

Die vierte und letzte Sektion "Zur Konstruktion von Wirtschaftskrisen aus korpusanalytischer Perspektive" eröffneten die Sprachwissenschaftler/innen MICHAEL DROMMLER (Düsseldorf) und KRISTIN KUCK (Trier) mit einem Vortrag über "Krisenmetaphern am Beispiel der Debatten zur 'Agenda 2010' und zur 'Finanzkrise'". Ebenfalls auf der Grundlage des Krisen-Korpus (KriKo) verglichen sie metaphorische Konzeptualisierungen von „Krise“ in der sozialpolitisch geprägten Debatte um die Agenda 2010 mit Metaphern-Konzepten aus dem Diskurs zur „Banken“- und „Finanzkrise“ in den Jahren 2008/09. Dabei betrachteten sie dominante konzeptuelle Metaphern als strukturierte Wissensrahmen bzw. Wissenssegmente mit dem Ziel, eine grundlegende metaphorische Struktur von „Krise“ zu finden und die unterschiedlichen Ausprägungen dieses Konzeptes in den spezifischen Krisendiskursen erfassen und implizite Konstruktionen ermitteln zu können. Durch den Vergleich der in den Diskursen häufig verwendeten Metaphernbereiche, den sie exemplarisch darstellten an den drei Bereichen Krieg/Kampf, Gesundheit/Krankheit, Mechanik/Technik, hielten Drommler/Kuck als zentrales Element der metaphorischen Konzeptualisierung von „Krise“ jene Darstellung von Szenarien und Konstellationen fest, die fehlerhafte und nicht länger haltbare Zustände bzw. keine wünschenswerte Zukunft suggerieren würden. Die Krisendiskurse würden unterschiedliche Konzeptualisierungen zeigen, wenn in solchen Szenarien bestimmten Akteuren Rollen zugewiesen werden, die ihre Legitimation, Verantwortung und Handlungsfähigkeit voraussetzten oder behaupteten, wie beispielsweise in der Darstellung einer an der „Krise“ erkrankten Wirtschaft, in welcher der Staat als Arzt fungiere. Die „Finanzkrise“ sei darüber hinaus über Katastrophenmetaphern und unerwartete Ereignisse etabliert worden, während die „Sozialstaatskrise“ als ein schleichender Prozess verstanden worden sei, der erst entdeckt werden musste. Prototypisch für diesen Prozess sei das Bild des unterspülten Sozialstaatsgebäudes.

Den letzten Vortrag der Tagung hielten der Soziologe RONNY SCHOLZ (Trier) und der Sprachwissenschaftler ALEXANDER ZIEM (Düsseldorf). Sie stellten einen korpuslinguistischen Zugang vor, um Konstruktionen von wirtschafts- und sozialpolitischen „Krisen“ in der BRD erfassen zu können. Auch ihre Korpus-Analysen basierten auf dem bereits erwähnten Krisen-Korpus (KriKo), jedoch untersuchten Scholz/Ziem alle fünf im Korpus enthaltenen Krisendiskurse. Hierzu zählen die „Ölkrise“ 1973/74, die „parteipolitische Wende“ 1982, die „Arbeitsmarktkrise“ 1997, die Debatten um die „Agenda 2010“ im Jahre 2003 und die „Banken“- und „Finanzkrise“ 2008/09. Ausgehend von einer sogenannten Multifaktorenanalyse und einer Analyse des spezifischen Vokabulars in Bezug auf die einzelnen Untersuchungszeiträume stellten sie fest, dass sich die Sprache der Krisendiskurse 1982, 1997 und 2003 durch sozialpolitisches Vokabular auszeichne, wobei besonders die „Krisen“ 1997 und 2003 die größten Ähnlichkeiten aufweisen würden. Durch die weitere Untersuchung des Wortschatzes gelangten sie zu dem Schluss, dass es sich nicht um zwei verschiedene, sondern um Phasen ein und derselben „Krise“ handle. Die sprachlichen Realisationen sozialpolitischer Konzepte zeigten sie exemplarisch an der detaillierten Aufschlüsselung der Frames „Sozialstaat“ und „Sozialhilfe“ – beides dominante Schlüsselwörter der Diskurse von 1997 und 2003 – mit dem Ergebnis, dass in den 1990er-Jahren die Problemdarstellung überwiege, während man sich sechs Jahre später mit konkreten Reformvorhaben beschäftigt habe.

Im Rahmen der sehr abwechslungsreichen und interdisziplinären Tagung wurde insgesamt ein facettenreiches Bild von sozialen, wirtschaftlichen und politischen „Krisen“ gezeichnet. Die verschiedenen Betrachtungs- und Herangehensweisen – sei es die wirtschaftsgeschichtliche, die politik- und sozialwissenschaftliche, die Analyse von Kinofilmen und Fernsehdiskussionen, die diskurskritische und -historische Perspektive oder der quantitative Korpus-Zugang – wurden geeint durch das gemeinsame Erkenntnisinteresse, den Gegenstand „Krise“ in seiner sozialen Konstruktion zu erfassen. Es wurde deutlich, dass jeder einzelne „Krisen-Forscher“ durch seine „disziplinäre Brille“ in einzelnen Wissenssegmenten der Krisendiskurse überzeugende Ergebnisse erzielen kann; genauso wurde deutlich, dass es ebenso wichtig ist, über den Tellerrand zu blicken, um von den außerhalb des eigenen Radius liegenden Sichtweisen profitieren und so dem Sachverhalt „Krise“ in seinen vielfältigen Erscheinungsformen angemessener gerecht werden zu können. Es bleibt eine Aufgabe und Herausforderung, die verschiedenen Wissenschaftler/innen aus den unterschiedlichen Disziplinen auf eine fruchtbare Weise zusammenzubringen. Einen kleinen Teil dazu konnte die Veranstaltung beitragen im Sinne eines kulturwissenschaftlichen Gesprächs über „Krisen“.

