Kreuzzüge des Mittelalters und der Neuzeit: Realhistorie - Geschichtskultur – Didaktik

Ort
Hildesheim
Veranstalter
Felix Hinz, Institut für Geschichte der Stiftung Universität Hildesheim
Datum
16.12.2011 - 17.12.2011
Von
Aldin Jazvin, Universität Hildesheim

Am 16. und 17. Dezember 2011 fand unter der Leitung von Felix Hinz des Instituts für Geschichte der Universität Hildesheim in der Tagungsstätte Michaeliskloster Hildesheim die internationale Tagung „Kreuzzüge des Mittelalters und der Neuzeit: Realhistorie - Geschichtskultur – Didaktik“ statt. Das Thema der Tagung wurde in der Süddeutschen Zeitung wie folgt beschrieben: „Die Kreuzzüge sind ein Kristallisationspunkt mentaler Bilder, an denen bis heute kollektive Emotionen entzünden und die darum auch erneut wirksam werden können.“[1] Die internationale Tagung hatte sich die Untersuchung dieser Nutzbarmachung des Konzepts und der Idee der mittelalterlichen Kreuzzüge zum Ziel gesetzt. Aus verschiedenen Blickwinkeln wurde die Wirkung des „Kreuzzugsgedanken“ über das Mittelalter hinaus geprüft und die Frage gestellt, inwiefern die Kriege der Neuzeit Kreuzzugselemente beinhalten. Hierbei wurden fachwissenschaftliche Ergebnisse diskutiert und Fragen zum didaktischen Umgang mit dem Thema „Kreuzzüge“ im Schulgeschichtsunterricht erörtert.

Im ersten Teil der internationalen Konferenz wurde diskutiert, inwieweit eine neuzeitliche Säkularisierung der Kreuzzugsidee innerhalb des Westens aufgezeigt werden kann, bzw. in welchem Bedeutungsrahmen die Begriffe "crusade" und "Kreuzzug" gegenwärtig Verwendung finden und welche Definitionen sich daraus ableiten lassen. Hierbei wurden die Gemeinsamkeiten der Kreuzzüge betrachtet, also die polymorphe „Kreuzzugsidee“ in Relation zu ihrer zeitlichen Deutung, um so den „Kreuzzugsgedanken“ tiefer zu erfassen.

Der zweite Teil der Tagung bot Bestandsaufnahmen geschichtskultureller und unterrichtsdidaktischer Auseinandersetzungen mit dem Thema „Kreuzzüge“. Diese wurden miteinander verglichen und mit den Ergebnissen des 'realgeschichtlichen' Parts zusammengeführt, um so geschichtsdidaktische Konsequenzen ziehen zu können.

Der erste, mit „Realhistorie“ betitelte Teil der Konferenz begann mit dem Versuch einer Typologie und einer zeitlichen und definitorischen Einordnung der Kreuzzüge. Auf den ersten Kreuzzug zurückgreifend versuchte FELIX HINZ (Hildesheim), die Charakteristika eines mittelalterlichen Kreuzzugs auszumachen, um die Frage zu beantworten, ob noch heute von Kreuzzügen gesprochen werden könne. Einig wurden sich die Konferenzteilnehmer/innen in der anschließenden Diskussion darüber, dass zwar einige Elemente der mittelalterlichen Kreuzzüge auch in der Neuzeit fortwirken, die neuzeitlichen „Kreuzzüge“ aber deutlich von ihren religiösen Motiven abgelöst und von säkularen Ideen getragen würden.

