Offene Arbeit als Raum protestantischer Bildung

Ort
Jena
Veranstalter
Landesgraduiertenkolleg „Protestantische Bildungstraditionen in Mitteldeutschland“; Institut für Bildung und Kultur
Datum
27.01.2012 - 28.01.2012
Von
Ralf Koerrenz / Katja Nicke / Anne Stiebritz, Friedrich-Schiller-Universität Jena

„Offene Arbeit als Raum protestantischer Bildung“ war Thema einer interdisziplinären Tagung vom 27. bis zum 28. Januar 2012, zu der das Landesgraduiertenkolleg „Protestantische Bildungstraditionen in Mitteldeutschland“ (LGK PBT) in Kooperation mit dem Institut für Bildung und Kultur (IBK) in den Senatssaal der Friedrich-Schiller-Universität Jena eingeladen hatte. Vor dem Hintergrund einer bisher vornehmlich politik- und geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Offenen Arbeit (OA) griff die Veranstaltung vorrangig pädagogische und theologische Fragestellungen auf, um die Deutungsperspektiven zu diesen speziellen Angeboten der Evangelischen Kirchen in der DDR zu erweitern.

Nach der Eröffnung durch Ralf Koerrenz, Leiter des Graduiertenkollegs, und einem Grußwort von Kirchenrat Frieder Aechtner, Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, entfaltete KLAUS FITSCHEN (Leipzig) mit seinen Überlegungen zur „Entwicklung der kirchlichen Jugendarbeit in der DDR als kirchenpolitisches und innerkirchliches Spannungsfeld“ einen kirchengeschichtlichen Einstieg zur Annäherung an den historischen Zusammenhang. Die OA sah er als Ergebnis einer Ausdifferenzierung der kirchlichen Jugendarbeit. Diese Öffnung der traditionellen gemeindlichen Jugendarbeit habe vor allem auch nicht kirchlich gebundenen Jugendlichen offen gestanden. Fitschens Überlegungen zu den Konflikten führten zu kontroversen Diskussionen, in denen bis heute ungeklärte Fragen und unaufgearbeitete Enttäuschungen von Akteur/innen der OA gegenüber den Evangelischen Kirchen in der DDR formuliert wurden.

ARIBERT ROTHE (Erfurt) widmete sich den „Sozialdiakonischen Traditionen und Offene Arbeit als Auftrag der evangelischen Kirche“. Rothe entfaltete eine Systematisierung für die sich entwickelnden neuen Formen der kirchlichen Jugendarbeit in der DDR. Als Hauptrichtungen unterschied er die offene gemeindebezogene Jugendarbeit, die sozialdiakonische Jugendarbeit und die Offene Arbeit. Rothes Systematisierungsvorschlag und seine Lesart, die OA als einen „Ast“ am „Baum“ der kirchlichen Jugendarbeit zu deuten, sorgten in der anschließenden Diskussionsrunde für kontroverse Redebeiträge. Zentral war dabei die Frage, ob die OA überhaupt als Form kirchlicher Jugendarbeit zu verstehen oder nicht treffender als Opposition zu beschreiben sei.

HEINO FALCKE (Erfurt) skizzierte auf dem Hintergrund des eigenen kirchlichen Engagements für die OA als Propst in Erfurt systematisch-theologische Horizonte unter dem Leitmotiv „Mündige Kirche. Die Offene Arbeit im Horizont der Theologie Dietrich Bonhoeffers“. Trotz aller Differenzen gebe es zwischen der OA und der Theologie Bonhoeffers bis in den Kern reichende Gemeinsamkeiten. Die Theologie Bonhoeffers habe für die OA eine Inspiration dargestellt, hier besonders die Formel „Kirche für andere“, die als eine leitende Idee gegolten habe. Die positive Sicht auf eine religionslose, aber mündige Welt habe den Kirchen zu DDR-Zeiten geholfen, die Gesellschaft als Auftragsfeld und Dienstchance anzunehmen. Falcke verwies darauf, dass die Formel „Kirche für andere“ sich in der DDR vor allem auf Menschen marxistisch-atheistischer Prägung bezogen habe. Nun standen bei der Entwicklung der OA aber auch Menschen vor den Türen der Kirchen, die noch ganz anders waren. Dies führte dazu, dass der Begriff der Andersheit überdacht und weiter gefasst werden musste. Einen weiteren Bezug der OA auf Bonhoeffer identifizierte Falcke in dessen Friedenstheologie und Friedensethik; sein pazifistisches Engagement stellte für die Gruppen der OA eine inspirierende Kraft dar. Insbesondere zwischen den Gedanken Bonhoeffers zur Trias „Freiheit, Verantwortung und Mündigkeit“ und Bildungszielen und Idealen der OA sah Falcke Gemeinsamkeiten und zeigte so verschiedene Möglichkeiten einer theologischen Lesart der OA auf.