Konferenzübersicht:

Werner Plumpe (Frankfurt am Main): Die Krise 1966/67 und das Ende des Wirtschaftswunders

Sektion I: Zur Konstruktion von Wirtschaftskrisen aus ökonomischer, sozial- und politikwissenschaftlicher Perspektive

Bob Jessop (Lancaster): Imagined recoveries, recovered imaginaries: construing crises and exit strategies in different phases of the Global Financial Crisis and the Eurozone Crisis

Karl-Heinz Brodbeck (Würzburg-Schweinfurt): Der Schein des Geldes als soziale und politische Wirklichkeit

Jens Maeße (Mainz): Ökonomischer Expertendiskurs

Jürgen Nordmann (Linz): Grenzen der Krisendebatte: Zum Verhältnis von Sach- und Grundsatzdiskussionen in den Printmedien und in der Sozialwissenschaft

Sektion II: Zur Konstruktion von Wirtschaftskrisen aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive

Anja Peltzer (Mannheim): The Good, the Bad and the Broker – Zur Inszenierung der Finanzkrise im Gegenwartskino

Emo Gotsbachner (Wien): Politisches Kapital aus der Eurokrise schlagen. Gesprächsanalyse von Deutungsrahmen in Fernsehdiskussionen

Sektion III: Zur Konstruktion von Wirtschaftskrisen aus diskurskritischer und diskurshistorischer Perspektive

Franz Januschek (Flensburg): Kritik der Krise, Kritik von Krise, Kritik und Krise, Kritik der Kritik

Rolf Parr (Duisburg-Essen): Krisen / Katastrophen. Normalismustheoretische Überlegungen zu einem semantischen Differenzial

David Römer / Martin Wengeler (Trier): „Wirtschaftskrisen“ begründen/mit „Wirtschaftskrisen“ legitimieren. Ein diskurshistorischer Vergleich

Sektion IV: Zur Konstruktion von Krisen aus korpusanalytischer Perspektive

Kristin Kuck / Michael Drommler (Trier/Düsseldorf ): Krisenmetaphern am Beispiel der Debatten zur „Agenda 2010“ und zur „Finanzkrise“

Melani Schroeter / Petra Storjohann (Reading/Mannheim): Quantitative Schlagwortsemantik. Strukturen der Präsenz und Absenz in der Semantik der Wirtschaftskrise in deutschen und britischen Zeitungstexten

Amelie Kutter (Lancaster): Krisenlektionen in der deutschen Finanzpresse: Zur Kombination von Korpus- und Diskursanalyse

Ronny Scholz / Alexander Ziem (Trier/Düsseldorf ): Konstruktionen von Krisen in der BRD: Korpuslinguistische Zugänge

Anmerkungen:
[1] Die Mitarbeiter/innen sind Kristin Kuck, David Römer und Ronny Scholz.
[2] Die Tagung wurde von der Fritz Thyssen Stiftung finanziert. Weitere Informationen über das Projekt, Forschungsaktivitäten und Veranstaltungen sind dem Internetauftritt des Projektes zu entnehmen: http://www.uni-trier.de/index.php?id=41375
[3] Martin Wengeler / Alexander Ziem, „Wirtschaftskrisen“ im Wandel der Zeit. Eine diskurslinguistische Pilotstudie zum Wandel von Argumentationsmustern und Metapherngebrauch, in: Achim Landwehr (Hrsg.), Diskursiver Wandel, Wiesbaden 2010, S. 335-354.
[4] Knut Borchardt, Wandlungen im Denken über wirtschaftliche Krisen, in: Georg Vobruba (Hrsg.), Krisen. Prozeß, Wahrnehmung und Vergleich, Leipzig 1993, S. 9 - 32.
[5] Vgl. zur Feldtheorie allgemein Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt am Main 1987; und zur Kapitaltheorie Pierre Bourdieu, Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: Reinhard Krekel (Hrsg.), »Soziale Ungleichheiten« (Soziale Welt Sonderband 2), Göttingen 1983, S. 183-198.
[6] Vgl. dazu vertiefend Jürgen Link, Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird, Göttingen 2006; Jürgen Link (u.a.), Grundlagen des Normalismus, 3 Bde, Heidelberg 2001-2003. Umfassende Literaturhinweise zu diesem Komplex finden sich in: Rolf Parr / Matthias Thiele, Link(s). Eine Bibliographie zu den Konzepten >Interdiskurs<, >Kollektivsymbolik< und >Normalismus< sowie einigen weiteren Fluchtlinien, Göttingen 2010.
[7] Martin Wengeler, Topos und Diskurs. Begründung einer argumentationsanalytischen Methode und ihre Anwendung auf den Migrationsdiskurs (1960-1985), Tübingen 2003.

Zitation
Tagungsbericht: Sprachliche Konstruktionen sozial- und wirtschaftspolitischer „Krisen“ in der Bundesrepublik von 1973 bis heute, 07.03.2012 – 09.03.2012 Trier, in: H-Soz-Kult, 10.05.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4222>.