ANDREAS RÜTHER (Bochum) erläuterte in seiner historiographischen Einordnung, dass die Geschichtsschreibung zu den hochmittelalterlichen Kreuzzügen in eine französische, englische und deutsche Geschichtsschreibung gegliedert werden könne. JONATHAN PHILLIPS (London) transferierte den Kreuzzugsgedanken, im Gegensatz zu der traditionellen Auffassung, auf die „innerchristlichen Auseinandersetzungen“, wie zum Beispiel auf die Ketzerverfolgungen. Hingegen wird traditionell die Meinung vertreten, dass die Kreuzzüge im engeren Sinne geographisch auf den Vorderen Orient und zeitlich auf die Ereignisse zwischen dem ersten Aufruf durch Papst Urban II. im Jahr 1095 und der Vertreibung der Kreuzritter aus dem Heiligen Land mit dem Fall Akkons 1291 eingegrenzt werden können. Weiterhin nahm Phillips in seinem Vortrag mit der Person Saladins einen konkreten Protagonisten des dritten Kreuzzugs in den Blickpunkt. Demnach sei Saladins größtes Talent seine diplomatische Fähigkeit gewesen, durch die es ihm im 13. Jahrhundert gelang, die muslimischen Völker des heutigen Nahen Ostens zu vereinen. Saladins Popularität auf arabisch-muslimischer wie auch europäisch-christlicher Seite lasse sich dadurch erklären, dass Saladins Bild als „Held des Islam“ durch zahlreiche Schreiber propagiert worden sei und dieses Bild auch das Europa erreichte, welches im 13. Jahrhundert vom aufblühenden Rittertum geprägt war. Es seien ritterliche Wesenszüge wie Tapferkeit, Kultiviertheit und Großzügigkeit gewesen, die Saladin auszeichneten. MAZHAR AHMAD AL-ZOBY (Qatar) referierte über den von den U.S.A verkündeten „Kreuzzug für Demokratie“ als eine ersatzreligiös-missionarische Geste. Die U.S.A würden für eine wesensmäßig gedeutete Moderne kämpfen und gegen einen als unmodern konstruierten Islam. Das Jahr 1991 bedeutete für die USA einen bedeutenden Triumph, realisiert im Sieg gegen Saddam Hussein im zweiten Golfkrieg sowie in der Auflösung der UdSSR und dem Ende des Kalten Krieges – Ereignisse, die die USA wie einen Weltretter erscheinen ließen. Der Kampf gegen die Sowjetunion sei von einer ökonomisch-politischen Ideologie getragen worden, wohingegen der Kampf gegen den Islam seit 1991 von einem neuen politischen Diskurs geprägt worden sei, der ein differentes Verständnis von Kultur propagierte. Der Islam sei darin nicht nur als vormodern, sondern gar als anti-modern verstanden worden. Dies ermöglichte einen kulturellen Diskurs, der über Umwege auch die Religion als Teil der Kultur mit einbeziehe. In diesem Sinne könnten die amerikanischen militärischen Unternehmungen in der islamischen Welt als „kulturelle Kreuzzüge“ verstanden werden, so Al-Zoby. Auch in MICHAEL BROERS’ (Oxford) Vortrag spielte das Kulturkonzept eine wichtige Rolle. Die napoleonischen Kampagnen seien von einer ideologisch motivierten Art einer Kreuzzugsidee getragen worden, weil sie im Zeichen eines kulturellen Imperialismus zur Befreiung der eroberten Territorien standen und die eroberten Gebiete nach dem französischen Vorbild umgestaltet werden sollten.

Im zweiten Teil der Konferenz, „Reflections and Teaching“, befassten sich die Teilneh-mer/innen mit den Kreuzzügen in der populären Geschichtskultur sowie mit ihrer Rolle im heutigen Geschichtsunterricht. Denn die unterschiedliche „Lesart“ des „Kreuzzugsgedanken“ zeigt sich auch im Film und in den Schulbüchern im internationalen Vergleich. So wurde zum Beispiel von PETER MÜLLER (Hildesheim) die Darstellung des „Kreuzzugsgedankens“ im europäischen und US-amerikanischen Film dargelegt. In diesem Kontext wurde von TAEF EL-AZHARI (Qatar) die Wirkung von Kreuzzügen in arabischen Medien und Kultur beschrieben. Er betonte, dass die „Kreuzzugsmetapher“ nach wie vor im arabischen Alltag omnipräsent ist. So werden die historischen Ereignisse in den arabischen Schulbüchern meistens als präimperialistisch und präkolonialistisch gedeutet. Hierbei werde mit der Person Saladin, der Jerusalem von den Kreuzrittern zurückeroberte, ein Heldenmythos aufgebaut. Auf diese Weise fungiert Saladin oftmals als eine Identifikationsfigur im arabischen Raum.