SUSANNE MAURER (Marburg) stellte ihre Überlegungen unter den Aspekt „(Selbst-)Bildung im Kontext Sozialer Bewegung: Das Beispiel der Offenen Arbeit“. In ihren Ausführungen rückte sie den Bildungsbegriff in den Mittelpunkt und schlug eine Reformulierung vor, mit der sie den Begriff „Bildung“ in einen weiten Verständnishorizont stellte. Ihre These: Bildungsprozesse können von Konfliktsituationen oder Grenzerfahrungen initiiert werden, indem sie Menschen zum Suchen, Denken, Reflektieren und Infrage-Stellen motivieren. Bildung werde dann erfahren und gelebt als eine Bewegung, die Kritik übt und aufbegehrt gegen vorherrschende Einschränkungen. Mit ihrem Vortrag eröffnete Maurer Zugänge für eine sozialpädagogische und bildungstheoretische Lesart der OA und verdeutlichte Herausforderungen und Chancen einer qualitativ-empirischen Erforschung des Phänomens OA.

ANNE STIEBRITZ (Jena) rundete die Tagung mit der Entfaltung forschungstheoretischer „Perspektiven der Erforschung von Offener Arbeit“ ab. Zunächst stellte sie verschiedene Forschungsperspektiven auf das Phänomen OA vor – die politikwissenschaftliche, kulturwissenschaftliche, historische, soziologische und theologische –, um dann Überlegungen zu einer pädagogischen Perspektive auf die OA zusammenzutragen und zu systematisieren. Hierbei führte sie exemplarisch Zugänge über pädagogische Fachlogiken aus (historisch-bildungstheoretisch, didaktisch-methodisch, sozialpädagogisch). Als Herausforderung beschrieb sie das Spannungsverhältnis in Bezug auf den Forschungsgegenstand: Einerseits sei eine Abgrenzung und Konturierung der OA gegenüber anderen Formen von Jugendarbeit notwendig, andererseits dürfe nicht durch die Festschreibung bestimmter Merkmale die programmatische Offenheit der OA verloren gehen. Im Ausblick zeigte sie mögliche Anschlüsse ihrer Forschungen an aktuelle Debatten um eine kritische Soziale Arbeit und um politische Bildung auf.

Abschließend setzte sich RALF KOERRENZ noch einmal mit der Frage, mit welcher Methodik und mit welchem Ziel Forschungen zur OA betrieben werden können, auseinander. Im Fokus standen Überlegungen zur Hermeneutik als Forschungsmethode und als spezifische Form wissenschaftlichen Erkenntnisstrebens, in der man sich Themen jeweils nur annähern, Fakten aber nie endgültig festgestellt werden könnten. Ein hermeneutischer Zugang verlange eine spezifische Form des Respekts gegenüber dem Forschungsgegenstand, der eine Reflexion des eigenen Standpunkts sowie die Akzeptanz einer Unabschließbarkeit in der Beschreibung von Wirklichkeit einschließe. Der „Nutzen“ einer Beschäftigung mit der OA liege zum einen im Setzen einer Gedächtnisspur für die Pädagogik und die Kirche. Zum anderen bestehe für die OA auch heute die Notwendigkeit einer Profilierung, beispielsweise um die eigene Arbeit zu legitimieren. Hierfür können wissenschaftliche Forschungen sowohl Argumente als auch Deutungs- und Reflexionsangebote bereitstellen.