BJÖRN ONKEN (Kassel) referierte über seine unterrichtsbezogenen Erfahrungen.Er betonte, dass die Rolle des Themas „Kreuzzüge“ im Fach Geschichte immer weniger Platz einnimmt. Dies sei eventuell damit zu erklären, dass der Unterricht noch immer chronologisch erfolge, so dass sich die Schüler/innen in einem sehr jungen Alter mit der komplexen Thematik der Kreuzzüge beschäftigen müssen. Häufig sei dies die einzige Behandlung des Nahen Ostens und der muslimischen Kultur(en) vor der Beschäftigung mit dem Nah-Ost-Konflikt in der Oberstufe, wenn für diesen überhaupt noch Zeit bleibe. Dabei böten die Kreuzzüge sehr gute Möglichkeiten, auch den (friedlichen) Kulturkontakt und -austausch von Christentum und Islam sowie von „Europa“ und dem „Orient“ zu thematisieren – beispielsweise anhand des Kreuzzugs des deutschen Kaisers Friedrich II., der üblicherweise nicht zu den behandelten Kreuzzügen gehöre. Das didaktische Potential des Themas „Kreuzzüge“ wurde von SVEN TODE (Hamburg) vorgestellt. Er stellte dar, dass der Überfüllung des Curriculums einerseits und der vernachlässigten Thematik der Kreuzzüge andererseits durch eine Kategorisierung des Lehrplans entgegen gewirkt werden könne. Statt eines chronologischen Aufbaus sei ein diachroner Zugang zu empfehlen, gegliedert von Gesetzmäßigkeiten, die sich im Laufe des Geschichtsunterrichts eines Schülers wiederholten („Spiralcurriculum“). Die anschließende Diskussion zeigte, dass eine solche Neustrukturierung durchaus als sinnvoll angesehen, aber ihre Realisierung jedoch für fragwürdig gehalten wurde.

MICHELE BARRICELLI (Hannover) berichtete über die Darstellung der Kreuzzüge in Schulbüchern im internationalen Vergleich. Hierbei wurde geprüft, worauf die typischen Kreuzzugsnarrative im Schulbuch gründen und wie sie auf die gegenwärtigen (politischen, sozialen, kulturellen) Erzählreferenzen Bezug nähmen. Denn die Darstellungen seien abhängig von den unterschiedlichen eigenkulturellen Rahmungen bzw. den in der betrachteten Gesellschaft jeweils vorherrschenden Diskursen zum Beispiel zu Religion, Kulturkonflikt, Gewalt, europäischer Identität und Diversität. Abschließend präsentierte FELIX HINZ (Hildesheim) einen Einblick in seine Analyse von deutschsprachigen historischen Romanen zum Thema „Kreuzzüge“. Die von Sir Walter Scott in den 1820er-Jahren begründete Gattung spiegele Ideale und Vorstellungen des 19. Jahrhunderts wider und lasse dabei bewusst fiktive Elemente einfließen. Auch heute noch spiele das Thema „Kreuzzüge“ eine Rolle unter den Jugendromanen, doch habe sich die Perspektive gedreht. Anstelle des tapferen, heroischen Kreuzritters sei ein nachdenklicher, auch zweifelnder Protagonist getreten, der seine Mission im Heiligen Land durchaus auch hinterfrage. Dieser Wandel von einer nationalistischen und glorifizierenden Darstellung der Kreuzzüge und ihrer Akteure vom 19. Jahrhundert zu den derzeitigen in Literatur, Wissenschaft und Schule vorherrschenden Narrativen könne auch als Indiz dafür genommen werden, dass die „Kreuzzüge“ im heutigen Geschichtsunterricht durchaus nicht nur Kenntnisse über Ritterorden und das Verhältnis von Christentum und Islam vermitteln können. Dieser Wandel zeige aber auch die Flexibilität des Konzepts „Kreuzzüge“, das für politische und propagandistische Zwecke immer wieder instru-mentalisiert werde, da der Begriff „Kreuzzüge“ noch Jahrhunderte nach den eigentlichen historischen Ereignissen einen weitreichenden Sinngehalt besitzt, der politisches Denken und Handeln – bis heute- beeinflusst.

Für die interessierten Zuhörer der Tagung wurden verschiedene Facetten der aktuellen Forschung über die „Kreuzzüge“ aufgezeigt sowie die konträren Auffassungen in der Geschichtsforschung hinsichtlich eines Transfers von Merkmalen der mittelalterlichen Kreuzzüge auf die historischen Ereignisse der „Neuzeit“. An dieser Stelle ist der, aus meiner Sicht, gelungene Versuch einer allgemeinen „Kreuzzugstypologie“ von Felix Hinz zu erwähnen. In positiver Erinnerung bleibt die Tagung deshalb, weil vermutlich erstmalig ein Team von internationalen Wissenschaftlern darüber diskutierte, ob bzw. inwiefern der „Kreuzzugsgedanke“ sich in den historischen Ereignissen der „Neuzeit“ bis heute widerspiegelt. Weiterhin überzeugte die Tagung durch die dargebotene Multiperspektivität, um das „Wesen der Kreuzzüge“ möglichst umfassend auf verschiedenen Ebenen wie zum Beispiel Film, Literatur etc. darzulegen.

Konferenzübersicht:

I. Realhistorie und Geschichtskultur

Felix Hinz (Hildesheim): Einführung zum Kreuzzungsbegriff

Andreas Rüther (Bochum): Die mittelalterlichen Kreuzzüge in der westlichen Geschichtsschreibung seit Runciman

Jonathan Phillips (London): Saladin: Life and Legend - From the Medieval Age to the 21st Century

Horst Pietschmann (Hamburg): Die spanische Conquista - Züge in Amerika als Kreuzzüge?

Mazhar Ahmad Al-Zoby (Qatar): US-American Wars in the Islamic World - Crusades?

II. Geschichtskultur und Didaktik

Michael Broers (Oxford): The Napoleonic Campaigns - Crusades in the Name of Liberty, Equality, and Fraternity?

Björn Onken (Kassel): Praxisbericht aus der Schule zum Thema „Kreuzzüge“

Michele Barricelli (Hannover): Die Kreuzzüge in Schulbüchern - ein internationaler Vergleich

Sven Tode (Hamburg): Didaktische Transfermöglichkeiten beim Thema „Kreuzzüge“

Felix Hinz (Hildesheim): Die Kreuzzüge im Roman: von der Aufklärung bis heute

Peter Müller (Hildesheim): Die Kreuzzüge im US-amerikanischen und europäischen Spielfilm

Taef el-Azhari (Qatar): The Crusades in Arab Culture and Media. Shaping Future Generations

Andreas Körber (Hamburg): Kreuzzüge - ein ergiebiges Thema für interkulturelles Lernen?

Anmerkung:
[1] „Ein bisschen Ritter sind sie doch alle“, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 294, , 21.12.2011, S. 14.

Zitation
Tagungsbericht: Kreuzzüge des Mittelalters und der Neuzeit: Realhistorie - Geschichtskultur – Didaktik, 16.12.2011 – 17.12.2011 Hildesheim, in: H-Soz-Kult, 26.05.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4242>.