Zwischen den verschiedenen Themenblocks wurden filmische Szenen aus der OA gezeigt, die von THOMAS GRUND zusammengestellt und kommentiert wurden. Er war zu DDR-Zeiten ehrenamtlich aktiv in der OA Jena. Mittels dieser Filmausschnitte erhielten die Tagungsteilnehmer/innen authentische Einblicke in die von den damaligen Jugendlichen und jungen Erwachsenen organisierten Konzerte, Diskussionsrunden, Theaterstücke und Rüstzeiten in der JG-Stadtmitte Jena in den 1970er und 1980er Jahren.

Zu den außergewöhnlichen Tagungselementen zählte auch eine Lesung aus Interviews zu OA durch zwei Zeitzeugen. Der ehemalige Jugenddiakon in der OA Gera WOLFGANG THALMANN las aus Interviews, die Anne Stiebritz mit Uwe Koch (ehemals Pfarrer in der OA Jena und Rudolstadt), Thomas Auerbach (ehemals Jugenddiakon in der OA Jena) und Arnd Morgenroth (ehemals Pfarrer in der OA Saalfeld) 2007 und 2008 geführt hatte. UWE KOCH wiederum las aus den Interviews mit Wolfgang Thalmann und Walter Schilling (ehemals Pfarrer in der OA Rudolstadt).[1]

Die Tagung hat eine erste Schneise für eine pädagogische und theologische Deutung der OA geschlagen. Das Theorie-Praxis-Problem sowie spezielle Aspekte wie die theoretische Aufarbeitung der verschiedenen Profile der OA, das Verhältnis von Kirche und OA oder auch die besondere Rolle von Frauen in diesem Kontext zeichneten sich als weitere Forschungsaufgaben ab. Für die Geschichte sowohl der (Sozial-)Pädagogik als auch für die Kirche und deren Angebote im Bereich der Jugendarbeit stellt die OA mit ihren Eigenheiten einen weiterhin noch wenig erforschten Zusammenhang dar. Die Auseinandersetzung mit „Offene(r) Arbeit als Raum protestantischer Bildung“ hat hierzu erste Impulse geliefert.

Konferenzübersicht:

Ralf Koerrenz (Jena): Eröffnung der Tagung

Kirchenrat Frieder Aechtner (Erfurt): Grußwort der EKM

Klaus Fitschen (Leipzig): Die Entwicklung der kirchlichen Jugendarbeit in der DDR als kirchenpolitisches und innerkirchliches Spannungsfeld

Thomas „Kaktus“ Grund (Jena): Szenen Offener Arbeit I

Aribert Rothe (Erfurt): Sozialdiakonische Traditionen und Offene Arbeit als Auftrag der evangelischen Kirchen

Heino Falcke (Erfurt): Mündige Kirchen. Die Offene Arbeit im Horizont der Theologie Dietrich Bonhoeffers

Susanne Maurer (Marburg): (Selbst-)Bildung im Kontext Sozialer Bewegung: Das Beispiel der Offenen Arbeit

Wolfgang Thalmann (Krölpa): Lesung I

Thomas „Kaktus“ Grund (Jena): Szenen Offener Arbeit II

Uwe Koch (Magdeburg): Lesung II

Thomas „Kaktus“ Grund (Jena): Szenen Offener Arbeit III

Anne Stiebritz M.A. (Jena): Perspektiven der Erforschung von Offener Arbeit

Anmerkung:
[1] Vgl. Anne Stiebritz (Hrsg.), Gespräche zur Offenen Arbeit. Uwe Koch – Walter Schilling – Arnd Morgenroth – Wolfgang Thalmann – Thomas Auerbach, Jena 2010.

Zitation
Tagungsbericht: Offene Arbeit als Raum protestantischer Bildung, 27.01.2012 – 28.01.2012 Jena, in: H-Soz-Kult, 15.05.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4227>.